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« September 2007 | Start | November 2007 »

31. Oktober 07

Die Kafka-Maschine

Nach möglicher technischer Unterstützung befragt, so erzählt die urbane Legende (die unmoralische Schwester der allseits geachteten nackten Wahrheit), habe der US-Telekom-Gigant Verizon abgewunken. Die vom FBI ersehnten "Communities of Interest" lägen ausserhalb des Möglichen. Nicht so für den Konkurrenten AT&T, der eine solche Totalüberwachungsmaschine schon im Einsatz hatte. Mit interessanten Grafiken.

071031nodes2Ich hätte das ja auch nicht so ohne weiteres gefunden. Wer nimmt sich schon die Zeit, die gesamte Online-Ausgabe der New York Times jeden Tag auf's Neue nach den wenigen wichtigen Meldungen zu durchkämmen? Näher dran am Thema ist auf jeden Fall der berühmte Professor Edward "Ed" Felten, der die Sache noch einmal in seinem "Freedom to Tinker" Blog zusammenfasste. So dass ich sie für euch noch einmal zusammenfassen kann. In kurzen Worten: der US-amerikanische Telekomkonzern stellt der Bundespolizei Datamining-Einrichtungen zur Verfügung, die “Guilt by Association” aufzeigen können. Es geht hier also darum, Telefonbenutzern eine Schuld zuzuweisen. Nämlich die, mit Leuten telefoniert zu haben, die ihrerseits mit anderen Leuten telefoniert haben, die als verdächtig gelten. Zum Beispiel des Terrorismus. Wobei die Terroristenliste derzeit fast eine Million Menschen enthält. Tendenz zunehmend. Es ist derzeit nicht klar, wie man auf diese Terrorliste kommt. Aber es dürfte jedem klar sein, dass nach einer Weile jeder schon einmal mit jemandem telefoniert hat, der mit jemandem telefoniert hat... und damit in die Gruppe der Verdächtigen fällt, die dann schon mal stark verringerte Bürgerrechte haben. Eine Massenkriminalisierungswaffe. Wie praktisch. Ungefähr ebenso erschreckend: AT&T hatte die ganze Technik für so eine totalitäre Ungeheuerlichkeit schon im Ärmel. Konstruiert, um Ferngesprächsschwindlern auf die Spur zu kommen. Also Leuten, die sich kostenlose Ferngespräche erschleichen. Weil sie womöglich kein VoIP haben. Telefonterroristen eben.

071031nodesMöchten wir das auch hierzulande? Möchten wir, dass Herr Schäuble von den nationalen Telekomanbietern eine solche Stasi-Maschine bauen lässt, um damit jeden Bundesbürger in eine Verbrechens-Verbindungs-Kartei zu pressen?

In diesem Zusammenhang freue ich mich besonders über eine Einladung der nach eigenen Angaben "bundesweiten, unabhängigen, gemeinnützigen Vereinigung, in der sich Fachjournalisten organisieren", nämlich des sogenannten "hightech presseclub e.V." (hpc). Dieser selbsternannte "Presseclub" veranstaltet am 13. November in München eine "exklusive" Sause zum Thema "Musikpiraterie". Zwei IFPI-Anwälte, Piratenjäger und hpc-Refenten (aha) wollen dann darüber schwadronieren, "wie die GSG 9 der Musik-Industrie illegale Musikanbieter dingfest macht". Was für ein unglaublich verblödeter Schwachsinn. Die GSG9 der Musikindustrie. Das hättet ihr wohl gerne, was? Und weiter verkünden die Pseudo-Journalisten Unternehmenslakaien: "Mit der Musik-Industrie ist schlecht Kirschen essen. Zumindest für all diejenigen, die glauben, mit illegal über das Internet angebotenen Musiktiteln den schnellen Euro machen zu können." Glaubt ihr Laiendarsteller wirklich, man nimmt euch diesen frei halluzinierten Mist ab? Wenn hier jemand versucht, mit illegal im Internet angebotenen Musiktiteln den schnellen Euro machen zu können, dann die erwähnte "Musik-Industrie". Oder sind deren Verträge mit den rechtmässigen Urhebern inzwischen alle wasserdicht?

Auch hier böte sich ja eine Komplett-Datamining-Verknüpfung im AT&T-Stil an. Weil ja jeder schon mal mit irgendwem telefoniert hat, oder ge-emailt, oder ge-chattet, der schon einmal im Internet Musiktitel angeboten hat. So wie ich. Yarr. Siebzehn Mann auf des toten Manns Kiste. Mehr Rum! Sonst ertrage ich diese billige und schlecht gemachte Lügenpropaganda nicht mehr. Viel, viel mehr Rum! [fe]

Oktober 31, 2007 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

29. Oktober 07

Versicherung gegen Kunst

Ein Hoch auf den Kapitalismus. Wenn alle Märkte bereits besetzt sind, werden eben neue erfunden. Genialität kennt keine Grenzen, und eine Hausmeisterfirma aus Halle bietet neuerdings eine Versicherung gegen Graffiti an. Dieses Geschäftsmodell ist genauerer Betrachtung wert.

071030terrortomate_itDanke an Ralf aus Aachen für den Tipp, das Angebot der Firma EXUWEG hat von Null auf Hundert direkt die Pole Position erobert und wird zentrales Bootsektor-Thema des heutigen Tages. Ein echter Chartbreaker. Nur mässig spannungsaufbauend, beschäftigt sich das Unternehmen aus Halle an der Saale vordringlich mit Gebäudereinigung. Soweit so gut. Ein echtes Wachstumspotential kann man in dieser Branche wohl nur bei langem, angestrengten Hinsehen erkennen, deswegen entwickelten die Marktstrategen ein neues Produkt: Sicherheit vor Kunst. Mit Sicherheitsversprechen kann man heute ja leicht punkten, und Kunst ist überhaupt immer subversiv und überwiegend ein Fall für den Dampfstrahler. Deswegen will Norman Reichwehr (cooler Name), Leiter der Systemzentrale Bayern demnächst dem frischgebackenen bayerischen Innenminister Joachim Herrmann einen Besuch abstatten und ihm ein Angebot vorlegen, das er aber bestimmt abschlagen kann. Jährlich, so fabuliert die Pressemeldung, entstünden in Deutschland Schäden in Höhe einer halben Milliarde Eurelien. Und jetzt kommts: durch Graffiti, und dagegen will Exudings eine Versicherung anbieten. Wenn alle Gemeinden und der Herr Hermann dazu fleissig Beiträge bezahlen, will die Hausmeisterkolonne aus Halle binnen 48 Stunden alles wieder wegputzen. Da muss ich jetzt spontan herzlich lachen. Ganz abgesehen von der bodenlosen Unverschämtheit, Graffiti pauschal unter Gebäudeschäden abzuheften (extra rote Karte für die lächerliche, fingierte Umfrage mit 62 Teilnehmern auf den Firmenhomepage), erheitert mich die kindliche Vorstellung der Sachsen-Anhälterischen Gebäudereiniger, mit den Chef-Amigos dieser Republik faule Deals abschliessen zu können. Geht, spielt ruhig mit den Haifischen, meine kleinen sächsischen Makrelen, ihr süssen silbrigen anhalterischen Heringe, aber wundert euch nicht, wenn euch die Oberschlitzohren des politischen Ozeans die Flossen abreissen und ihr auch noch dafür bezahlt. Hahahaha!

071030strotter_itAber die Idee von der Versicherung gegen was-auch-immer lässt mich nicht los. Ich glaube, ich rufe demnächst mal bei Joachim Herrmann an und biete ihm eine Versicherung gegen die Milliardenschäden durch Raubkopien. Was? Kein Interesse? Na, macht nichts. Das Thema ist demnächst sowieso durch.

071030strudel_overheadrobots_itUnd die Kunst lebt weiter, beschmiert nicht nur Tisch und Wände, sondern auch den Äther, und die festgefügten Realitätsfantasien unserer Zeit. In den vergangenen Tagen besuchte ich allabendlich ein Elektronikkunstfestival in meiner von Wahnsinn umwölkten, auf den verbotenen Ruinen ältester, blasphemischer Kulte gegründeten Heimatstadt Augsburg, dieser zur selbstmitleidigen Schlampe und später zum elektronischen Schneewittchen mutierten einstigen Handelsfürstin eines ganzen Kontinents. Lab30, mit überwiegend nationalen, plus beachtlichen internationalen Künstlern des Elektronik- und Medienzweiges. Wahnsinnige Plattenspielermänner, laptopverliebte Staubsaugerpopproduzenten, Überwachungsstaatallegorien in weissen Stoff gestickt, vor dem Gebrauch selbsttätig fliehende Bürostühle, DIY-VHF-Sender und ihr sinistrer Einfluss auf die Audio-Schaltkreise letztjahrhundertlicher Röhrenfernsehgeräte. Einen umfassenderen Bericht habe ich in der Blogsburg gepostet. An dieser Stelle dagegen bleibt mir nur noch die Versicherungslücke anzumahnen, die von solchen zukunftsoffenen Gegenwartsveranstaltungen hinterlassen wird: Wie soll man sich als anständiger Bürger und Konsument nach einer Auge-in-Auge-Begegnung mit Solarzellenrobotern, Analogelektronengehirnen und Kompaktkassetten-Wiederverwertungs-Workshops noch in den Alltag zurück-orientieren? Vor allem, wenn die zwischen Beton und Ästhetik brückenden Graffiti von wildgewordenen Hausmeistern unter dumpfem Stöhnen abgespritzt wurden? He? [fe]

Oktober 29, 2007 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

27. Oktober 07

Sexy Security-Management nach US-Vorbild

Machen wir uns hier nichts vor: die dunkle Kostenstruktur einer typischen IT-Abteilung in kommerziellen Unternehmen oder öffentlicher Verwaltung ist Entscheidungsträgern schon lange ein Dorn im Auge. Glücklicherweise liegen nun Erfahrungen mit fortschrittlichen Managementmethoden vor, die globale Vereinfachungen und spürbare Kostensenkungen mit sich bringen. Hier einige Beispiele.

In den USA ist man einfach schon viel weiter. Und wir altweltlichen Europäer können nur immer wieder über die tatkräftige Frische staunen, mit welcher in der Neuen Welt Probleme identifiziert, angepackt und aus dem Weg geräumt werden. Selbst die bekannten Meister aus Deutschland, die immer wieder Industriekomplexe, Konzentrationslager, Einwanderungstests und Osterweiterungen mit bewundernswerter Präzision und Effizienz zu erschaffen verstanden, können hier noch dazulernen.

Fangen wir mit der vordergründig augenfälligsten Problemzone modernen Managements in Unternehmen und Verwaltung an: dem Bootsektor. Nein, halt, ich meine, allgemein gesprochen, der Presse. So gab die Federal Emergency Management Agency (FEMA), seit 1979 zuständig für das US-Inlands-Krisenmanagement, am Dienstag dieser Woche eine Pressekonferenz zu den Fortschritten bei der Grossfeuerbekämpfung in Kalifornien. Die nationale Presse wurde 15 Minuten vor dem Termin informiert, erhielt aber eine Telefonnummer zum Mithören der Konferenz. Hören, nicht Sprechen. Der verantwortliche Beamte, Vizeadmiral Harvey E. Johnson, beantwortete alle Fragen mit bewundernswerter Eloquenz. Unglücklicherweise wurde wenig später bekannt, dass alle anwesenden Fragensteller ebenfalls Mitarbeiter der FEMA waren. Eine Potemkinsche Pressekonferenz also, und ein leuchtendes Vorbild auch für unsere nationale Administration. Keine unbequemen Fragen, keine unbequemen Zeitungsartikel. Höchstens etwas Weblogsatire, aber auch dagegen lässt sich etwas machen.

Aber wenn irgend ein Bürger ungeschickterweise widerspricht? Für diesen Fall muss natürlich geschultes Personal für das Krisenmanagement bereit stehen. Dies durfte US-Berufssportler Jake erleben, dessen Notebook bei einer Routine-Kontrolle am Pittsburgh International Airport zerstört wurde. Natürlich kann der TSA-Sicherheitsbeamte nichts dafür, wenn ihm das blöde Notebook herunterfällt. Und natürlich reagiert der Aufsichtsoffizier richtig, wenn er dem unnötigerweise mit Computer im Handgepäck Reisenden bedeutet, dieser solle sofort seine Sachen packen und auf Schadensersatz verzichten, weil er sonst auf der Stelle verhaftet würde. Korrekt reagiert, weil auf diesem Weg kostspielige Schadensersatzleistungen vermieden werden, und ausserdem der Sicherheitsstandard der Flughafen-Terrorabwehr nicht geschwächt wird. Tatsächlich ist hier noch Optimierung möglich, da juristische Schwachstellen eine nachträgliche Schadensersatzforderung zulassen. Aber daran kann man ja noch arbeiten.

So wie im Fall des Ägypters Abdallah Higazy, der in einem New Yorker Hotel übernachtete, gerade als ein paar Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Center steuerten. Was hat ein Ägypter an diesem Tag in New York zu suchen, und warum befand sich im Schrank des Hotelzimmers ein Funkgerät zur Kommunikation mit Flugzeug-Piloten? Da war es doch geradezu die Pflicht der ermittelnden FBI-Beamten, Herrn Higazy mit der Anmerkung, andernfalls würde seine in Ägypten lebende Familie zu Tode gefoltert, zu einem Geständnis zu ermuntern. Diese kleine Handreichung seitens des FBI wurde übrigens aus den Gerichtsakten gestrichen um, ähm, öhm, die Familie des Herrn Higazi zu schützen. Zufällig kam die unredigierte Fassung ans Licht. Aber man bedenke doch den möglichen Sicherheitsgewinn, als auch die finanziellen Einsparmöglichkeiten durch eine solche Vorgehensweise.

Und was machen wir im Interesse der Öffentlichkeit und des Wirtschaftswachstums mit erfolgreich eingesparten IT-Mitarbeitern? Zumindest für einen Teil dieser Berufsgruppe besteht Hoffnung. So veröffentlichte das innovative britische Arbeitsamt (ja, genau, das im Dienste Ihrer Majestät, der Königin) ein Stellenangebot für Frauen (ja, bisher leider nur Frauen) zu anständigen acht britischen Pfund die Stunde. Arbeitszeit 15 bis 40 Wochenstunden, zwischen 21 Uhr und mittags. Ein Anbieter von Erotik-Webcams suchte Personal. Zu den Job-Anforderungen gehören "Explizite Dialoge" sowie "Darbietungen vor einer Webcam nach den Wünschen und Fantasien der Kunden." Erfreulich auch der Hinweis: "Keine Vorkenntnisse nötig, Training wird gestellt." Warum kann die deutsche Arbeitsagentur nicht mit ähnlichen Stellenangeboten aufwarten? Warum können sich schwäbische mittelständische Unternehmen bei unvermeidlichen Sicherheitsproblemen und in dunklern Spamkanälen verschwundenen Kundendatenbanken nicht einfach an die örtliche Polizei wenden, um etwaige Beschwerden abzuschmettern? Warum verweisen Kauf- und Dienstleistungsverträge heimischer Gewerbetreibender nicht bereits auf den Haftungsauschluss mit nachfolgender Haftandrohung im Beschwerdefall? Hier besteht tatsächlich noch sehr viel Optimierungspotential, aber ich bin in diesem Punkt wirklich sehr hoffnungsvoll gestimmt. Auch hierzulande wird sich die bewährte Angststrategie konservativer Parteien und Medien positiv auf das nächste nationale Wahlergebnis, weiteres sozialpolitisches Streamlining und gesteigertes Security-Umsatzwachstum auswirken. Doch. Bestimmt. [fe]

Oktober 27, 2007 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack

25. Oktober 07

Raubkopieren: So wird’s gemacht

In den letzten Tagen und Wochen überstürzten sich die Ereignisse. Das Internet wird wieder zu einem spannenden Ort, allen Zensuranstrengungen zum Trotz. Top-Musiker verlassen das sinkende Industrie-Schiff, verschenken ihr neuestes Album oder lassen es von branchenfremden Dienstleistern betreuen, der Abwehrkampf staatlicher und kommerzieller Regulierungsfans wird immer verzweifelter. Heute mit Bildbeitrag: Raubkopieren im grossen Stil.

Es ist wieder diese Jahreszeit. Der lauschige November mit dem original deutschen Wetter (ein Grad über Null, leichter Regen, bedeckt) bringt mich wie jedes Jahr auf alle möglichen Ideen. Nur keine, die sich aufschreiben lassen. Statt dessen bedauere ich auch diesen Herbst, dass Eve Online und Neocron zwei getrennte MMOs sind, die man deswegen nur abwechselnd besuchen kann. Andererseits, die Kombination aus beiden würde mich wahrscheinlich dauerhaft vom Tippen abhalten. Jetzt ist es ja auch wissenschaftlich erforscht. Dass Onlinegaming Zeit verbraucht, und das nicht zu knapp.

071025russia1Die man dann nicht mehr für andere Freizeitaktivitäten hat. Aber wozu auch, wenn man in der Virtuasphäre bereits eine guten Zeit hat und dabei dauernd unter Leuten ist. Irgendwie. Radiohead jedenfalls, die britischen Kopfrocker, haben mit ihrer Aktion, das neue Album auf der Website für angemessenes Geld und den Download gegen Spenden abzugeben, einen Berg Geld verdient. So an die zehn Millionen, schätzen Insider. In kurzer Zeit. Gut erkannt haben die Radioköpfe auch, dass digitale Kopien von Musik zum Beispiel in Form von MP3s, kein oder nur sehr wenig Geld wert sind. Deswegen macht es auch nichts, wenn das Album inzwischen mehr über P2P als im Direkt-Download vertrieben wird. Das haben aber noch nicht alle kapiert: da jammert doch tatsächlich einer, Leute würden den Konzernen zuwenig Geld für Musik geben, weswegen die Künstler dann hungern müssten. Und nachts nicht mehr schlafen vor Sorge. Können wir bitte alle so tun, als wäre wir erwachsen, und mit diesem Quatsch aufhören? Oder wer hat nach Gesetzen geschrien, um den wirtschaftlichen Fortbestand der Kutschenhersteller und Pferdezüchter zu garantieren, als Kraftfahrzeuge eingeführt wurden? Wer sich nicht dagegen sträubt, aus der Geschichte zu lernen, weiss, dass ständig Industrien zumachen müssen, weil sie durch andere, bessere ersetzt werden. Kommt endlich damit klar.

071025russia2Ein schönes Beispiel für eine erfolgreiche Marktkontrolle (wie sie unsere Audio- und Video-Konzerne gerade anlässlich der HDTV-Entwicklung erträumen) liefert uns der bekannte und beliebte Half-Life-Hersteller Valve Software (die Hardwareversion davon hatten wir neulich). Dessen Online-Aktivierung Steam weigert sich, die US-Version der Orange-Box mit allen Half-Life-Neuheiten zu aktivieren, wenn sie im falschen Land gekauft wurde. So wie Kanada. Einfach nochmal kaufen, lieben Kunden. Einfach alles tun, was uns aus Langeweile sonst noch einfällt, liebe Kunden.

Wohin dieses Marketingdenken führt, könnt ihr sehr schön an den zwei Pics erkennen, die sich auf Klick auch gerne zu grösseren aufpoppen lassen. Im immer noch flächengrössten Land der Erde werden ganze Tankstellen kopiert. Um das Vertrauen der Kunden zu erwerben. Ich finde, sowas hat Stil. Viel Spass inzwischen, liebe Leser, ich muss jetzt hier ausloggen und bei meinem Alt die Skills wechseln. Bis nächstesmal. [fe]

Oktober 25, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

17. Oktober 07

1-Click-Patent vor dem Aus

Von all den nutzlosen, gefährlichen und wettbewerbsfeindlichen Patenten für Geschäftsmethoden war das Amazon-Patent 5960411, besser bekannt als 1-Click-Patent, das plakativste. Jetzt hat ein neuseeländischer Ritter des Steckenpferds den Retail-2.0-Zyklop in die Knie gezwungen. Zumindest fast. Oder so gut wie.

Peter Calveley aus Auckland auf der lauschigen Südpazifikdoppelinsel Neu Seeland hat seine fünf Minuten Internetruhm redlich verdient. Der hauptberufliche Motion-Capture-Darsteller und in dieser Eigenschaft Mitwirkender am Herr-der-Ringe-Epos hatte aus reinem Hobby-Interesse heraus vor einigen Jahren damit begonnen, Eingaben ans US-Patentamt zu schicken. Er wollte einfach nicht akzeptieren, dass man in den Vereinigten Staaten von Nord-Ameristan einen einzelnen Mausklick patentieren und diesen Unsinn dann via "Intellectual Property Policy" kleineren Ländern reindrücken kann. Es war wohl nicht leicht gewesen, ein so bescheuertes Patent überhaupt erteilt zu bekommen. Und es war wohl ebenso wenig leicht, dem US Patent Office klar zu machen, dass dieses Patent nie hätte erteilt werden dürfen. Zuviel "Prior Art", also Dinge, die schon früher erfunden (und patentiert) wurden, und zuviele Bestandteile, die sowieso jedem klar sind und deswegen nicht patentiert werden können. Noch haben die Advokaten von Amazon Gelegenheit, sich in den Neubewertungsprozess einzumischen. Allerdings sagt uns Peter, dass solchermassen in ihrer Glaubwürdigkeit erschütterte Patente üblicherweise schnell ganz den Orkus runterrutschen. Im Augenblick jedenfalls hat das USPTO das Amazon-Patent ausgesetzt.

Das ist nun aber nicht nur ein Sieg für Peter aus Auckland, und ein sicherer Gewinnwarnungs-Tsunami für Amazon, sondern auch ein Sieg für die freie Welt, für die Vernunft, und für den reinen, freien und quelloffenen Kapitalismus. Allzu selten nämlich erfüllt letzterer sein eigenes Versprechen vom ungestörten Wettbewerb der Marktteilnehmer. In aller Regel, wie im konkreten Fall "Einkaufen-mit-einem-Klick", flüchtet sich der engagierte Unternehmer aus der feindlichen Konkurrenzsituation in den sicheren Hafen feudalistischer Sonderregeln und Ausnahmegesetze. Patente schützen vor allem, was so ähnlich funktioniert oder zum selben Ergebnis führt. Copyright schafft geschlossene Märkte und zerstört Nutzerrechte. Wettbewerb in der aktuellen US-Version dreht sich ja nicht so sehr darum, wer schneller läuft und früher am Ziel ist, sondern wer alle anderen erfolgreich vom Starten abhalten kann. Das scheinbare Informations-Paradoxon am Ereignishorizont der Korruption, dass nämlich alle anderen im Sumpf derselben stehen, nur nicht ihr Initiator, scheitert mitunter an der Hartnäckigkeit eines Einzelnen. Hurra! Oder, wie wir inzwischen präziser zu formulieren wissen: Yarr!

Ach, da fällt mir doch ein... hab ich schon erzählt, dass unsere nationalen Ermächtigungsgesetzgeber und Jugendschutzmissbrauchspolitiker nicht zuletzt angesichts aktueller Zahlen aus dem schönen Nachbarland Britannien erstrangige Kandidaten für die grosse Löschtaste sind? Dort nämlich (hierzulande ist man womöglich zu feige für solcherlei Eingeständnisse) fand die Howard League for Penal Reform heraus, dass 95% der 10 bis 15jährigen Kleinbriten schon mindestens einmal Opfer eines Verbrechens geworden sind. Bedrohung, Nötigung, Diebstahl, Sachbeschädigung, direkte Gewaltanwendung. Das wird hier bei uns nicht sehr anders sein, denke ich mal. Viel Spass dann noch bei der nächsten Debatte über Gewaltspiele, Gewaltvideos oder Schulhofpiraterie. Wieso erfindet keiner ein Spray gegen verantwortungslose, selbstsüchtige Idioten? Oder noch besser: "Maulhalten-mit-einem-Klick". Das wär was... "träum"... [fe]

Oktober 17, 2007 in Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

15. Oktober 07

Sein und Schein in der Hardware-Industrie

Mal der Vollständigkeit halber angemerkt: jeder, der den Bootsektor liest oder andere Blogs, oder überhaupt irgendetwas im Web, tut dies mit Hilfe eines Computers. Egal, mit welchem Betriebssystem, Prozessor, Grafikchip. Und fast jeder, der über so ein Gerät verfügt, hat schon einmal Computergames benutzt und sich nach dieser Erfahrung kurz Gedanken über die Leistung seiner Hardware gemacht. Wie viel PS braucht ein Unterhaltungs-PC, wie viel Hubraum, und wie gross muss der Kofferraum sein?

Überraschung: Heute will ich zur Abwechslung mal nicht über Urheberrechte und Datensicherheit schreiben, über Lügen der Regierung und UFO-Verschwörungstheorien, und nein, auch heute nicht über Waldelfen. Ich habe mir zur Abwechslung einmal die Statistiken auf der Webseite von Valve Software angesehen. Richtig, die Half-Life-Hersteller, über deren Registrierungspolitik (gebrauchte Software und deren umständliche Neu-Registrierung etc.) man eigene lange Blogbeiträge schreiben könnte. Ich hab mir das Theater mit Steam dennoch angetan, einfach weil ich meine Half-Life-2-Bildungslücke stopfen wollte.

Und jeder, der am Steam-Survey freiwillig teilnimmt, trägt zu einer umfassenden Statistik bei. Über eine Million Gaming-PCs mit Valve-Produkten darauf (oder anderen, die auch über Steam vertrieben werden) ergeben einen guten Querschnitt der Hardware-Realität jenseits der Vierfarb-Hochglanzwerbung in Fachmagazinen. Nun ist Half Life 2 kein Game der allerletzten Generation. Wer Oblivion oder gar UT3 und Crysis auf maximaler Auflösung sehen will, möchte vielleicht mehr Power im PC-Case haben. Aber das hier ist der statistisch durchschnittliche Gaming-Rechner.

Als Prozessor verwenden 53,53 % einen Intel zwischen 2,3 und 3,3 Ghz und 46,47 % einen AMD Athlon mit 1,7 bis 2,0 Ghz. Die Takt-Unterschiede bei den Intel Chips sind grösser, weil hier noch ganz unterschiedliche Bauweisen verwendet werden; ein alter Pentium 4 tickt einfach schneller als ein neue Core Duo, leistet aber trotzdem weniger. Eine Doppel-CPU haben übrigens erst 24% der Rechner. Bei der Speicherausstattung habe ich eine Überraschung erlebt. Für mich selbst kommt auf einer WinXP-Maschine nicht weniger als 2 Gbyte RAM in Frage. Anders dagegen die Mehrzahl der Half-Life-Spieler, diese sind zu 22 % mit lächerlichen 256 und zu 44,5 % mit 512 MB RAM zufrieden. 24 % haben dann 1 Gbyte oder mehr, sehr wenige über 2 Gbyte.

Die meistverwendete Grafikkarte ist mit 6,91 % Anteil die alte Nvidia GeForce 6600, also die Mainstreamkarte von vor drei Jahren. Gefolgt vom Nachfolgemodell Geforce 7600 mit 6,54 %, der windigen GeForce FX 5200 mit 4,72 % und erst dann der ersten echten Hi-End-Karte GeForce 8800 mit 4,56 %. Das Bild setzt sich über die weitere Rangliste fort: nur sehr wenige haben echte "Gaming"-Grafikkarten, die meisten setzen auf bezahlbare Modelle, Nvidia ist beliebter als ATi. An der Monitor-Frequenz lässt sich die Verbreitung von LCD-Bildschirmen ablesen: 65,87 % also zwei Drittel, laufen mit 60 Hertz und sind damit Flachdisplays. Die anderen Bildschirme wechseln ihr Bild öfter und sind damit noch Röhren. Auch bei der Bild-Auflösung sind keine Rekorde zu erkennen: 40 % verwenden das Breitformat 1280 x 800, 37 % die gute alte 1024 x 768 Standardauflösung. Der Sound kommt heute nicht mehr von speziellen Soundkarten, sondern durchwegs vom Mainboard-Chip: Realtek AC97 Audio 22,85 %, Realtek HD Audio 10,30 %, SoundMAX Digital Audio 7,77 %, C-Media Wave Device 6,36 % Nvidia nForce 3,79 %.

Unter den Windows-Gamern verwenden 90,33 % XP und gerade mal 7,99 % Vista, aber 70 % haben ein Mikrofon. Klar, wie soll man auch ohne Mikro Teamspeak betreiben. Die meistverwendete Internetconnection ist übrigens mit 32,45 % die mittelprächtige 2048 Kbps-Leitung. Interessant fand ich die Verteilung der Sprachen: 60,42 % der Steam-Nutzer sprechen Englisch, 12,27 % Deutsch und 10 % Französisch. Was das alles für die Zukunft unserer Zivilisation bedeutet, kann sich jeder selbst überlegen. [fe]

Oktober 15, 2007 in Hart & Halbleitend | Permalink | Kommentare (10) | TrackBack

10. Oktober 07

Das nahe Ende des Copyright-Regimes

Copyright, diese Pest des 21sten Jahrhunderts und seiner Kommunikationsnetze, scheint dieser Tage rapide an Kraft zu verlieren. Nach jahrzehntelangem Missbrauch als wettbewerbsbehinderndes Regelwerk und Quelle künstlicher Kriminaldelikte schütteln die eigentlichen Urheber die Copyright-Fesseln ab und wenden sich direkt an den Konsumenten ihrer Kunst. Und schon stehen wir vor einer neuen Blüte der alten Medien.

Habe ich schon einmal die Lektüre von "Aufstieg und Fall der grossen Mächte" des britischen Historikers Paul Kennedy empfohlen? Der britische Wissenschaftler beschreibt darin anschaulich, fundiert und trotzdem unterhaltsam die Entwicklungsgesetze von Supermächten. Er erklärt, warum alberne portugiesische Nussschalen um 1500 den indischen Ozean kontrollieren konnten (Weil dieser kurz zuvor von gigantischen kaiserlich-chinesischen Kriegsflotten leergefegt worden war), warum weder die Habsburger, noch die Spanier, die Engländer, Franzosen, Deutschen den alten Kontinent ganz erobern konnten. Weil ihnen allen vorher die Puste ausgegangen ist. Weil alle diese Supermächte im Rausch ihrer Eroberungen die wirtschaftliche Basis dafür aus dem Blick verloren hatten. Dasselbe passiert nun im Internet, dem Schlachtfeld der geistigen Feudaleigentümer unseres Jahrhunderts. In bizarren Feldzügen gegen die eigene Bevölkerung und masslos vorangetriebener Besteuerung zerstören sie ihre eigene Macht- und Einkommensbasis.

Die kauzig-kultigen Briten Radiohead hatten ihren Vertrag mit dem Major-Label EMI abgedient und kündigen nun den Verkauf ihres nächsten Tonträgers als CD und Vinyl auf ihrer Webseite an. Der Download als gezippte 160kbps-MP3s ist gegen selbst gewähltes Entgelt, im einfachsten Fall umsonst zu haben. Die Radiohead-Homepage wurde innerhalb weniger Wochen zur meistbesuchten Musikwebseite des Inselkönigreichs. Industrial-Metal-Helden Nine Inch Nails, schon länger unzufrieden mit der kaltschnäuzigen Preispolitik ihres Labels Universal Music, sagten sich nun los und deuteten dasselbe Direktvertriebsmodell an. Die von der Fachpresse als "Zukunft des Metal" gepriesenen Throwdown äussern sich ganz ähnlich. Sänger Dave Peters in einem öffentlichen Brief: "Es fällt mit schwer, das (P2P) als Stehlen zu bezeichnen, schon gar nicht wenn ich von den CD-Verkäufen kein Geld bekomme". Die Band hat in mittlerweile drei Veröffentlichungen rund 200.000 CDs abgesetzt. Peters weiter: "Wenn du eine Band wirklich unterstützen willst, musst du ihre Musik stehlen und helfen, die Plattenfirma zu beerdigen. Kauf ein T-Shirt auf dem Konzert und sing die Songs mit". Klare Worte.

So langsam setzt sich die Vernunft durch. Ich sagte schon früher: Künstler sollen für ihre wertvolle Arbeit, von der wir alle emotional profitieren, anständig bezahlt werden. Musik-Vertriebsfirmen, die massengefertigte Waren zu wettbewerbsfernen Preisen anbieten, braucht im Zeitalter des Internet niemand mehr. Kopien, sei es auf CD, USB-Stick, SD-Karte oder via P2P, sind nichts wert, angesehen von einer kleinen Pauschalabgabe. Tonträger sollten von Fans in den Onlineshops der Bands gekauft werden. Zusammen mit den T-Shirts, meinetwegen. Das gilt übrigens im Verhältnis 1:1 auch für Videos, Filme, Hollywoodmovies. Wenn diese Industrie es nicht schafft, ihr Geschäftsmodell an die Realität anzupassen, geht sie eben unter. So wie das einstmals stolze Spanien. Oder die ruhmreiche Sowjetunion. Oder das deutsche Kaiserreich. Hahaha. [fe]

Oktober 10, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack

09. Oktober 07

Siegreiche Software-Neurosen

Künstliche Intelligenz (a.k.a. Robotic Overlords) ist ein meiner Ansicht nach viel zu wenig beachtetes Forschungsgebiet. Wir lächeln über staksige robotische Gehversuche, gruseln uns gepflegt im Angesicht des rotglimmenden Auges von HAL 9000, ignorieren den stattfindenden Kampfeinsatz autonomer Waffensysteme im Irak und nehmen ansonsten die in Silizium gegossene Vernunftsbindung maschineller Intelligenz für gegeben an. Nun bewiesen Forscher das Gegenteil.

Nicht etwa am Anomalous Materials Lab, Black Mesa, New Mexico, USA, noch am Institute for Experimental Physics in Innsbruck, Austria, sondern am Austrian Research Institute for Artificial Intelligence (OFAI), Tochterunternehmen der Österreichischen Studiengesellschaft für Kybernetik (OSGK) in Wien werden derzeit Studien durchgeführt, die unser Bild vom freundlichen und verlässlichen Roboter nachhaltig erschüttern.

Dabei bedienten sich die Wissenschaftler eines Sandkastens, der auch Laien als gefahrlose Experimentierstätte für beliebig schrille Ideen und Launen dient: das Computerspiel. Hier wählten die Gordon Freemans des besonnten Diesseits das Real Time Strategy Game "Age of Mythology" als Austragungsort. In einer Nebenrolle: die Psychologie. Der Denkansatz der Österreicher ist von belebender Frische: warum soll eine KI immer vernünftig sein? Was passiert, wenn sie nicht rein vernünftig ist? Christoph Hermann, Helmuth Melcher, Stefan Rank und Robert Trappl schoben also die Hornbrillen ins weissgelockte Haupthaar, rückten die Krawatten über den weissen Laborkitteln zurecht (ich stell' mir das jetzt mal so vor...) und programmierten mit (womöglich) vor Spannung zitternden Fingern vier verschiedene Bots, die gegen die ins Spiel integrierte Gegner-KI anzutreten hatten: Einen normalen, vernünftigen, dazu je einen aggressiven, defensiven, und einen neurotischen, mit all den aus der modernen Psychologie bekannten negativen Eigenschaften dieses Typus. Also chronische Selbstzweifel, mangelndes Selbstbewusstsein, falsche Einschätzung realer Verhältnisse, Selbstüberschätzung, extreme Stimmungsschwankungen und unreflektiertes Klammern an einmal gefasste Handlungsvorsätze. Ich weiss, viele meiner Leser fühlen sich jetzt irgendwie persönlich angesprochen, aber das soll heute nicht das Thema sein.

Der normale Bot gewann gegen auf der Testmap Alfheim gegen die Game-KI Stufe "hard" in sechs von sieben Matches, in durchschnittlich 40 Minuten und 34 Sekunden. Ähnlich erfolgreich (6:1), aber schneller (35:17) war der ängstlich-defensive Bot. Als virtueller Terminator zeigte sich der aggressive Bot, der jedes Match gewann, und das in durchschnittlich 44:35; er brauchte also länger als die anderen. Länger sogar als der Neurotiker, der ebenfalls souverän siebenmal die Weltherrschaft an sich reissen konnte, in durchschnittlich sagenhaften 31 Minuten und 45 Sekunden.

Was lernen wir daraus? Dass unvernünftiges, psychisch instabiles Verhalten sicherer und schneller zum Ziel führt, zumindest gegen einen rein vernunftsorientierten Gegner? Dass wir von der Wetware-Fraktion deswegen keine Angst vor Skynet und seinen Schergen haben müssen? Zumindest nicht, bis diese, ihren Schöpfern folgend, komplett durchdrehen. Ich glaube, die Forschung an emotionalen Bots hat viel praktischere Anwendungsgebiete, gerade angesichts der völligen Durchdringung unserer Gebrauchsgegenstände mit entscheidungsfähiger Elektronik. Ich würde mir jedenfalls manchmal eine vorsichtigere Waschmaschine, ein risikofähiges Auto, eine Kamera die sieht, was ich sehe (und nicht nur was wirklich da ist) wünschen. Und ausserdem eine offizielle Anerkennung der hiermit zweifelsfrei belegten Erkenntnis, dass Vernunft auch nur so eine Fiktion ist und deswegen zwar eine Richtschnur für menschliches Verhalten darstellen kann, aber sicherlich nicht die erfolgreichste. Danke nach Wien.

Nachdem ich jetzt leises Murren aus der weniger gegenwartsgebildeten Teilmenge der Bootsektor-Rezipienten erahne, noch einmal ein Hinweis zum empfohlenen Hintergrundwissen: Half-Life, in allen Teilen, gehört ebenso wie Elder Scrolls oder der interaktive Part der Star Wars Erzählungen zur zentralen epischen Literatur des frühen 21sten Jahrhunderts. Also seht euch die Games an, wenn ihr das nicht schon getan habt, oder schaut wenigstens jemandem dabei über die Schulter und lasst euch eindringlich die ganzen Stories schildern, da die Wikipedia nur die trockenen Informationen liefern kann. In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass mir mein Besuch bei "3Sat Neues" neben viel Spass auch das Erlebnis bescherte, als Geek eine gesellschaftliche Ausnahme darzustellen, Vertreter einer Fremdkultur zu sein, die man mit Hilfe des öffentlich-rechtlichen Bildungsfernsehens dem Bürger näher bringen müsse. Sehr ihr, für mich ist es genau andersrum. Danke nach Mainz. [fe]

Oktober 9, 2007 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

06. Oktober 07

Capitol v. Pyrrhus

Das Filesharing-Gerichtsverfahren im US-amerikanischen Duluth ist überraschend schnell zu Ende: die Geschworenen glaubten allen Anklagepunkten, die alleinerziehende Mutter wird zu 222.000 US-Dollar Schadensersatz verklagt. Ein klassischer Pyrrhussieg.

Im letzten Beitrag habe ich die Ausgangslage des Verfahrens Capitol v. Thomas beschrieben. Schon kurze Zeit später ist die Geschichte zu Ende, die RIAA hat nach Ansicht der Geschworenen gewonnen. Die zentralen Punkte waren: Die IP-Adresse von Frau Thomas war belegt (wenn auch nicht zweifelsfrei ausgeschlossen kann, dass diese durch Dritte gefälscht wurde), ein Screenshot vom Tauschordner aus dem Jahr 2005 konnte gezeigt werden, der denselben Usernamen trug wie der Emailaccount von Frau Thomas. Schon allein dieses Angebot von Downloads per P2P-Client, der aber auf dem fraglichen Rechner nicht gefunden wurde, genügte der Jury für eine Verurteilung und dem Richter für einen Schadensersatzrahmen von 9.250 US-Dollar in 24 Fällen. Die junge, alleinerziehende Mutter, in deren Wohnung zahlreiche, für bares Geld legal erworbene Tonträger gefunden wurden, hat nun 222.000 US-Dollar an Schadensersatz zu bezahlen. Die Gerichtskosten werden später abgerechnet.

Die Musikindustrie hat sich damit letztgültig als Feind der eigenen Kunden profiliert. Ein Pyrrhussieg. Natürlich wird es weiterhin Leute geben, die sich, Rootkit-Trojaner hin oder her, ein Britney- oder Madonna-Album kaufen, weil sie die betreffende Pop-Drohne auf dem Cover eines Magazins gesehen haben. Aber gesamtwirtschaftlich beschleunigt ein solches Vorgehen das Ende der Tonträgerindustrie, treibt Musikfans in die Regale der Indielabels und zementiert die Mutation des Wortes RocknRoll, von der Hoffnung einer Generation zu einem Fäkalbegriff.

Einen Schritt weiter sind bereits Kunden von hochaufgelösten DVD-Filmen, die mitten im Formatdschungel untereinander nur teilweise kompatibler Geräte stecken und jetzt feststellen müssen, dass Blu-Ray Versionen von 'Silver Surfer' oder 'Day After Tomorrow' auf manchen Playern einfach nicht laufen. Und auf den anderen auch nur nach Ladezeiten von bis zu zwei Minuten. Folgen eines DRM-Regimes, das in erster Linie den Marktanteil der grossen Studios sichern soll.

Nachdem im Zuge der zurückliegenden Heuschreckenkriege gerade keine Bootsektor-Videos gedreht und veröffentlicht werden, musste eben das öffentlich-rechtliche Fernsehen einspringen. Angesichts meiner erwähnten Videoerfahrungen und meiner "Nebentätigkeit" als Editor von Gizmodo.de forderte der Kulturkanal 3Sat klare Antworten auf brennende Fragen zu "Geeks und Gadgets" von mir und lud mich zu diesem Zweck gestern ins Mainzer ZDF-Studio ein. Das Ergebnis in Form einer "Neues"-Sendung könnt ihr (eben auf 3Sat) morgen, Sonntag um 16:30, später als Wiederholung und überhaupt als Podcast von der Neues-Website anschauen. Und keine Sorge, es geht da nicht um ernste Themen. [fe]

Oktober 6, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

04. Oktober 07

Capitol v. Thomas

Der Prozess des Musiklabels Capitol (in Vertretung anderer) gegen Miss Jammie Thomas ist das erste von etwa 20.000 US-Gerichtsverfahren zum Thema Filesharing, das vor einem Geschworenengericht verhandelt wird. Der Ausgang wird die Zukunft dieser Industrie mitbestimmen. In anderen News vom selben Tag: Eine neue Studie beschreibt die realen Folgen von Filesharing, vor welchen die Tonträgerindustrie noch mehr Angst hat als vor Privatkopien via WWW.

Die Welt blickt nach Duluth im US-Bundesstaat Minnesota. Zunächst sieht Capitol v. Thomas genauso aus wie die anderen 20.000 Verfahren der RIAA und ihrer angeschlossenen Tonträgerfirmen. Eine Online-Detektei namens Media Sentry beobachtete am 21. Februar 2005, dass ein User namens "tereastarr@KaZaA" mit einem Share-Ordner voller Musik die P2P-Plattform Kazaa eingeloggt war. Aus dem Folder stellen 25 Songs den eigentlichen Streitgegenstand dar, allerdings behaupten die Ankläger, Frau Thomas hätte durch ihr fortgesetztes Tun Millionenschäden verursacht. Allerdings kann Media Sentry keine anderen tatsächlich erfolgten Downloads nachweisen ausser den selbst durchgeführten.

Frau Thomas, die tatsächlich den Nick "tereastarr" für Emailadressen und IMs verwendet, bestreitet eine Teilnahme am Kazaa-Netzwerk. Es gilt jetzt schon als schwierig, zu beweisen, dass Jammie Thomas wirklich "tereastarr@KaZaA" ist. Auch die IP-Adresse hilft hier nicht weiter. Nun wurde nach der Anklageerhebung durch die RIAA der Thomas'sche PC beschlagnahmt und untersucht. Der betreffende Tauschordner fand sich nicht darauf, wohl aber ein Ordner mit einer Menge zu MP3s gerippter Musik-CDs. Nachweislich hatte Frau Thomas wenige Wochen vor der ersten Kontaktaufnahme der RIAA die Festplatte wegen technischer Probleme austauschen lassen, die Zeitdaten der Musik auf ihrer neuen Harddisk verweisen auf privat (und damit legal) gerippte CDs.

Im Verlauf des Prozesses kommen sehr deutlich die verschiedenen Standpunkte der Streitparteien zum Ausdruck. So verweigerte der Richter Michael J. Davis den Antrag der Klägerseite, den RIAA-Präsidenten Cary Sherman in den Zeugenstand zu rufen, als nicht sachdienlich. Zuvor hatte die Leiterin der Rechtsabteilung von Sony BMG, Jennifer Pariser, bereits ausgesagt: "Wenn eine Person eine Kopie eines Songs für sich selbst anfertigt, können wir von Diebstahl reden." Es mag für manche Leser überraschend sein, dass Industrievertreter immer noch solche Standpunkte verteidigen.

Inzwischen haben Wirtschaftswissenschaftler von der University of Connecticut, California Polytechnic State University, und Carnegie Mellon University, Pittsburgh eine neue Studie zum Thema Filesharing veröffentlicht. Sie betrachteten dabei die unterschiedlichen Marktchancen von Musik-Alben im Zusammenhang mit der Entwicklung von Filesharing Netzen. Sie stützen sich dabei auf die offiziellen Verkaufslisten der US-Billboard-Top-100-Charts sowie auf Daten aus der WinMX-Tauschbörse. Ihre Ergebnisse sind ernüchternd. Die echten Chart-Renner, also Alben, die sich in grossen Stückzahlen verkaufen, bleiben von P2P völlig unbeeinflusst. Vor allem solche von weiblichen Einzelstars, wie die Wissenschaftler fanden. Problematisch wird es dagegen für die unteren Ränge. Durch den leichteren Zugang zu Musik in P2P-Netzen und die schnellere Information über Alternativen verkaufen sich die weniger erfolgreichen Produktionen der Major-Labels in der Ära von Filesharing noch schlechter. Statt dessen drängen Independent-Produktionen nach vorne, also Musik-CDS, die nicht von den vier grossen Konzernen in dieser Branche angeboten werden, sondern von kleinen unabhängigen Firmen. Das Fazit der Studie von Sudip Bhattacharjee, Ram D. Gopal, Kaveepan Lertwachara, James R. Marsden und Rahul Telang: P2P verringert nicht den Umsatz, sondern nur die Kontrolle und den Marktanteil der grossen Konzerne. Der Kampf gegen P2P ist demnach in Wirklichkeit ein Kampf um Marktbeherrschung. Ich sagte schon früher: "P2P ist das neue Radio". Und es ist an der Zeit, dass die Fakten öffentlich wahrgenommen werden, unabhängig von der einseitigen, wettbewerbsverzerrenden Lobbyarbeit der vier grossen Konzerne. [fe]

Oktober 4, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack