« August 2005 | Start | Oktober 2005 »
29. September 05
Rebellion der Porno-Punks
Ein Hoch auf das Welt Weite Web, gelobt/gepriesen sei es und der Segen aller bekannten höchsten Wesen gelte ihm. Wie sonst kämen wir in den Genuss freizügiger Fotos junger, aggressiver Punk- und Gothic-Chicks, die neben Haut und Kurven auch politische Statements, wiederkehrende Sinnfragen und neue amerikanische Alltagsprosa posten? Und dazu in den von erbitterten Diskussionen um die politische Korrektheit einer solchen Website. Und, was mindestens genau so wichtig ist, in den von nicht minder erbitterten Diskussionen um die finanzielle Korrektheit solcher fotogener Gelegenheitsjobs. Für diejenigen unter euch, die nicht an bis auf gelegentliche Piercings unverhüllten Mädels interessiert sind, gibts heute noch enthüllende Bekenntnisse der Nasa ("Es war alles ein grosser Fehler, das Space Shuttle und die ISS"), und dass man sich jetzt von Google helfen lässt, dazu die beglückende Meldung, dass sowohl Herr Gates als auch Herr Ballmer nach einer selbstgenehmigten Gehaltserhöhung die 1-Million-Dollar-pro-Jahr -Schallmauer durchstossen haben.
Investigative Journalisten, wie man sie gerade unter Bootsektor-Autoren wiederholt anzutreffen pflegt, kennen natürlich aus langjähriger beruflicher Erfahrung alternative Porn-Websites wie die derzeit so medienwirksam streitenden Suicide Girls. Aber wann kann man schon im Rahmen eines IT-orientierten Newsportals darüber berichten? Wobei die kritische Wertung und professionelle Distanz zum Thema selbverständlich nicht extra betont werden muss. Im vorliegenden Fall wird zunehmend darüber berichtet, dass die Amateurmodelle der alternativen Porno-Webseite Suicide Girls einen Flankenangriff auf ihren bisherigen Brötchengeber reiten, einschliesslich eigener Weblogs und einer Flut von erbitterten Emails. Zickenalarm oder Demaskierung eines angeblich politisch korrekten und angeblich selbst von Feministinnen goutierbaren Erotikangebots?
Mir sowas von egal: die Mädels sollen meinetwegen ihren Standpunkt vertreten und höhere Gagen durchsetzen, wie in jeder anderen Firma auch. Bill Gates und Steve Ballmer tun sich da erheblich einfacher: sie drehen mal eben an der Lohnschraube, und zwar Spinal-Tap-kompatibel auf 11 (in diesem Fall Prozent), so dass das Jahressalär mal eben locker über die eine Mio flankt. Davon können die kunstvoll tätowierten Chicks nur träumen, die pro Fotosession grade 300 USD kriegen - immerhin bedeutend mehr als ein durchschnittlicher, untätowierter Bootsektorautor (pro Artikel), der wegen zwar strömungsgünstigem, aber ansonsten weniger fotogenem Volumen/Oberfläche-Verhältnis und indisktutabel geringem Metallanteil des Hautsektors auch beim maskulinen Pendant "Suicide Boys" keinen gutbezahlten Webspace erhielte. Man kann nicht alles haben. Naja, doch, aber nicht alles auf einmal.
Ich muss es wohl kaum extra erwähnen: heute geht es weniger um Pornografie, sondern um Rekursivität ("Um zu verstehen, was Rekursivität ist, muss du zuerst verstehen, was Rekursivität ist"). Nämlich um die den Medien inhärente, die zum Entstehen solcher konzentrischer Berichterstattungsringe an Tagen ohne neue Wirbelsturmmeldungen oder Koalitionsangebote führt. Dieser rekursive Hang der Medien zum Selbstbezug, also zum darüber reden, worüber man gerade redet, könnte sich auch positiv auf andere Zukunftsindustrien auswirken: soeben gestand NASA-Boss Michael Griffin, dass das alles ein einziger grosser Fehler war. Das Space Shuttle. Die ISS. Deshalb will man sich in Zukunft auch von Google unterstützen lassen. Die wissen, wie man eine Sache gross aufzieht. Damit sich jetzt niemand beschwert, es hätte schon wieder zuwenig Aufregendes im Bootsektor gegeben, hier der Link zu den Leuten, die wissen, wie man an die wirklich scharfen Sachen kommt. Mann, bin ich heut wieder rekursiv. [fe]
September 29, 2005 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack
27. September 05
Copyright ist Verhandlungssache
Genauer gesagt: Copyright ist eine Sache des Preises. Verhandelt wird dieser grade im Reich der Mitte des aufblühenden Kapitalismus, wo letzt-jahrhundertliche Musikfirmen die gerade heisseste chinesische Suchmaschine verklagt haben, weil sie es "den Nutzern zu einfach gemacht hat, MP3s zu finden". Böse. Wie soll man da sein jahrzehntelang gehätscheltes, kartellgestütztes Marktmonopol am Laufen halten? Gerade in Zeiten, die dem Konsumenten DSL-Bandbreiten von 24 MB anbieten? Wie soll man die denn ausnutzen ohne Esel und Maultier? Auch schwierig: Der Sprit wird mit jedem neuen Wirbelsturm teurer, das (neben dem Monopolkapitalismus) höchstgeschätzte amerikanische Ideal ist in Gefahr - die uneingeschränkte Mobilität. Präsident George Dabbeljuh weiss Rat. Die NASA sucht diesen am Rand unseres Sonnensystems, während die ESA feindliche Asteroiden angreift. Aber jetzt mal zurück an den Verhandlungstisch.
Im Mutterland des Pragmatismus ("Der Kapitalismus ist ein Papiertiger") wird derzeit im Beisein eines Richters um den Preis des Urheberrechts gefeilscht. Universal, EMI, Warner und SonyBMG auf der Anklägerbank, die chinesische Supersuchmaschine (grösser als Google) Baidu auf der Verteidigerseite. Wo ist das Problem? Baidu hat eine Suchfunktion, die auf das Finden von MP3s zugeschnitten ist. Tolle Sache. Nur: die Musikkonzerne finden, dass dadurch Internetnutzer besonders leicht an Musik kommen, ohne jetzt unbedingt was dafür bezahlen zu müssen. Deswegen soll Baidu mal pauschal rund 200.000 US-Dollar symbolisch auf den Richtertisch blättern. Vielleicht findet man ja zu einem Vergleich? Vielleicht dient ja der Deal zwischen dem britischen DSL-Anbieter Playlouder und Sony BMG (wie auch den gesamten britischen Indie-Labels) als Vorbild, wo gegen Zahlung einer pauschalen Summe das Benutzen von P2P innerhalb der Playlouder Kundschaft legal, weil lizensiert, ist. Ich hab übrigens bei SonyBMG in München angerufen, mir den zuständigen Mann geben lassen (Name ist der Redaktion bekannt) und mal direkt danach gefragt. Natürlich konnte er "nichts dazu sagen". Wie auch.
Vielleicht sollte ich statt dessen in Washington anrufen und George Dabbeljuh verlangen. Der weiss nämlich Rat, selbst in der aktuellen selbstgebastelten Energiekrise. Nicht, dass es kein Benzin mehr gäbe bei Gottes eigenen Highway-Tankstellen. Es wird nur immer teurer, entsprechend unbeliebter wird der Präsident mit seinen kostspieligen arabischen Abenteuern. Die Abhilfe für steigende Spritpreise: einfach weniger fahren. Dass wir da nicht von selber drauf gekommen sind!
Andere grosse Rätsel unserer Zeit bleiben bisher ungelöst. So bietet der britische Internetprovider Be viagra-verdächtige 24 Megabits pro Sekunde für einen Monatspreis von 24 Pfund. Wie bitte soll man das ausnützen? Mit HDTV-over-Internet? Oder einfach die Filme kurz vor Kinostart umsonst runterladen? Vielleicht löst die NASA ja den gordischen Knoten, die immerhin grade meldet, dass sowohl Voyager Eins als auch Zwei definitiv und über jede Diskussion hinaus den Termination Shock überwunden haben. Das ist ganz hinten im Sonnensystem, wo der Sonnenwind Messungen zufolge extrem an Dampf verliert. Macht nichts, die beiden Sonden haben noch Energie für weitere 15 Jahre Forschungstätigkeit. Eben diese will die ESA in Praxiserfahrungen umsetzen. Sonnensystemrand hin oder her, aber was machen wir, wenn so ein blöder Asteroid auf die Erde fällt und der vertraute Alltag sich endgültig in einem schlampig hingefilmten Hollywoodstreifen verwandelt? Eben. Deswegen soll mal ein Asteroid testweise aus der Bahn gerempelt werden, und zwar entweder 2002 AT4 oder (10302) 1989 ML, im Rahmen der "Don Quichote"-Mission. Unsere besten Wünsche, auch an die anderen heute vorgestellten Glücksritter. Im Namen der Wissenschaft! Machts gut! [fe]
September 27, 2005 in PC vs. Copyright, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack
26. September 05
Quick and Dirty
Schnelle Lösungen für drängende Probleme - das wollen wir doch alle. Ja, Chef, selbstverständlich, Chef, wird sofort erledigt, Chef. Was dabei rauskommt, versuchen wir gerne zu verdrängen, gerade an einem frühherbstlich schönen Montagvormittag. Nicht alles lässt sich mit den bewährten Mitteln der Bürokratie aus der Realität in den ewigen Aktenstaub treten, wie dies derzeit in China versucht wird. Im Westen benötigt man demokratische Regeln, Wahlfreiheit und ordentliche Gerichte für das selbe Ergebnis: Wenn sich durch DRM entwertete CDs und DVDs nicht auf meinem Mac oder Pinguin abspielen lassen, kann ich mir auch einen CD-Player holen, oder? Wenn Kreditkartenfirmen meine persönliche Daten "verlieren", dürfen sie den Mantel des Schweigens drüber breiten. Allerdings ist auch die neueste Firmware nicht vor Befreiung durch emsige Datenheimwerker sicher, ebensowenig wie der ahnungslose Karibikschwimmer vor Giftangriffen durch militärisch ausgebildete Delfine. Und was lernen wir daraus?
Diese Delfine, 36 an der Zahl, sind in den letzten Jahren von der US Navy ausgebildet worden, um Selbstmordbombenschwimmer und Spiontaucher mit Giftpfeilen zu betäuben, damit diese Schurken von den nationalen Sicherheits-Behörden eingesammelt ausgequetscht und anschliessend entweder ausgetauscht oder in Guantanamo für immer isoliert werden können. Die gelehrigen Tierchen wissen, dass man dazu nur Leute in Neoprenanzügen beachten muss. Nach den beiden jüngsten Angriffen auf US-Territorium (durch klimagewandelte Hurrikane) ist unklar, wo die Flippers abgeblieben sind. Oder warum Hans Müller noch nicht von seinem Tauchausflug zurück ist. Hat jemand "Open Water" gesehn?
Vielleicht hat er ja auch nur die neue Playstation Portable dabei, das derzeit heisseste Multimedia-Spielzeug. Besonders heiss deswegen, weil die angeblich crack-sichere Firmwareversion 2.0 jetzt auch wieder frei zugänglich ist: Datenheinzelmänner mit dunklen Brillen und technisch klingenden Namen machen aus dem handlichen Alle-Medien-Player von Sony erneut ein mobiles Kommunikationstool mit unbegrenzten Anwendungsmöglichkeiten und ohne DRM. Digitales Revolutions Management? Wie?
Das beflügelt natürlich die Softwareindustrie. Jetzt will man nach den Callcentern auch die Produktion von Computerspielen nach Indien outsourcen. Klar, is ja alles viel billiger dort herzustellen. Nur dumm, dass die karrierewilligen Bewohner des Drittwelt-Schwellen-Subkontinents wegen Existenzkampfs bisher keine Zeit zum Zocken hatten, und aus Mietniveaugründen auch mit Bank- oder Programmiererjob in den vorstädtischen Wellblechslums logieren müssen. Schnelle Lösung: die kriegen einen zweiwöchigen Intensivkurs im Spasshaben, mal so richtig 12 Stunden am Tag nur Computerspielen. Die lernen das schon.
Wer es dagegen nicht lernt, sind die Chinesen. Die ja materiellen Wohlstand über alles lieben. Ausser der Bürokratie, nach konfuzianischem Verständnis die (schnelle) Lösung für alle Probleme. Deswegen müssen jetzt alle Inhalte, die im Internet Chinanet veröffentlicht werden sollen, erst von Beamten geprüft und freigegeben werden. Nur "gesunde" Nachrichten, bitte!
Nicht so was wie: Kreditkartenfirmen müssen laut aktuellem kalifornischem Gerichtsentscheid ihre Kunden nicht benachrichtigen, wenn deren persönliche Daten verschlampt wurden und daher Wohlstand und Kreditwürdigkeit in Gefahr sind. Oder: Wenn DRM-verseuchte Ton- und Bildträger nicht auf deinem Mac oder Linux-PC laufen, kauf dir gefälligst einen normalen CD- oder DVD-Spieler und hör auf zu jammern. Sagt uns Tommi Kyrrä von der IFPI in Finnland. Und dass Musikhören auf dem Computer sowieso ein Extraprivileg sei. Normale Leute benutzen nämlich Stereoanlagen. Ah. Gut zu wissen. Dass es noch so einfache, schnelle Lösungen gibt. Geil, irgendwie. Und was wir daraus lernen? Wie immer: Garnix. [fe]
September 26, 2005 in Servicefreie Zone, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack
21. September 05
Wir sind Bundeskanzler
Germania Felix. Erst waren wir Weltmeister, dann Papst, jetzt Bundeskanzler. Und zwar alle. Jeder. Ich bin auch richtig überrascht, wie sehr die letzte Bootsektor-Kolumne "Klare Wahlempfehlung" eingeschlagen hat. Kaum weist man mal darauf hin, wie bunt die nationale Parteienlandschaft ist, nicht zuletzt durch die kürzlich durchgeführte Wiedervereinigung (die von Oskar und Gregor), schon kehren italienische Verhältnisse ein und jeder wählt, wozu er Lust hat. In gewissem Sinn kehren ausserdem amerikanische Verhältnisse ein: Politiker zeichnen sich vor allem durch ihren Unterhaltungswert aus und sollten daher durch proportional steigende Gehälter entlohnt werden. In der IT gilt ein reziprokes Prinzip: je höher der Unterhaltungswert und damit die Zustimmung in der Bevölkerung mit nachfolgender Produktionssteigerung, desto niedriger die Endverkaufspreise. Hier einige Beispiele.
Geniale Spielidee: ein Mediaplayer-Gehäuse mit typischer Spielkonsolen-Knopf-Bestückung und nettem 320x240-Display, zwei AA-Batterien drin, zwei 200-MHz-CPUs, USB-Anschluss und ne randvolle CD mit Spielen (einschliesslich Quake), Media-Software und einem kompletten SDK zum Programme-Selberbasteln, Embedded Linux (wie der deutsche Bundestag) und Memory-Erweiterung per SD-Karte - zur Zeit online für 125 britische Pfund zu haben. Das wären aktuell 185 Euren. Zum Vergleich: die Sony PSP kostet 249 altkontinentale Schleifen. Ohne SDK. Aber mit UMD. Da fällt die Wahl schwer.
Auch schön und eine Zierde jeder modernen Heimstatt: das von der italienischen (siehe oben) Firma Creatina entwickelte GTC Professional Racing Cockpit, das dem Realismus bisheriger Rennsimulations-Lenkräder schon mal eine Runde voraus ist: Sitz plus Steuerrad plus Fusspedale plus Instrumente, alles in einem Hometrainer-artigen Gestänge montiert. Winziger Nachteil des ansonsten ausgereiften Virtual Racers: man kann ihn nicht kaufen (was bei Politikern eher als Vorteil zu werten wäre) weil der Shop noch nicht online ist.
Besonders nützlich angesichts drohenden Wiedererstarkens der Kernkraft im Fall einer Schwarz-Gelben Minderheitsregierung: die Gammamaster-Armbanduhr, die maskulin-sportliches Design mit einem voll funktionalen Geigerzähler verbindet. Schmutzige Al-Qaeda-Bomben? Verloren gegangene Castor-Behälter? Geplatzte Rohre in altertümlichen Druckwassser-Reaktoren? Mit der Gammamaster hat das Rätseln ein Ende, auch die durchschnittliche Tagesdosis wird angezeigt, für 485 US-Dollar plus Fracht.
Stets um Eindämmung von Kriminalität besorgt und Schöpfer diverser Massenphönomene, Revolutionen und Zeitgeist-Items, erklärte Steve Jobs auf der aktuellen Apple Expo in Paris, dass die "gierige Musikindustrie" mit ihren Forderungen nach mehr Geld pro iTunes-Download bei ihm auf Granit beisse. Denn eine Erhöhung der Preise würde die Konsumenten in Scharen zurücktreiben in die weit offen wartenden Arme der Piraterie. Wobei man an dieser Stelle erklärend hinzu fügen sollte, dass Piraterie im Fall von Produkten tatsächlich das Herstellen und Verkaufen von gefälschten Produkten bedeutet. Das private Anbieten von Musikdowloads aus keinem kommerziellem Interesse und aus reiner Liebe zur Musik hat nachgewiesenermassen keinen Einfluss auf Verkaufszahlen und verstösst maximal gegen die urheberrechtliche Klausel vom nichtgenehmigten öffentlichen Zugänglichmachen. Nur: "Haltet den ungenehmigt öffentlich Zugänglichmacher!" ruft sich eben schlecht. Und die Verkürzung komplexer Sachverhalte auf griffige Kurzthesen wie "Mehr FDP, mehr Arbeit" (*omfg*) durften wir in den letzten Wochen bis zum Erbrechen miterleben.
Da warten wir doch lieber mal kurz bis zur nächsten unausweichlichen Berliner Runde mit dem beliebten Stand-Up-Bundeskanzler Gerhard Schröder (ungekühlt über sieben Gigahertz) und einem breiten Angebot von Auslaufmodellen, gewagten Kombinationen und handfesten Beweisen dafür, dass Statistiken nichts taugen, wenn man sie nicht selbst gefälscht hat. [fe]
September 21, 2005 in Hart & Halbleitend, Servicefreie Zone, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack
15. September 05
Klare Wahlempfehlung
Andere Online-Publikationen machen das auch: eine mehr oder minder klare und manchmal auch in sich widersprüchliche Wahlempfehlung abgeben. An diesem Sonntag ist es soweit. Und sag keiner, der Ausgang dieser Bundestagswahl hätte für die heimische boden- und/oder mittelständische IT-Industrie keine oder nur geringe Bedeutung. Softwarepatente, Vorratsdatenspeicherung (auf wessen Kosten?), Urheberrechtsnovellierung (zu wessen Gunsten?), Steuergesetzgebung, Tarifautonomie oder einfach nur das Verhältnis einer politischen Gruppierung zur Welt der Daten. Also mal umgesehen: was findet sich auf den Webseiten der Parteien, und was sagt der Wahl-o-mat? Ganz wichtig: und was sagt der Bootsektor?
Erst einmal auf die Parteien-Websites gesurft. In alfabetischer Reihenfolge und mit ungewohnt knappen Kommentaren. Und kein Gemecker deswegen. Bootsektor-Leser wissen genau, aus welcher politischen Ecke diese Kolumne kommt. Notfalls nochmal alles lesen.
Bei der CDU sieht man online einen typischen Wahlkampfauftritt von Frau Merkel: das Versprechen "Wahlkampf rund um die Uhr" ist auch auch am Gesicht der sichtlich gestressten Protagonistin abzulesen, darunter besuchen weitere Parteimitglieder Bäcker und Taxifahrer.
Die CSU, klickt man sich vorbei an strahlend-blauen urlaubs-athmosphärischen Stoiber-Portraits und Wahlplakat-Angeboten, präsentiert stolz ihren personellen Beitrag zur Demokratie: so viele Kandidaten können nicht irren!
Die FDP ermuntert den Polit-Surfer zur individuellen Erneuerung des Landes und bietet ein interaktives FDP-Sommerrätsel. Ähm. Ich weiss auch nicht, wo der hingekommen ist. Ich seh nur bunte, herumsegelnde Blätter auf den Strassen. Die versprochenen "Interaktiven Infos" entpuppen sich als Text mit Hyperlinks drin. Immerhin.
Bei den Grünen fühlt man sich als Gewohnheits-Surfer unwillkürlich zuhause: neben Joschka-Bildern und auffallend wenig Gejammer über irgendwelchen fiktiven Wirtschaftkrisen werden die grünen Zugriffsstatistiken präsentiert, kleine Banner im Sidebar führen zu Audio- und Video-Downloads.
Die SPD empfängt uns mit einem Videostream: der Kanzler spricht (mit abschaltbarem Audio). Gleich daneben gibt's Blogs und Podcasts. Nur diese Khaki-Farbe... musste das sein?
Bei der erst kürzlich von Oskar wiedervereinigten WASG "Die Linke" setzt man traditionell klassenkäpferisch noch auf die Kraft des Wortes. Teilnahme am Forum nur für eingetragene Parteigenossen.
War das jetzt informativ? Wissen wir mehr? Bei letzten Zweifeln greift der technikerfahrene Internetnutzer doch mal gerne zum Wahl-O-Mat, der schon im Bootsektors-Kleine-Schwester-Blog der Internet Professionell vorgestellt wurde. 30 Fragen zu den Kernthemen dieser Wahl, im Datenbankabgleich mit den Wahlprogrammen der fünf (plusminus regionale Fortsätze) grossen Parteien. Kurzweiliges Durchklicken und Nachbewerten der Kernfragen um Wehrpflicht, Abtreibung, Cannabis, Mindestlohn. Noch ein Mausklick, dann das Ergebnis. Waas? Die spinnen doch! Ich wähl doch nicht die PDS! Das könnt ja meinetwegen ihr machen, liebe Leser. Und den nächsten Bootsektor gibt's, wenn überhaupt, dann nach der Wahl. Ausser man hat mich gleich noch Sonntagnacht (und eventuell auch meine Kollegen [mk], [dj] und [rm]) wegen allzu offener, kritischer und real-sarkastischer Meinungsäusserung verhaftet. Aber das glaub ich nicht. Ähm. [fe]
September 15, 2005 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack
14. September 05
Luftkrieg: Sun gegen Dell
Wenn IT-Konzerne nicht mehr weiter wissen, die Strategien fehlschlagen, die Marktdominanz bröckelt, die Unternehmensziele wanken, dann ist es Zeit für kühne Überraschungsschläge und Luftüberlegenheitsaktionen. So kürzlich geschehen im Silicon Valley, als Flugzeuge unter dem flatternden Banner von Sun Microsystems direkt auf das Hauptquartier von Dell vorrückten, um sowohl die Luft- als auch die technische Überlegenheit der grossen alten Server-Supermacht zu demonstrieren. "Pass auf, Dell, wir haben einen x84-64-Server!" Bootsektor: "Pass auf, Sun, wir haben die Beweisfotos für das unerlaubte Eindringen in den Dell-Luftraum". Oder: "Pass auf, Microsoft, der Firefox gewinnt schon wieder weitere Marktanteile (ebenso wie Safari und Opera)!" Panasonic: "Pass auf, Musikindustrie, wir verkaufen ein tragbares Kopiergerät für SD-Karten (und damit für MP3-Archive in Mobiltelefonen)!" Bootsektor berichtet jeweils direkt von der Frontlinie...
Nicht nur Yahoo leistet sich jetzt einen Kriegsberichterstatter, auch der Bootsektor ist seit über einem Jahr überall dort zu finden, wo in der IT/TK-Industrie etwas schief läuft. Hier erste Bilder von Kevin Sites (Yahoo!) und [fe] (Bootsektor!), die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen.


Von anonymen Weblogkorrespondenten verbreitet wurden dagegen die Originalaufnahmen vom Konfliktort beim Aufeinanderprallen von Sun und Dell. Hier zwei Bilder, einmal von der nahenden Sun-Luftflotte, dann ein Detailfoto des Propaganda-Angriffs.


Bislang nicht bekannt ist dagegen, ob es zu Kollateralschäden (ausgerenkte Hälse, überanstrengte Augen etc) kam. Sicher ist allerdings, dass nach wie vor Katrina-Kollateral-Schäden auftreten. Unabhängige Blogger berichten, dass man auf eigene Faust durch fast verlassene Stadtviertel New Orleans' fahren kann und auf Sterbende trifft, ganz egal was die offizielle US-Hofberichterstattung vor laufender Kamera behauptet.
Zurück zum Thema: Sun greift den Erzfeind Dell nicht nur aus der Luft an, sondern rückt auch auf den Hochglanzebenen der 4-Farb-Anzeigen und Banner-Ads vor. Ebenso wie Microsoft einen mehr oder weniger organisierten Rückzug aus der Vorherrschaft über das Internet durchführt: Nach kurzer Verschnaufpause, wie offizielle Zahlen belegen, zeigen Firefox, Safari und Opera wieder Geländegewinne. Keine Gewinne dürfte die Musikindustrie mit Mobiltelefonen einfahren, auch wenn jeder Musikmanager immer mindestens drei davon dabei hat: Panasonic stellte jetzt ein hosentaschengrosses Kopiergerät für SD-Karten vor. Damit die eigene MP3-Sammlung auch über dem Schulhof kreisen kann, wie andernorts die IT-Propaganda-Flieger.
Zum Abschluss noch eine gute Nachricht: am gestrigen Mittwoch wurde Mario 20 Jahre alt. Mario wer? Na Mario, der beliebteste Klemptner der Welt. Wir gratulieren! [fe]
September 14, 2005 in Hart & Halbleitend | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack
12. September 05
Die 6 dümmsten Ideen zur Computersicherheit
Der Security-Experte Marcus Ranum aus Morrisdale im US-Bundesstaat Pennsylvania macht sich nicht erst seit neulich nachmittags Gedanken über die fundamentalen Irrtümer der IT-Industrie. Er schrieb ein Buch mit dem Titel "The Myth of Homeland Security", in dem er über das Märchen von mehr Sicherheit durch mehr Bürokratie berichtet. Dieses Buch ist aber nicht Gegenstand des heutigen Bootsektor-Beitrags, sondern die Liste der "sechs dümmsten Ideen zur Computersicherheit", die er auf seiner eigenen Website veröffentlicht hat. Wenn man sich durchliest, was der Mann da schreibt, muss man nicht nur immer wieder schmunzeln, sondern auch ein gewisses Gruseln unterdrücken - so treffend hat er die konzeptionellen Fehler unseres IT-Sicherheitsdenkens beschrieben. Im Einzelnen:
Als wichtigste Dummheit nennt Ranum "Default Permit" - es ist in der IT-Industrie seit jeher der Brauch, alles zuzulassen, was nicht von vorneherein verdächtig wirkt. Leuchtendes Beispiel für diese konzeptionelle Dummheit ist Microsoft Windows, dessen Voreinstellung jeden Benutzer als Systemadministrator behandelt. Bei Linux oder Mac OS X ist das nicht so, aber das steht auf einem anderen Blatt. Ranum schlägt statt dessen "Default Deny" vor - also eine Voreinstellung, die das Ausführen von was auch immer welchem Code grundsätzlich verbietet, bis der Benutzer dies erlaubt. Durch diese Änderung wären Viren zunächst einmal wirkungslos.
Als Variation der Dummheit Nummer Eins kennen wir "Enumerating Badness", also Listen der bekannten Malware und Sicherheitsprobleme. Davon lebt zwar die AntiViren-Industrie, aber gleichzeitig wird durch die Konzentration auf's Löcherstopfen sichergestellt, dass immer ein paar ungestopfte übrigbleiben.
Noch eine Variation: "Penetrate and Patch": Löcher erkennen und stopfen, so dass jeder dass Gefühl hat, dass etwas getan wurde, ohne dass sich die Situation wirklich verbessert.
Ein Riesenproblem für die Industrie: "Hacking is Cool" - denn so werden Codeknacker zu Helden stilisiert und Leute zum Mitmachen angeregt. Obwohl ich natürlich auch finde, dass Hacken cool ist, entsteht daraus sicher jede Menge Ärger, vor allem in Kombination mit der oben beschriebenen "Dumbness by Default"-Philosophie.
Noch erwähnenswert und aus Ranums reichem Erfahrungsschatz begründet: "Educating Users" - das über Jahrzehnte hinweg nicht funktioniert hat. Sicherheit ist keine Angelegenheit der Benutzer, sondern der Hersteller. Warum sollen Benutzer dazu erzogen werden, sich monatlich, wöchentlich, stündlich (bei manchen AV-Anbietern) Patches herunter zu laden? Wieso funktioniert das nicht von selber? Weshalb kümmern sich die Hersteller nicht darum? Marcus Ranum ist einer der Erfinder der Firwall. Ich denke, er weiss, wovon er redet.
Samsung, Hersteller schicker Computer und Gadgets aus Südkorea, weiss ebenfalls wo's langgeht: Der neue DVD-TR520 kostet keine fünfhundert Schleifen und hat zwei DVD-Laufwerke an Bord. Richtig, zum direktkopieren. Wer braucht da noch P2P? [fe]
September 12, 2005 in Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (15) | TrackBack
08. September 05
Sexy Katrina
Also gut. Der Sturm ist vorbei, die Dämme geflickt, die Stadt wird leergepumpt. Mehrere tausend Menschen kamen direkt durch den Hurrican mit Luftgeschwindigkeiten bis zu 270 km/h um, viele sind ertrunken, jetzt schickt die US-Regierung 25.000 Leichensäcke nach New Orleans. Tausende sind nach dem eigentlichen Unglück ums Leben gekommen, weil keine Hilfe kam, weil Leute auf Dächern sitzend in einem giftmüll- und bakterienvereuchten Müllsee verdurstet oder verblutet sind. Hilfe bekam, wer auf der richtigen Seite stand: wer in einem höher gelegenen, besseren Viertel wohnt, ein Auto mit gefülltem Tank besitzt. Registrieren kann sich bei der Katastrophenbehörde nur, wer über einen Windows-PC mit Microsoft Internet Explorer 6 oder höher verfügt. Die IT-Branche hat bereits daraus gelernt.
Vor einer Woche hat sich die globale Klimakatastrophe ganz hüllenlos und ungeschminkt im Süden der USA sehen lassen. Zwölf Stunden nach dem verheerenden Sturm brach ein kleinerer Damm im Inland und liess New Orleans, die Perle des Südens, bis zu sechs Meter tief voll Wasser laufen. Es gab keine Notstandspläne, Menschen flohen ins halbverfallene Football-Stadium - einfach weil es keinen anderen Platz gab, wohin sie gehen konnten. Wer kein Auto hatte, sondern die Stadt zu Fuss verlassen wollte, wurde von der Nationalgarde zurück geschickt. Elektrizität und Telekommunikation brachen sofort zusammen, von einzelnen hochhaus-bewohnenden Start-Ups mit Dieselgeneratoren abgesehen. Computernerds sammelten, um ein unabhängiges Kommunikationsnetz im Notstandsgebiet einzurichten. Der Präsident kam einige Tage zu spät und spielte Gitarre. Und die IT-Branche?
Die IT-Branche steht relativ schweigend da und überlegt, wie man ein ähnliches Dilemma vermeiden könnte. Mag sein, dass der Hurrican Hunderte oder sogar Tausende direkt umgebracht hat. Mag sein, dass viele ertranken, als der Damm brach. Davon waren aber eher die Leute in den schlechten Vierteln weit unterhalb des Meeresniveaus betroffen. Wie viele von den über 10.000 Opfern aber verdurstet oder durch ausbleibende medizinische Versorgung umkamen, wird wahrscheinlich nie veröffentlicht. Die meisten der Unglücklichen, so belehrt die Statistik, waren Farbige und stimmten bei der letzten Wahl gegen Bush und für die Democrats. Beides trifft mehrheitlich auf die Bevölkerung von New Orleans zu. Die Budgets für nationale Notstandsmassnahmen waren zugunsten des Irakkriegs gekürzt worden.
Yahoo lieferte der chinesischen Regierung Informationen, die zur Verhaftung eines regiemekritischen Journalisten führten. Google stimmte dort schon vor längerem einem Filter zu, der chinesischen Google-Nutzern kritische Inhalte vorenthält. Die US-amerikanische Katastrophenbehörde FEMA nimmt Hilfeanträge aus den Ruinen von New Orleans nur denn entgegen, wenn sie von einem Windows-PC mit Microsoft-Browser aus gestellt werden. Natürlich darf jeder Mensch alles tun, um sein Geschäft am Laufen zu halten. Natürlich werden sich Gelegenheitsleser dieses Weblogs wundern, warum die Überschrift "Sexy Katrina" lautet, und ob das nicht etwa zynisch wäre. Ja, ist es. Und bevor Polykarp wieder fragt: ja, der Skandal von New Orleans, die unterlassene Hilfeleistung durch einen lächelnden Präsidenten, dient hier als zugegebenermassen ziemlich grässliche Metapher für die so nonchalant ignorierte politische Bedeutung der IT-Branche. [fe]
September 8, 2005 in Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack
05. September 05
IFA 2005: Richtig viel Spass
Es dürfte meine geschätzten LeserInnen nicht überraschen, aber auch die diesjährige Internationale Funkausstellung hat ihren Bootsektor. Wie sollte man das Ganze sonst auch neu formatieren? Das Wichtigste vorneweg: wir brauchen keine Angst mehr zu haben. Keine Angst vor dem Dunkel: Die Fernseher werden grösser und schärfer, das einen Meter breite Heimkino plättet zuverlässig jeden Abend. Keine Angst vor der Zukunft: Forschung in Deutschland bringt atemberaubende Ergebnisse und kann sich im internationalen Vergleich sehen lassen. Keine Angst vor den Chinesen: die kochen auch nur mit Wasser. Dazu gratis: IFA-Bilder, die es sonst nirgendwo zu sehen gibt.
Der Best-of-Show und Bootsektor-Sonderpreis für den heissesten Messestand geht an Sony. Kann ja sein, dass die Four-Letter-Company grade keinen Plan hat, wie man Gewinne einfährt, dafür werfen sie ihre Millionen wenigstens für gelungenes Design raus.

Dagegen ist bei ARD und ZDF jede Menge Platz in der ersten Reihe. Auch sonst gabs jede Menge UFOs zu sehn.
Commodore (oder wer eben grade den Namen besitzt) stellt stolz die Relikte des vergangenen Ruhms aus, will aber eigentlich mit einem Musik-Nachfüll-Automaten Geld verdienen. Dieser allerdings befüllt nur Mediaplayer, die mit dem Digitalen Restriktions Management von Windows kollaborieren. Und wer will das schon?
Der Vinyl-Plattenspieler ist übrigens nicht tot, sondern nur unbezahlbar. Dieses Modell ist angeblich 2500 Euro wert.
Natürlich gab's auch ruhige Ecken auf der ansonsten gut gefüllten Messe. Und tauchende Digitalkameras.
Wirkliche Sensationen? Ja! Das Fraunhofer Institut zeigte buchstäblich greifbare 3D-Objekte und intelligente Golfbälle. Spielerei? Im Gegenteil: Warum müssen Computer immer beige sein und auf dem Schreibtisch herumstehen? Statt desssen kann man sie dort einbauen, wo sie gebraucht werden. Wie in Audio-Systeme. Ein Fraunhofer-Testraum auf der IFA mit einem intelligenten Lautsprecher-System schafft, wovon andere nur träumen: an jedem Punkt des Raums der exakt gleiche Klang, keine Verfärbungen beim Herumlaufen, jedes Instrument ist genau zu orten. Die Kosten bleiben im Rahmen üblicher Beschallungsanlagen. Also ganz was anderes als 6+1-Systeme, die sich von konventionellen Stereo-Setups bekanntlich nur durch den Preis unterscheiden.
Das andere Ende des Innovationsspektrums gab es in den "International Halls" zu sehen. Chinesische Firmen präsentieren hier ihre Produkte in der Hoffnung auf lukrative Lieferverträge. Zum Beispiel für elektrisch betriebene Fussbadewannen und andere Küchengeräte.
Absichtlich nicht in diesem Bootsektor-Beitrag enthalten: dralle Booth-Babes, blasse Plastiktütenjäger sowie schräggestreifte Krawatten. Das zeigen schon alle anderen. [fe]
September 5, 2005 in Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack




