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« März 2005 | Start | Mai 2005 »

29. April 05

Online-Dating, Cybersex, Teledildonics

Der alte Menschheitstraum. Unkomplizierter, sauberer und schneller Sex übers Internet. Aber wer weiss? Irgendwann brechen die Wachstumsraten im E-Commerce ein, jeder hat drei Notebooks, vier Smartphones mit je fünf Identitäten, und mehr als 24 Stunden online sein is nich' - spätestens dann müssen neue Märkte her. Die US-Firma HighJoy arbeitet schon mal vor und bietet einen Online-Dating-Service mit integrierter Teledildonics-Funktionalität. Die Wired-Reporterin Regina Lynn hat sich bei einem Besuch des Unternehmens genau zeigen lassen, wo und wie man die verschiedenen Services und die daran angeschlossenen Geräte genau einsetzt...

Wird auch langsam Zeit. Mein Frisör fragt mich jedesmal aus, wenn er die Schere zückt - er weiss nämlich, dass ich in der Internet-Branche arbeite - wie weit denn der Stand der Forschung schon gediehen sei. Im Bereich Cybersex. Das stellt er sich nämlich reichlich aufregend vor, eben mal was neues. Tatsächlich ist HighJoy kein Pionier im Hardwarebereich, sondern eher durch die Verbindung von Online-Dating, Chaträumen und einer Remote Control von ... technischen Vergnügensgegenständen. Die Remote Control an sich gibt's schon länger, zum Beispiel von der Firma Sinulator. Nur: wie soll man sowas bei jemandem zur Anwendung bringen, den man gar nicht kennt und der irgendwo weit weg im Cyberspace wohnt? Eben - deshalb die geniale Geschäftsidee mit dem Rundum-Service.

Ich will hier gar keine Geschmacksfragen diskutieren. Erfahrene Bootsektor-Leser wissen, dass das interessante an den Grenzen des guten Geschmacks sowieso deren Überschreitung ist. Ich will hier auch gar keine Sinnfragen stellen - soll doch jeder machen, was er will, und mit wem er will. Wenn's Spass macht... Die moralische  Rechtfertigungskiste auf der HighJoy-Website mit dem Partner-Account für Ehe- und sonstige Paare, die sich für länger nicht sehen können (und auch sonst nichts mit einander anstellen) klingt auch eher dürftig für mich.

Wild Frontier. Cybersex spielt sicherlich eine Rolle in der E-Culture der näheren Zukunft, weil Internet in Kürze ebenso ubiquitär ist wie jetzt schon das Mobiltelefon. Addieren wir noch das Prinzip des Avatars statt der langweiligen Webcam (nach aktuellen Studien sind 2/3 aller Amerikaner übergewichtig, wer will das sehen?) und die unbeschränkte Freiheit der MMORPGs (Massively Multiplayer Online Role Playing Games), dann kann das noch sehr, sehr lustig werden. [fe]

April 29, 2005 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

28. April 05

Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein

Waas? Spinnt er jetzt komplett, werden sich viele treue Bootsektor-Leser vom äussersten linken politischen Rand jetzt fragen, nimmt er zuviele oder zuwenige Drogen, ist ihm der Erfolg zu Kopf gestiegen oder haben wir uns in ihm von Grund auf getäuscht? Nichts von alledem, meine lieben Leserinnen und Leser, schliesslich geht es hier um IT-Nachrichten und deren Neuformatierung, und nicht etwa um die historische Leistung des deutschen Volkes, aus dem braunen Sumpf der letzten Jahrhundermitte wieder rauszukommen. Sondern darum, dass hier und da (z.B. in den US of A) Dinge ablaufen, die mir den Daueraufenthalt zwischen Saar und Oder als verdammt gute Idee erscheinen lassen. So wie das neue Family Entertainment Gesetz, das Herr Bush gerade unterzeichnet hat. Oder Fingerabdruckscanner in Solarien. Oder RFID-Tags in Pässen, die jetzt doch offiziell unsicher sind. Und andere latent braun-stichige IT-Vaporware...

Zuerst zum aktuell von George W. Bush unterzeichneten Familiengesetz, das nur so heisst, tatsächlich aber das Gegenteil bewirkt. Im "Family Entertainment and Copyright Act of 2005" steht, dass jeder, der mit einer Videokamera, digital oder analog, in ein Kino geht, dafür bis zu drei Jahre Gefängnis bekommt. Im Ernst. Lest es selbst nach. Oder wenn er in seinem P2P-Uploadordner eine MP3 hat, die noch nicht offiziell erschienen ist. Mitarbeiter des Kino erhalten Polizeirechte, dürfen den Kamerabesitzer für eine "vernünftige Zeit" und in einer "vernünftigen Weise" festhalten, ohne später dafür belangt werden zu können. Und die Verbreitung einer urheberrechtlich geschützten Datei ist auch dann in vollem Umfang strafbar, wenn der Urheber auch nur eine "vernünftige Erwartung kommerziellen Erfolgs hat". Im Wiederholungsfall bis zu 10 Jahre. Wie schon erwähnt, ist in den USA die Höchststrafe für Totschlag maximal 3 Jahre. Eine MP3, eine Videokamera, ein Menschenleben. Sollte uns das alles zu denken geben?

Im US-Bundesstaat Arkansas verlangt eine Solarien-Kette von ihren Kunden einen elektronisch gescannten Daumenabdruck, schon bei einer einzigen Bräunungssession. Abgesehen davon, dass Solarien eh nicht gesund sind und zuviel UV das Hautkrebsrisiko erhöht: was will die braunstichige Company mit den Fingerabdrücken? Auf ihre Server legen und dort klauen lassen, ohne dafür belangt zu werden?

Nach richtiggehend wütenden Protesten gibt die US-Regierung zu, dass die geplanten RFIDs in US-Pässen doch nicht sicher sind. Jeder Hans mit einem Handscanner kann die darauf enthaltenen Daten auslesen und damit anstellen was er will. Im einfachsten Fall kostenlos seinen Teint nachdunkeln. Jetzt soll der Chip erst dann lesbar sein, wenn der Zollbeamte das im Pass abgedruckte Passwort in den RFID-Scanner eingibt. Man braucht also wahrscheinlich einen Cracker oder muss den Pass klauen, wie früher.

Geradezu künstlerisches Format beim Klauen beweisen die Chinesen (nicht alle, aber manche): Die sorgen nicht nur für die Familie, indem sie tolle Raubkopien von allem möglichen unters Volk bringen, sondern bringen sogar die Suppe auf den Tisch, ohne irgendwas zu kopieren. Sie erfinden nämlich Kopien. Bringen in chinesischer Sprache Bücher heraus, die angeblich von Harvard-Professoren geschrieben und angeblich von der Washington Post bejubelt wurden. Das kann als Betrug missinterpretiert werden, hat aber echte kreative Grösse.

Nochmal zum Mitschreiben: dieser Beitrag richtet sich nicht gegen die USA und ihre Bewohner. Ich war da schon ein paar mal, war auch ganz nett dort, ich warte aber besser mit der nächsten Transatlantikreise, bis dort wieder rechtsstaatliche und demokratische Verhältnisse eingekehrt sind. Oder wenn nächstes Jahr auch hierzulande eine konzernhörige Regierung mit erhöhtem Bräunungsfaktor gewählt wird. Dann kann ich mir meinen Stolz irgendwo hinschmieren und zwischen Exil und Janus wählen. Freedom of Choice.  [fe]

April 28, 2005 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (13) | TrackBack

26. April 05

Haschisch, LSD und Computer

Neugier war der Anfang! Stimmt auch hier. Diese ganze Personal-Computersache, das wissen wir nicht erst seit dem neuen Buch von John Markoff, geht zurück auf einen Haufen Verrückter im sonnigen Kalifornien. Markoff allerdings, Jahrgang '49 und altgedienter Computerjournalist, stellt Zusammenhänge her, die das Weltbild heutiger PC-Nutzer nachhaltig erschüttern werden. In seinem Buch "What the Dormouse Said - How the 60s Counterculture Shaped the Personal Computer Industry" zeigt er, dass der Schritt von den buchstäblich hausgrossen Elektronengehirnen zu bezahl- und bedienbaren Computern für Otto Normalverbraucher eine echte und durchaus chemisch geförderte Bewusstseinserweiterung voraussetzte. Und das kam so...

Elektronengehirne, zuerst aus elektromagnetischen Schaltrelais, dann aus Vakuumröhren und schliesslich aus Transistoren gebaut, spielten eine echte Rolle im zweiten Weltkrieg und der Zeit des kalten Kriegs. Sie waren fest in militärische und administrative Strukturen eingebettet, niemand dachte an eine Miniaturisierung oder überhaupt nur an eine andere Anwendung dieser Technik als in einer nationalen Grössenordnung.

Geplant und gebaut wurden diese furchteinflössenden Lochkarten-Leviathane allerdings von den brilliantesten Köpfen ihrer Zeit, die nicht selten, oder sogar fast ausschliesslich politisch aktiv und weltanschaulich offen waren. Anti-Vietnam-Demos, Haschisch, LSD und andere Annehmlichkeiten der Hippie-Kultur gehörten nachweislich zum Freizeitspektrum der Väter des Personalcomputers. Die Idee des Doppelklicks, so berichtet Markoff in einem Interview mit dem American Scientist, kam einem schwer bekifften Xerox-Softwaredesigner. Bootsektor-Leser, die unwahrscheinlicherweise über eigene Drogenerfahrungen verfügen, können das sicher leicht nachvollziehen: "Hier mach ich einen Doppelklick, hihihi", oder so ähnlich.

Auch wenn die erweiternden Substanzen, so Markoff, nicht zwingend notwendig waren, um in völlig neuen Wegen zu denken, haben sie zumindest sehr dabei geholfen. Wie im Fall von Steve Jobs, der bekanntlich auf LSD-Erlebnisse zurückgreifen kann und das Querdenken heute noch beherrscht. Hab' ich nicht gestern vom einzigen Problem mit der angebliche Copy-Piraterie geschrieben? Mit dem heutigen Thema ist es ganz ähnlich: das einzige Problem mit den erwähnten Substanzen ist, dass sie verboten sind. Nebenwirkungen konnten bis heute nicht nachgewiesen werden. Anders als bei Alkohol, Nikotin, Fast Food, und Talk-Shows im Nachmittagsfernsehen.

Der zentrale Punkt von Markoffs Buch ist aber: technische Weiterentwicklung ist nicht kausal und linear, sondern benötigt ab und zu freies, völlig entfesseltes Denken, mit oder ohne chemischen Antrieb. Das wird heute gern vergessen, was nicht heisst, dass nun Schluss wäre mit der Innovation in der IT-Branche. Es gibt immer noch genug Verrückte, Rasta-Zigaretten, Doom-3-LAN-Parties, Ascii-Artisten und freiwilige FireFox-Bug-Reporter, so dass wir uns nicht wirklich Sorgen machen müssen.  [fe]

April 26, 2005 in Hart & Halbleitend | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

25. April 05

Homefucking Is Killing Prostitution

Lächerlich, oder? Als ob das jemanden interessiert. Stand auf den Aufklebern der seligen deutschen Band Kiwi Sex. Das war eine Antwort auf die Werbekampagne der Musikkonzerne von 1982 mit dem tollen Slogan "Hometaping is killing Music". Es gab auch mal eine Pyrolator-Scheibe mit letzterem Titel, das nur mal der Vollständigkeit halber. Nicht nur in den Achtzigern wurden sowohl "Hometaping" als auch "Homefucking" ausgiebig betrieben, und weder die Musik noch die Prostitution sind daraufhin verschwunden. Wie auch. Die Ärzte, eine der best-verdienendsten (und verdientesten) deutschen Bands, stellen Live-Bootlegs zum kostenlosen MP3-Download zur Verfügung. Auch die Ärzte gibt es noch. Und weiter?

Langsam klärt sich das Bild: es ging noch nie um Kopien - diese verbreiten Musik und fördern den Umsatz (wie Radio, nur anders). Es geht um die Kontrolle der Distribution. Eine Industrie, die nur wenige standardisierte Produkte anbietet und keine Konkurrenz befürchten muss, wird zwangsläufig traumhafte Profite abwerfen (zumindest in der Theorie). Die Störfaktoren sind andere Vertriebsfirmen, unabhängige Musiker und eben alles, was sich ausserhalb der kontrollierten Vertriebswege aufhält. Musiker, so erfahren wir nicht zuletzt aus den Bemühungen der Musikkonzerne, die Gema-Beiträge in ihre eigenen Kassen zu lenken, sind ja eher Fussvolk, lästige Arbeiter-Ameisen, die gefälligst gut aussehn und ansonsten die Klappe halten sollen.

Früher, in der guten alten Zeit des unverfälschten Kapitalismus, regelte sich eine so lebens- bzw. marktferne Einstellung dadurch, dass Firmen mit schlechten Produkten einfach Pleite gingen und durch innovative Anbieter ersetzt wurden. Heute, nach dem Ende des unverfälschten Kommunismus und damit dem Wegfall ökonomischer Feindbilder, schreien Konzernkapitäne nach staatlichem Gesetzesschutz, wenn die Ergebnisse eigener Fehlentscheidungen nicht mehr von der fundamentalistischen Shareholder-Value-Kirche mitgetragen werden. Und somit die märchenhaft bezahlte Manager-Position bedroht ist.

Pech, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass mehr als die nackte Schni-Schna-Schnappi-Mentalität vonnöten ist, um stetig steigende Erfolgszahlen zu produzieren. Konsumenten wenden sich jedenfalls frustriert ab: CDs sind zu teuer und lassen sich nicht auf allen Geräten abspielen, Downloads sind mit zickigen DRM-Systemen infiziert und stehlen dem Hörer die bereits bezahlte Musik, sobald er das falsche Gerät benutzt, einmal die monatliche Abo-Gebühr vergisst oder einfach einen Virus einfängt. Das alles kann man mit etwas Medienerfahrung (a.k.a. Zynismus) durchaus ertragen. Schwerer dagegen die Leichtgläubigkeit von willigen Propaganda-Opfern, die tatsächlich die Hometaping-Lüge 1:1 glauben und diese auch noch mit unbeholfenen Formulierungen verteidigen. Das einzige Problem an der sogenannten Piraterie: sie ist verboten. Tatsächlich ist sie weder für den Musiker (Urheber), noch für den Hörer (Konsumenten) noch für die Distributoren (Plattenlabels) schädlich.   [fe]

April 25, 2005 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

20. April 05

Google entdeckt Gottes Rottweiler

Infoparadies Google. Mit wenigen Mausklicks und ein paar lässigen Tippfehlern, die von der freundlichen Suchmaschine auch noch korrigiert werden, erfährt man alles, und sei es noch so aktuell. Gottes Rottweiler in den Schuhen des Fischers. Das wäre zum Beispiel so ein hochaktuelles Thema. Der Panzerkardinal wird zum Papst gewählt. Eine steile Karriere vom Hitlerjungen zum Oberhirten. So steht das jedenfalls im Internet. Und noch so einiges.

Der Josef Ratzinger aus Marktl, tief in Bayern, ist Papst geworden. Den Weg dorthin hat er wohl mit einiger Bestimmheit verfolgt, sonst wäre er nicht wiederholt als "Panzerkardinal" oder "Panzerfahrzeug Gottes" tituliert worden. Und als "Gross-Inquisitor", wenn nicht gar als "Gottes Rottweiler". Rottweiler assoziiert der Screen-Addict ja eher mit Quake, aber das nur am Rande. Kondome, so erfährt der erstaunte Google-Nutzer und Sensations-Surfer, seien kein so guter Schutz gegen AIDS als die eheliche Treue, diese allerdings auch nur zwischen verschiedenen Geschlechtern, wovon wiederum nur eines zum Priesteramt fähig sei. Letzerer Fall schliesst wiederum eheliche Bindung und Treue aus, lässt aber Fragen wie AIDS und Armutspolitik aussen vor.

Fragen wie die nach den nationalen Vorgängern von Josef Papst Ratzinger lassen sich dagegen mit den Mitteln moderner Informationsverarbeitung einfach klären, es gab derer sieben, einer hiess Poppo, aus Adrian wurde Hadrian und Brunos gab es zwei, einmal als Leo, einmal als Gregor, alle mit römischen Ziffern als Nachnamen. Ostgoten gelten nicht, die waren zu früh dran, da war's noch nicht mal richtig mittelalterlich.

Fundamentalist hin oder her, der Ecommerce wurde jedenfalls wieder einmal gefördert, und das finden wir alle gut. Rogers Cadenhead will erst seine Grossmutter fragen. Die ist nämlich noch gläubige Katholikin und kann ihm sicher sagen, was er mit der Domain "BenedictXVI.com" tun soll, die er mit fünf anderen wahrscheinlichen Papstnamen vor zwei Wochen mal pauschal registriert hat. In seinem Blog, das direkt hinter die heilige Webadresse montiert ist, beschreibt er seine lauteren Absichten: war doch nur Spass.

Und die sechs Domains hat er registriert, weil sie ihm am wahrscheinlichsten erschienen, andres als etwa Papst P. Diddy I. oder Papst Jurassic Park IV., die zwar technisch möglich, aber ansonsten nicht zu erwarten wären. Nein, beteuert Rogers, das wäre kein "popesquatting" und er würde die Domain auch nicht an Porno-Anbieter verkaufen. Anscheinend ist er zwar jung, braucht aber das Geld nicht. Wahrscheinlich weil sein Job nicht nicht outgesourct wurde. Wie auch, ist er doch Journalist und Buch-Autor, und lebt in Jacksonville. In der Google-Werbung auf dem Papst-Blog ist von geläuterten Berufsrasern zu lesen, und vom Kampf gegen Satan auf den Highways. Das ist dann wohl ganz im Sinn des Grossinquisitors. In dem des Autors als bekennender, völlig ungeläuterter Berufsraser übrigens auch, nur... anders formatiert. [fe]

April 20, 2005 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack

18. April 05

Handys machen blöd. Hier der Beweis.

Heute geht es wieder nicht um Porno, sehr zum Bedauern der Bootsektor-Leser-Mehrheit, und auch nicht um andere Frauenthemen, sehr zum Bedauern der Minderheit der Bootsektor-Leserinnen. Tja. Sondern um Handys. Die wo blöd machen. Und dafür gibt es Beweise. Gerade heute wieder. Wenn ich das mal so zusammenfassen darf: es gibt klare, wissenschaftlich haltbare Beweise dafür, dass Handys zu Gehirnerweichung führen. Egal, ob das die Mobiltelefon-Mikrowellen-Strahlen sind, oder der blosse Anblick, oder überhaupt bereits die Existenz, das Sein an sich, bzw. das mobile Sein, das Krokodiltelefon, das dingliche Klingeln im dialektischen Gegensatz zum unklingligen Dingens... ich fühle es: bei mir fängt's auch schon an...

Ich will jetzt gar nicht auf den Zauberreigen von Studien und Gegenstudien eingehen, die abwechselnd beweisen, dass Mobiltelefone einem erbarmungslos den Cortex grillen, während man noch der freundlichen Ansage lauscht, der Angerufene sei im Augenblick nicht erreichbar, und dann wieder unerschütterlich belegen, dass mobile Telefone im Gegenteil gesund sind.

Völlig gesund, so wie das Samsung macht, unbezweifelbar einer der derzeit gesündesten Handy-Hersteller, jedenfalls nach Umsatzzahlen. Die findigen Koreaner bauen in ihr neues SCH-S350 nicht nur Digitalknipse, GPS-Kompass und MP3-Player ein, sondern gleich einen Generator für funktionelle Musik, der beim Zuhörer für reichlich Alphawellen sorgt und dadurch angeblich Konzentration und Merkfähigkeit verbessert. Da fällt mir ein, dass ich gestern auf dem Flohmarkt diese VHS-Videokassette gefunden habe... John Carpenters: "Sie leben". Visionär!

Einen unbezähmbaren Drang, sein Mobiltelefon einzuschalten und den beglückenden Alphawellen zu lauschen, hat anscheinend auch Ivan Seidenberg, Chef des US-Telekomgiganten Verizon. Der unterbrach seine Gehirnwellen für ein einstündiges Interview mit dem San Francisco Chronicle. Ivan wörtlich: "Kunden erwarten heutzutage einfach zuviel. Warum in aller Welt nehmen Sie an, dass Ihr Mobiltelefon auch bei Ihnen zuhause funktioniert?" Benötigen wir noch mehr Beweise für eine geheime Verschwörung von Aliens, die mit Hilfe von Handy-Gedankenstrahlen die Weltherrschaft an sich reissen wollen?

Die Hüter der heiligen Stätten von Mekka und der Ölquellen von ganz Saudi-Arabien jedenfalls versuchen, den Beelzebub mit ansonsten bewährten Stockschlägen auszutreiben. Wer ab sofort dabei erwischt wird, wie er mit dem Handy Spass hat, respektive damit kleingepixelte, aber betont unverschleierte Frauen betrachtet oder solche digitalknipst, wandert 12 Jahre ins Verlies und erhält 1000 Schläge. Und das ist bestimmt ungesund und beeinträchtigt auch sicher die Gehirnfunktionen.

So ähnlich, wenn auch aus anderen Gründen, wie beim Pleitekandidat Sony-Ericsson. Die schon wieder grottenschlechte Quartalszahlen eingestehen mussten. Als Ausrede kam aus dem Firmensitz Stockholm: "Wir haben veraltete Modelle, die unsere Kunden nicht begeistern konnten." Wann haben wir zum letzten mal so was blödes gehört?

Wenigstens ist es Wissenschaftlern der Uni Würzburg gelungen, eDonkey aufs Handy zu portieren. Und den Technikern der japanischen Omron Corporation, eine Sicherheits-Gesichtserkennungssoftware fürs Taschentelefon zu coden. Damit mich mein Telefon an einem typischen Sonntagmorgen nicht mehr erkennt. Wozu auch, mit der Stimme könnt' ich eh nicht telefonieren. Aber halt, dann versiegt der Strom der Alphawellen aus dem All und ich erkenne, dass ich von telefongelenkten Zombies umgeben bin und vor fundamentalistisch-islamistischen Häschern fliehen muss ("..ein Bootsektor-Autor, ergreift ihn!"). Friede sei mit uns allen! [fe]

April 18, 2005 in Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack

15. April 05

Weblogs: Infektionen und andere Krankheiten

Ehrlich! Cyberkriminelle tun so, als ob sie Weblogs schreiben und setzen an die unschuldige Weblogadresse einen Download. Mit einem Keylogger drin. Oder einem Virus. Oder Schlimmerem. Beim Bootsektor ist es ja bekanntlich genau andersherum. Da tut der Autor so, als würde er über Microsoft, Google, Ebay, Apple, die RIAA oder George W. Bush schreiben. Apropos George W.: der hat neulich vor Journalisten erklärt, er würde grundsätzlich keine Emails verschicken. Nicht mal an seine Töchter. Weil er nicht wolle, dass irgend jemand seine private Post mitliest. Müssen wir uns jetzt Sorgen machen? Weiss der Mann mehr als wir?

Anscheinend, sonst hätte das United States Department of Faith nicht am 10. November 2004 einen öffentlichen Aufruf an alle nicht rechts-gläubigen Amerikaner im Internet veröffentlicht, endlich Jesus Christus als ihren Retter anzuerkennen und in Zukunft ohne weitere Fragen die Republicans zu wählen. Es ist also gar nicht so, wie meine charmante Kollegin (Name ist der Redaktion bekannt) eben behauptete: "Bei euch im Bootsektor geht's doch immer nur um Porno!" Falsch, wir wenden uns gerade in letzter Zeit verstärkt religiösen Themen zu. Gerade, wenn diese mit Heilsversprechen in Form einer Playstation verküpft sind. Obwohl natürlich die Bootsektorbeiträge mit "Porno" im Titel besonders gerne gelesen werden. Fast so gerne wie solche mit "Bill Gates" in der Headline. Rein statistisch gesehen.

Und falls es noch niemandem aufgefallen sein sollte: Ja, die Themen kommen durchaus nicht nur jeweils einmal vor. Im Gegenteil - es scheint da so eine Art Muster zu geben, einen inneren Zusammenhang, einen Code. Dieser ist mittlerweile an die Öffentlichkeit gedrungen. Man kann schliesslich nichts alles für unbegrenzte Zeit geheim halten. Mit Hilfe eines am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelten Computerprogramms und einer genau spezifizierten Liste an Key-Words werden seit August letzten Jahres mehrmals wöchentlich Bootsektor-Artikel produziert. Einmal im Monat wird von einem Zufallsgenerator eine Schlagzeile aus dem globalen Nachrichtenaufkommen im Internet ausgewählt, zum Beispiel "Devo fan collects artifacts", und dem Pool der Bootsektor-Key-Words angefügt. Genau so sind übrigens auch alle anderen am Arbeiten. Doch, ehrlich! [fe]

April 15, 2005 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack

14. April 05

Mistkäfer George W. Bush

Er lebt im Verborgenen und ernährt sich von Dingen, die gerade vermodern: Agathidium bushi, ein neu entdeckter Mistkäfer, der nach dem umstrittenen US-Präsidenten so benannt wurde. Britische Entomologen hatten das Problem, 65 Käferarten auf die Schnelle mit schicken Namen zu versehen. Die Insektenforscher vergaben auch an Dick Cheney und Donald Rumsfeld Käfer-Ehren, wegen ihres verdienstvollen Einsatzes für Freiheit und Demokratie. Inzwischen bauen Japaner weiter an übermannsgrossen, stählernen Robotern, und Viagra kann auch in koscherer Form von strenggläubigen Juden genossen werden...

Ob es sich hier um britischen Humor oder das genaue Gegenteil davon handelt, lässt sich aus der Entfernung schwer abschätzen. Quentin Wheeler and Kelly Miller jedenfalls benannten weitere Mistkäferarten nach ihren (eigenen) Ehefrauen, dem Sternenschurken Darth Vader sowie den altgriechischen Bezeichnungen für "hässlich" und "mit besonderen Zähnen". Ein typisches Wissenschaftsdilemma.

So ähnlich wie in der angewandten Pharmazie: Viagra konnte bisher von streng strenggläubigen Juden, zumindest während des Passah-Fests, nicht verwendet werden. Nicht koscher. Jetzt gibts die Pillen mit einer speziellen, vom Rabbi Eliahu persönlich freigegebenen Version mit einer Beschichtung aus koscherer Gelatine. Völlig ohne Beschichtung ist bislang allerdings der etwa fünf Meter grosse stählerne Roboter, an dem japanische Wissenschaftler, Godzilla-Fans oder Extrem-Hobbyisten gerade schweissen.

Vermutlich geht es auch hier um die Weltherrschaft. Wie angeblich auch im Falle von George W. Bush, Bill Gates oder dem G-Man. Wobei ja niemand genau weiss, wer der letztgenannte eigentlich ist. Ob er in Wirklichkeit Gates heisst, oder Bush, oder unter seinem Anzug noch ein weiteres Beinpaar versteckt hält, genauso wie seine Käferflügel. Falls sich der geistreiche Leser oder die charmante Leserin nun fragen, wo hier denn IT-Nachrichten auf etwaige Neuformatierung warten würden: im Bootsektor ging's noch nie um Gigahertz und Terabyte, sondern darum, wie diese und andere Attribute der Informationsära als kulturelle Formanten wirken. Mal im Ernst: wir leben doch nicht mehr im 20sten Jahrhundert! [fe]

April 14, 2005 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack

13. April 05

39 Zentimeter, hart und glänzend

Dunkelrot, gefährlich, unaufhaltsam. Unbeirrbar und mit einer Digitalkamera ausgerüstet. Früher oder später werden Roboter die Weltherrschaft übernehmen. Schon jetzt laufen sie in unseren Wohnungen herum, auf zwei Beinen, als ob es nie eine Evolution gegeben hätte. Stellst du ihnen ein Bein, fallen sie hin. Und stehen ohne deine Hilfe wieder auf. Nuvo braucht dich nicht. Anders als Firmen, die Daten sammeln, über Jedermann und seine kleine Schwester, und damit glänzende Geschäfte machen. Harte, glänzende Geschäfte. Bootsektor, das Zentralorgan des neuformatierten IT-Nutzers, verrät, was Männer ausserdem noch brauchen...

Zuallererst so einen Kühlschrank. Ein Traum. Sieht aus wie ein iPod, hat ein Kühlfach, das für mehrere Sixpäx Bierdosen ausreicht und vorne in der Tür ein TFT-Display, Lautsprecher und seitlich den Schlitz für die DVD. Perfekt. Pizza wird sowieso handwarm geliefert. Irgendwo hinten an der iKühlbox wird schon ein Fussballanschluss sein. Äh. Ich meine, ein Fernsehanschluss. Für die Antenne eben. Damit ist der Abend schon mal gerettet.

Als nächstes muss Nuvo vorbeischaun. 39 cm gross, zweieinhalb Kilo schwer. Der will nämlich nichts vom Bier ab. Sehr sympathisch. Nur läuft er dauernd herum und macht Digitalfotos. Die er dann irgendwo hin sendet. Sehr unsympathisch. Werden dann etwa meine Pizza-und-Bier-Gewohnheiten zu meinem Consumer-Profil addiert? Die dann Firmen wie LexisNexis prima zu Geld machen. Klar, Mehrfachverwertung, erst zur Terroristenfahndung (montagmorgens seh ich meistens echt ziemlich islamistisch aus), dann zur Marktforschung (wer handwarme Pizza kauft, und Bierdosen-Sixpäx, der braucht sicher zwei neue Kreditkarten und einen Bausparvertrag).

Und schliesslich, weil Firmen wie SexisLexis aus Shareholdervalue-Motivation heraus die billigste Microsoftware aus dem Supermarktregal für ihre Datenbanken und Webserver hernehmen, dann noch als Schnellklau-Datensatz für Identitätshändler, die dann mit meinen guten Namen Konten eröffnen und Kredite aufnehmen. Ach, und eine Handvoll Dollar mehr gibts noch vom Spam-Versand Ihres Vertrauens, für die gesammelten und verifizierten Adressdaten. Penisverlängerung, 39 cm, Erfolg garantiert. Da wird man doch unwillkürlich zum Globalisierungsgegner. Prost. [fe]

April 13, 2005 in Hart & Halbleitend | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack

12. April 05

Reichsluftwaffe zerstört feindliche Tauschbörsen! Sieg!

Das Propagandaministerium des vereinigten Music-Industrial-Complex meldet: Tauschbörsen bombardiert, Flugzeugträger versenkt! Der Vormarsch der roten Horden ist beendet, die Copyright-Panzertruppen der Generäle Vivendi, Bertelsmann, Warner und Emi rücken unaufhaltsam vor! Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Widerstand der P2P-Bolschewiken zusammenbricht und die neue Weltordnung endlich in Kraft treten kann. Die Zahl der Musiktitel, die von illegalen Musikangeboten aus dem Internet heruntergeladen wurden, ist 2004 um rund 200 Millionen gesunken. (Nur der letzte Satz stammt aus der Originalmitteilung der IFPI). Bootsektor berichtet aus dem immer noch heftig tobenden "War On Music", zerpflückt Zahlen und sucht den Superstar...

"Nach der aktuellen Brennerstudie der GfK wurden 2004 zwar immer noch 382 Millionen Musiktitel in Deutschland aus illegalen Quellen aus dem Internet heruntergeladen, aber das sind immerhin etwa 200 Millionen weniger als im Jahr 2003 (rund 600 Millionen)." Das steht auch in der aktuellen Pressemitteilung der deutschen Landesgruppe (so lautet die offizielle Bezeichnung) der International Federation of the Phonographic Industry. Landesgruppenführer Gerd Gebhardt jubelt dazu: "Die Strategie der Musikwirtschaft geht auf: Legale Angebote werden zunehmend genutzt, während die Nutzung illegaler Quellen signifikant abnimmt".

Ähm. Moment. Wenn man diese "Brennerstudie" genauer anschaut, stellt man fest, dass 10.000 Personen befragt wurden. Befragt. In der Brennerstudie steht nicht drin (also wurde auch nicht gefragt), wieviele der Downloads bezahlt wurden, ob sich der Befragte anschliessend die CD gekauft hat, oder ob er Britney Spears immer noch übelkeitserregend findet.

Fest steht, dass die IFPI Contentindustrie [danke an Marcus für seinen Kommentar] sich mit ihrer bescheuerten "Wo ist Papi?"-Kampagne und den darin enthaltenen Lügen (... bis zu fünf Jahren...) nicht gerade um Aufklärung und De-Eskalation verdient gemacht hat. Wer will denn schon noch fremden Leuten am Telefon oder im zur Gerichtsvorlage geeigneten Fragebogen erzählen, wie viel er wo runtergeladen, gebrannt, verschenkt hat. Wer sich die Zahlen, Balken und Torten der "Brennerstudie" vor's kritische Auge hält, wird schnell feststellen, dass es sich hier um üble Propaganda und Faktenverschleierung handelt.

Mit solchen Schmieren-Statistiken soll hierzulande Politik gemacht werden? Sorry, aber gerade hierzulande ist man etwas empfindlich mit sowas. Wegen der Geschichte, und der schlechten Erfahrungen mit Propaganda. Spätestens seit Herr Cuban mal etwas deutlicher wurde, wissen wir ja auch, wohin der Hase läuft: es geht um die Kontrolle der Musikvertriebswege, also um ein Errichten eines Monopols (Oligopols) um jeden Preis. Nee danke.

Um mal ein entspannteres Thema anzuschneiden: Der "ehrenwerte [fe]" kann gar nicht in Urlaub gehen. Eben weil weibliche Bootsektor-AutorInnen nicht zur Verfügung stehen. Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften mit Bild. [fe]

April 12, 2005 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (14) | TrackBack