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« April 2007 | Start | Juni 2007 »

30. Mai 07

Innovation, Copyright, und der Tod

In den USA behaupten Sportverbände, Weiterleiten von TV-Sendungen auf das Notebook des Zuschauers sei Piraterie. Tatsächlich bedroht jede neue Entwicklung die Interessen älterer Geschäftsmodelle. Diesem Zivilisationsprozess fielen schon ganze Landstriche zum Opfer. Heute sterben Millionen, weil er gestoppt wird.

Eines der coolen Heim-Gadgets, das hierzulande nur als technische Spielerei wahrgenommen wird, in den USA aber Gegenstand von Begeisterungsstürmen und Gerichtsverfahren ist, heisst Slingbox. Ein brikettförmiges Gerät, das auf dem Fernsehgerät liegt (oder irgendwo in der Nähe), und nur einem Zweck und Versprechen dient. Nie wieder eine Sendung verpassen. Auch wenn man verreist ist. Einfach, indem die Sendung via Internet, sorgfältig gegen Missbrauch verschlüsselt, an das eigene Notebook geschickt wird. So dass man die entscheidenden Spielminuten seines geliebten Sportclubs live mitverfolgen kann, und nicht nur in der Aufzeichnung. Für viele eine grossartige Idee, und ohne Frage diverse Hundert Euro oder Dollar wert. In Nordamerika je nach Ausbaustufe zwischen 130 und 250.

Nun behauptet der Sport-Dachverband Baseball Major League Baseball, eine Benutzung der Slingbox wäre Piraterie. Weil die TV-Senderechte der Übertragungen der Spiele der League gehören, und jede ortsversetzte Nutzung die Verfügungsrechte des Besitzers des betreffenden geistigen Eigentums "Sportsendung" verletze. Das klingt auf's erste lustig, ist aber nicht wirklich wahnsinniger als die Behauptung, eine Privatkopie via Internet und P2P sei Piraterie, weil sie die Datenträger-Vertriebsrechte der betreffenden Firmen berühre. Nur dass wir uns an die zweite Behauptung schon gewöhnt haben.

Da fällt mir ein, dass ich neulich eben dort, also im TV, einen Bericht gesehen habe, über Hepatitis-Erkrankte in Brasilien, darüber dass eine Behandlung 60.000 US-Dollar kostet, und dass deswegen alle armen Leute einfach an der Krankheit sterben. Oder an einer der vielen anderen Krankheiten. Weil die Medikamente ein Vermögen kosten.

Und genau hier fällt mir ein, dass mein Beitrag Endlösung der Judenfrage vs. Geistiges Eigentum vor einem Jahr für Irritationen gesorgt hat. Weil man ja solche bösen Nazi-Wörter nicht verwenden darf (meinen manche), auch wenn man genau erklärt, was man damit meint. Heute will ich noch einen Schritt weitergehen. Natürlich wird die Musikindustrie nicht von Nazis regiert. Auch wenn ich das manchmal gerne satirisch anklingen lasse. Tatsächlich sterben aber in der dritten Welt jährlich Millionen (nicht Tausende oder Hunderte), weil benötigte Medikamente trotz niedriger Herstellungskosten für Bewohner armer Länder unbezahlbar bleiben, da ihre Herstellung dem geistigen Eigentum der Pharma-Konzerne unterliegt. Kann man daher das aktuelle, durch Festhalten an geistigem Eigentum um jeden Preis bedingte Massensterben mit dem Holocaust vergleichen? Von der Grössenordung her ja. Von der ideologisch erstarrten Rechtfertigung und einer dahinter stehenden kaltblütigen Gewinnsucht ebenfalls.

Ob ich eine Slingbox zum Fussballschauen verwende oder eine CD kopieren oder P2Ptauschen darf oder nicht, ist streng genommen schurzpiepegal. Ich mach's ja trotzdem. Aber da draussen sterben Leute, und das nicht sanft und friedlich, sondern qualvoll und elend. Und hier gilt schon lange nicht mehr der Artikel 14, Absatz 2 unserer Verfassung "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Genau hier versagt unsere Demokratie, die schon längst nicht mehr so tun kann, als würden wir auf einer Insel leben und hätten nichts mit dem Rest der Welt zu tun. Die geistige Form von Eigentum völlig abzuschaffen wäre eine unrealistische, falsche Lösung. Statt dessen muss diese Form kontrolliert werden. Damit wir nicht noch mehr Schuld auf uns laden. Damit Dachau und Auschwitz nicht bald in Afrika liegen. Noch Fragen? [fe]

Mai 30, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (9) | TrackBack

29. Mai 07

Übernahmekandidat Deutschland

Noch spuken die Bilder von widerwilligen und nur durch gezielte Provokationen seitens der Staatssicherheit mobilisierten, jugendlichen Randalierern über die Fernsehschirme. Dabei böte der G8-Gipfel ausgezeichnete Möglichkeiten zur Optimierung der hierzulande noch ineffektiven Demokratie. Damit Deutschland reif für die Übernahme durch politische Hedge-Fonds wird.

Noch haben wir hierzulande nicht venezolanische Verhältnisse erreicht, wo private Fernsehsender um ihre terrestrische Sendelizenz (nicht Kabel oder Satellit) bangen müssen, kaum dass sie wenige Jahre durch Falschmeldungen zu Gewalttaten aufgerufen, oder, von der US-amerikanischen Auslandsbehörde CIA finanziell unterstützt, den Sturz einer demokratisch gewählten Regierung betrieben haben.

Um so dringender ist aber die Einführung moderner Management-Methoden, die sich im Ausland, vor allem in der global führenden Wirtschaftsnation, bereits bestens bewährt haben. So betrieb die Administration des Bundesstaates Alabama eine Website zur Identifikation von möglichen Quellen des Terrorismus. Nicht nur Kriegsgegner und Homosexuellen-Gruppen finden sich darauf gelistet, sondern auch zahlreiche andere soziale Selbsthilfeorganisationen. Extremisten, so führt die staatliche Website erklärend aus, würden sich oft auf Angelegenheiten öffentlichen Interesses konzentrieren. Dabei hätten sie aber kein Problem, vom legalem Protest auf illegale Aktionen einschliesslich Mordes zu wechseln, um damit ihre Ziele zu erreichen. Endlich spricht es jemand aus!

Für solche und ähnliche Fälle wurde in der Fortschrittsnation auf dem nordamerikanischen Kontinent schliesslich das US Department of Homeland Security gegründet. In den drei Jahren ihres Wirkens hat die Behörde 814.073 Fälle bearbeitet, davon standen 12, oder 0,0015 Prozent, irgendwie im Zusammenhang mit Terrorismus. Besonders hervorzuheben ist die Leistung des DHS, sich dabei ausschliesslich auf legale Einreisende zu konzentrieren und die wenigen Millionen illegale Immigranten konsequent zu marginalisieren. Daran könnte sich unsere Bundesstaatsicherheit ein Beispiel nehmen.

Auch der Kampf gegen dem Terrorismus nahestehende, gewaltbereite Computer- und Videospiele wird hierzulande nicht mit wünschenswerter Konsequenz betrieben. Als leuchtendes Vorbild für provinzielle Zauderer a la Beckstein oder Pfeiffer mag hier die Verwaltung des Bundesstaats Illinois dienen. Diese finanzierte ihr letztlich als nicht verfassungsgemäss abgeschmettertes Gerichtsverfahren gegen die virtuelle Gefahr für unsere Jugend mit dem Griff in die öffentlichen Kassen Gesundheit, Soziale Absicherung und Wirtschaftsförderung. Eine Million US-Dollar, das nenne ich mutig!

Obwohl nun auch hierzulande die öffentliche Meinung endlich dahingehend ignoriert wird, dass militärische Aktionen wie in Afghanistan auch jenseits eines Verteidungsfalls möglich werden, bleibt die Umsetzung solcher weltwirtschaftlich bedingter Massnahmen bestenfalls stümperhaft. Ich muss hier noch einmal auf das Standardwerk "Body of Secrets" des Amerikaners James Bamford aus dem Jahr 2001 verweisen, der ausführlich über Pläne des US-Generalstabs berichtet, mit Hilfe von selbst durchgeführten Anschlägen auf militärische und zivile Ziele einen Kriegsgrund gegen Kuba zu erzeugen. Je mehr tote Amerikaner, so das Kalkül, desto mehr wäre die nationale wie auch die Weltöffentlichkeit bereit, den gerechten Krieg gegen den kommunistischen Aggressor Fidel Castro zu unterstützen. Der geniale Plan stammt aus dem Jahr 1962, kam aber erst knapp 40 Jahre später zur Absicherung von arabischen Erdöllieferungen zum Einsatz.

Beispiele für eine optimierte Demokratie liefert uns unser grosses transatlantisches Vorbild zur Genüge. Nun liegt es an unseren politischen Führern, diese auch hierzulande zu verwirklichen, um Deutschland im historischen Globalisierungsprozess nicht zurückfallen zu lassen. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. [fe]

Mai 29, 2007 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack

26. Mai 07

Finnland: freies Filmkopieren

Das Bezirksgericht von Helsinki hat entschieden, dass der bei Film-DVDs eingesetzte CSS-Kopierblocker nicht zu den "wirksamen technischen Massnahmen" gehört, und damit auch nicht mehr den Schutz des Gesetzes geniesst. Es gibt also eine Rechtsprechung jenseits eines durch Anzeigenkampagnen in der juristischen Grauzone erzeugten gesellschaftlichen Konsens. Auch wenn hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Auch im deutschen, nach EU-Vorgaben harmonisierten "Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urheberrechtsgesetz)" findet sich ein Paragraph § 95a mit dem Titel "Schutz technischer Maßnahmen". Gemeint sind damit "Kopierschutz"-Vorrichtungen, wie DRM-Systeme. Der relativ verständliche Gesetztestext lautet hierzulande: "(1) Wirksame technische Maßnahmen zum Schutz eines nach diesem Gesetz geschützten Werkes oder eines anderen nach diesem Gesetz geschützten Schutzgegenstandes dürfen ohne Zustimmung des Rechtsinhabers nicht umgangen werden..."

Der strittige Punkt, schon oft von Gegnern solcher DRM-Massnahmen auf den Tisch gebracht, ist die Wirksamkeit der technischen Massnahmen. Wie wirksam ist aber eine solche, wenn sie zu Taschengeldbeträgen von AnyDVD oder anderen populären Alleskopierprogrammen unwirksam gemacht wird? Die Forderung nach einer technischen Wirksamkeit sollte ursprünglich doch verhindern, dass die blosse Behauptung genügt, auf dem Ton-, Film-, oder Datenträger befinde sich eine solche Massnahme. Statt dessen forderte der Gesetzgeber europaweit eine nachweisbare technische Wirksamkeit. Die aber nicht mehr gegeben ist, im Zeitalter von Brennsoftware, die Kratzer auf der CD/DVD und damit auch künstliche Datenfehler zur Verhinderung einer Kopie reparieren kann.
070526jonDer Norweger Jon Lech Johansen umging als Erster CSS und wurde freigesprochen.

Finnische Copyright-Aktivisten nutzten nun die Verwirrung und sammelten alles öffentlich bekannte Material über das Kopieren von Film-DVDs trotz einer Anwesenheit von CSS auf einer Website, und zeigten sich anschliessend selbst an.

Der darauf folgende Prozess führte tatsächlich zu einer unparteiischen Neubewertung von CSS, und das Gericht entzog ihm den Status anerkannter "Wirksamkeit". Natürlich setzt ein solches Urteil die Verwaltung Finnlands unter Druck. Weitere Gerichtsverhandlungen in höheren Instanzen sind also zu erwarten. Trotzdem wurde in Helsinki ein Tor zur Neubewertung der Kopierschutzfrage aufgestossen. Der Gerichtsentscheid wird Folgen für ganz Europa haben. [fe]

Mai 26, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

25. Mai 07

Antigua, legale Pirateninsel

Die schöne Karibikinsel Antigua, Sitz von innovativen Unternehmen wie Slysoft und zahlreichen Online-Casinos, könnte demnächst den Spiess umdrehen und das geistige Imperium der USA an seiner Achillesferse treffen. Eine David-Goliath-Situation mit vertauschten Waffen.

070525karibikZwar leben auf Antigua und Barbuda, gebildeten Gamern bestens bekannt aus Klassikern der Weltliteratur wie "Sid Meier's Pirates", nur rund 70.000 fröhliche Karibiker, trotzdem oder gerade deswegen spezialisiert sich der Doppelinselzwergstaat auf neue Industrien jenseits der Touristik. Einnahmeträchtigster Geschäftszweig und damit Grundlage des nationalen Wohlstands ist nicht so sehr die Herstellung von Software zur Durchsetzung der Privatkopie als vielmehr der Betrieb von Online-Casinos. Die werfen richtig Geld ab.

In den USA dagegen sind Online-Casinos bei Strafe verboten, britische oder auch karibische Geschäftsleute mit Verbindungen zum Internet-Glücksspiel landen auf USA-Reisen auch gerne mal in den Mühlen der Justiz. Und zum Schutz ihrer Interessen haben die Vereinigten Staaten zusammen mit den anderen reichen Industrieländern Verträge geschlossen, und mit der WTO (World Trade Organization) Grundlagen für reibungslosen internationalen Handel geschaffen. So dass zum Beispiel ein einzelnes Land durch nationale Gesetze nicht den freien Handel der anderen Länder behindern kann. Tut es das doch, kann die betroffene Nation nach den Statuten der WTO Gegenmassnahmen ergreifen. Also die jeweiligen Handelsbeschränkungen des anderen, vertragsverletztenden Landes ignorieren.

Tatsächlich ist es so, dass die USA seit Jahren die Regeln der WTO brechen, indem sie im Fall der Online-Casinos nationales Recht anderen Ländern aufzwingen wollen. Und damit riskieren sie die erwähnten Sanktionen. Antigua hätte also die Möglichkeit, im Gegenzug Handelsbeschränkungen der USA für aufgehoben zu erklären.

Und da die USA in allen Wirtschaftsbereichen ein gigantisches Aussenhandelsdefizit verzeichnet – ausser im Sektor "Intellectual Property" – hat der Karibikstaat und ehemalige Piratenstützpunkt die Supermacht an ihrer empfindlichsten Stelle erwischt. Was, wenn die Regierung von Antigua in einer launigen, rum-inspirierten Kabinettssitzung beschliesst, das Copyright sowie die Patentlage zu ignorieren, soweit es die USA betrifft?

Die IP-Supermacht auf dem nordamerikanischen Kontinent hat bereits angekündigt, ihren Teil der WTO-Verträge einseitig zu verändern, so dass Online-Casinos nicht mehr Teil davon seien. Selbst dann wären sie aber noch Teil der WTO-Verträge aller anderen Staaten, und Antigua hätte dennoch das Recht, unbekümmert Kopien von allem anzufertigen und zu vertreiben, das aus US-Amerika stammt. Solchermassen zum Schurkenstaat avanciert, dürfte allerdings die militärische Option in greifbare Nähe rücken. Und wer will die USA von einer weiteren völkerrechtswidrigen Besetzung eines wehrlosen Landes abhalten? Wobei diese den gordischen Knoten nicht lösen würde, könnte doch eine antiguanische Exilregierung mit Asyl in Bejing, Moskau oder Berlin dann Lizenzen für legale Piraterie an Drittländer verkaufen. Das heisst: es gibt keine Lösung. Nur: das betrifft diesmal alle. Auch und gerade die, die sonst immer "fein raus" sind. Viel Spass. [fe]

Mai 25, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack

23. Mai 07

Musikbranche kurz vor Auflösung

Die EMI wird an Heuschrecken verkauft, BMG gibt seinen Musikverlag an den Branchenführer Vivendi Universal ab, Amazon folgt Apple und bietet kopierblockerfreie Musikdownloads, die RIAA fordert Abgaben von Radiosendern, um fallende Profite auszugleichen. Bootsektor rät: Tuet Busse, das Ende ist nah.

Ich stehe zu meiner Voraussage: in 20 Jahren gibt es keine Musikindustrie mehr. Es wird einen riesigen Independent-Markt geben, aus Musikern, die ihre Songs frei im Internet verteilen und dafür eine Kompensation aus den Pauschalabgaben erhalten, plus Agenturen (ehemals "Labels"), die sich um Werbung und Vermarktung kümmern. Es wird auch geschlossene Vermarktungssysteme im Stil von "American Idol" oder "DSDS" geben, und die dazu gehörigen Versuche der Produktionsfirmen (im Besitz von Medienkonzernen), die Indie-Konkurrenz aus dem Markt zu verdrängen.

Es gibt weithin sichtbare Signale (in der jüdisch-christlichen Sagenwelt gern als "Menetekel" bezeichnet), die uns Hoffnung geben sollten. Früher oder später sollte sich der Würgegriff einzelner Content-Handelskonzerne um das Internet lockern – einfach weil es die Mühe nicht mehr wert ist. Finanziell. So wird die einstmals stolze EMI (auch wenn ich bei dem Firmennamen immer an die Sex Pistols denken und dann lachen muss) jetzt an Heuschrecken vertickt. Die Investorengruppe Terra Firma will 6,4 Milliarden US-Dollar dafür hinlegen. In einem Jahr ist dann nichts mehr vom einstigen Glamour übrig, und alle A&Rs müssen sich die Näschen auf eigene Kosten pudern. Oh.

Ob dann noch viel vom DRM-freien Content für Apple und Me-Too-Tunes-Anbieter Amazon übrig bleibt – ist keine wichtige Frage. Tatsächlich gibt es bereits jede Menge Musik ausserhalb der verbleibenden drei Konzerne: die Indies halten rund ein Viertel (bis Fünftel) des Marktes für Tonträger.

Um so mehr DRM-verquirlter Sound wird in den Lagern von Vivendi Universal vor sich hin stauben. Hat doch die sonst so griesgrämige EU-Kommission dem Kauf des Bertelsmann-Musikverlags durch den französischen Konzern zugestimmt. Und nicht etwa der "Fusion von Universal und BMG", wie es in der Financial Times (und anderswo) zu lesen steht. Peinlich, FTD. Die BMG Musiksparte (ohne Verlag) befindet sich nämlich schon in einer Fusion. Mit der glücklosen Sony.

Nachdem die Terrorstrategie der Musiklobbyisten, nämlich die Konsumenten durch Klagewellen wegen tatsächlicher oder behaupteter Privatkopie an die Ladenkasse zu zwingen (um dort die einseitig festgesetzten, überhöhten Tonträgerpreise zu bezahlen), zu scheitern droht, besinnt man sich auf der Brücke des IFPI-Flaggschiffs RIAA auf die gute alte Regulierungsschraube. Man verlangt einfach von den Radiosendern (und dann von allen anderen), in Zukunft nicht nur an die Komponisten und Texter, sondern auch an die Verwerter (also die Musikkonzerne) zu bezahlen. Und zwar nach Anzahl der Zuhörer. Das wäre dann sozusagen der Durchbruch für die Creative-Commons-Bewegung. Welcher Radiosender will dann noch Geld für 24 Stunden langweiliger Chart-Hits ausgeben, wenn es woanders dass selbe gratis (oder eben zu reellen Lizenzkosten) gibt?

Letztendlich steuert das alles auf den Zusammenbruch einer Branche zu. Jahrzehntelang wurde angesichts märchenhafter Profitraten der Konsument ignoriert, und als Probleme auftraten, als Feind behandelt. Alle anderen Branchen wissen, dass dies in den sicheren Konkurs führt. Und dass der Ärger mit der Musiklobby und ihrem schädlichen Einfluss auf die Gesetzgebung und Rechtsprechung der Industrieländer bald vorbei ist. In ein paar Jahren. So lange müssen wir eben noch Geduld haben. [fe]

Mai 23, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (8) | TrackBack

19. Mai 07

Microsoft, DRM und Yeti-Porno

Was passiert, wenn ein neo-liberaler Think-Tank Marktwirtschaft und Wettbewerb fördern will? Er ruft nach staatlicher Regulierung, Kontrolle und einer Stärkung der Bürokratie. Deswegen wurden Köpfe der erwähnten "Progress & Freedom Foundation" auch von der neuen Copyright Alliance unter Vertrag genommen. Für den Drahtseilakt: Freie Märkte für wenige, Wettbewerbshindernisse für alle anderen. Mit an Bord: die bekannten Verdächtigen.

070519sasquatchMicrosoft, die Filmlobby MPAA, der Fernsehsender NBC, Rupert Murdochs Medienimperium News Corp., Mäusekonzern Disney, Time Warner, die Software-Lobby BSA (Business Software Alliance), die US-Gema ASCAP (American Society of Composers, Authors, and Publishers), die National Basketball Association (NBA) und viele andere, die sich im Besitz von immateriellen Rechten sehen, haben am Donnerstag in Washington, D.C. die Copyright Alliance gegründet. Auf der Fahne steht: "promoting the value of copyright as an agent for creativity, jobs, and growth". Aber sicher doch.

Direktor der Copyright Alliance ist Patrick Ross, vorher bei der erwähnten "Progress & Freedom Foundation". In seiner neuen Funktion veröffentlicht er bekannte Standpunkte. Er warnt vor der Schwächung des Copyright durch Bewegungen wie Creative Commons, beharrt darauf, dass die blühende Piraterie die Software-, Film- und Musikindustrie (in den USA) Milliarden kosten würde (ich habe dafür noch keinen Beweis gesehen), wirft Bürgerrechts-Organsiationen wie der EFF vor, sich mit Nebensächlichkeiten des DMCA aufzuhalten und behauptet, der allgemeine Ruf nach "Fair Use" (Recht auf Privatkopie etc.) würde in die Irre führen.

Alter Wein in neuen Schläuchen, wie der Lateiner sagt, aber genau solche Argumente, vorgetragen mit der Kraft der Milliardenprofite und in der deutschen und europäischen Wirtschaftselite genauso verbreitet wie in der US-amerikanischen (obwohl der alte Kontinent in den Augen der US-Medienimperien bestenfalls Koloniestatus hat) wirken auch auf politische Vorgänge, die uns direkt betreffen.

Es ist für mich völlig verständlich, dass die IP-Industrie nach Protektionismus und Schutz durch den Staat verlangt. Wie das aktuelle Beispiel des Microsoft-Patent-Angriffs gegen Linux zeigt, geraten selbst so schlau angelegte Fallgruben wie der Microsoft-Novell-Deal gerne in die Nähe eines Desasters. Professor Moglen jedenfalls weist darauf hin, dass die vielen ausgegebenen Microsoft-Gutscheine für den Erwerb von Linux kein Verfallsdatum haben, und daher in Kürze unter der GPL3 eingelöst werden, die ausdrücklich alle Patentkriege unterbindet. Microsoft wird also voraussichtlich ab Juli an die GPL3 gefesselt sein und damit jedes Mittel zur Patent-Kriegführunge gegen die OpenSource verlieren.

Dass AACS und Vista Kopierblocker-Einrichtungen inzwischen schneller geknackt werden, als sie auf den Markt kommen, soll hier keine tragende Rolle spielen.

An dieser Stelle muss ich meine geschätzten Leser vorwarnen. Immer wieder zeigten mir Kommentare in diesem Weblog, dass die Rezeptionsbereitschaft angesichts des legendären, immer wiederkehrenden "Bootsektor-Moments" durchaus begrenzt sein kann. Dem Augenblick der Neuformatierung. Hier ist er. Wie der US-Cryptozoologe Loren Coleman durch wahrscheinlich jahrelange mühevolle Nachforschungen herausgefunden hat, kann die Menschheit stolz auf einen im Jahre 1981 gedrehten, 15-minütigen Pornostreifen namens "The Geek" zurückblicken. Der Inhalt ist schnell erzählt: die Hälfte der Zeit laufen Darsteller mit überschaubaren Schauspielfähigkeiten hin und her, das Finale beschäftigt sich mit dem Sasquatch, eine nordamerikanische cryptozoologische Legende (auch als Big Foot bekannt) und damit ein mythischer Verwandter des uns näheren asiatischen Yeti, welcher eine Blondine belästigt und schliesslich zu expliziten, dem Genre des Films angemessenen Handlungen ermuntert (oder umgekehrt). Ich schildere das vorsorglich, für den Fall, dass bei eurer nächsten Gerichtsverhandlung wegen Privat-Piraterie und häretischem Festhalten an marktwirtschaftlicher Freihandelsideologie die bekannte Chewbacca-Verteidigung nicht mehr greifen sollte. Dann eben Big Foot, Sasquatch, oder Yeti. Viel Glück! [fe]

Mai 19, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

16. Mai 07

Privatkopie: Der Versuch ist strafbar

Das wäre die Folge eines Gesetzes, das vom US-Justizministerium als Entwurf vorgelegt wurde. Horrende Gefängnisstrafen beim Versuch einer Copyright-Verletzung und polizeilicher Abtransport aller Ton/Datenträger, Hilfsmittel, Computer. Im Entwurf geht es an erster Stelle um die Interessen der Musikindustrie. Wir werfen mal einen Blick auf die nahe Zukunft.

Der US-Bundesgeneral-Staatsanwalt Alberto Gonzales, bei Anhörungen vor dem Kongress zu eigenen Verfehlungen in spektakulärem Ausmass von Erinnerungslücken heimgesucht, stellte am Montag anlässlich einer Rede vor der U.S. Chamber of Commerce in Washington den "Intellectual Property Protection Act of 2007" vor. Wird der Entwurf mit den Stimmen der "Freunde der Entertainmentindustrie" im US-Kongress zu geltendem Gesetz, erwarten die US-Bürger und wenig später sicher auch die EU-Bürger folgende bizarre Regelungen:

Analog zu bei einem versuchten Betrug, Raub oder Mord, soll künftig auch der nicht-kommerzielle Versuch einer Urheberrechtsverletzung (einschliesslich Umgehen von DRM) mit Gefängnisstrafen von einem bis zehn Jahren belegt werden.

Wenn in gesundheitskritischen Umgebungen, zum Beispiel in der Medizin, illegal kopierte Software eingesetzt wird, soll das Strafmass lebenslänglich betragen.

Das Abhören von Telefonen soll selbverständlich zum Instrumentarium bei der Fahndung nach Copyright-Verletzungs-Versuchen werden.

Einrichtungen, die für versuchten Copyright-Bruch zur Verfügung stehen, sollen problemlos beschlagnahmt werden können. Also zum Beispiel ein PC mit eingebauten CD-Brenner. Wie im "War On Drugs" der US-Drogenpolizei DEA wird dann damit ein Teil der Fahndungskosten refinanziert.

Die Behörden sollen ausdrücklich auch dann aktiv werden, wenn nicht klar ist, ob das betreffende kopierte musikalische Werk irgendeinem Copyright unterliegt. Es sei nicht Aufgabe der Polizei, alle Copyrightregister zu kennen.

Und neben einigen weiteren erstaunlichen Ideen regt Herr Gonzales, selbst mit einem Bein am Ende seiner öffentlichen Karriere, den Einsatz der Homeland Security an. Dieser Supergeheimdienst wurde nach den mysteriösen Anschlägen auf New York und Washington im September 01 zur Terroristenabwehr eingerichtet, konnte aber bislang trotz zweistelligen Milliarden-Etats keine Erfolge vorweisen. Er soll nun etwaige Grenzvorfälle mit erfolgten oder beabsichtigten Copyright-Verletzungen direkt an die Musiklobby RIAA weiterleiten.

Ich weiss selber, dass das alles klingt wie frisch an den Haaren herbeigezogen. Hier ist das Original-PDF des Gesetzentwurfs und hier eine Zusammenfassung in englischer Sprache auf CNET. Lest selber.

Wenn der Entwurf auch nur in Teilen durchgeht, was in der aktuellen politischen Lage leider gar nicht mal unmöglich erscheint, können wir uns auf ähnliche Forderungen der IPFI (globale Dachorganisation der RIAA) auch nach Gesetzesverschärfungen hierzulande gefasst machen. [fe]

Mai 16, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

15. Mai 07

Microsoft gegen Linux: die Fakten

In den letzten Tagen geriet der kalte Krieg "Microsoft gegen Open Source" in eine heisse Phase. Richtig heiß gelaufen ist dabei aber vor allem die Presse. Wenn man nämlich die Fakten untersucht, bleibt nicht viel übrig. Aber sehen wir uns das einmal der Reihe nach an.

Gestern schreckte ein Fortune-Artikel die Computerwelt auf: Microsoft habe entdeckt, dass Linux ganze 235 seiner Patente verletze, und werde nun dafür Lizenzgebühren einfordern. Tatsächlich gab es ein Gespräch zwischen Microsoft General Counsel Brad Smith, Microsoft Licensing Chief Horacio Gutierrez und Redakteuren des Wirtschaftsmagazins Fortune. Darin beschrieben die beiden Microsoft-Vertreter ihre neue Strategie, Umsätze durch Patenteinnahmen zu erzeugen. Microsoft-CEO Steve Ballmer, so berichteten die Medien, verschärfte die Debatte durch die öffentliche Erklärung, Linux würde "über 228" Patente verletzen, was eines Tages zu Massnahmen der WTO führen würde. Aber halt! Das sagte er Anfang 2004, also vor mehr als drei Jahren. Und er bezog sich dabei auf die damals frisch veröffentlichte Studie der Beratungsfirma OSRM (Open Source Risk Management), die in 283 Fällen eine mögliche Patentverletzung durch Open Source Software wie Linux andeutete. Um im nächsten Atemzug eine "Versicherung" gegen mögliche juristische Risiken beim Einsatz von Open Source anzubieten. Tatsächlich wurde nie präzise gesagt, welche Patente verletzt würden. Aber dass etwa die Hälfte aller Softwarepatente vor Gericht für ungültig erklärt werden. Und dass ein Drittel der erwähnten 283 Patente im Besitz von Linux-freundlichen Unternehmen wie IBM seien. Nur rund zehn Prozent im Besitz von Microsoft. Also 28, und nicht "über 228" und auch nicht 235. Kein Wunder, dass sich die Autoren der Studie von 2004 bereits von der Interpretation durch Herrn Ballmer distanziert haben. Kein einziges OpenSource-Prgramm wurde bis zum heutigen Tag einer Patentverletzung für schuldig befunden. Und es sieht nicht so aus, als würde Microsoft etwas daran ändern können.

Was ist also, zusammengerechnet, wirklich passiert? Das: Microsoft schickte neulich nachmittags zwei Vertreter zu einem "business-orientierten" Magazin, um dort die bewährte "Fear, Uncertainty and Doubt" Strategie (FUD) zu verfolgen. Warum gerade jetzt und mit soviel Fanfarengetöse? Weil die globale Wirtschaft zunehmend auf presigünstige und zuverlässige OpenSource-Produkte setzt? Weil nationale und bundesstaatliche Regierungen offene Formate zum Standard erklären? Weil Dell auf Druck seiner Kunden nun auch Linux anbietet? Oder weil, wie Professor Eben Moglen vom Software Freedom Law Center andeutet, der Microsoft-Novell-Deal nicht nur für Novell Probleme geschaffen hat. Juristisch gesehen sei Microsoft dadurch nämlich zum Linux-Distributor geworden, und unterliege damit den Bedingungen der GPL. Das allerdings wäre wirklich eine Katastrophe. Für Microsoft. Aber das lässt sich jetzt noch nicht absehen. Für die OpenSource-Wirtschaft bedeutet die "235-Patente-Affäre" etwas anderes: nämlich dass Microsoft nichts in der Hand hat. Nichts ausser Behauptungen. [fe]

UPDATE (16:14): So langsam lichtet sich der Nebel. Der oben erwähnte Horacio Gutierrez erklärte gegenüber der Presse: "Wir werden niemanden verklagen. Das hätten wir schon vor Jahren tun können". Statt dessen wolle Microsoft noch mehr Deals wie mit Novell abschliessen. Das allerdings würde durch die für Juli erwartete GPL 3 unmöglich gemacht. Schon jetzt kassiert Microsoft aufgrund des Novell-Deals Lizenzen von Unternehmen, die Linux benutzen. Damit wäre dann womöglich Schluss. Ebenso wie mit einer Absicherung gegen Patentklagen durch Firmen, die Linux vertreten. Die Uhr tickt also – in diesem Fall für Microsoft.

Mai 15, 2007 in Betriebssystem-Wahnsinn | Permalink | Kommentare (6) | TrackBack

14. Mai 07

Sony BMG: Flug zum Mars

Grosse Erfindungen und Entdeckungen wurden in der Vergangenheit oft von Aussenseitern gemacht. Jetzt will ein multinationales Unternehmen, das sich selbst in den letzten Jahren ins Aus manöverierte, mit einem einzigen, titanischen Schritt in die Zukunft springen. Microsoft will das auch.

070514sony_greiftIch glaube, ich wäre nicht mit 20 US-Dollar Schadensersatz pro Kunden davongekommen. Wenn ich, so wie der berühmte Sony-BMG-Konzern, auf Hunderttausenden von Rechnern der US-Verwaltung und -Regierung Rootkits per Audio-CD installiert hätte. (Bild: Sony greift nach neuen Umsatzquellen. Konsumenten reagieren erschreckt). Statt dessen würde ich diese Zeilen (wenn überhaupt), vom berühmte karibischen Ferienlager Guantanamo Bay aus schreiben. Aber das alles soll jetzt der Vergangenheit angehören. CDs werden nun mal immer weniger verkauft, das hat nun auch das Management des erwähnten Konzerns eingesehen, statt dessen will jetzt man einen offenen Download-Musikshop errichten.

070514mikroHurra! Ein offener Downloadshop! Leider konnte ich mir das Nachlesen nicht verkneifen... "offen für Konkurrenten". Ach so. Und weiter im O-Ton von Sony-BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz: "Ich bin im Moment absolut nicht bereit, DRM aufzugeben". (Bild: Sängerin und Band bereits im Raumanzug. Rechts oben ein Röhrenmikrofon.) Heisst das, mit anderen Worten, dass ihr schon wieder etwas versucht, das jahrelang nicht funktioniert hat? Einen Downloadshop anzubieten, der so viele Restriktionen enthält, dass er (anders als iTunes) für Konsumenten unbrauchbar ist? Beruhigend dagegen die Ankündigung, dass man jungen Musikern nun Verträge geben will, die den Konzern auch an Werbe- und Konzerteinnahmen beteiligen. Das bedeutet: selbst wenn der iTunes-Konkurrent erwartungsgemäss floppt (so wie zuvor Sony Connect), bekommt der Konzern wenigstens das ganze Geld der Musiker. Aber wofür eigentlich?

070514rennenDa könnte Sony BMG doch genau so gut eine Expedition zum Mars ausrüsten. Die würde zwar auch nicht ankommen, hätte aber keine Kollateralschäden an ungehinderter Informationsverbreitung und freier Internetwirtschaft zur Folge. Am besten würde mir ein Rennen zum Mars gefallen. Zweiter Teilnehmer: Microsoft. (Bild: SonyBMG klar vorne, Microsoft wegen Vista-Problemen noch am Boden) Nachdem die experimentelle Raumsonde SCO weder Daten noch Lizenzmillionen nach Hause brachte, will das Softwareimperium nun wegen der Verletzung von 235 Patenten durch Linux breitflächig Lizenzen einfordern. Ich weiss nur noch nicht, von wem. Dazu Professor Eben Moglen vom Software Freedom Law Center: "Irgendwo dort liegt Waterloo." Womöglich also auf dem Mars. Sicherlich aber in der Zukunft. Sowohl der von Sony BMG als auch der von Microsoft. Ich glaube, da können wir drauf warten. Wird nicht lange dauern. [fe]

Mai 14, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack

12. Mai 07

Iraker abschiessen, via Internet

Und ihr dachtet, Killerspiele mit gepixelten Gegnern wären etwas abscheuliches. Null Punkte für diesen Versuch. Killerspiele sind soo 2006. Wie wäre es statt dessen mit einer individuellen, aktiven Teilnahme am Krieg gegen den Terrorismus? Oder für sprudelnde Ölquellen, je nach Perspektive. Der Iraker Wafaa Bilal stellt sich freiwillig vor die Gewehrmündung. Und wir zielen auf ihn. Via Internet.

Eigentlich sieht er ganz sympathisch aus. Hat auch so einen netten arabischen Akzent in seiner ansonsten flüssigen englischen Konversation. Ort des Geschehens ist die Galerie Flatfile in Chicago. Zeitdauer der Veranstaltung: Mai 2007. Erster bis letzter. 24/7. Über Webcam zu sehen, darin der erwähnte, eigentlich ganz sympathische Iraker im üblichen schwarzen Jeans-T-Shirt-Outfit der Kreativszene, dazu ein "Palästinensertuch" um den Hals, zurückweichender Haaransatz, schlaksige Bewegungen. Der Besucher seiner Website Crudeoils.us (Roh-Öl.amerika) beobachtet das Opfer per Webcam, bedient die Steuerung mit den office-üblichen Mitteln, feuert einen blutrot gefärbten Paintball (letzterer im finsteren Süden unseres Landes bereits verboten) auf Wafaa. Trifft man, dann geht der Vorzeigefeind kunstblut-überströmt zu Boden.
070512wafaa

Ginge es nach Onkel Beckstein, Mutti von der Leyen oder Opa Pfeiffer, dann wäre dieses eindrucksvolle und engagierte Kunstprojekt schon verboten. Die Freiheit der Kunst, Meinung oder Presse zählt für Rechtsaussen-Komödianten dieser Coleur nicht viel. Mit immer neuen, frei erfundenen oder durch Fangfragen von minderjährigen Kindern erschlichenen Pseudobeweisen verkleben sie die Informationskanäle der Massenmedien. Dabei wäre eine Beckstein-Cam mit Paintball-Steuerung in der Hand politisch Andersdenkender und kostenpflichtiger Teilnahme sicherlich ein wirksamer Weg zur Finanzierung von Kindergärten, Jugendbetreuung oder Schulreformen.

Wie die harte, kalte Realität dagegen auf uns alle herabblickt, beschreibt emotionslos der Vize des bekannten Spieleherstellers Midway, Steve Allison. Ganze 93 Prozent aller neuen Spiele (Fortsetzungen nicht gerechnet) sind ein kommerzieller Flop, sagt der alte Industriehase. Und Rezensionen in Spielemagazinen und auf Websites (auch wenn die action-bezogenen hierzulande aus bekannten Gründen untersagt sind) bringen überhaupt nichts. Und seien sie noch so euphorisch. Unterm Strich zählt genau eines: der kommerzielle Erfolg. Und den bestimmt der Konsument. Abstimmung an der Supermarktkasse. Gelebte Demokratie. Alle Regulierungsanstrengungen anal fixierter Ordnungsjünger sind Produkte von arrogantem, kulturellem Herrschaftsdenken. Und zum Scheitern verurteilt. Hier lauert auch das anarchische Potential von Entertainment-Software. Die Leute kaufen sie, und verbringen ihre Zeit damit. Einfach so, wei sie Lust drauf haben. Und nicht mit industriellen Musikprodukten, massengefertigten Filmen oder "dem guten Buch" von Bertelsmann oder anderen Medienkonzernen. Und ich sehe keine Möglichkeit, die Uhr wieder zurückzudrehen. In die gute alte Zeit. Als man noch auf den Bürger schiessen durfte, wenn er nicht parieren wollte. Statt dessen schiesst man auf moralisch überlegene Iraker. Ich liebe es, in der Zukunft zu leben. [fe]

Mai 12, 2007 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack