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Wir haben bezahlt!



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« Juni 2006 | Start | August 2006 »

31. Juli 06

Frauen haben es online leichter

Deswegen wählen viele Männer ein weibliches Äusseres, wenn es um ihre Karriere in der virtuellen Welt geht. Eben weil die meisten MMOG-Teilnehmer Jungs sind, werden weibliche Figuren eben freundlicher, höflicher, zuvorkommender behandelt. Mit Tipps, Unterstützung und Geschenken. Die Nichtwelt schreibt ihre eigenen Regeln. Und die Industrie dahinter expandiert. Auf Kosten anderer Branchen. Dazu gibt es neue Zahlen.

Nur für den Fall, dass es immer noch versprengte Leser gibt, die von der Bedeutung der Massive Multiplayer Online Games (MMOGs) keine Vorstellung haben: Laut Statistiken von MMOG-Charts gibt es im Moment weltweit etwa 12,5 Millionen Abonennten. Vor einem Jahr waren es neun, vor zwei Jahren sechseinhalb, Ende 99 wurde erstmals die Million überschritten.

Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Zahlen: jeder MMOG-Abonnent bezahlt rund 15 Euro pro Monat, also 180 im Jahr. Richtig, das sind zusammen 2,25 Milliarden Euro pro Jahr. Für die keine Musik-CDs gekauft werden, keine Film-DVDs, aber auch keine Computerspiele. Wozu auch. Ein gutes MMOG hält seinen Nutzer mindestens ein halbes Jahr lang auf Trab. Ein Riesengeschäft für die Anbieter dieser Games. Pech für alle anderen.

Knapp sieben Millionen spielen World of Warcraft, das vor zwei knapp Jahren online ging. Laut MMOG-Charts hält das bisher erfolgreichste Produkt der bereits erfolgsverwöhnten Entwickler von Blizzard 53% des Marktes. Tendenz: steigend. Wenn man betrachtet, wieviele Onlinegamer eine mittelalterhafte Fantasywelt bevorzugen: 93,5%. Eskapismus mit Milliardenumsätzen.

Tun, wovon man schon immer geträumt hat, und das mitten unter vielen Gleichgesinnten. Die vielen weiblichen Figuren in den Onlinespielen haben nichts mit unterdrückten erotischen Phantasien zu tun, wie eine aktuelle Studie erklärt. Statt dessen beruht der mausklickbare Geschlechtertausch auf kaltem Kalkül. Gegenüber einem Reuters-Reporter erklärte der Gamer Jackpot649: "Wenn ich schon den ganzen Tag lang (!) einen Avatar anschauen muss, dann lieber einen weiblichen. Und die Leute geben einem mehr Geschenke." Materielle Vorteile, nicht wahr? In einem Jahr sind es dann 20 Millionen Gamer, oder dreieinhalb Milliarden, die der Musik- und Filmindustrie fehlen. [fe]

Juli 31, 2006 in Weichware & Nichtwelt, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack

29. Juli 06

Bootsektor-TV 10: Hogan der Held

Die Filmindustrie verklagt, genauso wie die Musikindustrie, wahllos Leute wegen angeblicher illegaler Downloads. Die meisten davon geben klein bei, aus Angst vor den Gerichtskosten. Jetzt sind sie an den falschen geraten: Shawn Hogan ist CEO von Digital Point Solutions und Millionär. Und nein, er hat keinen Film heruntergeladen. Er hat sie alle auf DVD. Und ja, er wird die Sache bis zum Ende durchfechten. Das kann ein Jahr dauern und 100.000 Dollar kosten, aber das ist es ihm wert, sagt er.

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Juli 29, 2006 in Videos | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

28. Juli 06

Frankreich wieder im Mittelalter

Frankreich hat es geschafft, die lästige Demokratie zurückzudrängen. Vive le roi! Statt dessen regiert nun ein bewährtes Feudalsystem die ehemals blühende kulturelle Landschaft. Besonders reich mit Sonderrechten belohnt wurde die treue Gefolgschaft des Herzogtums Vivendi Unversal, Quelle steten Reichtums für die Krone. Ich meine: das per Gewohnheitsrecht zu Adel aufgestiegene Grossbürgertum. Voila!

Gestern hat das französische Verfassungsgericht über das geplante Gesetz zum Thema DRM entschieden. Der Gesetzesentwurf wurde in den letzten Monaten als völlig überzogen kritisiert, jetzt hat das Gericht die Sachlage noch weiter verschärft. Bravo.

Software-Entwickler, die an Groupware arbeiten, können jetzt von den DRM-Baronen (Musik- und Filmkonzernen) in Grund und Boden geklagt werden. Weil man mit dieser Software ja auch P2P und damit Copyrightverletzungen begehen könnte. Ah, endlich ein Mittel gegen die OpenSource-Hippies! Da spielt es keine Rolle, ob ausschliesslich CreativeCommons-Material verteilt wird. Schuldig! Schuldig im Sinne der Anklage!

Das gilt auch für alle Musik- und Filmfans, die nicht ganz genau das tun, was ihre Adelsherrscher wollen: Kopieren eines Liedes, mit oder ohne Kopierschutz, das macht 5 Jahre Bastille und eine halbe Million in Gold. Seien Sie froh, dass Sie nicht gleich geköpft werden, Monsieur. Der nächste!

Und ja, das bedeutet auch, dass es ab sofort kein Recht auf Privatkopie mehr gibt, oder "fair use", wie die Amerikaner sagen. Zumindest nicht, wenn ein DRM dabei ist. Dafür sei es ja schliesslich da, befanden die höchsten Richter.

Ganz entgegengesetzt denken wohl die rebellischen Amerikaner (nichts als Schwierigkeiten hat man mit den Neuweltlern). Dort nämlich, und zwar inmitten eines Piratennestes namens MySpace, wurden auf Betreiben des britischen Rockpoeten Billy Bragg neue Regeln aufgestellt, die das Urheberrecht des Komponisten, Autors und sonst irgendwie Künstlers ausdrücklich respektieren. Revolution! Untergang des Abendlandes!

Ich bin dafür, wir suchen einen eigenen Planeten für die franzakischen Monarchisten. Da können sie dann Türme und Paläste aus silberglitzernden CD- und DVD-Scheiben errichten. Und rauschende Feste feiern, Champagner verschütten, in gegrillte Schnecken und Weichtiere beissen und sich gegenseitig versichern, wie toll sie doch seien. Ich bin dafür, die rückständige Brut so schnell wie möglich loszuwerden. Diese Leute haben in der Gegenwart keinen Platz. [fe]

[Update] Ich seh grade, das die guten Leute von Gulli.com eine Initiative gegen überteuerte Musik und sinnlosen Kopieschutz gestartet haben. Seht euch das an: Wir haben bezahlt! Grossartig!

Juli 28, 2006 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack

25. Juli 06

Zombies im Vatikan

Nein, die Rede ist hier nicht von Papst Raptor dem sechzehnten (ehemals Josef Palpatine), sondern von echten Zombies. Jedenfalls solchen, die ausserhalb von Filmklassikern vorkommen. Computer sind es, persönliche noch dazu, die in einem Zustand von jenseitiger Selbstentfremdung vor sich hin dämmern, auf Tastatureingaben ihres Herrn nur unwillig reagieren und zu unregelmässigen Zeiten dem Incubus zu Willen sind, indem sie Spam und Schmutz in das Interweb speien. Blasphemie oder Schlamperei?

Also sprach Sophos: Einer ist unter euch, der sich verraten wird. An der IP-Adresse nämlich. Und.. da! Da ist er! Eine Spamschleuder mit Sitz gleich neben dem Heiligen Stuhl, auf geweihtem Boden und mit Vatikan-TopLevelDomain. Penisverlängerung, Intimfotos von Angela Merkel oder billige Baukredite von Banken in Costa Rica – die Reihe der Angebote, die man gar nicht lesen möchte, lässt sich fast endlos fortsetzen. Nur: jetzt auch mit päpstlichem Segen?

So schlimm wird es um unser aller Heil nicht stehen. Irgendwo im Vatikankleinstaat muss ein Windows-PC stehen, der mit Gottvertrauen anstatt von Firewall und Virenscanner gesichert war. Wobei das Gottvertrauen auch in Gottes eigener Supermacht, der USA, stark ausgeprägt sein muss. Rund ein Viertel allen Spams auf Erden, so der Erzengel Sophos in seiner jüngsten Gardinenpredigt, stammt aus dem mehrfach entdeckten Kontinentalstaat zwischen atlantischem und pazifischem Ozean. Und die Nummer Zwei und Drei der welt-weiten Spam-Charts? Die gottlosen, oder sagen wir mal, die vom Christentum weniger betroffenen Länder China und Südkorea? Dort, gibt es einfach extrem viele Rechner, sagen die Experten.

Zum Glück unternehmen die Heerscharen der Finsternis Top-Entwickler bei Microsoft immer neue Anstrengungen, um ihre Profite in Unschuld zu waschen und trotz milliardenschwerer Sparbücher in den kartellrechtlich unbedenklichen Himmel zu kommen. Zum Glück (für Redmond) liegt nicht alle Verantwortung auf den zerbrechlichen Schultern von Lichtgestalten wie Gates und Ballmer: der neueste Anti-Virenscanner von F-Secure ist inkompatibel zur verbreitetsten (und mehrfach ausgezeichneten) Firewall von ZoneLabs, ZoneAlarm. Halleluja.

Und damit auch du dein Gewissen erleichtern und dich von irdischen Gütern lossagen kannst, haben wir die Möglichkeit eingerichtet, im Anhang an diesen Hirtenbrief deinen Namen, Adresse, Bankkonto- und Kreditkartennummer mit Geheimzahlen und sämtlichen Passwörtern zu hinterlassen. Wozu auch die Geheimnistuerei? Sämtliche westlichen Geheimdienste verfügen bereits über diese Daten und verkaufen sie zu Grosshandelspreisen an einschlägige Phishing-Unternehmen, um damit die Betriebskosten für ihre Folterzentren in Drittländern zu decken.

Uh. Ich glaube, die Ozonwerte sind heute wieder extrem hoch. [fe]

Juli 25, 2006 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

24. Juli 06

Limewire ist nicht totzukriegen

Im VNU-Netzwerk war der kostenlose P2P-Client Limewire in den letzten 12 Monaten der beliebteste Download, vor Counter Strike und weit vor Kazaa und anderen Multimediaprogrammen, mit deutlich zunehmender Tendenz. Ich hab eben nachgesehen. Das sind harte Zahlen, vor allem für fundamentalistische P2P-Hasser. Und was bedeutet das für Musik und andere Freizeitdaten in unseren Computern?

Es bedeutet zum einen, dass die Angstkampagne der Contentindustrien und der Versuch, Privatkopierer zu kriminalisieren, gescheitert ist. Weil niemand wirklich glaubt, dass eine Kopie per Internet schlimmer sein soll als eine (nachweislich nicht musiktötende) auf Kompaktkassette. Und weil P2P sich längst als das neue Radio etabliert hat, eine Quelle von aufregender neuer Musik und Filmen, letztere meistens in bescheidener Qualität, mit hustendem Publikum oder laufendem Timecode.

Die Benutzung von P2P-Software ist nach wie vor nicht wirklich verboten, weil man damit ja auch legale Dinge tun kann. Stichwort: Creative Commons. Nur hat sich durch den Propagandakrieg der letzten Jahre ein Schleier der Verwirrung über das Thema gelegt. Mit schlimmen Folgen: kaum jemand blickt noch durch. Die Urheber, die dem betreffenden Gesetz den Namen gaben, gehen zumindest leer aus, weil keine Lizenzgebühren für Kopien via Internet erhoben werden, anders als beim Radio. Hier pennt der Gesetzgeber, und angebliche Vertretungsorganisationen wie die Gema schlummern friedlich mit. Da haben die Telekom-Unternehmen im Land wohl mehr zu sagen als der § 54: Vergütungspflicht für Vervielfältigung im Wege der Bild- und Tonaufzeichnung.

Fragt man bei Politikern oder Angehörigen von Wirtschaftsunternehmen nach, so bietet sich ein Bild weitgehender Sachunkenntnis. Diese wiederum ist der einzige Schutz der Lobbyarbeiter, selbst angebliche Arbeitsplatzverluste durch legales Kopieren könnte die Öffentlichkeit nicht mehr beeindrucken. Mit dem anstehenden Verkauf des Bertelsmann Musikverlags gibt es bald keine grosse inländische Musikfirma mehr. Zugegeben, es handelt sich hier um einen reichlich dicken gordischen Knoten. Aber er muss gelöst werden, um die Rechtssicherheit wiederherzustellen und der Musik (und im geringeren Umfang auch Film) wieder zu Wert zu verhelfen. Einem emotionalen, ideellen Wert, den sie als reine Handelsware kaum noch in sich trägt.

Ich fordere hier nichts anderes als eine Verwirklichung des geltenden Urheberrechts, zugunsten der Urheber und zugunsten der Öffentlichkeit. Der Griff einiger weniger Medienkonzerne nach einer möglichst umfassenden Kontrolle über den Markt muss unterbunden werden. Und hier gibt es die aktuelle Limewire-Version 4.12.3 für Windows 98/2000/XP. [fe]

Juli 24, 2006 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (4) | TrackBack

23. Juli 06

Albert Einstein, Sex-Monster

Seit gut einer Woche liegen posthum veröffentliche Briefe von Albert Einstein, Idol eines Jahrhunderts, der erstaunten Öffentlichkeit vor. Er war ja nicht nur Begründer unseres derzeit gültigen wissenschaftlichen Weltbilds, das Forschern aller Coleur zu Recht ein gutes Auskommen garantiert, weil klar ist, dass man mit durchschnittlicher Nadelstreifenausbildung keinen Schimmer von der Welt im Eigentlichen hat, sondern auch das, was die moralisch gespaltenen Amerikaner einen Womanizer nennen: jemanden, der mehr Sex mit mehr Frauen hatte als eine ganze Puritaner-Familienlinie seit der Mayflower.

Sei es, dass er vielen als Grossvater der Atombombe gilt, oder als Legitimation zum Zeitverschwenden mit Star-Wars-Filmen, Albert Einstein ist eine unangreifbare Koryphäe, ein Sinnbild für die bestaunenswerte Macht des Geistes. Am 10. Juli (und, ja, irgendeiner von euch hat dazu schon was gebloggt) wurden, nach einer 20jährigen Sperrfrist, Briefe aus dem Nachlass einer Einstein-Tochter veröffentlicht. Schriften vom Meister selbst, die belegen, dass er seine Zeit mit zwei Dingen verbrachte: theoretischer Physik (einschliesslich schlecht über Kollegen reden) und häufig wechselndem Geschlechtsverkehr.

Mehrfach geschieden und wieder verheiratet, und ständig in neue, relativ diskrete Affären verwickelt, verzockte er sein Nobelpreisgeld an der Wall Street. Haha, mag sich mancher denken, dann soll man die Finger lassen von Börsenspekulationen, wenn man nichts davon versteht. Kurz zur Erklärung: niemand versteht was von der Börse, und niemand verdient dort Geld, weil er da durchblickt, sondern nur weil andere ihr Geld dort verlieren. So wie Albert, der sich aber nicht viel draus machte, weil er zum Ausgleich als Popstar der Atomphysik immer neue Schnecken Damen der Gesellschaft auftun konnte.

Und die Moral von der Geschichte? Leute, die unsere Zivilisation voranbringen, in allen möglichen Grössenordnungen, führen uns vor, wie erbärmlich realitätsfremd der herbeigeredete Neokonservativismus unserer Tage ist, und was für lächerlichen Unsinn Figuren wie Mutti von der Leyen und Alpen-Ayatollah Stoiber verbreiten: Angst ist eine Religion der Altsteinzeit. Im digitalen dritten Jahrtausend hat Leitkultur-Aberglaube keinen Platz mehr. Sorry. Stellt euch da hinten neben die Saurier. Und hey, posthum, Alter: Albert, du bist der Mann. Respect. Yo. [fe]

Juli 23, 2006 in Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (4) | TrackBack

20. Juli 06

Bootsektor-TV 9: Internetmechanik für Dummies

Das Internet besteht aus einer Reihe von Röhren. Das haben wir bereits von Senator Ted Stevens gelernt. Aber wenn diese Röhren aus eigensüchtigen Motiven überlastet werden, durch Geschäftemacher und andere Piraten, kommt es zum Streik der Hamster. Und die Laufräder stehen still. Die das Internet antreiben. Hilfe! Schnell! Ein Gesetz muss her!

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Juli 20, 2006 in Videos | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack

19. Juli 06

Das Internet, ein Röhrensystem

So. Alle Welt lacht über Senator Ted Stevens aus dem Bundesstaat Alaska. Und über seine plumpen Versuche, das Internet zu beschreiben. In einer Weise, die jedem nahebringt, warum Telefongesellschaften und andere Glasfaserbesitzer mehr Geld bekommen sollen. Was übrigens auch unsere Telekom toll findet. Stichwort: Netzneutralität. Da steckt mehr dahinter. (Mit erklärendem Video)

Zur Erklärung, und weil ein Bild etwas anderes sagt als tausend Worte (wenn auch nicht unbedingt mehr als diese, schon gar nicht auf YouTube), hier mal die Late-Night-Version vom US-Harald-Schmidt Jon Stewart (via dvorak).

Ok. genug gelacht. Kurze Frage: was meint Herr Stevens, seines Zeichens notorischer Industrielaufbursche und Steuergeldparasit, eigentlich mit seinen blumigen Erklärungen? Den neutralsten Erklärungsansatz liefert hier Professor Edward Felten (ja, *der* Felten). Er hält dem vielverspotteten Senator zugute, dass jeder mal vor der Kamera oder dem Mikrofon Unsinn reden kann und unterstellt ihm versuchsweise klare Gedanken, die nur im Stegreif-Vortrag verwirrt wirkten. Die Argumente des Senators für eine Einführung von zusätzlichen Gebühren auf Internettraffic sind demnach: Geschäftsmodelle wie Video-Distribution verursachen eine Überlastung des Netzes, so dass selbst Emails um Tage verzögert werden und das US-Verteidigungsministerium ein eigenes Parallel-Netz errichtet.

Interessanterweise ist dies ein Lösungsansatz, der explizit nicht auf eine Selbstregulierung des Marktes setzt. Statt dessen wird von Herrn Stevens eine Regulierung durch staatliche Vorschriften empfohlen. Nun wissen wir natürlich, dass Senator Stevens die Regulierung nicht deshalb befürwortet, weil er den Bürgern verspätete Emailzustellung ersparen möchte. Diese Verzögerungen haben, wie wir ebenfalls wissen, nichts mit Videotraffic, sondern höchstens mit schlecht konfigurierten Mailservern zu tun (AOL-Nutzer empfinden hier ein kurzes, unbehagliches Deja Vu). Statt dessen kann der Herr Senator sicher sein, dass ihm ein Eintreten für eine künstliche Profitbeschleunigung der nationalen Telekombranche zusätzliche verdeckte Nebeneinkünfte sichert.

So wie es auch in Deutschland Abgeordnete und Staatsangestellte gibt, die unerklärbar industriefreundliche Entscheidungen in den Gesetzesrang befördern. Entscheidungen, die nicht etwa ganze Landstriche mit neuen Arbeitsplätzen versorgen, sondern Monopolstrukturen schaffen und Profitnachbrenner zünden. Wie sonst erklären wir uns Blindtexte wie von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU): "Mir ist es gelungen, so, wie ich es der Musikwirtschaft bei der jüngsten MIDEM in Cannes versprochen hatte, die im ursprünglichen Entwurf der Justizministerin enthaltene sogenannte Bagatellklausel zu entfernen." Oder die bekannte Verbalakrobatik von Frau Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die ein verfassungsmässig garantiertes Recht auf Profit sieht (bei Verlagen).

Ist das wirklich alles nur eine Folge von Korruption? Oder sind Verwaltungen und Regierungen nichts anderes als ein System von Röhren, Herr Senator, Frau Ministerin, in die man etwas hineinpressen muss, damit am anderen Ende etwas herauskommt? Oder leben wir alle bereits im Irak, wo Demokratie nur eine durch staatliche und kommerzielle Gewalt garantierte Verschleierung von Lobbykratie darstellt? Diese Vorstellung möchte ich, zumindest bisher, noch nicht akzeptieren. Und wie lange wird es angesichts dieser chronischen Verstopfung dauern, bis die Hamster ihre Laufräder verlassen, von welchen das Internet angetrieben wird? (Danke an Jon Stewart für diesen treffenden Vergleich) [fe]

Juli 19, 2006 in PC vs. Copyright, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack

18. Juli 06

Der erste RFID-Virus

RFID! Toole Sache! Winzige Chips, für Centbeträge herzustellen, passen unsichtbar in den Saum einer Jeans, den Umschlag eines Buchs und erst recht in alle möglichen Elektrogeräte. Brauchen keine interne Stromversorgung, lassen sich aber aus zehn Metern Entfernung von Unbefugten ansteuern. Und seit Neuestem mit Viren infizieren, die sogar zurück ins Firmennetzwerk wandern und alles unter die Kontrolle ausländischer Cyberninjas bringen. Wow!

Andrew Tanenbaum von der freien Universität Amsterdam sollte einen Orden kriegen, und seine Mitarbeiter Melanie Rieback und Bruno Crispo auch. Dafür, dass er einen Virus geschrieben hat. Was? Wie? Einen Virus? Ja, für RFID-Chips. Ja, ist der Mann wahnsinnig? Nein, er ist Wissenschaftler. Und er zeigt uns anhand seines Labor-Virus, was bei ausreichender Verbreitung der anerkanntermassen datenschutztechnisch bedenklichen Kontrollchips alles passieren kann.

Aus dem Bericht: "Alle, die mit RFID arbeiten, haben stillschweigend angenommen, dass ein Auslesen des RFID-Chips die dazu gehörige Back-End-Datenbank nicht berühren und schon gar nicht infizieren kann. Das ist leider falsch."

Das Trio baute zu Testzwecken einen Virus, dessen Code nur 127 Stellen lang ist. Er funktionierte. Mikko Hypponen, Forschungschef bei F-Secure dazu: "RFIDs mit integrierten Schaltkreisen sind denselben Gefahren ausgesetzt wie alle Computer. Unglücklicherweise."

Nicht nur Waren werden mit RFIDs markiert. Auch Katzen und Hunde erhalten solche Implantate zur Identifikation. So entstehen dichte Radionetzwerke, die von Viren durchwandert werden können. Bis zum nächsten Lesegerät, und der Unternehmensdatenbank dahinter. Was Tanenbaum, Rieback und Crispo gezeigt haben, können andere auch. Was tun wir dagegen?

HP tut gerade das Gegenteil. Die dicke alte Computerfirma stellt einen Memory Spot Chip vor. So gross wie ein Reiskorn, 4 Megabit Speicher, 10Mbps Wireless LAN, externe induktive Stromversorgung. Aber keine Sorge: die Reichweite sei sehr kurz. Das haben sie Anfangs auch von RFID behauptet. Und dass man es nicht cracken kann. Und dass es da keine Viren gäbe. Und dass diese auf keinen Fall... viel Spass noch. Und schöne Grüsse an Wintermute. [fe]

Juli 18, 2006 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (8) | TrackBack

17. Juli 06

Das Dell Porno Weblog

Ich hab's länger vermieden, Wörter wie "Porno" in Bootsektor-Headlines zu schreiben. Ist ja eh nur Google-Futter für arme Ahnungslose, die nicht wissen, wo im Interweb die vielen nackten Frauen zu finden sind. Aber jetzt übernimmt sogar eine Weltfirma wie Dell diesen Service, und darüber muss ich natürlich berichten. Logisch. Mit Kommentaren.

Ich überleg mir ja schon ne Weile, ob ich nicht ein für alle Mal so eine Art Standard-Liste mit Adressen von Porno-Websites in den Bootsektor posten soll. Damit sich gestresste AOL-, MySpace- und Google-User mal ne Stunde Entspannung geben können und nicht jeden Tag von neuem Wörter wie "Porno" eintippen müssen. In der unsinnigen Hoffnung, dadurch irgendwas Positives zu erleben. Andererseits: selber suchen macht jede Menge Spass und bringt tolle neue Erfahrungen. Zum Beispiel Trojaner in schlecht gesicherten Windows-PCs. Möglichst solchen, die einem gar nicht selber gehören. Das wäre dann ein ernsthafter Lerneffekt und ein erster Schritt zu Bekämpfung der Wirtschaftsspionage.

Jetzt erfahren wir aber, dass sogar Dell, der grösste planetare PC-Discounter, für solche Fingerzeige in Richtung Erwachsenenunterhaltung sorgt. Besonders gestresst von vielen, vielen, vielen unzufriedenen Kunden und einem Support, der da einfach nicht für Erleichterung sorgen kann, verfiel prompt man auf die 2006-Standardlösung aller IT-Manager: ein Weblog muss her. Keiner weiss warum, aber die andern machen's schliesslich auch.

Und damit dem glücklichen Dell-Kunden und baldigen Kondolenz-Adressaten suggeriert wird, man hört ihm und genau an dieser Stelle genauer zu als sonst und antwortet ihm persönlicher, in Person echter, lebender Personen, nennt man das Blog nach langen, durchbrainstormten Nächten: www.dellone2one.com

Und weil verärgerte Kunden anderes zu tun haben, als sich lange Marketing-URLs zu merken, tippen sie die Kernbotschaft in die Suchmaschine ihres Vertrauens: "one2one". Und landen auch wirklich auf einer Website, wo auffallend gutaussehende junge Damen (und ein paar junge Männer, eher für die sexuell alternativ Orientierten) auffallend bereit sind, sich im Videochat auf persönliche Gespräche einzulassen und im Verlaufe dessen auch mal das eine oder andere oder auch allerletzte Kleidungsstück abzulegen. Ist auch gar nicht so teuer.

Hey. Ihr da bei Dell. Ihr braucht gar nicht so zu tun, als wärt ihr die Einzigen, die überhaupt nie nach Porn surfen und die deswegen keinen blassen Schimmer haben, was da draussen in der wirklichen Welt eigentlich abgeht. Das glaubt euch keiner. Nicht hier, in der Bootsektor-Comm(unity), und auch sonst nirgendwo in der wirklichen Welt. Noch Fragen? Bitte per Mail, oder gleich hier im Kommentarbereich. [fe]

Juli 17, 2006 in Servicefreie Zone, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (6) | TrackBack