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29. März 06
Bumerang trifft Bertelsmann
Es ist überall zu lesen, von der coolen Betanews bis zur rosa Fachpostille für Unternehmerprobleme: Bertelsmann will aus dem Musikgeschäft aussteigen. Sowohl die 50%ige Beteiligung am transpazifischen Mischlingskind SonyBMG, als auch der mit Verwertunglizenzen dick gepolsterten BMG Music Publishing soll versilbert werden. Warum die Eile? Weil ein Viertel des Bertelsmannimperiums bereits belgischen Heuschrecken gehört (Groupe Bruxelles Lambert), die ihre eigenen Pläne haben. Da muss man schnell zurückkaufen, sonst trifft der Globalisierungsbumerang diesmal den einflussreichsten deutschen Buchclub und nicht nur dessen zahlreiche Kunden. Der geplante 2-Milliarden-Deal hat tatsächlich weitreichende Konsequenzen.
Vor einigen Jahren versuchte Bertelsmann, in den Zukunftsmarkt der Computer- und Videospiele einzusteigen. Ein Debakel. Inzwischen ist von diesem Abenteuer nichts mehr übrig. Wenig später schlug der Bücherwurmkonzern das Angebot Napsters zur Zusammenarbeit und lizensierten Distribution von Musik über das Internet aus, klagte im Kartellverein der Tonträgermogule das junge Unternehmen in den Ruin und kaufte dann den Laden. Also wird mit millionenschweren Werbebudgets versucht, den ehemals guten Namen der Musiktauschbörse für einen Abodienst zu missbrauchen: Musikhören, soviel man will, solange man bezahlt und bezahlt, Monat für Monat. Hat da jemand grade "Buchclub" gesagt"?
Und weil das alles nicht funktioniert, greift man zur Ultima Ratio des Managertums: eine Fusion muss her. Am besten mit einem zweiten Wackelkandidaten: Sony Music. Die solchermassen geschmiedete Nummer Zwei auf dem internationalen Schallplattenmarkt entwickelt sofort innovative Marketing-Strategien: Auf ganz normalen Musik-CDs versteckte Rootkits nisten sich auf den PCs der Käufer ein, machen diese anfällig für Viren und Trojaner und besudeln gleichzeitig zwei ehemals strahlende Markennamen. Nachdem sich allgemein die Ahnung durchsetzt, dass der übermässige Genuss von Kokain auch bei konsequentem Tragen von Nadelstreifen-Schutzanzügen erkennbar bleibende Schäden verursacht, muss auch hier ein Ausweg gefunden werden.
Na, und da erinnern wir uns doch gerne an die belgische Investorengruppe Groupe Bruxelles Lambert, der bereits ein Viertel von Bertelsmann gehört und die ein Minoritätsrecht hat, dass den Börsengang des bisher privat kontrollierten Medienmolochs bewirken kann. Das hiesse: ausgeliefert dem freien Spiel des Marktes, wäre schnell Schluss mit nachmittäglichem Kaffee und Kuchen bei Anschi, mit Schlagsahne und passender Abänderung des Urheberrechts. Dann wären die harten Knochen der Branche am Drücker, die Lobby-Weltmeister von Vivendi Universal. Nachdem sich die Unionsfraktion im Deutschen Bundestag seit Jahren erfolgreich gegen ein Gesetz zur Offenlegung von Abgeordneten-Nebeneinkünften wehrt, kann ich euch leider nicht sagen, wer dort alles auf der Lohnliste der ehrenwerten Musik- und Filmfamilie steht.
Nur: jetzt wird der Plattenladen verkauft, die Bertelsmänner verschanzen sich wieder in Gülle und konzentrieren sich auf Kernthemen wie Unterschichtsfernsehen und... Buchclub. Der Tonträgermarkt wird dann in Deutschland zu 80 Prozent von Vivendi Universal und Warner kontrolliert (EMI gilt als Übernahmeempfehlung), Arbeitsplätze hierzulande fallen komplett weg (indische Anwaltsbüros schreiben Massenabmahnungen umgerechnet für eine Schüssel Reis). Schwarzmalerei? Nicht im geringsten.
Eine Bitte noch an meine geschätzten Leser: ja, ich weiss, ihr habt feierliche Eide geschworen, keine Produkte der Musikmafia mehr zu kaufen. Das ist auch löblich und anerkennenswert, aber bitte vergesst nicht, dass dieses Land, wie alle andern auch, in hohem Mass von Leuten bewohnt wird, die einfach nur von Erfolg, Glück, und anderen unerreichbaren Dingen träumen wollen und die deswegen ihre Mindestlohneinkünfte gerne für glitzernde Dinge ausgeben, die ihnen im TV gezeigt werden. Ein Konsument ist jemand, der keinen persönlichen Bezug herstellt zwischen einem gekauften Produkt und seinem eigenen Leben, sondern zwischen diesem Produkt und einem erträumten Leben. Aber mehr dazu ein andermal, Gelegenheiten für immer neue Bootsektoren gibt es auch in Zukunft reichlich, da bin ich ganz sicher. [fe]
März 29, 2006 in PC vs. Copyright, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (4) | TrackBack
24. März 06
Killerspiele sind gut für Kinder
Da sitzen sie zu Millionen vor den flackernden Bildscirmen, quälen sich durch düstere Katakomben, sammeln Waffen und anderes Kriegszubehör an mitunter schwer zugänglichen Stellen und entleeren mitleidlos die Magazine ihrer Schnellfeuerwaffen auf fremdartig oder auch bedrohlich aussehende Wesen. Regelmässig, vor allem wenn die Zielscheiben-Aliens knapp werden, richten die Millionen minderjähriger Teilzeitbewohner der virtuellen Katakomben ihre Tötungswerkzeuge auch gegeneinander, verwandeln Mitschüler, Freunde und Fremde in Hackfleischbällchen oder bejubeln besonders stilistisch gelungene Kopfschüsse. Und das ist gut so.
Kein Problem für den mit überdurchschnittlicher Intelligenz und Vorstellungskraft gesegneten Bootsektor-Leser: wenn unser lieber Vater im Himmel auf die Idee kommen sollte, in seiner unerforschlichen Weisheit mal eben mit dem Finger zu schnippen und somit alle Shooter-Spiele in eine andere Dimension zu beamen - was machen die Millionen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen dann in ihrer Freizeit? Dann hätten wir ein echtes Problem.
Sollten sie, wie es Elfenbeinturmbewohner, Rechtsprofessor und Ex-Innenminister Christian Pfeiffer vorschlägt, lieber in einen Fussballverein gehen, um dort Erfolgserlebnisse und Mannschaftsgeist einzuatmen? Abgesehen davon, dass die Sportförderung in unserem Land mehr Wert auf Korruptionsskandale legt als auf Jugendarbeit, und abgesehen davon, dass ein hoher Anteil unserer nachwachsenden Generation wirklich mal den fehlernährten Hintern in Bewegung bringen sollte: das wäre ebenso realistisch wie in Bayern (und anderswo) Bierkonsum zu verbieten und ersatzweise die Preise für Wein zu senken. Also garnicht. Und erst die Aggressionen auf den Zuschauerrängen unserer Stadien, mit regelmässigen Prügeleien und Verletzungen - so was erlebt man vor dem Bildschirm nicht. Um es mal ganz einfach zu formulieren.
Argumente müssen aber beiseite stehen, so scheint es, wenn in Erfurt ein Neunzehnjähriger 16 Menschen mit einer Pistole erschiesst, die er als Mitglied im örtlichen Polizeisportverein legal erworben hat. Selbst wenn die Polizei bei ihm, anders als bei Millionen von Gleichaltrigen, keine Killerspiele im Computer findet. Wo ist dann der Zusammenhang? Der ist leicht erklärt: für Unkundige sehen die Bilder der Shooterspiele gewalttätig, düster, abstossend aus. Da muss also doch ein Zusammenhang sein, oder? Für das Finden von Zusammenhängen ohne Beweiskette, nur nach Anschaulichkeit gibt es in der präzisen deutschen Sprache ein Wort: Dummheit.
Eine solche ist es nämlich, sich Tagträumen von einer besseren Welt hinzugeben, die man notfalls mit Verboten und Gesetzen durchdrückt. Ein Wort der Warnung: Nehmt den Kids die Spiele weg, und sie weichen auf das nächstschlimmere Medium aus: Fernsehen. Will man Kinder und Jugendliche vor dem unbeschränkten Einfluss dieser Verblödungsmaschine bewahren, müssen sinnvolle Alternativen geschaffen werden: kostenlose Ganztagsbetreuung, Gesamtschulen, oder wenigstens Mütter, die nicht arbeiten müssen. Nur kostet das alles Geld, und die Einsicht, dass unsere Welt verdammt kompliziert ist und daher billige Lösungen einfach ignoriert.
Mensch, als ich klein war, da gab's noch keine Killerspiele. Da mussten wir noch mit bunten Wasserspritzpistolen auf einander zielen und schreien "Peng, du bist tot". Mensch, hab ich ein Glück, dass ich kein Amokläufer geworden bin. Oder Terrorist. Oder Schlimmeres. Anders gesagt: ich bin für völlige Freigabe von Computerspielen ohne Altersgrenzen sowie für die Einführung von Paintball in den schulischen Sportunterrricht. Ausser irgend jemand kann wirklich beweisen, dass das nicht so gut ist. Also? Ich warte! [fe]
März 24, 2006 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (15) | TrackBack
21. März 06
Piraterie: Zahlen aus Deutschland
Die deutsche Landesgruppe der IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) hat aktuelle Zahlen veröffentlicht. Auch im vergangenen Jahr erholte sich demnach der Umsatz mit Tonträgern keineswegs, sondern ging nochmals um einen sehr kleinen Prozentsatz zurück. Auch in diesem Jahr knüpft die IFPI daran Forderungen wie Abschaffung der Privatkopie, Strafverfolgung von Tauschbörsenbenutzern, Aufhebung des Fernmeldegeheimnisses zugunsten von Tonträgerherstellern und andere totalitäre Rechtsbeugungen. Der deutsche Bootsektor lässt es sich nicht nehmen, die wichtigsten dieser IFPI-Zahlen zu nennen und dazu noch ein paar, auch aus Deutschland, um zu zeigen, dass die Forderungen der IFPI nichts als dummes, selbstmitleidiges Geheule sind.
Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft e.V. hat heute neue Zahlen veröffentlicht, um damit Eindruck auf die Öffentlichkeit und die Politik zu machen. Ganz vorne: Der Umsatz mit Tonträgern ist "nach Verbandsstatistik" gegenüber 2004 um 4,6% zurückgegangen, auf 1,5 Mrd Euro. Die Einschränkung "nach Verbandsstatistik" bedeutet, dass nur 86% aller Umsätze von Firmen gemacht wurden, die Mitglied im BdPW e.V. sind. Der Gesamtmarkt schrumpfte nämlich nur um 0,4% (auf 1,746 Mrd.), also haben unabhängige Firmen erheblich bessere Geschäfte gemacht, ihr Umsatzanteil stieg von 10 auf 14%. Wir fragen uns: was genau soll der Gesetzgeber hier tun? Milliardensubventionen für "Deutschland sucht den Superstar"?
Im Auftrag der IFPI wurden auch in diesem Jahr durch die GfK 10.000 Bundesbürger im Mindestalter von 10 Jahren nach ihren Brenngewohnheiten befragt. Von den im Jahr 2005 in Deutschland verkauften 624 Millionen CD-R und CD-RW seien 44 Prozent (275 Millionen) mit Musik bespielt worden. Dazu kommen 21 Millionen mit Musik bespielte DVD-Rohlinge, was umgerechnet 154 Millionen CDs entspräche. Eine gewagte Berechnung. Die ganze legal kopierte Musik zusammengerechnet und auf Einzelhandelspreise von aktuellen Musik-CDs hinauf halluziniert, ergäbe das 6,3 Milliarden Euro. Der Bericht schliesst mit den Worten: "Zwar ist nicht jede Kopie ein Kaufverlust, aber der Zusammenhang zwischen der hohen Zahl der Musikkopien und sinkenden Umsätzen mit Musik liegt auf der Hand". Ja, wirklich? Und wo bitte ist der Zusammenhang zwischen Privatkopie und einer nicht wettbewerbsfähigen Industrie?
Allein in den letzten 10 Jahren, also zwischen 1995 und 2005, stiegen die Umsätze der deutschen Mobilfunkanbieter von 4 auf 22 Milliarden Euro. Sind das etwa alles Piraten, oder ist die heimische HiFi-Stereo-Anlage einfach nur eine Ikone der vorletzten Generation geworden?
Im Jahr 2005 haben deutsche, mündige Konsumenten rund eineinhalb Milliarden Euro für Computer- und Videospiele ausgegeben. Das waren übrigens 15 Prozent mehr als im Jahr davor, und davor auch. Plus die Ausgaben für die Hardware. Und jetzt eine Zwischenbilanz:
Wissen die sorgenbeladenen Hüter deutscher Musikkultur (als welche sich die BdPW Mitglieder selbst darstellen), dass die inflationsbereinigten Netto-Durchschnittseinkommen abhängig Beschäftigter in den letzten 15 Jahren nicht gestiegen sind, sondern zwischen monatlichen 1382 und 1481 Euro schwankten? Also. Die Leute telefonieren immer mehr, auch in der Freizeit, und geben ständig mehr Geld für Spiele aus. Wo sollen die Leute von der Strasse dann sparen, wenn nicht bei "Deutschland sucht den Superstar"-Vollpreis-Compilations und ähnlichem Dreck?
Wo wir schon bei Skandalen sind: Die sogenannte Leermedienabgabe führt den Urhebern, wie Musikern (Komponisten) oder Autoren einen gewissen Anteil an den Umsätzen mit Leermedien oder Kopiergeräten zu. Von jedem verkauften CD-Rohling erhält also jeder der Gema bekannte junge Musiker einen (sehr kleinen) Betrag gutgeschrieben. Die Tonträgerindustrie bekommt nichts davon, weil das ja nur für Urheber gilt (Entsprechendes gilt für andere Kreative). Dagegen werden (nicht nur laut IFPI-Zahlen) täglich millionenfach Songs (und andere kreative Dateien) über das Internet kopiert, ohne dass die Urheber dafür Lizenzen erhalten würden. Warum wird das nicht durch ein Gesetz geregelt? Warum fordern die Verwertungsgesellschaften (Gema, VG Wort etc) nicht energisch eine solche Regelung? Weil die Distributoren (Tonträgerhersteller, Verlage) dabei leer ausgehen würden. Also wird der Dateitausch via Internet unter Schaffung einer neuen rechtlichen Dunkelzone einfach verboten - und die Urheber gehen leer aus.
Irgendwo hatte ich mal Zahlen, aus der Financial Times. Demnach arbeiten in der deutschen Tonträgerindustrie rund 5000 Leute. Was? So ein Witz! Soviele entlässt doch schon die Telekom im Vierteljahr! Einfach die deutschen Filialen von EMI, Universal, SonyBMG und Warner zumachen und Ruhe is'. [fe]
März 21, 2006 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (8) | TrackBack
20. März 06
Piraterie: Hier kommen die Fakten
Die CRIA (Canadian Recording Industry Association) meldet entsetzt, dass im europäischsten Land Amerikas Verkäufe von Tonträgern 2005 um fünf Prozent zurückgingen. Jetzt sei es an der Zeit, eine Reform des Urheberrechts durchzuführen, um das angeblich allein dafür verantwortliche Filesharing einzudämmen. Um harte Zahlen zu erhalten, liess die CRIA im Februar 06 eine grosse Studie von Pollara durchführen. Der 144 Seiten starke Bericht nennt endlich die wahren Verhältnisse. Leider sprechen die harten Zahlen eine völlig andere Sprache als die Spinmeister der Record Industry, aber das wollen wir uns einmal genauer ansehen.
Die Pollara-Studie wurde im Auftrag der CRIA zwischen dem 17. und 22. Februar durchgeführt, befragt wurden 1229 Kanadier mit einem Mindestalter von 13 Jahren. Und in Vertretung von SonyBMG, EMI, Warner und Universal. Für diese vier Firmen, die nach eigenen Angaben 96 Prozent des Tonträgerumsatzes in Kanada erzielen.
Betrachten wir die Gruppe der selbsterklärten Downloader: auf deren Festplatten finden sich vor allem Songs von eigenen, gekauften CDs (36,4%), danach solche aus P2P-Quellen (32,6%), solche aus kommerziellen Musikshops (20,1%), Privatkopien von Freunden (8,8%) oder von kostenlosen Angeboten wie den Homepages der Musiker (5,6%). Downloader hören also weit mehr legal erworbene Musik als getauschte. Das Bild vom kommerziellen Totalverweigerer, der "stiehlt", was er nur kriegen kann, ist falsch. Die eifrigsten Tauschbörsennutzer sind übrigens nicht etwa unter 18, sondern zwischen 35 und 44.
Wer Songs aus P2P herunterlädt, das ergab die Befragung ebenfalls, kauft diese mit hoher Wahrscheinlichkeit (75%) später (weil er das Original besitzen will). Die demografische Gruppe mit der höchsten P2P-Nutzung kauft auch am meisten. Gründe für eine etwaige reduzierte Kauflust reichen von 'zu teuer' (16%), 'ich find nichts, was mir gefällt' (14%), 'hab keine Zeit dafür' (13%), 'hab schon genug CDs' (9%), 'ich hör lieber Radio' (7%) bis 'ich seh lieber TV' (2%).
Kein Wunder, dass die Ergebnisse der Studie nicht stolz der Tagespresse präsentiert wurden, sagen sie doch nur eines: P2P ist das neue Radio. Nur: wann erhalten Urheber endlich die ihnen nach dem Urheberrecht zustehenden Lizenzen aus dieser öffentlichen Verbreitung?
Nun ist es aber keineswegs so, dass die Lobby-Organisationen der Tonträgerindustrie nach Bekanntwerden dieser Zahlen öffentlich zugegeben hätten, dass alles ein grosser Irrtum war. Und sich entschuldigt. Nein, es wird weiter behauptet, man müsse weltweit das Urheberrecht ändern, um Verbrechen zu bekämpfen. Ich glaube nicht, dass in den Chefetagen von EMI, Warner, Universal oder SonyBMG nur komplette Vollidioten sitzen. Im Gegenteil: In diesen Etagen sitzen tatsächlich eine Menge gutbezahlter Wirtschaftsfachleute, die erkannt haben, dass sich mit dem Verkauf von Tonträgern keine Wachstumsraten mehr erzielen lassen, so dass erst die Marktbedingungen geändert werden müssen.
Sprich: die Rolle der Tonträgerfirmen muss sich ändern, von reinen Distributoren der Musik, die von kapriziösen Künstlern für ebenso unberechenbare Musikfans gemacht werden, zu einer Vermarktungsmaschine, die völlige Kontrolle über Produktion und Distribution hält. Und nebenbei durch demnächst gesetzlich verpflichtende 'technische Schutzmassnahmen' auch die Konkurrenz bekämpft.
Wachstum lässt sich bei den vier grossen Unternehmen also nur noch auf Kosten der Künstler, der Käufer und der konkurrierenden Anbieter erzielen. Zu diesem Zweck wird die Kampagne der 'Internet-Piraterie' weitergeführt. Und es ist unerheblich, wer diese Propaganda glaubt, solange der Einfluss der vier Konzerne so gross ist, dass demokratische Parlamente so etwas wie einen "Vivendi-Universal-Paragraph" beschliessen. Und Eingaben der Tonträgerlobby, DRM solle auch bei Gefährdung von Leben und Sachwerten gültig bleiben, nicht zur Verhaftung der Verantwortlichen führen. Zur Verdeutlichung: Ein Kopierblocker soll auch dann verwendet werden dürfen, wenn er Sachwerte zerstören und Leben gefährden kann.
Sicherlich ist es die wichtigste Aufgabe von Unternehmen, Gewinne zu erzielen. Aber dadurch dürfen nicht Menschenleben, der Besitz Anderer und Rechtssicherheit für uns alle bedroht werden. Es ist Aufgabe unserer Regierungen, hier die öffentliche Ordnung gegen plump kapitalistische Störungen zu schützen. Wenn diese dabei versagen, ist es Aufgabe der Wähler, einer anderen Regierung die Verantwortung zu geben. [fe]
März 20, 2006 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack
16. März 06
Verblödungswelle hat Internet erreicht
Was wären wir ohne die klassische Soap Opera, die Seifenoper? Sie ist ja seit den seligen Dallas- und Denver-Zeiten in der westlichen Kultur verankert. Kritiker haben die wenig anspruchsvollen TV-Seriendramen als Opium fürs Volk und zur Verblödung der Massen beitragend betrachtet. Da kannten sie die Telenovelas noch nicht. Das sind praktisch verfilmte Groschenromane, die sich durch billige Kulissen, seichte Plots und mäßig begabte Schauspieler auszeichnen. Okay, der Unterschied zur Seifenoper ist marginal, doch entwickeln sie noch mehr Suchtpotenzial, denn sie erzählen über alle Folgen hinweg eine lineare, vorher schon festgelegte Story mit einem konkret definiertem Schluss. Auf den fiebern alle hin, da kann und will niemand etwas verpassen.
Daher der Erfolg von "Verliebt in Berlin", "Sophie - Braut wider Willen" oder "Julia - Wege zum Glück" (keine Übertreibung, die Teile heißen wirklich so). Warum erzähle ich das alles? Weil die Novela-Seuche schlimme Folgen haben könnte und sich nun auf Internet und Handys ausbreitet. "Mittendrin - Berlin rockt!" verlangt von den ohnehin Klingeltonsüchtigen Kids eine Abozahlung von 1,99 Euro pro Woche für die tägliche Dosis Kitsch. Günstiger wird es im Web, wo schon seit Monaten "Rettet die Liebe" immerhin eine Viertelmillion regelmäßiger Leser anlockt. Dank Sponsorenunterstützung sind es schon rund 100 Folgen geworden. Falls diese Produkte Erfolg haben sollten, dann dürften schnell Fortsetzungen und Nachahmerserien aufgelegt werden.
Was ist daran so furchtbar? Für das einzelne intelligente Wesen nichts - man kann ja abschalten und sich interaktiveren Hobbys zuwenden. Doch für die Gesellschaft sei es schädlich, warnen nun Sozialwissenschaftler. Sie prophezeien sogar das Ende des Abendlandes. Klingt wie ein übertriebener Weltuntergangswahn, doch die Auswirkungen der TV-Seuche sind am besten im Stammland der Telenovela, in Brasilien, zu beobachten. Dort haben die Kitschserien seit Jahrzehnten eine marktbeherrschende Stellung inne. Die Folge: Sozialbindungen in den echten Familien haben sich fast aufgelöst. Es kommt kaum noch zur Bildung neuer Familien - führt ja laut TV doch nur zu Stress und Generationenstreit - und brachte die Geburtenrate ausgerechnet in Brasilien auf ein extrem niedriges Niveau. Gleiches gilt übrigens auch schon für Italien, wo die Einwohner lieber Novelas schauen als Bambinis machen. Sogar die ganz normalen gesellschaftlichen Bindungen gehen in die Binsen, warnen die Wissenschaftler. Sie hätten in brasilianischen Dörfern mitten im Urwald beobachtet, dass auf der Straße nur noch über die handelnden Personen der TV-Shows diskutiert werde - normaler Dorfklatsch sei eine Seltenheit geworden.
Nun trifft diese Welle auf Deutschland, wo wir ohnehin schon eine Geburtenrate haben, die nur noch vom Vatikanstaat unterboten wird. Mit stark abnehmender Tendenz! Und dann beschränken sich die Telenovelas bei uns nicht mal wie in Brasilien aufs Fernsehen, sondern kommen quasi als Triple-Play gleich auf allen Breitband-Wegen daher. Vielleicht können wir den Vatikanstaat ja doch noch unterbieten - wir sind schließlich Papst!
Ein Tipp noch an die wenigen verbliebenen Eltern da draußen im Land: Da die Kids heutzutage immer früher Sex haben (im Durchschnitt mit 15,8 Jahren), schenkt Ihnen doch alle ViB-Staffeln auf DVD und noch ein Novela-Abo obendrauf. Das scheint schließlich eines der besten Verhütungsmittel von Welt zu sein ...
[rm]
März 16, 2006 in Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (6) | TrackBack
14. März 06
Stinkt Vodafone?
Der Fisch stinkt vom Kopf her, sagt der Volksmund, und hat erstaunlich oft Recht mit seinen simplen, aber auf den Punkt gebrachten Aussagen. Beim Mobilfunk-Giganten Vodafone scheint der Kopf auch schon zu müffeln. So kündigte Chris Gent, der heroische Mannesmann-Verschlucker und ehemals unantastbare CEO, dieser Tage an, nun auch seinen Posten als Präsident des Mobilfunkkonzerns zu räumen.
Er folgt damit dem Marketing-Chef Peter Bamford, der den Konzern zum 1. April verlassen will. Daneben gibt auch Chairman Lord MacLaurin im Sommer sein Amt an Sir John Bond (von HSBC kommend) ab. Vize-CEO Julian Horn-Smith wird im Juli ebenfalls das Handtuch werfen. Das riecht nach "die Ratten verlassen das sinkende Schiff". Vodafone schlingert ganz offiziell durch wirtschaftliche schwierige Gewässer: Da werden mit Nachdruck die Japan-Tochter versilbert, trotz allgemeinen Drucks die teuren Roaminggebühren nicht gesenkt und förmlich schon als Verzweiflungstat eine Mega-Abschreibung vorgenommen: Mannesmann D2 muss dringend nachträglich "wertberichtigt" werden. Das resultiert in einer Summe von 41 Milliarden Euro, die in den Büchern nun für verloren erklärt werden und damit das Jahresergebnis entsprechend belasten dürfte.
Angesteckt mit dem Virus der Unfähigkeit hat sich Vodafone meines Erachtens schon bei genau dieser Mannesmann-Übernahme. Das Männchen mit dem verkniffenen Versicherungsvertreter-Antlitz, der Esser der Millionenabfindungen, war bestimmt die Wirtsperson für die Krankheitserreger. Da haben sich ja schon Deutschbänker wie Josef Ackermann angesteckt. Und sicherlich auch Chris Gent, der ja in der Folge etappenweise die Firmenzügel aus der Hand geben musste. Sein Nachfolger als CEO, Arun Sarin, könnte nun ebenfalls infiziert sein. Der heftige Schlingerkurs des Unternehmens und die Tatsache, dass beinahe alle Top-Manager von der Brücke springen (Rette sich wer kann?), sprechen dafür.
Überhaupt, hat es eine (angeblich) solide und gut geführte renommierte Firma etwa nötig, Drückerkolonnen durch die Lande zu schicken? Vodafone-Kunden wissen, wovon ich spreche: Beinahe jeder wurde wochenlang unter Druck gesetzt, doch gefälligst die schönen neuen Minutenpakete abzunehmen. Vorteil für das Unternehmen: stabile und planbare Umsätze. Vorteil für den Kunden? Ähm, hmm... nachdenklich die Stirn runzelnd fällt mir nur ein: Ich fühle mich als Kunde etwas übervorteilt, da alle Welt plötzlich so günstig telefoniert; nur die Abnehmer, die auf ihren Minutenpaketen hocken, nicht. Das stinkt sicher nicht nur mir...
[rm]
März 14, 2006 in Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack
09. März 06
Hacker enttarnen Porno-Nutzer
Organisierte Phishing-Banden stahlen 17 Millionen Datensätze von Kunden des Abrechnungsdienstes iBill. Das passiert doch dauernd, nicht wahr? Pikantes Problem: iBill ist ein bevorzugter Kreditkartenjongleur der Branche 'Erwachsenen-Unterhaltung'. In anderen Worten: Wer sich legal Unterhaltung einkauft, ordentlich mit seiner Kreditkarte bezahlt und auf seinen guten Namen vertraut, muss jetzt damit rechnen, dass sein Name, seine Telefonnummer, E-Mailadresse, IP-Adresse, Passwörter und Benutzernamen, Kreditkartenanbieter und abgerechnete Summen an andere Firmen dieser Art, an Firmen ganz anderer Art und auch an Behörden verkauft werden, obwohl letztere das alle gar nichts angeht. Und das seit 1998.
Die Wired berichtet darüber in ihrer Online-Ausgabe, und darüber, dass die Datensätze jetzt frei gehandelt werden, wie sich der Autor des Wired-Artikels persönlich überzeugte. Nicht mit im Paket: Sozialversicherungsnummer, Kreditkartennummer oder Führerscheinnummer. Deshalb interessiert sich das FBI auch nicht dafür. Selbst nachdem die Polizei davon erfuhr, erhielten die Betroffenen keinerlei Hinweis oder Warnung. Ein weiteres Jahr später, also gestern, erfahren wir die Sache aus der Presse.
Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks fordern darüber hinaus die gesetzlich verpflichtende Anmeldung für jede Form von 'Erwachsenen-Unterhaltung', ob das nun angeblich moralische bedenkliche Pornografie oder angeblich gewaltfördernde Computerspiele sind. In beiden Fällen gibt es keine wissenschaftliche Grundlage für diese Forderung, in beiden Fällen fordern realitätsfremde Gesetzgeber nur die Registrierung, nicht aber den Schutz der Daten.
Geschützte Daten würden nämlich nicht für die grosse Modeerscheinung dieser Saison (und der letzten paar) zur Verfügung stehen: Datamining. In einem weiteren Wired-Artikel von heute beschreibt der anerkannte Sicherheitsexperte Bruce Schneier das Grundproblem des Data-Mining: Man versucht, aus möglichst vielen vorhandenen Daten typische Muster herauszufiltern, um Terroristen und andere organisierte Verbrecher aufzuspüren. Schneier rechnet vor: allein in den USA sind rund 900 Millionen Kreditkarten in Umlauf. Nach Angaben der US-Handelsaufsichtsbehörde FTC (Federal Trade Commission) werden jährlich etwa ein Prozent davon gestohlen und für Betrugsdelikte missbraucht. Die gestohlenen Datensätze aus Online-Kreditkarten-Geschäften kommen da noch hinzu.
Rein statistisch erzeugt Datamining aus den überprüften Nutzungsprofilen täglich mehrere Tausend Alarme: hier könnte das ungenaue Profil eine Terroristen erfüllt sein. Dagegen schlüpfen rein statistisch täglich ungezählte potentielle Straftäter durch die Maschen des Netzes. Einfache Kreditkartenbetrüger wurden mehrfach durch Datenabgleich gefasst. Terroristen oder andere organisierte Verbrecher: Fehlanzeige.
Der Versuch, möglichst viele Daten zu erheben, ohne sie vor dem Zugriff durch Verbrecher, aber auch durch Verbrechensbekämpfer zu schützen, führt zu genau einem Haupteffekt: Kosten in Milliardenhöhe. Der Nebeneffekt: Bürger werden dem erhöhten Risiko ausgesetzt, Opfer von Betrugsfällen zu werden. Die Begeisterung von Politikern für das Sammeln von Daten bewirkt keine Erhöhung der allgemeinen Sicherheit, sondern ihre Verringerung. Der unbedingte Schutz der Privatspäre im Cyberspace, von Entscheidungsträgern auch unseres Landes als untragbarer Luxus apostrophiert, wäre die logische Konsequenz. So wie es im Moment aussieht, gerät die Datensicherheitsfrage aber zum teuersten Missverständnis der letzten 50 Jahre.
Oh, schade, bis zur nächsten Wahl ist es noch lange. [fe]
März 9, 2006 in Servicefreie Zone, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack
07. März 06
iPod für Kinderporno
Der Papst hat jetzt auch einen iPod. Ein Geschenk von Radio Vatikan. Tony Blair, nach seinen eigenen Worten posthum von Gott zu prüfender britischer Regierungschef, kann dagegen mit dem Ding nicht umgehen. Sagte er im Fernsehen. Und in Austin, Texas, wurde ein Mann verhaftet, der seinen iPod dazu benutzte, Kinderpornografie zu transportieren. Das gibt dem unscheinbaren, farblosen Gerät aus der Produktion eines kleineren kalifornischen Computerunternehmens einen völlig neuen Unterton. Millionen von Telearbeitern sitzen bereits nackt vor ihrem Computer, wie eine aktuelle Studie enthüllt.
Ron James Guzman, 38, aus San Marcos, Texas, hat eine Lösung für den gordischen Knoten des Urheberrechts gefunden: Die Tonträgerindustrie behauptet ja, Musik würde ihr gehören und sie könne bestimmen, wer wann was kopieren darf - also niemals. Das sind zwar ein paar dicke Lügen auf einmal, hat aber trotzdem rund um den Globus Gesetzesrang erhalten. Ausser in freien Ländern wie China, wo aber auch die zweite Besitzergruppe nichts zu sagen hat: die Urheber, welche ja ursprünglich einmal die Musik besassen, bis sie durch einen klugen Coup ("Die Piraterielüge") enteignet wurden.
Ron James jedenfalls sparte sich jede Diskussion und füllte seinen iPod nicht mit langweiligen Popsongs, für die sowieso keiner Geld ausgeben will, sondern mit Kinderpornografie. Diese hat den Vorteil, dass sie keine Urheberrechtsprobleme mit sich bringt und daher auch von Selfmademännern gewinnbringend weiterverkauft werden kann. Für die Darsteller dieses Teils der Unterhaltsindustrie bringt sie zudem den Vorteil, dass sie nur entwürdigend fotografiert/gefilmt und schlimmstenfalls sexuell missbraucht werden und nicht wie zehntausende Gleichaltriger in den Ölkriegen unserer Zeit verstümmelt und getötet. Ich glaube, in der Marketing-Fachsprache nennt man das eine "Win-Win-Situation".
Ich glaube ausserdem, dass ich hier das Schild "Zynismus-Warnung" aufstellen muss. Schliesslich ist der Bootsektor mittlerweile auch über die Kreise der P2P-Punks und Crypto-Jockeys hinaus beliebt und wird von vielen Leuten geschätzt, die eine positivere Weltsicht haben als jemand, der ganztäglich aus beruflichen Gründen IT-News liest.
Wenn Pappa Ratzi jetzt einen iPod hat, finde ich zwar lustig, aber letztlich bedeutungslos. Schön für Herrn Jobs, wenn die Konsumentengruppe der rechtgläubigen Katholiken auch den Standpunkt bezieht, dass der iPod nicht Haram, sondern Halal ist.
Dass Tony "God will judge me" Blair nach eigenem Bekunden zu blöd ist, mit seinem iPod umzugehn und den technischen Kram lieber von seiner Tochter Kathryn erledigen lässt, klingt zunächst erschreckend. Aber eigentlich ist das in Ordnung: wenn man von etwas keine Ahnung hat (Beispiel: Irak), einfach die Finger davon lassen.
Ach, da war ja noch das mit den nackten Telearbeitern. Millionen von Menschen, so wie auch der Autor dieser Zeilen, verrichten einen Teil ihres Beitrags zur Globalisierung in der eigenen Wohnung. Dort gelten verständlicherweise weniger strenge Kleidervorschriften. Tatsächlich arbeiten 12% aller männlichen und 7% aller weiblichen Teletubbies ganz ohne Klamotten, machen zwischendurch ein Schläfchen (21%) und kleben das Post-It mit den Passwörtern an den Monitor (4%). Aber alle (76%) finden, dass sie zuhause produktiver wären. Wer sowas rausfindet? Hersteller von Security-Software. Brauchen wir sowas? Klares Nein. Wir speichern doch unsere Passwörter auf dem iPod. Zusammen mit sensiblen Emails aus unserer Firma, Karikaturen vom Propheten, unveröffentlichten Vorab-Versionen von Christina Aguilera-Songs und den Nacktfotos unsere(r)(s) Ex. Amen. [fe]
März 7, 2006 in Hart & Halbleitend, PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (4) | TrackBack
02. März 06
Microsoft doppelt so gut wie Google
Schwarz auf weiss (Dann muss es ja stimmen). Nachzulesen bei Reuters, in einem Bericht von gestern abend. Neil Holloway, Microsoft Regionalchef für Europa, Arabien und Afrika (diese Region ist nach us-amerikanischer Marketing-Weisheit untrennbar und heisst deshalb in der Fachsprache EMEA) packte aus. Auf dem 'TMT 2006 Global Tech Media and Telecom Summit' in Paris. In sechs Monaten, verkündet der ernsthaft dreinblickende Top-Manager, wird Microsoft in den USA eine doppelt so gute Suchmaschine anbieten wie Google. Europa muss vielleicht noch drei Monate länger warten. Und der freie Wettbewerb? Holloway weiss darauf eine Antwort, aber der Bootsektor hat noch mehr Fragen.
Die Strategie der drei grossen "E" hat nicht nur unseren Lieblings-Betriebssystemmonopolisten ganz nach oben gebracht. Embrace, extend and extinguish funktioniert immer und immer wieder. Was bisher auf dem Markt gut ankommt, wird übernommen oder kopiert, dann in einer veränderten Version in das eigene Angebot integriert und mit der schon vorhandenen Marktmacht zum Überrollen und Auslöschen der Konkurrenz benutzt. Diese sehr erfolgreiche Vorgehensweise hat Microsoft natürlich in Konfrontation mit den Wettbewerbsbehörden beiderseits des Atlantik gebracht. Aber (beinahe) ohne Folgen. Bis auf etwa ein Prozent seines Sparguthabens, das der Redmonder Riese an die EU überweisen musste. Aber so eine halbe Miliarde ist schnell wieder drin, wenn ein paar aufstrebende Märkte erst gesichert sind.
Nein, sagt Neil, man wird den (angeblichen) Google-Killer nicht in das nächste Windows (Vistahorn) integrieren. Statt dessen in das Microsoft-Onlineangebot, das früher MSN hiess, und Hotmail, und das demnächst als Windows Live zu haben ist. Wie schlau. Ob das auch schlau genug ist für die EU-Kommission? Oder umgekehrt, ob wohl die EU-Kommission schlau genug ist für diesen feinen Unterschied? Ich meine, irgendjemand muss sich die Mühe machen, einmal deutlich zu formulieren, wo eigentlich der Unterschied liegt. Zwischen dem nicht eingelösten Versprechen des Kapitalismus und einer feudalistisch orientierten Ökonomie der wechselnden Gebietsansprüche.
Ich bin selbst überrascht darüber, dass ich bei längerem Nachdenken auf neo-liberale Standpunkte komme. Ja, ich bin für eine drastische Anhebung der Mehrwertsteuer (BRD 2004: 137,4 Mrd. Euro) bei gleichzeitiger Senkung der Lohn- und Einkommensteuer (BRD 2004: 163,7 Mrd. Euro). Schliesslich wird Produktivität heute nicht mehr - anders als im 19. Jahrhundert - von Arbeitszeit bestimmt. Und ich bin gegen staatlichen Monopolschutz mit indirekter Subventionsgesetzgebung für einzelne kränkelnde Industrien. Ich sag mal: Braunkohletagebau. Oder: Schallplattenfirmen.
Technikredakteur und Produzent der BBC Newsnight Sendung Adam Livingstone betont in einem aktuellen Artikel auf der BBC News Website: "Filesharing ist kein Diebstahl. Es war noch nie Diebstahl. Jeder, der behauptet, es sei Diebstahl, hat unrecht und ausserdem und ohne nachzudenken zu viele Presseerklärungen der Recording Industry Association of America absorbiert."
Warum berichten dann die Medien über das Internet immer im Zusammenhang mit Kinderpornografie, Terrorismus und Filsharing ("Piraterie-Lüge")? Livingstone sagt: "Weil es Auflagen verkaufen hilft. Und weil wir von den alten Medien totale Angst vor den neuen Medien haben. Weil wir wissen, die neuen Medien sind die Eisenbahn und wir das Kanalsystem." Man könnte auch sagen: das Internet ist das Flugzeug und die alten Medien sind der ewig zu spät kommende ICE.
Und deshalb ist es - leider - die Verantwortung der neuen Medien, und damit der Blogosphäre geworden, hier mal klare Worte zu finden: Hört auf, uns diese Scheisse zu erzählen, ihr Holloways unserer Zeit. Wir wollen freien Wettbewerb der Ideen, Waren und Dienstleistungen und keine Ökonomie der Lügen. [fe]
Credits: Danke für Inspiration an "The House of Fix" bzw ihre Dual-CD "21st Century Fix". Tresor Records 201.
März 2, 2006 in Betriebssystem-Wahnsinn, PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack

