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« Oktober 2007 | Start | Dezember 2007 »

28. November 07

Musikboss: Wir haben keine Ahnung

Von Computern, Internet, und dem ganzen neumodischen Zeug. Zumindest erklärt das Doug Morris, Chef, CEO und Aufsichtsratsvorsitzender des weltweit grössten Musikkonzerns, Universal Music Group (UMG). Er geht noch weiter, und erklärt gegenüber einem Reporter der Wired ausführlich, dass er auch sonst von der Realität des Musikgeschäfts im Jahr 2007 keine Ahnung hat. Das ist das Ergebnis des Gesprächs. Nun zu den Einzelheiten.

Wired-Mitarbeiter Seth Mnookin hat Herrn Morris in dessen Büro in Manhattan im Herzen New Yorks besucht. Wegen Umbau-Arbeiten muss man mit dem Aufzug einen Stock höher fahren, einen mit Plastikfolien bedeckten Gang entlang und durchs Treppenhaus hinunter zum Büro des Chefs. Ein schönes Bild. Im letzten Jahr ging der weltweite Absatz von Musik-CDs um 10 Prozent zurück. So schlimm traf es diese Industrie noch nie, aber 2007 wird schlimmer.

Im laufenden Jahr wird in den USA 22 Prozent aller Musik über iTunes verkauft werden. Warum hat Apple dieses Beinahe-Monopol? Doug Morris über Steve Jobs: "Wir waren dankbar dafür, dass jemand die Online-Verkäufe übernahm. Wir verdienten eine Menge Geld damit, aber plötzlich waren wir von ihm abhängig. Wir würden nur sehr ungern auf diese Einnahmen verzichten". Morris spricht von "goldenen Handschellen".

Warum, so fragen wir uns, und fragte ihn der Interviewer, hat Universal, haben die Musikkonzerne dann nicht selbst die Dinge in die Hand genommen? Napster startete immerhin 1998, das ist fast 10 Jahre her. Morris erklärt: "Wir haben niemand in der Firma, der sich mit Technik auskennt. Das wird von der Presse ständig verkannt. Es ist ungefähr so, also würde jemand von Ihnen verlangen, Ihrem Hund eine Niere heraus zu operieren. Was würden Sie tun?"

Und weiter erklärt er: "Wir wussten nicht, wen wir unter Vertrag nehmen sollten. Ich wäre nicht in der Lage, einen wirklichen Technik-Experten zu erkennen. Jeder mit einer geschickten Lügengeschichte hätte mich überzeugt". Ein Mitarbeiter des UMG-Chefs hatte zuvor berichtet: "Er war nicht darauf vorbereitet, dass sein Geschäft so völlig durch die technische Entwicklung verändert würde".

Doug Morris hat auf dieses unlösbare Problem eine Antwort: Total Music. Diese Plattform soll iTunes ablösen, die Abhängigkeit der Musikkonzerne von Apple beenden und dem Konsumenten und Musikliebhaber die Möglichkeit geben, problemlos Musik zu geniessen, ohne für jeden einzelnen Song zu bezahlen. Weil nämlich nach dem Total-Musik-Modell bereits die Hersteller von MP3-Playern dafür eine Pauschale bezahlt haben. Die Total-Music-Player laufen natürlich nur mit einem Digitalen Restriktions Management (DRM), und wir alle wissen, was die logische Folge sein wird: der "Markt" nimmt das Produkt nicht an. Noch einfacher: so etwas werden nicht genügend Leute kaufen, es wird ein sicherer Flop.

Tatsächlich hat Doug Morris keinen Schimmer vom Ausmass der Veränderung, die sein Geschäft durch die Entwicklung der Technik erfährt. Seine Kollegen in den Chefetagen der anderen Musikkonzerne, Verwertungsgesellschaften, Lobbygruppen ebensowenig. Aber Doug Morris gibt es zu. Das Problem dabei: das nützt überhaupt nichts, weil er ja weiter auf maximalen kurzfristigen Profit abzielt. Ich habe das Problem schon früher und wiederholt erklärt, aber hier ist es noch einmal, zum Mitschreiben: Musik wird weiterhin beliebt bleiben. Viele Menschen konsumieren eine grosse Menge von Songs. Daran wird sich nichts ändern. Nur das Geschäftsmodell für Musikvertrieb hat sich verändert. Der Feind des aktuellen Musikbusiness ist nicht das Internet. Das Internet, und hier besonders Filesharing, ist nichts anderes als eine neue Form von Radio. Radio, das von den Zuhörern gemacht wird. Der eigentliche Feind des Music Biz ist... die Kompaktkassette. Und zwar in ihrer heutigen Form, der Festplatte (einschliesslich verwandter Speichermedien). Musik ist jetzt in praktisch beliebiger Menge speicherbar. Der Tonträger als Distributionsweg ist überflüssig geworden. Man kann keine Tonträger mehr zu gewohnten Preisen absetzen, wenn sie nur benötigt werden, um billige Massenspeicher zu befüllen. Die Ära der Tonträger ist ebenso Vergangenheit wie etwa die des Individualverkehrs mit Pferd und Kutsche. Die Pferde-und-Kutschen-Industrie lebt nur noch im Freizeitsektor weiter, wurde aber ansonsten vom motorisierten Verkehr vernichtet. Was kann die Musikindustrie daraus lernen? Sie kann sich an die Gegenwart anpassen, zur Service-Branche transformieren, aber die Zeit der märchenhaften Gewinne durch CD-Verkäufe ist vorbei, und wird nie wieder kommen. Farewell, Doug Morris. Ich bin sicher, irgendjemand wird Ihnen eine goldene Uhr zum Abschied schenken, nächstes oder übernächstes Jahr, wenn die Musikabteilungen der grossen Medienkonzerne nach wütenden Protesten der Aktionäre wegen anhaltender Verluste geschlossen werden. [fe]

November 28, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (15) | TrackBack

26. November 07

Schock-Rocker kauft Kinderskelett

Und das Geld dafür hat er aus der Bandkasse gestohlen. Das behauptet zumindest sein Keyboarder Stephen "Pogo" Bier. Beziehungsweise die Boulevardmedien behaupten, dass er das behauptet. Privatsphäre, so lernen wir sehr schön am Beispiel des Meisters aus Ohio, findet immer woanders statt als wir gerade noch vermutet haben. Tatsächlich kann die Welt eine Menge von Marilyn Manson lernen.

071126marilynEigentlich ist der Begriff "Privatsphäre" ja schon völlig irreführend. Klingt nach Luxus, nach Befindlichkeitsdiskussion. "Weisst du, ich, du, ich.. irgendwie verletzt das meine Privatsphäre, du". Nein. Überhaupt nicht. Privatsphäre ist das unglückliche, irreführende Wort für geschützte Informationen. Vor anderen geschützt. Also der ideelle, elysische Zustand des verwirklichten Datenschutzes. Ja, aber. Wenn es nicht um Luxus geht, oder um Befindlichkeit, worum dann? Schliesslich habe ich nichts zu verbergen! (Bild: Wikimedia, GNU)

071126rosemcgowanFalsch. Ich habe alles zu verbergen. Alle Informationen über mich sind purer Rohstoff. Erz. Öl. Uran. Die Grundlage der heutigen Informationsindustrie. Wer über den leichtesten Zugang zu Rohstoffen verfügt, erzielt die besten Profite und kann über kurz oder lang die Konkurrenzunternehmen vom Markt drängen. Oder aufkaufen. Die Einschränkung der "Privatsphäre" durch aktuelle Gesetzgebung, das erzwungene Preisgeben von Individualität und ihren Eckdaten stellt eine Enteignung dar. Die derzeit erst entstehende Informationsindustrie beansprucht nicht unsere Weiden und Wälder, um darauf Bergwerke, Fabriken, Eisenbahnlinien zu errichten, sondern unsere persönlichen Eigenschaften, um daraus eine perfektionierte Konsummaschine zu konstruieren. Welche Bedürfnisse, zu welchem Preis. (Bild: Jeff Balke, GNU)

071126jessickaAllen voran die bereits an ihren eigenen Verwesungsgiften erstickende Musikindustrie, die gerade Anspruch auf die künftig vorratsgespeicherten Daten erhebt, oder in Frankreich (wo früher einmal Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit existierten) gleich die lückenlose Überwachung der persönlichen Mediennutzung an kommerzielle Subunternehmen (Internet-Provider) auslagern will. "Kommerziell" ist hier das Stichwort, weil der staatliche Zugriff auf persönliche Daten, da bin ich mir ganz sicher, wahlweise an Inkompetenz oder schlichter Überarbeitung scheitert. Der Griff nach der "Privatsphäre" ist der Versuch, die dritte Allmende zu privatisieren. Nach den erwähnten, in der vorindustriellen Zeit gemeinschaftlich genutzten Agrarflächen, und den in neuerer Zeit okkupierten "geistigen Eigentümern" nun der ausschliesslich durch sich selbst gerechtfertigte Anspruch auf die vollständigen Informationen über einen Bürger. (Bild: Christian Hejnal, GNU)

071126evanrachelwoodIm Gegensatz dazu erklärt Marilyn Manson in einem MTV-Interview zu den Vorwürfen seines Keyboarders: "Er behauptet, ich hätte ihn finanziell unfair behandelt. Das ist lächerlich!" Und weiter sagt das Rock-Idol: "Und ich würde niemals Geld für das Skelett eines chinesischen Mädchens ausgeben. Das würde einfach eine Grenze überschreiten. Für die Akten: es handelt sich um einen chinesischen Jungen." (Bild: R.Moore, cc-by-sa-2.0)

071126dvanteeseBesser hätte es ich selbst nicht ausdrücken können. Ach, und die Bilder sind alle aus der Privatsphäre von Brian "Marilyn Manson" Warner, geboren am 5. Januar, 1969 in Canton, Ohio, USA. Meinen Plan, ihm einen Hausaltar mit Kerzen und Rosen zu errichten, habe ich immer noch nicht aufgegeben. (Bild: Steve Diet Goedde, GNU) [fe]

November 26, 2007 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack

21. November 07

Gesetze und ihr Kaufpreis

Drei aktuelle Meldungen aus der Wirtschaftswirklichkeit des neuen Erdöls. Wie? Das Erdöl des 21sten Jahrhunderts sind die Leistungsschutzrechte an Erfindungen und anderen geistigen Leistungen. Wer sich hier rechtzeitig die Schürfrechte sichert, hat ausgesorgt. Angeblich. Dazu heute gratis im Angebot: Geheimwaffen der Nazis.

SonyBMG, die japanische-deutsche Musikrechte-Achsenmacht, hat einen Deal mit dem immer noch bedeutenden Internet-Portalbetreiber Yahoo abgeschlossen. Für die Zahlung einer nicht genannten Summe erhält Yahoo den Vorzug, Musik und Videos zu hosten, an welchen SonyBMG die Vertriebsrechte hat. Ohne dass die Yahoo-Nutzer, die solche Musik und Videos hochladen oder verwenden, dafür verklagt werden. Aha. Also eigentlich das Modell, das schon Napster und die anderen frühen P2P-Firmen im Sinn hatten. Aber egal. Es schafft eine Einnahmequelle aus einer Nutzungsart, die sowieso nicht unterdrückt werden kann. Da es sich um eine neue Nutzungsart handelt, die nicht viel mit dem Direktverkauf von Tonträgern zu tun hat, dürften die Urheber wenig bis gar nichts davon abbekommen. Für den Vertriebskonzern also ein gutes Geschäft.

Die US-Gesetzesinitiative der neuen Erdölindustrie (Leistungschutzrechte...), Schulen und Universitäten Bundesfördermittel zu verweigern, wenn diese nicht jeglichen Dateitausch auf dem Computernetzwerk der Bildungsanstalt unterbinden oder sogar ein Abonnement für ihre Schüler und Studenten abschliessen, wird vom Chef-Anwalt der Filmbranche argumentativ verteidigt. Uni-Netzwerke, so weiss Anwalt Fritz Attaway, werden hauptsächlich dafür eingesetzt, um das Copyright zu verletzen. Also den behaupteten Verstoss gegen das Vertriensrecht der Contentfirmen durch private, nicht-kommerzielle Weitergabe (a.k.a. Pivatkopie, a.k.a. Fair Use) zu begehen.

Die Strategie der neuen Erdöl-Industrie (a.k.a. Copyright-Inhaber) zielt also dahin, gegenüber Firmen und Institutionen eine Verletzung ihres Alleinvertriebsrechtes zu behaupten und Entschädigungszahlungen zu verlangen.

Parallel dazu verschickt die US-Dachorganisation der grossen Musik- und Filmfirmen an alle 17 US-Präsidentschaftskandidaten Werbung für ihre Ziele, und verspricht finanzielle Wahlkampfunterstützung für Kandidaten, die sich spontan aufgeschlossen zeigen. Hierzulande ist ein solcher Marketingaufwand nicht nötig. Hier wird das per Kaffeeeinladung Frau Merkels bei der Familie Mohn (a.k.a. Bertelsmann-Konzern) geregelt). Ohne Presse dabei.

Mein Kommentar dazu: War euch eigentlich klar, dass die Wehrmacht kurz vor Kriegsende über Wunderwaffen verfügte, die den Lauf der Geschichte grundlegend verändert hätten? Wenn, ja, wenn. Oder eben wenn nicht.
071121atat

Wenn es nicht mittlerweile Portale wie Jamendo gäbe, die nichts anderes machen als Napster, Kazaa oder Morpheus. Nur eben durch CreativeCommons rechtlich abgesichert. So dass die oben abgebildeten Wunderwaffen wirkungslos bleiben. Den Rest überlasse ich eurer Phantasie. [fe]

November 21, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack

19. November 07

Ich kündige einen Amoklauf an

Wie jedes Jahr. Mein Problem ist nur, dass mir zwar Möglichkeiten zur Veröffentlichung meiner Pläne im Internet zur Verfügung stehen und ich im Lauf meines Lebens einen Berg an gewaltdarstellenden Medien inhaliert habe, ansonsten aber weder eine Schule besuche, die ich hassen könnte, noch über geeignete Waffen verfüge, ja nicht einmal über unbrauchbare Spielzeugwaffen, und ansonsten überhaupt keine Mordabsichten hege. Was aber heutzutage keine Rolle spielt. Die Ankündigung genügt ja bereits.

Gene Simmons, ja, der Simmons, von der Kultband Kiss, findet, man solle Schulkinder, die Musik aus dem Internet herunterladen, ohne dafür zu bezahlen, derartig verklagen, dass sie "vom Angesicht der Erde verschwinden". Man solle ihnen Wohnung, Auto und sämtliche Startchancen nehmen. Ich finde, Gene Simmons sollte vom Angesicht der Erde verschwinden, gerne auch auf gerichtlichem Weg. Und er kann meinetwegen alle mitnehmen, die mit "Heranwachsenden" so umgehen, wie der womöglich durch zu langes Rock'n'Roll-Dasein geschädigte Herr mit der lächerlich vielen Schminke im Gesicht.

Dagegen nimmt sich die Kölner Polizei ja richtig fortschrittlich aus. Ein als Aussenseiter und Mobbingopfer bezeichneter Gymnasiast veröffentlichte in einem Forum Bilder vom echten Amoklauf an der Columbine Highschool. Was machen die Coppers? Gehen hin und fragen ihn, was anliegt. Er wirkt ganz normal, hat die Bilder gepostet, um Leute von Gewalttaten abzuschrecken. Sagt er. Darf also nach Hause gehen. Springt vor eine Strassenbahn. Tot. Wow, Damen und Herren, da haben wir jetzt aber echte Probleme mit der Täter-Opfer-Zuordnung. Keine Zuordnungsprobleme haben nationale Ordungsfans. Der bayrische Rundfunk heute mittag zum Thema: "Was passiert, wenn Jugendliche Horror-Computerspiele nicht nur am Bildschirm ausleben wollen?" Was für ein boden- und verantwortungsloser Schwachsinn soll das denn sein? Da kommt ein 17jähriger nicht klar ("Aussenseiter und Mobbingopfer"), hegt einige jugendliche Gewaltphantasien und verwirft sie anschliessend vernünftigerweise wieder, wird deswegen mit der Polizei konfrontiert, kommt damit noch weniger klar und begeht Selbstmord, und alles, was ihr dazu zu faseln habt ist "Horror-Computerspiele"?

In der Bundesrepublik Deutschland wurden im letzten Jahr (2006) 198 Menschen unter Verwendung von Schusswaffen getötet. Ein Rückgang von 8,8 % gegenüber 2005. 1993 waren's noch etwa die Hälfte mehr. In den USA dauert es, je nach Wetter, 2 bis 3 Tage, um einen solchen Bodycount zu erreichen. In unseren afrikanischen Rohstoff-Zulieferer-Ländern eher noch weniger. Im Verhältnis dazu geht’s uns hier richtig gut, nicht wahr?

Die Kölner Polizei untersucht jetzt die Computer der beiden Amokverdächtigen, verzichtet aber wegen Abwesenheit einer Tat oder selbst einer echten Vorbereitung dafür auf die Verhaftung des anderen beteiligten Schülers. Und? Jetzt? Wer kümmert sich um die vielen anderen 17jährigen, die nicht klarkommen? Oder kriegen wir nur wieder neue medien-sedative Gesetzesvorschäge vor die Nase gehalten, die Spiele, Filme, Tauschbörsen, Terroristenromantik, Bombenbauanleitungen und alle anderen jugendlichen Freiräume unter Strafe stellen wollen? Ich meine, wenn jemand unbedingt einen Krieg gegen Teenager anfangen will, findet er bestimmt genug verwirrte Youngster, die zurückschiessen. Ich werde ebenfalls zurückschiessen. Gleich morgen. Und eine Vielzahl von Menschen töten. Im virtuellen Raum. Also nur Pixelgestalten. Was, wie uns ein Berg seriöser wissenschaftlicher Studien nahelegt, keinerlei Bezug zur Wirklichkeit hat. Ok. Ich wasche meine Hände in Pixelblut. Amen. [fe]

November 19, 2007 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (8) | TrackBack

13. November 07

Al-Qaeda Cyber-Jihad leider ausgefallen

Letzte Woche erschreckten uns Warnungen, die legendäre Terror-Organisation Al-Qaeda plane für den elften November einen Cyber-Jihad gegen antimuslimische Webseiten. Security-Publizisten sprachen von mehreren Hunderttausend hochmotivierter islamistischer Hacker. Zum Äussersten bereit. Mit umgeschnallten E-Bombs. Der elfte war vorgestern.

Nachlesen kann man die Warnung vor dem "Electronic Jihad" zum "Eleven-Eleven" (11. November) auf den Webseiten des israelischen Online-Kriegstreiberdienstes Debka. Den eigenen Anti-Terror Quellen zufolge, so tönt die Exklusivmeldung vom "November 7, 2007, 10:57 AM (GMT+02:00)" hätten die Gefolgsleute des legendären Ali Baba Osama bin Laden schon für Montag, den 29. Oktober die erste Welle des heiligen elektronischen Krieges gegen 15 ausgesuchte Webseiten von Westlichen, Juden, Israelis, Shiiten oder auch nur muslimischen Abtrünnigen geplant. In den folgenden Tagen solle sich der Ansturm gegen die Ungläubigen derart verstärken, dass dann Hunderttausende islamistischer Hacker gegen unzählige anti-muslimische Webseiten anbranden würden.

Meine Fresse. Ein Schreckensszenario. Um so erleichterter bin ich, dass zwei Tage nach dem offiziellen Cyber-Jihad von Ali bin Laden und seinen 400.000 Räubern keine Spur zu sehen ist. Nicht auszudenken, wenn wir neben all' den echten, wirklichen und unbezweifelbar Besorgnis erregenden Internetproblemen wie anal fixierten Überwachungsministern, kriminellen Botnetzen oder viagra-gedopten Spammogulen auch noch mit solchen orientalischen Flaschengeistern zu kämpfen hätten.

Ein kurzer Moment der Besinnung. Ja. Ich geb's unumwunden zu. Wir sind schuld an diesem Debakel. Wir wieder, die Deutschen. Wir haben unsere jüdischen Brüder und Schwestern erfolgreich aus Mitteleuropa rausgeekelt (bzw. die meisten gleich ermordet) und dabei unserem eigenen Volk irreparable Schäden zugefügt. Mit dem Erfolg, dass diese Brüder und Schwestern in ihrer Verzweiflung nach Palästina geflohen sind. Sehr zum Kummer der anwesenden Palästinenser. Können wir nicht einfach so tun, als ob wir wieder Freunde sind? Können unsere Brüder und Schwestern nicht einfach wieder aus Palästina ausziehen und statt dessen, sagen wir mal, Mecklenburg-Vorpommern besiedeln, wo ja inzwischen niemand mehr wohnen möchte? Nein? Echt nicht? Schade. Hätte ich mir so schön vorstellen können. Deutschland endlich wieder mit richtigem jüdischen Bevölkerungsanteil. Meinetwegen mit Hebräisch als zweiter Amtssprache in den neuen Bundesländern. Naja. Dann eben nicht. Schwamm drüber.

Dann also zurück zu den echten Problemen. Falls das nämlich noch nicht klar war: nicht nur in Israel gibt’s massive Kommunikationsprobleme zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Auch im sogenannten Westen zieht sich ein tiefer Graben der Sprachlosigkeit durch die Wohnzimmer. Nur 38 Prozent aller Eltern, das fand eine Umfrage von Associated Press und AOL Games heraus, spielen nämlich selber Video- und Computerspiele. Selbst im Angesicht von 81 Prozent elektronisch spielender Kids. Wie sollen da keine massiven Missverständnisse entstehen? Ich kann hier aus eigener Erfahrung sprechen: für meinen Sohn war es in unseren ersten Multiplayermatches ein echtes emotionales Problem, seinen Vater mit dem von jugendlichen Reflexen zielsicher gehandhabten Raketenwerfer in fragged meat zu verwandeln. Und ich musste erst klarstellen, dass ich dann nicht sauer bin. Weil ja alles virtuell. Und nur ein Spiel. Inzwischen ist das übrigens klar. Und wir zocken nur noch coop.

Was auch allgemein zunehmen dürfte, wenn die Pläne von Graham Clemie aufgehen. Dem Gründer und CEO von t5 labs. Der durch ein Software-Update für konventionelle Satelliten- oder Kabel-TV-Set-Top-Boxen Multiplayer-Gaming zum Pauschalpreis in die Wohnzimmer bringen will. Cooler Plan. Fast noch besser als die Wii. Um Generationen zusammenzubringen. Ob Osama bin Ladin dann wohl am Abend mit seinen Kids auf der Couch sitzt und zockt? Ich würde das begrüssen. Am besten online und zusammen mit ein paar Teens aus Tel Aviv oder Haifa. Gerne auch ne Runde Wolfenstein. Alle gegen die Deutschen. Fänd' ich ok. Wenn bloss die dumme, bescheuerte, kindische Streiterei aufhört. [fe]

November 13, 2007 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

11. November 07

Verbindungsdaten-Kasperltheater

Davon hätte der Stasi nur träumen können: alle elektronischen Kommunikationsverbindungen aller Bürger und Unternehmen, egal ob per Telefon oder via Internet, werden ab jetzt sechs Monate lang gespeichert. Mindestens. Wenn nicht Jahre. Wer, wann, mit wem. Wie oft. Prima. Da müssen ausländische Geheimdienste und Hacker gar nicht mehr selber überwachen. Weitere Eigentorchancen folgen...

Im Lieblings-Verspottungsland der hiesigen Intelligentsia, richtig, den Vereinigten Staaten von Amerika, wurde die 36jährige, auf dem Fahndungsfoto ziemlich verbraucht wirkende Hausfrau und Mutter Amy J. Smalley aus Pardeeville im Bundessstaat Wisconsin zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt. Weil sie ihren beiden Söhnen im Alter von 12 und 16 Jahren in bestem mütterlichen Bemühen genau erklärte, wie Geschlechtsverkehr funktioniert. Auch aus eigener Erfahrung. Gerne auch oral, und wie ein Vibrator aussieht. Einen solchen besitzt sie, und zeigte ihn den beiden Teenagern. Die Jungs haben 'ne echt coole Mutter, würden wir sagen. In Wisconsin wird man dafür verknackt, wenn man, wie es dort heisst, "Minderjährige schädlichen Inhalten aussetzt". Bitte das Lachen jetzt im Hals stecken lassen, die deutschen Behörden wissen demnächst genau, welche Webseiten aus welchem Haushalt angesurft wurden, und können daraus prima einen entsprechenden Verstoss gegen geltendes Jugendschutzrecht konstruieren.

Hatte ich schon erzählt, dass der Kopierschutz Macrovision, gerne bei Computerspielen eingesetzt, um Privatkopien zu verhindern, in Microsoft Windows ein Sicherheitsloch erzeugt? Und das seit sechs Jahren. Auch wenn gar keine Spiele auf dem Rechner sind. Windows XP, Windows Server 2003 und Windows Vista. Letzteres benötigt einen kleinen Zusatzhack, um das Sicherheitsloch wieder zu öffnen. Wie praktisch. Erst die Verbindungsdaten dataminen, und dann gezielt nachsehen, um welche Inhalte es bei den Verbindungen ging. Ich mache mir dabei tatsächlich weniger Sorgen um den hypothetischen Bundestrojaner, sondern um Identitätsdiebstahl und Wirtschaftsspionage im industriellen Stil.

Totale Verbindungsdatenkontrolle verringert auch die Wahrscheinlichkeit dafür, derartig mit herunter gelassenen Hosen da zu stehen wie unsere Lieblings-Verspottungs-Kripo, das FBI. Diese nämlich, das wurde jetzt bekannt, prüfte in den vergangenen Jahren die Falafel-Verkäufe in Gemüseläden der Gegend um San Francisco. Unterstützt von Kreditkartenfirmen, hoffte sie so Aufschlüsse über den Aufenthalt mutmasslicher iranischer Terroristen zu gewinnen. Richtig gelesen, die essen ja bekanntlich nichts anderes als die leckeren Kichererbsenbratlinge. Terroristen verzweifelt gesucht, und wenn die Verzweiflung unerträglich wird, kontrolliert man eben Gemüsestände. Wie unterhaltsam, nicht wahr? Aber genau das selbe passiert hier gerade auch. Keine Terroristen in Sicht, ausser ein paar bescheuerten jugendlichen Nachahmungstätern, die mal so richtig einen auf Al-Qaeda und fettkrass böse machen wollen und dazu fässerweise Haarbleichmittel einkaufen. Das fällt natürlich sogar den beleibten Männern in den lustigen Uniformen auf. Nur wird so kein Terrorismus nachgewiesen, so dass dieser Weg zu mehr Machtgewinn weiterhin durch ein sicherheitspolitisches Kartenhaus führt.

Noch schnell zwei, drei lustige Meldungen direkt aus dem Kasperltheater des 911-Kriegsgewinnler-Managements. "Lucky" und "Flo" sind wieder da. Die beiden, von der Filmindustrie erfundenen Labrador-Doggies haben, diesmal auf tschechischen Flohmärkten, 17.000 Raubkopien erschnüffelt. Richtig, die sind auf Polykarbonat und die passenden Klebstoffe trainiert, finden pauschal alles, was rund und silbrig ist, und gucken anschliessend treuherzig in die Kamera. So wie damals "Lassie", der Collie. Nur dass "Lucky" und "Flo" keinen kleinen Kindern helfen sollen, sondern sie in den Knast bringen.

Wusstet ihr, dass wir vor einem Post-Skandal stehen? Doch, schreibt das Handelsblatt, und dass die bevorstehenden Mindestlöhne den Markteintritt für Konkurrenzunternehmen behindern würden. Was zu Lasten des Verbrauchers ginge. Ach? Ich gerate also in Schwierigkeiten, sobald Löhne von unter drei Euro die Stunde verboten werden? Na, das nenn' ich mal eine gelungene dreckige Lüge.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht. Noël St-Hilaire, Chef der Abteilung Urheberrecht der kanadischen Polizei, erklärte in einem Interview mit der französischsprachigen kanadischen Tageszeitung Le Devoir, man würde ab sofort die polizeilichen Ermittlungen gegen private Tauschbörsennutzer einstellen und sich auf die echten Raubkopie-Händler konzentrieren. Toll. Aber wie auch, ohne Verbindungsdatenspeicherung. Und ohne kanadische Terroranschläge. Und ohne kanadischen Schäuble. Ein armes, aber glückliches Land. [fe]

November 11, 2007 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (9) | TrackBack

05. November 07

P2P ist gut für die Wirtschaft

Die kanadische Regierung gab bei britischen Wissenschaftlern eine umfassende Studie zum Thema Filesharing in Auftrag. Das Ergebnis: Tauschbörsen sind gut für die Musikindustrie. Das widerspricht der öffentlichen Meinung, und der Gesetzeslage. Wie ist das also zu verstehen?

Die Studie heisst "The Impact of Music Downloads and P2P File-Sharing on the Purchase of Music: A Study for Industry Canada". Sie wurde im Auftrag des kanadischen Bundesministerium für Industrie von Birgitte Andersen und Marion Frenz durchgeführt. Beide Wissenschaftlerinnen arbeiten am Department of Management an der University of London in England. Die Rohdaten stammen aus einer Erhebung von Decima Research, ermittelt von April bis Juni 2006. Das für manche verwirrende Ergebnis: Die freie Verbreitung von Musik über das Internet, auch bekannt als Filesharing, Peer-To-Peer oder "Piraterie", steigert das Interesse der Konsumenten am Kauf von Musik-CDs.

Wie wurde das ermittelt? Indem Konsumenten nach ihren Kauf-, Download und Freizeitgewohnheiten befragt wurden. So entstehen Nutzerprofile, die dann statistisch signifikante Aussagen zulassen. Wir erfahren, dass aktive Filesharer im Schnitt mehr Geld für den Kauf von Musik-CDs und anderen Freizeitmedien ausgeben als Nicht-Filesharer. Der hier ermittelte Zusammenhang ist: pro 12 aus Tauschbörsen geladenen Songs werden 0,44 zusätzliche CDs gekauft. Oder anders herum ausgedrückt: für je zwei aus dem Internet kostenlos geladene CDs kauft ein Musikfan eine im Geschäft. Zusätzlich zu seinen sonstigen Konsumgewohnheiten. Diese Zahlen beziehen sich aber wohlgemerkt auf aktive Filesharer und Musikfreunde. Auf die Gesamtbevölkerung umgerechnet war den Wissenschaftlerinnen zufolge kein Zusammenhang zwischen P2P und CD-Verkauf feststellbar. Weder positiv noch negativ. Ähnliches gilt für kommerzielle Musikdownloads: auch hier ergab sich keinerlei Korrelation. Genaue Tabellen finden sich im PDF der Studie, das von der Website des erwähnten kanadischen Bundesministeriums heruntergeladen werden kann. Tatsächlich decken sich diese Zahlen mit anderen, zurückliegenden Studien zum Thema.

Die offene Frage ist: Warum ist privates, nicht-kommerzielles Filesharing dann in allen Industrieländern verboten und wird mit Strafen und existenzvernichtend teuren Zivilprozessen geahndet? Weil die Verantwortlichen in den Medienkonzernen angesichts der bekannten wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Privatkopie als Sündenbock bezeichneten, und ihre Position durch angestrengte Lobbyarbeit (einschliesslich nachgewiesener Fälle von Korruption) zu Gesetzen formen liessen. Es ist an der Zeit, diese durch Fehleinschätzungen und Märchen gestützte Politik zu ändern.

Dann können Konsumenten und Kreative von den bahnbrechenden Möglichkeiten des neuen Mediums Nutzen ziehen. Praktisches Beispiel: Die schwedische P2P-Organisation Pirate Bay unterstützt aktiv die ebenfalls schwedische Glam Rock Band Lamont. Alle neuen Songs und Videos sind gratis über P2P zu bekommen, allein in den ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung wurde das Album 100.000 mal heruntergeladen, das Video 60.000 mal. Einen solchen Bekanntheitsgrad mit nachfolgenden CD-Verkäufen und Konzerttourneen erreicht eine junge Band in der Regel erst nach jahrelanger Arbeit. Und wenn die Gesetze und die Haltung der Musikkonzerne nicht gründlich revidiert werden, werden solche Geschäftsmodelle mit freien Downloads unter legalen Creative-Commons-Lizenzen der endgültige Sargnagel für eine rückwärtsgerichtete Politik. [fe]

November 5, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack