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« März 2006 | Start | Mai 2006 »

29. April 06

Piraterie: Sony vor Gericht

Abstossend. SonyBMG Music versucht, in der selben Nummer Künstler und Kunden zu ficken. So eine Art globales Bukkake-Event. Die Associated Press berichtet, dass die Altrocker Cheap Trick und Allman Brothers bei einem Gericht zuhause in Manhattan, New York, Klage eingereicht haben. Weil sie seit Jahren über den Tisch gezogen werden. Es geht um die Abrechnung der iTunes-Royalties. Das hatten wir ja schon im Bootsektor, nur ist es noch schlimmer, als wir dachten.

Ich erkläre feierlich: ich kann nichts dafür. Eigentlich wollte ich heute über was ganz andres schreiben. Aber dann hab ich beim Rumkucken nach Stoff für Gizmodo diese Meldung gefunden. Wie kann eine einzelne Firma so viel Scheisse bauen? Mal genau hingesehen: Cheap Trick und Allman Brothers verklagen SonyBMG. Weil der Plattenmulti faule Abrechnungen der iTunes-Einnahmen vorlegt. Wir erinnern uns: von den 99 Cent pro i-getunetem Song kriegt Dreivieltel das Label (hier: SonyBMG), und gefähr je 5 % kriegen Apple, der Server-Provider, die Kreditkartenfirma... etc.

Jetzt gibt es seit Alters her zwei Methoden der Abrechnung(zwischen Label und Künstler): einmal die Lizenz, und dann den Verkauf. Im ersten Fall kriegt das Label, zum Beispiel von einem überseeischen Vertriebspartner, nur eine Pauschalsumme. Im zweiten Fall gehen vom Umsatz Kosten wie für Verpackung und Transportschäden ab, und der Künstler kriegt den vollen, im Vertrag genannten Anteil.

Nur: uns (den dummen Consumern) erzählt SonyBMG, das sei eine Lizenz. Wir dürfen die iTunes-Songs also nur benutzen, aber nicht etwa gebraucht weiterverkaufen. Aha. Den Künstlern erzält SonyBMG, es sei ein Verkauf. Und die Kosten für Verpackung und Transportschäden etc pp gehn ab, also bleiben für den durchschnittlichen Altrocker 4,5 Cent pro verkauftem iTunes-Song. Hey: Schon mal ne Verpackung gesehn, bei iTunes? Oder Tracks, die bei der Anlieferung zum Downloadserver zu Bruch gingen und deshalb nicht verkauft werden konnten? Wow. Post-kausales Marketing? Oder einfach nur White-Collar-Crime? Das erfahren wir dann vom New Yorker Gericht. Wo ja schon ne andere Klage wegen illegaler Preisabsprachen bei Musikdownloads läuft.

Ach ja, die beiden Bands sind nicht blöd. Nur sauer. Deswegen lassen die ihre Klage als Class-Action-Suit laufen (Sammelklage). Damit die anderen 2500 betroffenen Künstler auch was davon haben. Das wird teuer. Muss der Laden dann zumachen? Wir sollten eines nicht vergessen: Das sind die Leute, die uns als Piraten bezeichnen, wenn wir unser Recht auf Privatkopie wahrnehmen. Die das Urheberrecht zu ihren eigenen Gunsten verbiegen. Die unsere Politiker kaufen.

Apropos: Frau Zypries, Sie haben uns angelogen. Sie haben behauptet, es gäbe kein Recht auf Privatkopie. Ich hab nachgesehen: es ist nicht verboten, Privatkopien zu machen. Auch nicht über das Internet. Es ist auch nicht verboten, urheberrechtlich geschütztes Material öffentlich aufzuführen oder zu verbreiten. Man muss nur selbverständlich den Künstlern Royalties geben. Warum erzählen Sie beschissene Lügen, Frau Zypries? (Und warum ist die Kommentarfunktion in ihrem Blog abgeschaltet?) Ich glaube nicht, dass Sie zu blöd sind, um simple Gesetzestexte zu lesen. Ich glaube, so einen Mist erzählt man nur, wenn man handfeste Gründe dafür hat. Geld ist ein handfester Grund. In bed with the industry. Naja. Ich kann's nicht beweisen. Noch nicht. Ich muss wohl erst den SonyBMG-Bukkake-Prozess abwarten. [fe]

April 29, 2006 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

26. April 06

Digitale Revolution in Kanada

So beginnen Revolutionen. Genau zum 26. April, dem Welturheberrechtstag 2006, hat eine grosse Gruppe kanadischer Musiker eine Initiative namens Canadian Music Creators Coalition gegründet. Im Grundsatzpapier stellen sich die für mehrere 10 Millionen verkaufter Alben verantwortlichen Künstler auf Positionen, die genau entgegengesetzt sind zu den Standpunkten der grossen Musikkonzerne. Wenn wir also in einigen Jahren immer noch die Kontrolle über unsere eigenen PCs haben, und nicht ein hardware-gekoppeltes DRM, dann haben wir das Leuten wie diesen Kanadiern zu verdanken. Hier die Details.

Wie der kanadische Rechtsexperte Michal Geist in seinem Blog berichtet, haben Leute wie die Barenaked Ladies, Avril Lavigne, Sarah McLachlan, Chantal Kreviazuk, Sum 41, Stars, Raine Maida (Our Lady Peace), Dave Bidini (Rheostatics), Billy Talent, John K. Samson (Weakerthans), Broken Social Scene, Sloan, Andrew Cash, oder Bob Wiseman (Blue Rodeo) die Canadian Music Creators Coalition gegründet. In ihrer Grundsatzerklärung fordern sie eine Kursänderung in der nationalen Gesetzgebung. Die wichtigsten Punkte sind:

1 Fans vor Gericht zu zerren ist destruktiv und scheinheilig. Künstler wollen ihre Fans nicht verklagen. Die Plattenfirmen haben Fans gegen den Willen der Künstler jurstisch verfolgt...

2 Digitale Verschlüsselung ist riskant und kontraproduktiv. Künstler unterstützen die Verwendung von DRM nicht, weil dieses den Vertriebsfirmen immer mehr Kontrolle über Distribution, Nutzung und Genuss der Musik gibt, und auch nicht die Gesetze gegen eine Umgehung von Kopierblockern... Gesetze sollten Künstler und Verbraucher schützen und nicht restriktive Technik. Verbraucher müssen die Möglichkeit haben, gekaufte Musik in andere Formate zu wandeln, ohne dafür zwei mal bezahlen zu müssen.

3 Kulturpolitik sollte nationale Künstler fördern. Die grosse Mehrheit kanadischer Künstler wird nicht von den Major Labels vertreten, diese konzentrieren sich auf Importprodukte....

Das alles gilt auch in Deutschland, oder anderswo in Europa. Es ist an der Zeit, dass die Rechtssicherheit durch das Urheberrecht wieder hergestellt wird, dass ein Recht auf Privatkopie und Umgehen eines Kopierblockers festgeschrieben wird, dass die Kontrolle über das Werk beim Urheber bleibt (wie ursprünglich geplant) - das alles auch gegen den Widerstand von drei bis vier multinationalen Konzernen. Wenn das nicht gelingt, drohen nicht nur der Computerbranche schwere Nachteile, aber das habe ich schon in früheren Bootsektorbeiträgen beschrieben. [fe]

April 26, 2006 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

25. April 06

Napster schlägt zurück

In Washington, D.C. bringt Sheriff Abgeordneter Lamar Smith aus Texas einen Gesetzesentwurf ein, der schon die Möglichkeit zur Copyrightübertretung mit 10 Jahren Knast ahnden soll. Im Wiederholungsfall auch gerne mal 20 Jahre. Weil ja, wie US-Bundesgeneralstaatsanwalt Alberto Gonzales weiss, damit terroristische Aktivitäten finanziert werden. Ach so. Inzwischen hat aber die Electronic Frontier Foundation schon herausgefunden, wie diese und andere verbrecherische Aktivitäten finanziert werden. Nämlich durch ein gesetzlich geschütztes Kartell. Wie beides zusammenhängt, und was es für Innovation in der Computerwelt bedeutet, wollen wir uns doch einmal genauer ansehen.

Wir erinnern uns: Im März 2001 hatte ein US-Gericht die Schliessung des bis dahin unvorstellbar erfolgreichen P2P-Dienstes Napster angeordnet. Shawn Fannings und seine Anwälte hatten argumentiert, dass die Musikindustrie ihr Alleinvertriebsrecht missbraucht hätte, um ein Kartell zu errichten. Das Ziel dieses Kartells und seiner Werkzeuge MusicNet und Pressplay war ein Online-Vertriebsmonopol. Das US-Justizministerium begann darauf hin eine wettbewerbsrechtliche Untersuchung gegen die grossen Musikkonzerne, die aber kein belastendes Material zutage fürderte.

Der Napster-Prozess läuft eigenartigerweise immer noch. Jetzt sitzt auf der Anklagebank der damalige Käufer von Napster, das deutsche Unternehmen Bertelsmann. Im Zuge der Ermittlungen fand das Department of Justice Dokumente, die den zwingenden Schluss nahelegen, die Konzerne hätten wissentlich gelogen, als es vor fünf Jahren um den Kartellvorwurf ging. Bis Ende Mai müssen die EMI und Vivendi Universal nun ihre juristischen Archive öffnen. Dann zeigt sich, ob Fannings recht hatte. Die US-Justiz steht mittlerweile auf eben diesem Standpunkt. Ist es doch noch Zeit für ein offenes P2P-Abrechnungsmodell (The concept formerly known as Kulturflatrate, "tcfkak")?

Was aber Spendenmillionäre wie Lamar "Hängt ihn höher" Smith nicht davon abhält, eben dieses Kartell mit immer neuen Vollmachten zu bestücken. Weil ja, wie wir gehört haben, mit Kopieren Terrorismus finanziert wird. Selbst wenn von der RIAA als Filesharing-Terroristen identifizierte Familien weder über Computer noch Internetanschluss verfügen. Oder die Beklagte schon seit Monaten in einer besseren Welt ist. Oder wenn verzweifelte PC-Besitzer versuchen, Kopierschutz-Rootkits ("SonyBMG") von ihrer Festplatte zu kratzen.

Langsam wird der Tanz um's goldene Copyright zur Farce. Die Kollateralschäden sind dagegen bedeutend: wenn Rechtsprechung nach texanischem Muster greift, steht jeder mit einem Bein im Knast. Schon der Besitz von Software, die zur Umgehung eines lausigen Kopierschutz geeignet ist, genügt. Nachdem es seit Jahren erklärtes Ziel der Content-Industrie ist, die Privatkopie abzuschaffen, und die Konkurrenz gleich mit, wäre der nächste logische Schritt die gesetzlich verpflichtende Einführung von DRM für Musik, Film oder Text. Um so gespannter bin ich auf den Ausgang des Napster-Prozesses, und auf die Beweise für ein bestehendes Kartell, das sehr wenigen nützt und allen anderen schadet. [fe]

April 25, 2006 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

24. April 06

Bootsektor-TV 2: Rootkits

Computerviren? Schnee von gestern. Wer sich mit den bekannten Mitteln absichert (Virenscanner up to date halten, oder gleich Linux), braucht keine Angst davor zu haben. Nur: was ist mit den sogenannten Rootkits? Microsoft will auf die nukleare Option zurückgreifen. Apple bietet das Rettungsboot-Betriebssystem. Wer kauft was? Hier und jetzt in der zweiten Folge des Bootsektor-TV.

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April 24, 2006 in Betriebssystem-Wahnsinn, Videos | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack

23. April 06

Porno-Industrie wieder ganz vorne

Movie-Downloads sind zur Zeit ein grosses Thema. Auch in Deutschland startete mit in2movies ein Downloaddienst, der dem Nutzer zwar keine Preisersparnis, dafür aber jede Menge Nachteile bringt. Die 'runtergeladenen Filme können nur auf dem PC laufen oder auf DRM-belastete DVDs gebrannt werden, die aber nicht im Wohnzimmer-DVD-Spieler abspielbar sind. Das alte Prinzip: wir verkaufen Content doppelt. Aber es geht auch anders. Und wer hat's kapiert? Natürlich die Pornoindustrie.

Die blühende Industrie der Erwachsenen-Unterhaltung verdankt ihren anhaltenden Boom nicht etwa der Tierhaftigkeit der männlichen Hälfte der Weltbevölkerung im Angesicht rosafarbener Pixel, sondern einer Reihe kluger geschäftlicher Entscheidungen. Ein Glück für die High-Tech-Industrie, die wiederholt von diesen klugen Entschlüssen profitiert hat. So ziemlich alle neuen Technologien verdanken ihren Durchbruch letztendlich dem soliden Geschäftsmodell der erwähnten Adult-Industrie, die ihre Rechnungen pünktlich bezahlt und für gerade erst entwickelte Medien umsatzfreudige Anwendungen findet.

Schliesslich hat man bei Hugh Hefner zuhause (und bei seinen Kollegen) schon lange begriffen, dass man nur den Leuten verkaufen muss, was sie haben wollen, und der Laden läuft wie geschmiert. Also bietet die erfahrene Porno-Firma Vivid Entertainment jetzt Film-Downloads, die der Nutzer selbst auf DVD brennen und diese dann ganz bequem im Wald-und-Wiesen-DVD-Gerät abspielen. Am Fernseher. Warum nicht gleich so? Hat die Adult-Industrie denn keine Angst vor dem Gespenst der Raubkopie? Anscheinend nicht. Warum auch. Es ist ja nur ein Gespenst. Was zum Kinder erschrecken.

Hollywood dagegen verharrt in Angststarre und verspielt sowohl die Chance eines florierenden Film-Download-Business, als auch den nächsten Schritt zum HDTV. Professor Edward Felten hat diesen Super-Kopierschutz, der sogar analoge Kopien unmöglich macht, genauer analysiert. Ja, "der" Ed Felten, der bewiesen hat, dass man den IE sehr wohl aus Windows entfernen kann, der die Secure Digital Music Initiative zu Fall brachte und viel für IT-Sicherheit getan hat.

Ed Felten zeigt in seinem Blog "Freedom To Tinker", dass die HDTV-Kopierschutzkette (HDMI - AACS - VEIL) mit geringem Aufwand zu knacken ist. Professionelle Bootlegger werden kein Problem haben. Nur der Privat-Nutzer schaut in die (dann leere) Röhre: er kann verklagt werden, schlimmstenfalls sogar strafrechtlich, wenn er mittels AnyDVD oder anderen Software-Tools eine Kopie herstellt und dabei den zahnlosen HD-Koperschutz entfernt. Aber zum Glück gibt's ja noch Pornos, und ein paar unabhängige Filmemacher, und die immer noch bestehende Chance, dass der grosse HDTV-Schwindel letztendlich auffliegt und das Urheberrecht wieder ein solches wird, nicht wie zur Zeit ein Weiterverkäuferrecht. [fe]

April 23, 2006 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack

20. April 06

Bootsektor-TV 1: Der iPod

Ja. Es ist wahr. Bootsektor gibt's jetzt auch als Video. Zum Downloaden. Inhalt des ersten Bootsektor-TV: Der iPod. Ein dankbares Thema. Es würde mich nicht wundern, wenn Historikern dereinst und rückblickend der Anfang des dritten Jahrtausends als "iPod-Ära" gilt. Apple hat zwar weder den MP3-Player noch den Musikdownloadshop erfunden, wohl aber das Produkt aus beidem. Mit unübersehbaren Folgen. Die paar wichtigsten findet ihr hier zusammengefasst.

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April 20, 2006 in PC vs. Copyright, Videos | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack

18. April 06

US-Präsident Bill Gates

Der chinesische Staatschef Hu Jintao kommt heute zum ersten Mal in die USA. Ein historisches Ereignis. Ein abendliches Dinner mit mehr als 100 Teilnehmern in Washington wird den viertägigen Staatsbesuch einleiten. Moment. Nicht Washington, D.C. Sondern Washington, der Bundesstaat. Und der Gastgeber der Eröffnungsdinners wird nicht George W. Bush sein. Sondern Bill Gates. Das stellt einige Verhältnisse klar. Stellt Weichen. Bringt Klarheit.

Nicht von ungefähr ist das Haus von William Gates III. etwa ein Fünftel grösser als das Weisse Haus, der bisherige Amtssitz der US-Präsidenten. Nicht von ungefähr kommt der Führer des bevölkerungsreichsten Landes direkt zum Führer des wichtigsten Softwarekonzerns und reichsten Mann dieses Planeten. Allerdings zeigt ein Blick auf den dichtgefüllten Reiseplan Hus, dass später auch eine Stippvisite bei Herrn Bush geplant ist. Noch sind die Fesseln des 20sten Jahrhundert nicht völlig abgeschüttelt.

Spätestens in zwei Jahren allerdings ist Schluss mit der Historienseligkeit. Dann wird neu gewählt im softwarepatentreichsten Land, und der künftige Staatslenker und Landesvater bestimmt. Nachdem schon bei den letzten zwei Wahlen (2000 und 2004) das Ergebnis in zunehmendem Mass von elektronischen Wahlmaschinen bestimmt wurde statt vom wankelmütigen Wählerwillen, steht die Person des kommenden US-Präsidenten jetzt schon fest: Willam Gates, Führer der Microcratic Party, siegt mit einem klaren Vorsprung vor Larry Ellison vom Databasic Movement. Larry war einfach zu spät auf den Trick mit dem Betriebssystemmonopol geommen. Und den Letzten beissen die Hunde. Hu Jintao kommt persönlich zur Inauguration, ebenso wie die Staatslenker aller anderen Nationen.

Für den Bürger Consumer ändert sich dadurch nichts. Im Gegenteil: Nachdem Gates endlich in seiner gottgegebenen Führungsposition bestätigt ist, wandelt sich das politische Weltklima zum Positiven. Kriege werden buchstäblich überflüssig, da die Trusts Software, Energie, Wohnen, Nahrung und Luxus alle zwischenstaatlichen Konflikte unblutig regeln. Um die allgemeine Sensationslust zu befriedigen, richten Gates, Hu und andere weitsichtige politische ökonomische Führer einen neuen Sport-Wettkampf ein, der über Internet-TV weltweit übertragen wird und einen blutigen Stellvertreterkrieg zwischen den Regionen dieser Erde simuliert, mit Faustkämpfen, Motorrädern und Rollerblades. Die Wettkampfarena wird im Müncher Olympiastadion aufgebaut, der Autohersteller BMW wird von der Energy Corporation aufgekauft, die das Vierzylinder-Glashochhaus von da an als Repräsentationsgebäude nutzt. Beides ist übrigens von meinem Büro im obersten Stockwerk der VNU Bootsektor Headquarters aus zu sehen.

Die Show wird ein Mega-Erfolg und trägt zum weiteren Erfolg der Microcracy bei, wie Politologen die neue Regierungsform nennen. Problematisch wird das Ganze erst, als der Teamchef der Houstoner Exxon Energy-Mannschaft, Jonathan E, sich weigert, Absprachen anzuerkennen und wegen seiner drastisch zunehmenden Popularität von den Trusts als ernstzunehmende Bedrohung wahrgenommen wird. Im Endspiel gegen die New York Nasdaq Crew trotzt er den plötzlich verschärften Regeln, erledigt alle (!) Gegenspieler und bringt den finalen Ball ins Goal.

Rund um den Globus brechen Unruhen aus, der Release von Vista-Nachfolger Vienna verzögert sich deshalb weiter, Untergrundpublikationen wie das bekannte Bootsektor Weblog verbreiten sich über virale E-Ink-Infektionen, Linus Torvalds erfindet, unterstützt von einer Vierer-Bande Kuka-Industrieroboter aus Augsburg (Mikesch, Urmel, Kalle Wirsch und Jim Knopf) die Antigravitation, ein Schaumkanonen-Angriff der von Darth Gates herbei georderten europäischen Agrarpolizei gegen das Torvalds-Labor in ehemaligen Freimaurer-Kavernen unter dem Matterhorn führt zur Überlastung der experimentellen Ionenaustauscher mit nachfolgendem Dimensions-Riss.

Das daraus resultierende Raum-Zeit-Paradoxon breitet sich wellenförmig aus, sowohl Zukunft als auch Vergangenheit werden in Mitleidenschaft gezogen, Bootsektorblogbeiträge erscheinen an verschiedenen Wochentagen mit wechselnden Themen, Viren für Linux tauchen auf und verschwinden spurlos, angeblich grundlose Computerabstürze häufen sich drastisch, Jürgen Klinsmann wird Bundeskanzler (aber erst 2031), die Entropie nimmt entsprechend den Voraussagen führender Wissenschaftler weiter zu, alles andere erfahrt ihr nächstesmal. Bis dann. [fe]

April 18, 2006 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

15. April 06

Endlösung der Judenfrage vs. Geistiges Eigentum

Oh! Böse Wörter! Im Bootsektor eigentlich nichts neues, oder? Manchmal habe ich das Bedürfnis, Dinge sehr deutlich zu sagen. Etwa um, wie heute, darauf hinzuweisen, dass Begriffe enormen Schaden anrichten können. Plastische Formulierungen wie die beiden in der Überschrift bringen vorhandene Schieflagen erst richtig zum Kippen. Ich werd' mal erklären, was diese beiden Schandflecke unserer Sprache miteinander zu tun haben.

Es gab ja mal eine Zeit, als in unserem Land die (vor allem materiell motivierte) Angst regierte, weswegen meine Vorfahren (kollektiv gesehen) meinten, billige Lösungen (a.k.a. "Starker Mann an der Regierung") wählen zu müssen. Einige uneingeschränkt gebildete Mitglieder des daraus resultierenden Problems (a.k.a. "Dutzendjähriges Reich") fassten die (vor allem materiell motivierten) Handlungsabsichten in griffige Propagandaschlagwörter Marketingstrategien wie die oben erwähnte "Endlösung...". Ein Begriff, der schlauerweise impliziert, dass überhaupt ein Problem existiert (die Judenfrage), für das es aber bereits eine Lösung gäbe. Prima. Zurücklehnen. Alles geregelt. So ähnlich funktioniert auch der Begriff "Geistiges Eigentum".

Falls eine(r) meiner geschätzten Leser(innen) nun dumm genug ist, mir zu unterstellen, ich würde die beiden Themen auf einer Stufe sehen, was den Grad der daraus resultierenden Verbrechen betrifft, möge er(sie) sich bitte auf's Fäkalste beschimpft fühlen. Das nur der Vollständigkeit halber.

Was tatsächlich unter dem Marketingbegriff Propagandaschlagwort "Geistiges Eigentum" zusammengefasst wird sind sogenannte nicht-materielle Schutzrechte verschiedenster Art. Patente, Gebrauchsmusterschutz, Urheber- und Markenrechte haben entweder eine besondere geistige Leistung oder die Existenz einer unverwechselbaren Marke zum Anlass. Rechte dieser Art werden für begrenzte Zeit von der Gesellschaft an einen Einzelnen verliehen, damit zunächst dieser Nutzen daraus ziehen kann und später die Gesamtheit. Tatsächlich sind nicht-materielle Schutzrechte heute ein bestimmender Wirtschaftsfaktor, stellen aber einen alles andere als griffigen Begriff dar. Aus der anglo-amerikanischen Sprache, die gegenüber der deutschen den Vorzug geringerer Präzisionsverliebtheit geniesst, importierten wir den Begriff "intellectual property".

Das flüchtig übersetzte Buzzword "Geistiges Eigentum" impliziert schlauerweise, dass es da etwas zu Besitzen gäbe (a.k.a. "das Geistige"), welches hiermit dieselbe Anschaulichkeit an sich hat wie ein Stück Acker oder ein Wurstbrot und deshalb durch dieselben Gesetze in der selben Weise geschützt wird. Und nicht wie ein nebulöses zeitlich eingeschränktes Schutzrecht. So kommt es zu folgendem Sprachmissbrauch Zitat: “In einer Informationsgesellschaft setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass das Recht des geistigen Eigentums gleichwertig neben dem Recht des Sacheigentums steht und es eine Aufgabe der Rechtswissenschaft darstellt, neben den Unterschieden zwischen Patent-, Marken- und Urheberrecht stärker die gemeinsamen Strukturen in einem Gesetzbuch bis hin zu einem “Allgemeinen Teil des geistigen Eigentums” herauszuarbeiten”. Das erklärt der Verband der Industrie-Lobby-Opfer Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages. Na, da stehen wir doch kurz vor einer billigen Endlösung der geistigen Eigentumsfrage. [fe]

April 15, 2006 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

12. April 06

Riskanter Sex durch Videospiele

Nur für den Fall, dass es nicht zu allen durchgedrungen ist: US-amerikanische Forscher haben in einer Studie herausgefunden, dass gewaltdarstellende Videospiele bei jungen Erwachsenen zu einem gefährlichen Lebensstil führen. Trinken, Kiffen, Prügeleien, riskanter Sex. Und sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt. Alternativ liessen die Wissenschaftler ebenso junge Erwachsene in einer Vergleichsgruppe in die Rolle des Homer Simpson schlüpfen. Was nicht zu den beschriebenen Folgen führte. Aber jetzt mal im Einzelnen, was hat die Wissenschaft uns hier zu sagen?

Dr. Sonya S. Brady, inzwischen an der University of California in San Francisco beschäftigt, untersuchte eine Gruppe von 100 Jungs im Alter von 18 bis 21 Jahren. Die eine Hälfte durfte Grand Theft Auto 3 spielen, und zwar die Szene, in der man im Auftrag der Mafia einen miesen kleinen Drogendealer mit dem Baseballschläger zur Vernunft bringt. Die andere Hälfte zog in der Rolle des Homer Simpson los, um Tochter Lisas Hausaufgaben rechtzeitig zur Schule zu bringen. Anschliessend wurden beide Gruppen befragt, also je 50 Jungs.

Die erste Gruppe soll, Frau Brady zufolge, eher der Meinung gewesen sein, dass Alkohol Trinken und Marihuana rauchen schon ok ist. Mehr als die zweite Gruppe. Hm? Ausserdem hätte die erste Gruppe das Verhalten anderer tendenziell eher als kritisch, oder negativ bewertet. Dann bekamen beide Gruppen noch einen Film zu sehen, in der ein Lehrer vor einer Klasse die Ergebnisse einer Prüfung verkündete, und anmerkte, dass einige geschummelt hätten, und dass jemand namens "Billy" nach der Stunde zu ihm kommen solle. Den 100 Versuchskaninchen wurde daraufhin gesagt, sie sollten sich in die Rolle dieses "Billy" hineinversetzen.

Und jetzt kommts: Die 50 Heinze, die GTA gespielt hatten, waren eher der Ansicht, dass der Lehrer sie des Betrugs beschuldigen würde, während die 50 Mausis mit der unmittelbaren Homer-Simpson-Erfahrung irgendwie weniger Angst hatten, angeklagt zu werden. Sagt Frau Brady. Hat jemand ausser mir das Gefühl, Kopfschmerzen zu bekommen? Mal ganz davon abgesehen, dass Vergleichsgruppen mit je 50 Teilnehmern statistisch so signifikant sind wie ein alter Kaugummi unter der Schulbank, bin ich mir sicher, dass die in der Aprilausgabe der "Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine" veröffentlichte Studie für erregte Diskussionen sorgen wird. Auch und gerade in der grossen Koalition aus SPD, CD(S)U und unseren nationalen Imams Moralwächtern.

Für alle, die sich von pseudowissenschaftlichem Dreck dieser Kategorie irgendwie angesprochen fühlen: ganz ruhig bleiben, es handelt sich hier um komplett aussagelose Scheisse. Was Frau Brady da abgeliefert hat, ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eines der vielen stupiden Begründungsszenarien für Zensur neuer Medien. Wenn sich jemand mit solchen Fragen auseinandersetzen möchte, bitte gern. Wem das Denken schwerfällt: bitte hier einfach die Klappe halten. Die Ausbreitung von Crack, Aids und Terrorismus hat völlig andere Gründe. [fe]

April 12, 2006 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

11. April 06

Tauschbörsen retten die Musik

Ganz richtig gelesen, die Musik wird gerettet, und zwar von den Tauschbörsen. Das klingt paradox, ist es aber nicht. Ich beziehe mich hier auf einen Artikel in der Onlineausgabe der kanadischen Tageszeitung Toronto Star, verlinkt in einer meiner ständigen Quellen, dem Weblog des kanadischen Juristen Michael Geist. Der Artikel des Toronto-Star-Redakteurs Christopher Hutsul mit dem Titel "New paradigm opened market to new music" beschäftigt sich mit der neuen Blüte kanadischer Rockmusik und zieht daraus Schlüsse, die sich auf die Entwicklung der Musik in der ganzen globalen Gesellschaft anwenden lassen.

Was haben Bands wie Arcade Fire, Broken Social Scene, Metric oder Stars gemeinsam? Sie kommen aus dem Land mit der Ahornblattflagge und sie wurden allesamt bekannt und gefeiert, ohne sogenannte "Hilfe" durch eine Tonträgerfirma, ohne von irgendeinem koksnasigen A+R-Agenten "entdeckt" zu werden, ohne überblähtes Marketingbudget und ohne Payola. Sie wurden bekannt, weil die MP3-Versionen ihrer Songs im Internet weitergegeben wurden. Der MP3-Code ist der untote Wiedergänger der einstmals gefürchteten Musikkassette, die ihrerseits in den 80 Jahren schon einmal die Musik rettete. Nur hat es damals niemand bemerkt. Sie wurden bekannt, weil die Musik ihnen und ihren Fans gehört. Und weil die Mucke ok ist, natürlich.

Christopher Hutsul geht noch einen Schritt weiter. Er sagt, dass Napster die Musik wieder zum Leben erweckt hat. Das Interesse daran wieder zurückgebracht. Uns mit neuen Klängen konfrontiert, die uns niemals über die konventionellen Vertriebswege erreicht hätten. Er sprach darüber mit einem der Pioniere des New Wave, dem Sänger der Band Devo, Mark Mothersbaugh. Mark berichtet aus seiner Teenagerzeit im Akron, Ohio der 70er Jahre: "Als ich jung war, ging ich in den Plattenladen, da gab es ein Fach mit 30 Scheiben drin und der Aufschrift 'Alternative'. Heute ist dieses Fach riesig. Es ist grösser als der Plattenladen. Es heisst jetzt 'Internet'. Und dass man für Musik bezahlen würde, sei entwicklungsgeschichtlich ein eher neues Modell.

Tatsächlich ist das Album, ist die CD ein Auslaufmodell der Wirtschaftsgeschichte. Eine Singles-Verpackung mit abgelaufenem Verfallsdatum. Wir haben Technik entwickelt, die solche Behälter unnötig macht: man kann Musik wieder direkt vom Musiker bekommen. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hat sich aus einer Gruppe von Agenten und Produzenten eine Art von Industrie entwickelt, die bis heute mit Musikkonserven handelt. Vom Aussterben bedroht.

Meinetwegen sollen korrupte Politiker den Einflüsterungen befreundeter Medien-Mogule erliegen. Meinetwegen sollen alle Industrie-CDs Kopierschutz enthalten, Rootkits, Viren, Digitales Restriktions Management. Mit Musik hat das alles nichts mehr zu tun. Musik muss heute nicht mehr in Rillen gepresst werden, um in die Realität zu gelangen. Bands müssen keine Alben mehr aufnehmen, und Firmen finden, die diese vertreiben. Das ist alles vorbei. Und wir verdanken Internet-Pionieren wie Shawn Fanning, dass diese Befreiung für jeden zugänglich ist. Es kann in Zukunft trotzdem Distribution geben, Geschäftsmodelle, und Leute, die sich um diese Geschäfte kümmern. Aber jetzt, in der Mitte der "00"-er, erleben wir eine Revolution, die weit über das hinausgeht, was Punk oder Wave erreicht haben: Die Musik wird gerettet. [fe]

April 11, 2006 in PC vs. Copyright, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack