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29. August 04
Musikindustrie endeckt neue Kartellmöglichkeiten
Die japanische Zeitung Asahi Shimbun meldet, freundlicherweise auch in englischer Sprache, dass die dortige Kartellbehörde FTC (Fair Trade Commission) die Büros der fünf grossen Musikfirmen im Lande plus weiterer fünf Companies umgräbt.
Warum? Weil den Wettbewerbshütern aufgefallen ist, dass Download-Klingeltöne für Mobiltelefone zwar ein explodierender Markt sind und etwa 100 Firmen den japanischen Musikklingel-Mobiltelefonierer beliefern, dennoch aber 70 Prozent (oder fast 9 Millionen monatlicher Downloads) des mittlerweile blühenden Markts auf die Firma Label Mobile entfallen.
Getreu der Maxime, dass etwas, das wie ein Fisch riecht, schmeckt und aussieht, wohl auch ein solcher sei, durchforstet die FTC nun zahlreiche musikindustrielle Büros nach Beweisen für eine unerlaubte Kartellbildung. Unerlaubt nicht zuletzt deswegen, weil sie praktisch immer zu überhöhten Endkonsumentenpreisen führt. Ja, geben die Konzerne auf Anfrage zu, man werde gerade durchgefilzt, durchaus wegen Kartellvorwurfes, nein, ausgefressen haben man nichts.
Pikanter wird die Sache noch durch eine über den ganzen Globus verbreitete Eigenschaft des Urheberrechts: Klingeltöne, die bekannte Pophits mehr oder weniger gelungen nach-dudeln, bringen zwar den Komponisten Lizenzgebühren ein, nicht aber den Musikkonzernen. Nur wenn es sich um echte Ausschnitte der Originalsongs handelt, greifen die (Knebel-)Verträge der Industrie und der Löwenanteil des klingelnden Ton-Umsatzes landet in den Geldspeichern von Sony, EMI und Co. Und dafür lohnt sich doch wohl der mühsame Aufbau eines Kartells, oder?
Alternativ könnte man auch das Urheberrecht ändern, oder eben auflösen, so dass den Rechtenutzern (den Firmen) pauschal mehr Recht und damit mehr Profit zusteht als den eigentlichen Schöpfern der kulturellen Leistung. Von den Verbrauchern gar nicht mal zu sprechen, die könnte man in einem Aufwasch dann umsatzförderlich entrechten. "Dieses Mobiltelefon zerstört sich selbst in Fünf-Vier-Drei-Zwei-Eins-Null."
[fe]
August 29, 2004 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack
Endlich sicher vor Viren!
Jetzt ist es da, das Microsoft Windows XP Service Pack 2. Wurde auch langsam Zeit, jetzt, wo der XP-Nachfolger Longhorn (Inoffizieller Kosename: "Shorthorn") offiziell auf 2006 verschoben ist und selbst dann ohne das als zentrale Innovation angepriesene neue File-System erscheint.
Langerwartete Eigenschaft des Service Pack 2 ist das Windows Security Center, das endlich Schluss machen soll mit den ewigen Hackerangriffen, den Phatbots und Spam-Trojanern, die im Trüben nach unverschlüsselten Kreditkartennummern und Bankkontodaten phischen. Ebenso wie das vorab gefeierte NX-Flag, das auf Computern mit 64-Bit-CPU (also mit Athlon 64 Chips) das Ausführen von bösartigem Code schon hardwareseitig unmöglich macht.
Ja! Endlich Sicherheit, endlich aufatmen, endlich keine anstrengende Suche nach Alternativen mehr. Sollen doch die ungewaschenen Programmier-Freaks am ansonsten luft-, wasser-, und virendichten Linux herumschrauben und lifestyle-verseuchte, manisch kreative Rollkragenpullovertypen ihre zugegebenermassen nicht mal teuren Hi-Tech-Power-Books auf- und zuklappen: für normale Menschen gibt es wieder ein handfestes Windows, mit eingebauter doppelter Sicherheit.
Wenn da nicht diese kranken Computerzeitschriften-Redakteurshirne wären, die nichts besseres zu tun haben scheinen als am wiedergefundenen Paradies herumzumäkeln. NX-Flag? Das manche Programme am Arbeiten hindert? Wie? Dem Computer fällt nach Installation des SP 2 nichts dümmeres ein als wieder und wieder neu zu booten? Aber dafür gibts doch Hilfe! Bei Microsoft, in der eigens dafür eigerichteten Knowledge Base ist zu lesen: "To work around this problem, disable the Mpegport.sys driver in Device Manager by using Safe Mode." Ja, dass wir da nicht gleich selber draufgekommen sind! Einfach abschalten, den überflüssigen Sicherheitsmist, dann läuft der Laden wieder. Haben wir schon immer so gemacht.
Schliesslich gibts ja noch das Security Center, das lautstark warnt, wenn Virenscanner, Firewall, Sicherheitskontrollen nicht am Start sind. Ausser, das Center wird durch einen schnell zusammen-geskripteten Trojaner ins Aus gekickt. Erwähnte Redakteurshirne fanden "...it's almost like Microsoft has given attackers the path, door and keys", weil Windows XP alles mitbringt, was Hacker brauchen, um die On-Board-Security des Betriebssystems schlafen zu legen. War's also wieder nichts mit der Sicherheit. Doppelmist, ich hab mich heut schon gewaschen. Ok, mein nächster Rechner wird ein Mac.
August 29, 2004 in Betriebssystem-Wahnsinn | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack
25. August 04
Die bösen, bösen Wölfe...
Es war einmal eine kleine feine Firma in der digitalen Welt, die sich ganz allein gegen die Mächtigen durchschlagen mußte. Da kam sie auf eine hervorragende Idee und brachte ein Produkt heraus, auf das alle ganz scharf waren. Flugs war die Firma Marktführer und sonnte sich im kommerziellen Erfolg. Der aber sollte nicht lange halten, denn der böseste alte Wolf des Marktes kopierte flugs das Erfolgsprodukt, und ehe es sich der Aufsteiger versah, saß er wieder im Markteckchen .... Und, nein, es geht nicht um das vermutete Schicksal von Apple und iPod. Sondern darum, wie einst eine Firma namens Netscape ihren Erfolg verspielte. Zu dumm, daß Apple davon offenbar nicht lernen will.
Natürlich ist derzeit nichts schicker als einer der auch von gewalttätigen Jugendgangs heiß begehrten MP3-Player, aber wird das so bleiben? Daß Apple es geschafft hat, der ansonsten reichlich drögen Computergestaltung ein paar Design-Spitzen aufzusetzen, dürfte auf Dauer nicht langen. Schöner, billiger, besser - die ersten Konkurrenzprodukte sind schon da.
Und was macht Apple? Man hält sich an der alten Wagenburgmentalität fest, die schon gegen die Indianer von Bill Gates nicht geholfen hat. "Nein, ich zeig mein DRM nicht her", schreien die Apfelverkäufer wie keusche Jungfrauen und setzen darauf, daß man ohne neue Kooperationen noch eine Weile lang weiter alleine Geld scheffeln kann. Wie die Großen der digitalen Welt, gegen die sich Apple einst als Rebell verkaufte, geht man heute ohne Rechtsanwalt gar nicht aus der Tür und teilt kräftig aus - gegen Konkurrenten wie Real, aber auch gegen Freeware-Frickler, die die iTunes-Käufer von der Bindung an eine bestimmte Hardware befreien wollen.
Ob der offenbar genetisch bedingte Hang zum Proprietären Apple diesmal hilfreich sein wird, ist schwer zu bezweifeln. Kurzfristig kann die Firma mit den hüsch gestylten Kisten zwar derzeit Erfolge verbuchen, aber wer erst einmal wirklich mit seinem Rechner ernsthaft arbeiten muß, stellt bald fest, daß es eben deutlich weniger Mac- als Windows-Programme gibt. Und so dürfte Aschenputtel bald wieder in der nicht ganz so hellen Ecke der Küche sitzen, da verwette ich Kürbis und Karrosse drauf...
August 25, 2004 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack
19. August 04
Impro mit "Limux": Betriebssystemtheater live
Wir berichten live von der Improvisationstheaterbühne, die ihre neue Show "Impro mit Limux" rund um das Münchner Betriebssystem-Chaos bringt.
Auf der Bühne sehen wir die Schauspieler: Den armen Willi, der den IT-Leiter der Stadt darstellt; die farbenfrohe rosa Liste der Grünen, vertreten durch Jens M., der auch schon mal schwarz sehen kann (wem wird es da nicht zu bunt?); die CSU-Fraktion, gespielt von einer ganzen Gruppe Kleinwüchsiger, in der stetig die Geldbündel herumgereicht werden (diesen Akt des Schauspiels hat man "Hohlmeierei" genannt); den alten Onkel Gartner aus den USA, der durch stetiges Genörgle negativ auffällt; und Bürgermeister U., der immer ein Machtwort spricht, wenn sich die anderen zerstreiten.
Und los geht das Spiel: Wir können Willi sehen, der mächtig stolz ist auf sein Pinguin-Projekt. Das hat er supergut geplant, wirklich! Er erzählt davon, endlich nicht mehr abhängig zu sein vom großen Kleinweich. Und wie es so im Improvisationstheater ist, kommen die ersten Zwischenrufe. Doch er spielt sie gekonnt aus: Ja, 14.000 PCs sollen auch auf dem Desktop umgestellt werden, SuSE und IBM liefern mehr als nur die Dienstleistung, Fachanwendungen und sogar vielgenutzte Word-Makros werden zum Kostensparen auf Webservices umgestellt! Und Willi ist mächtig stolz, auch mit den französischen Freunden geredet zu haben, die alles noch ein bisschen größer ausbauen wollen. Gut gemacht, Willi!
Doch dann kommt Jens ins Spiel. Er, der erst Will immer dazu gedrängelt hat, Linux zu installieren, ein "offenes System für eine offene Stadt", kann es nicht verwinden, dass der Willi ihm den ganzen Applaus stiehlt für das Projekt, das er selbst immer gepusht hat. Armer Jens! Der rosa Grüne stampft beleidigt mit dem Fuß auf die Bühne, damit es auch jeder Zuschauer mitbekommt. Er hat was gehört von so einer OpenSource-Gruppe, die hat was erzählt von Patenten. Endlich hat Jens Aufmerksamkeit. Lauthals klagt er über europäische Software-Patente. Und damit er nicht "sein" Projekt zu Fall bringt, sagt er noch dazu, dass er es ja doch will, nur juristisch absichern will. Aber nein, die Aufmerksamkeit, die er sich vom Publikum erwünscht, bekommt er trotzdem nicht.
Die CSU-Fraktion bemerkt ihre Chance und meldet sich zu Wort, bevor das Publikum in das Schauspiel eingreifen kann. Und weil alle bemerkt haben, dass die Kleinwüchsigen immer wieder nette Geldscheinchen zücken, um im Spiel mitmachen zu können, müssen sie nun von den Hohlmeiereien ablenken. Sie tuscheln jedem, der es nicht hören will, etwas zu von "Total Cost of Ownership" zu, und dass es ohne die milden Gaben von Suse und IBM nicht so billig gewesen wäre. Das hört auch Onkel Gartner.
Der amerikanische Onkel ist bekannt dafür, immer wieder den mahnenden Zeigefinger zu heben - so sind sie nun mal, die angesehenen Alten in der Branche. Die Teilinformationen, die er aufgeschnappt hat, gibt er gleich als große Lektion über TCO-Probleme ans Publikum weiter. Willi und seine Spielkameraden (man nennt sie in diesem Schauspiel auch "Abteilungsleiter") wurden nicht gefragt. Das ist oft so bei Onkel Gartner. Auch der große Kleinweich musste sich schon öfter seine Lektionen anhören, ohne dass der Onkel rückgefragt hätte. Diesmal darf "Der Kleinweich" aber nicht mitspielen - er hat andere Probleme, vor allem mit potentiellen Käufern seiner Lizenzen. Deswegen will er sie ja jetzt auch als Web-Services verkaufen.
Weil Jens und die CSU so laut gebrüllt haben, traut sich Willi nicht mehr und schiebt das Projekt mit den Desktop-PCs erstmal auf. Eigentlich will er ja sowieso in Urlaub gehen. Jetzt macht er erst recht länger Pause, weil er das Geschrei um sich herum nicht mehr ertragen kann. Sogar der Münchner IT-Verein FIWM soll eine laute Pressemitteilung geplant haben, die nicht nur mehr Rechte für die lokalen IT-Dienstleister fordert, sondern auch den schelmischen Bübchen von der CSU-Fraktion und dem großen Kleinweich eins auf die Mütze gibt - die PR-Agentur hat aber die Meldung geblockt, schließlich arbeitet sie auch für Kleinweich und will den Job behalten. Willi möchte jetzt einen ganzen Monat weg, bis sich hoffentlich alles beruhigt. Willi verlässt die Bühne, im Hintergrund hört man schon Meeresrauschen und das Dolce Vita (Wein, Weib und Gesang sowie die Träume von Betriebssystemen, Projekten und Erfolgen).
Einige im Publikum, die vom Aufschub des Projekts gehört haben, schreien schon "Projekt gescheitert", rufen die Medien an, um ihnen den Misserfolg zu stecken, aus Wien hört man einen Anruf "wir machen das besser!" (live übertragen per Lautsprecher ins Theater, damit es jeder hört) und auch sonst herrscht großes Chaos. Gut für Willi, dass er in Urlaub ist, während die Journalisten der Welt bei ihm anrufen wollen. Er wäre ja eh nur das schwarze Schaf.
Papa U. (dem Bürgermeister) ist das zuviel Gemauschel. Er spricht ein Machtwort und verkündet offiziell "Ja, das Projekt ziehen wir jetzt durch!".
Jetzt kommt das Publikum wieder ins Spiel: Rufen Sie den Schauspielern zu, wie die Handlung weitergehen soll! Fans der Kleinwüchsigen werden hoffen, dass Will im Urlaub bleibt, Papa U. will ein neues Thema, zu dem er ja sagen kann, Freunde des Kuschel-Pinguins werden ihn verteidigen, egal, was es kostet, und die Familie rund um Herrn Kleinweich spricht viel lieber - typisch bayerisch, denn da sitzt man ja in Deutschland - vom Fensterln.
Und was meinen Sie? Bitte kreative Stichworte, damit wir weitermachen können!
Danke, Ihre Limux-Schauspieler!
(wir gehen jetzt mit Willi in Urlaub, sammeln solange Ihre Kommentare ein und machen dann weiter nach dem Sommertheater!)
August 19, 2004 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack
18. August 04
Kein Arbeitsplatz für Musikpiraten!
So. Sony Music und Bertelsmann Musik haben also glücklich fusioniert. Damit bildet der neue Musikkonzern mit Sitz in New York einen ernstzunehmenden Rivalen für den Musikmarktführer Universal. Beide machen sie je etwa 20 Prozent des Weltumsatzes mit Tonträgern.
Damit der neue Sony-BMG-Riese auch wirklich Erfolg hat, werden Synergie-Effekte genutzt, erfährt man aus der Presse. Früher nannte man das Massenentlassungen, in diesem Fall 2000 von insgesamt 9000 Mitarbeitern. Also erwirtschaften 7000 Leute rund 20 Prozent des Weltumsatzes mit Musik. Industriellerseits, ich rede hier nicht vom Einzelhandel oder den produzierenden Musikern. Das bedeutet, so über den Daumen, dass die ganze Musikindustrie (also 100%) unseres schönen blauen Planeten etwa 35.000 Leute beschäftigt.
Das ist, um es mal ins Verhältnis zu setzen, ungefähr ein Achtel der Belegschaft von IBM. Diese Industrie also wird aufs ruchloseste von Musikpiraten in ihrer Existenz bedroht. Also Leuten, die sich Kassetten aufnehmen, oder eben CDs. Deshalb werden gerade unsere Urheberrechtsgesetze umgeschrieben, um dafür zu sorgen, dass diese Nano-Industrie ihre Umsätze beibehält, ohne sich an Kundenwünschen (Britney Spears?) orientieren zu müssen.
Was passiert aber, wenn die Musikindustrie trotz aller verfassungsrechtlich bedenklichen Gesetzesverzerrungen zusammenbricht? Dann verlieren 35.000 Leute ihren Job. Das ist ungefähr so viel, wie IBM in zwei Jahren neu einstellt. Dann gibt es Musik nur noch bei Apple zu kaufen. Und bei Real und Napster und all den anderen.
Und weil wir alle wissen, dass die Musiker von jeder verkauften CD nur wenige Prozent erhalten, ebensoviel machen Kosten für das Tonstudio aus, können die Downloadshops einen Song statt für 99 Cent dann für ein Zehntel, also 9 Cent anbieten. Wer macht sich dann noch die Mühe, irgendwas zu kopieren, wenn ein Song 9 Cent und ein Album einen Euro kostet? Wohlgemerkt: sowohl der iTunes-Shop als auch der Musiker (und die Verwertungsgesellschaften wie GEMA) verdienen exakt so viel wie vor dem fiktiven Zusammenbruch der Musikindustrie.
Hm: Wo ist eigentlich das Problem? Anders gefragt: Wer sind hier eigentlich die Musikpiraten? Und wieviel sind uns die paar tausend Musikpiratenarbeitsplätze wert? Angesichts einer Ent-Kriminalisierung eigentlich sämtlicher Musikfreunde (Wer von uns hat noch nie kopiert? Na?) und einer extremen Belebung des Musikmarktes (man stelle sich vor, Autos kosten nur noch ein Zehntel...) eigentlich ein vertretbarer Deal. Selbst wenn dann rund um den Globus die Wirtschaftszweige Schampus, Koks und Nutten zusammenbrechen. Dafür gibts dann Hartz 4.
[fe]
August 18, 2004 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack
17. August 04
Belohnung für Virenautoren
Da gibt es eine einschlägig bekannte russische Anti-Viren-Firma mit einem etwas lustigen Namen, die stündlich aktualisierte Updates für ihre Virenscanner zum Download anbietet. Wow.
Eigentlich sollten Leute, die Viren herstellen, dafür belohnt werden. Zum Beispiel mit einer staatlich garantierten Mindestrente; weil, vom Virenschreiben wird man ja auch nicht reich. So wie der arme Sven Jaschan, der als Autor des Sasser-Virus enttarnt wurde und der jetzt Schadensersatzklagen in Millionenhöhe entgegenzittern muss.
Was hat der Junge getan, dass man so mit ihm umspringt? Eigentlich ein junges Genie und jemand, der gefördert werden sollte. Was er bewiesen hat, denn schliesslich ist es ihm gelungen, eine schwere (und seit langem bekannte) Sicherheitslücke im derzeit verbreitetsten Betriebssystem aufzuzeigen. Und das auch noch mit einem Virus, der kaum echten Schaden anrichtet.
Was wäre denn, wenn er und seine jugendlichen Kollegen sich über Nacht anderen Hobbies zuwenden? Oder einfach nur Rauchen, Trinken und Fernsehn, wie die Majorität in dieser Altersgruppe? Dann wären die betreffenden Sicherheitslücken immer noch offen. Weil es keinen öffentlichen, also jedermann betreffenden Grund gäbe, sie zu schliessen. Keinen öffentlichen Druck auf Softwarehersteller, keine Aufmerksamkeit der Medien oder der Politik. Sondern nur PCs mit mehr Sicherheitslücken als Transistoren im lichtgrauen Gehäuse.
Mit anderen Worten, alle Daten dieses Planeten wären dem ungehinderten Zugriff derer ausgesetzt, die ein handfestes Interesse an den Informationen anderer Leute haben: das organisierte Verbrechen und die mehr oder weniger organisierten Geheimdienste. Und hier geht es nicht um Steuererklärung und Pornopics auf der Festplatte von Otto "Ich-hab-nichts-zu-verbergen" Normalverbraucher, sondern um Identitätsdiebstahl, Wirtschaftsspionage und Wahlfälschung. Also ums grosse Geld, um grosse Schweinereien und um Dinge, über die man nicht gerne spricht; nicht jedenfalls, solange man sich über "Epidemien" verbreiten kann, die angebliche Schäden in Millionenhöhe verursachen.
Sorry, aber Sachbearbeiter, die Emails unbekannter Herkunft und moralarmer Betreffzeilen öffnen, sollten eins mit dem Lineal auf die Finger kriegen. Diese netten kleinen elektronischen Briefchen nämlich können wahlweise Portraits sympathischer, aber mittel (und textil)-loser junger Damen, lustige kleine Viren oder auch Keyloggertrojaner enthalten. Letztere berichten dann die aktuellen Zahlen, Designs oder Planfiles aus dem Firmennetzwerk an die ausländische Konkurrenz. Alles schon passiert. Sozusagen stündlich.
Also: Eine dicke Belohnung für jeden neuen Virus plus staatlich garantierter Riesterrente. Das Geld dafür kommt schnell wieder rein, da die erwähnten staatlichen oder privatwirtschaftlichen Datendiebe dann recht zügig pleite gehen dürften. Was jeweils die Volkswirtschaft spürbar entlastet. Wenn erst alle Sicherheitslücken beseitigt sind. Danke schon mal, Sven.
[fe]
August 17, 2004 in Betriebssystem-Wahnsinn | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack
12. August 04
Kindesmissbrauch einmal anders
An dieser Stelle möchte ich nicht von den bizarren Auswüchsen fehlgeleiteter post-industrieller Sexualität sprechen, sondern statt dessen bootsektorkompatibel von den bizarren Auswüchsen fehlgeleiteter post-industrieller Profitgier.
Zunächst die Fakten: Die Business Software Alliance, aufrechte Streiter für die Profite der an sich ja gesund wachsenden Softwareindustrie und gegen eine Verbreiterung der Nutzerbasis durch neuerdings so bezeichnete Piraten, hat sich eine neue Kampagne einfallen lassen. Kampagnen sind schliesslich immer eine gute Sache, und Geldmittel gibts dafür bekanntlich auch in Hülle und Fülle.
Also zielt die Software-Propaganda-Maschine nicht auf die bösen Europäer, die angeblich zu mehr als 50 Prozent unbezahlte Programme einsetzen (so wie ich, der seinen Text auf einem unbezahlten Notepad-Editor des unbezahlten Werbegeschenk-Windows-98 tippt) oder böse Lateinamerikaner und Asiaten, die auf geradezu untermenschlich perfide Weise ruchlose Raubkopien in grösstem Stil herstellen, um damit neue Flugzeuge zu chartern, die anschliessend in US-amerikanische Bürohochhäuser gelenkt werden sollen.
Nein, diesmal zielt die Geschäftliche Weichwaren Verbindung hoch visionär auf potentielle Täter, die garantiert noch kein Unrechtsbewusstsein entwickelt haben und daher als ideale Adressaten für eine multimediale Rundumaufklärung erscheinen: Kinder. Kinder, die auf die Grundschule gehen. Kinder, die grade mal ein wenig lesen und schreiben können und die mit leuchtenden Augen und unschuldigen Schokofingerchen Vaters PC zum Absturz bringen. Wer weiss, vielleicht sind das die nächsten, die unbezahlte Flugzeugladungen aus dem Zugriff der weltweiten Profit-Verschwörung lenken?
Mit Play It Safe in Cyber Space will die BSA daher den Kindern gleich mal zeigen, wo's lang geht (der Zeigefinger ist nun schon zwei Jahre alt). Passendes Maskottchen ist der bisher unbenamte "Copyright Crusader", ein an einen Ungezieferspezialisten aus dem mittelalterlichen Hameln erinnerndes Wiesel. Richtig, ein Wiesel, das in mehreren US-Bundesstaaten als Haustier verboten ist. Auf einem vierseitigen Comic und in downloadbaren Videospielchen erklärt die Frettchenfresse den bis dahin noch glücklich aufwachsenden Sprösslingen, dass kaufen OK ist, verkaufen auch, aber tauschen nicht OK und verschenken auch nicht OK ist.
Jetzt dürfen die solchermassen aller humanistischen Werte entfremdeten Nachwuchskonsumenten sogar mitmachen: dem Kinderfängerfrettchen darf der kleine Klicker einen Namen geben, und zwar aus fünf vorgegebenen, wenn auch noch nicht veröffentlichten Vorschlägen. Soll niemand sagen, Freedom of Choice wäre eine hohle Phrase. So wie "designed to educate children about the importance of protecting and respecting copyrighted works such as software, music, games and movies" (Originalzitat).
Wenn es in zwanzig Jahren einmal blutige Sprengstoffanschläge auf Einrichtungen der Softwarelobby geben sollte, ist Verwunderung und Entrüstung fehl am Platz: genau so macht man's nämlich, wie die Geschichte lehrt, genau so werden aus belogenen Kindern radikale Jugendliche und gewaltbereite Erwachsene. Willkommen in der Welt Weiten Werbe Wiesel Wunderwelt, dem Software-Palästina der 2020er.
[fe]
August 12, 2004 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack
11. August 04
Wer CDs brennt, sprengt auch Hochhäuser
Eigentlich lese ich das britische Musikmagazin "Q" recht gerne. Eigentlich - denn das September-Heft hat so ganz nebenbei die Grenze zwischen Promotion und redaktionellem Inhalt locker ignoriert. "The 1010 Songs You Must Own" wird reißerisch getitelt, und in der rechten oberen Ecke wird angekündigt "From Napster To iPod - All you need to know about downloading." Wir haben es also mit nicht mehr und nicht weniger als einer Werbepostille für die neuen kommerziellen Download-Angebote samt zugehöriger Hardware zu tun.
So weit, so schlecht. Wer sich nun von Gast-Autor Dave Grohl erzählen lassen mag, welches der essentielle Metal-Track ist ("Ace Of Spades"), oder wer dem britischen DJ Tim Westwood gleubt, dass man unbedingt "Hypnotize" von Notorious BIG als Sternstunde des Rap zu huldigen habe, soll das tun. Er soll sich auch besagte Songs auf seinen MP3-Player laden, was ja schließlich Sinn der pseudo-journalistischen Übung ist. Daß es allerdings dann auch noch eine Attacke auf Käufer von Bootleg-CDs geben muß, ist ein wenig zuviel des Dienstes an der Musikindustrie. Ein Kilo schwarzgebrannter CDs sei dreimal soviel wert wie ein Kilo Cannabis, läßt man Interpol verkünden; das FBI will gar von riesigen CD-Preßwerken in Südamerika und Indien wissen. Und wer verdient daran? Richtig: der internationale Terrorismus.
Wenn es darum geht, Geld für Bomben aufzutreiben, schließt der Islamist also die Augen und verkauft auch eine Madonna-CD. Mal ganz abgesehen davon, daß in unseren Breiten der dubiose Straßenverkäufer mit der Reisetasche voller CDs eine seltene Ausnahmeerscheinung ist: Wer soll das Zeug denn kaufen? Daß man eine Raubpressung erwirbt, ist ja wohl nicht zuletzt an der Druckqualität der Booklets zu erkennen, und außerdem kann man dem potentiellen Käufer auch nur attestieren, eine nicht allzu umfangreichen Freundeskreis zu haben. Denn irgendwer hat ja immer schon die CD, in die man mal gerne hereinhören möchte. Nur der Einzelgänger muß still und einsam ohne Musik leiden. Das mag zu einer gewissen Verbitterung führen, wie sie sich auch in einer "Q"-Umfrage ausdrückt: Danach würden immerhin 12% der Befragten auch dann eine Bootleg-CD kaufen, wenn sie wüßten, daß die Profite an eine Terroristengruppe gingen. Na denn ...
August 11, 2004 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack
09. August 04
Innovationsmotor: Satan
Satan: Is sex the only thing that matters to you?
Sadaam Hussein: I love you. (Zitat aus: South Park)
Das Eingangszitat hat, geradeaus gesagt, nichts mit dem eigentlichen Thema dieses Textes zu tun. Schliesslich beschäftigen wir uns hier nicht in erster Linie mit Sex, Saddam oder South Park, sondern mit den Irrungen und Wirrungen der Computerbranche.
Hm. Oder doch? Satan tritt derzeit wieder mal als Innovationsmotor auf, als Konjunkturrakete und IT-Turbine. Ob er das nicht irgendwie schon immer tut, soll hier ebenfalls dahin gestellt bleiben; Millionen von ernsthaften Computernutzern jedenfalls folgen derzeit den Schalmeientönen der Reviews und Testberichte, strömen in die Computershops, schlagen unbarmherzig zu und drehen erbarmungslos an der Aufrüstungsspirale: Ein Schlachtkreuzer der 3-Gigahertzklasse muss es sein, ein halbes GigaByte Speicher mindestens an Bord, fünf bis sieben Lüfter mit gefährlich-bläulichem Eigenglühen, ganz wichtig die Bordkanone neuester Provenienz, nach Expertenmeinung herausragend hier die GeForce 6800 Ultra.
Andre Leute kaufen sich statt letzterer gerne mal einen Gebrauchtwagen, ein schickes Mountainbike oder nen Wochenendurlaub, aber der Lieblingskunde der IT-Industrie weiss aus tiefster Überzeugung: die 600 Flocken sind gut angelegt, wenn es um die Rettung der Welt vor dem namenlosen Grauen, dem Schrecken allseitiger Verdammnis, dem wütenden Widerstand gegen den Widersacher selbst geht. Wo Satan in Person und in biomechanoider Gestalt als Endgegner auftritt, darf eben nicht gezaudert werden beim blutigen Opfern von Sparschweinen und -büchern.
Von den notorisch bekannten texanischen Hexenmeistern von id Software heraufbeschworen, darf sich der digitale Incubus als bester Freund der Halbleiterbranche präsentieren. Die dritte Fortsetzung des Doom-Spektakels löst endlich das Versprechen der PC-Hersteller nach geradezu fundamentalistisch-extremistischer Leistung ein: obwohl noch mit Equipment vom letzten Jahr spielbar, lassen sich die Doom-Qualitätseinstellungen in so pyramidale Höhen schrauben, dass selbst aktuellste Rechenknechte vom Schlage eines Pentium 4 Extreme oder Athlon FX nicht mehr mühelos Frames pro Sekunde zu Hunderten sprudeln, sondern knirschend und aus dem letzten Loch piepsend ihre Nullen und Einsen der Apokalypse entgegenschleudern. Und das gab es schon lange nicht mehr.
Nicht Büroprogramme, Videoschnitt- oder Gestaltungssoftware, nicht einmal das in Leistungseinschätzungen oft zitierte, aber nur von wenigen genutzte CAD zeigen also mit mathematischer Präzision und religionsstiftender Überzeugungskraft die Notwendigkeit noch schnellerer Chips, grösserer Speicher, breiterer Busse, sondern die simple Notwendigkeit, auch in eigener Person und notfalls mit der Waffe in der Hand den aus dem feingepixelten Dunkel grinsenden Urängsten entgegen zu treten.
Da können religiös übermotivierte Hardlinerchristen noch so leidenschaftlich den Rücksturz ins Mittelalter fordern, und ein Verbot unterhaltsamer Gewaltdarstellung obendrein, die Heerscharen der globalen Siliziumindustrien tragen ein anderes Glaubensbekenntnis auf ihren Lippen: Satan, i love you.
[fe]
August 9, 2004 in Hart & Halbleitend | Permalink | Kommentare (4) | TrackBack

