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28. November 07

Musikboss: Wir haben keine Ahnung

Von Computern, Internet, und dem ganzen neumodischen Zeug. Zumindest erklärt das Doug Morris, Chef, CEO und Aufsichtsratsvorsitzender des weltweit grössten Musikkonzerns, Universal Music Group (UMG). Er geht noch weiter, und erklärt gegenüber einem Reporter der Wired ausführlich, dass er auch sonst von der Realität des Musikgeschäfts im Jahr 2007 keine Ahnung hat. Das ist das Ergebnis des Gesprächs. Nun zu den Einzelheiten.

Wired-Mitarbeiter Seth Mnookin hat Herrn Morris in dessen Büro in Manhattan im Herzen New Yorks besucht. Wegen Umbau-Arbeiten muss man mit dem Aufzug einen Stock höher fahren, einen mit Plastikfolien bedeckten Gang entlang und durchs Treppenhaus hinunter zum Büro des Chefs. Ein schönes Bild. Im letzten Jahr ging der weltweite Absatz von Musik-CDs um 10 Prozent zurück. So schlimm traf es diese Industrie noch nie, aber 2007 wird schlimmer.

Im laufenden Jahr wird in den USA 22 Prozent aller Musik über iTunes verkauft werden. Warum hat Apple dieses Beinahe-Monopol? Doug Morris über Steve Jobs: "Wir waren dankbar dafür, dass jemand die Online-Verkäufe übernahm. Wir verdienten eine Menge Geld damit, aber plötzlich waren wir von ihm abhängig. Wir würden nur sehr ungern auf diese Einnahmen verzichten". Morris spricht von "goldenen Handschellen".

Warum, so fragen wir uns, und fragte ihn der Interviewer, hat Universal, haben die Musikkonzerne dann nicht selbst die Dinge in die Hand genommen? Napster startete immerhin 1998, das ist fast 10 Jahre her. Morris erklärt: "Wir haben niemand in der Firma, der sich mit Technik auskennt. Das wird von der Presse ständig verkannt. Es ist ungefähr so, also würde jemand von Ihnen verlangen, Ihrem Hund eine Niere heraus zu operieren. Was würden Sie tun?"

Und weiter erklärt er: "Wir wussten nicht, wen wir unter Vertrag nehmen sollten. Ich wäre nicht in der Lage, einen wirklichen Technik-Experten zu erkennen. Jeder mit einer geschickten Lügengeschichte hätte mich überzeugt". Ein Mitarbeiter des UMG-Chefs hatte zuvor berichtet: "Er war nicht darauf vorbereitet, dass sein Geschäft so völlig durch die technische Entwicklung verändert würde".

Doug Morris hat auf dieses unlösbare Problem eine Antwort: Total Music. Diese Plattform soll iTunes ablösen, die Abhängigkeit der Musikkonzerne von Apple beenden und dem Konsumenten und Musikliebhaber die Möglichkeit geben, problemlos Musik zu geniessen, ohne für jeden einzelnen Song zu bezahlen. Weil nämlich nach dem Total-Musik-Modell bereits die Hersteller von MP3-Playern dafür eine Pauschale bezahlt haben. Die Total-Music-Player laufen natürlich nur mit einem Digitalen Restriktions Management (DRM), und wir alle wissen, was die logische Folge sein wird: der "Markt" nimmt das Produkt nicht an. Noch einfacher: so etwas werden nicht genügend Leute kaufen, es wird ein sicherer Flop.

Tatsächlich hat Doug Morris keinen Schimmer vom Ausmass der Veränderung, die sein Geschäft durch die Entwicklung der Technik erfährt. Seine Kollegen in den Chefetagen der anderen Musikkonzerne, Verwertungsgesellschaften, Lobbygruppen ebensowenig. Aber Doug Morris gibt es zu. Das Problem dabei: das nützt überhaupt nichts, weil er ja weiter auf maximalen kurzfristigen Profit abzielt. Ich habe das Problem schon früher und wiederholt erklärt, aber hier ist es noch einmal, zum Mitschreiben: Musik wird weiterhin beliebt bleiben. Viele Menschen konsumieren eine grosse Menge von Songs. Daran wird sich nichts ändern. Nur das Geschäftsmodell für Musikvertrieb hat sich verändert. Der Feind des aktuellen Musikbusiness ist nicht das Internet. Das Internet, und hier besonders Filesharing, ist nichts anderes als eine neue Form von Radio. Radio, das von den Zuhörern gemacht wird. Der eigentliche Feind des Music Biz ist... die Kompaktkassette. Und zwar in ihrer heutigen Form, der Festplatte (einschliesslich verwandter Speichermedien). Musik ist jetzt in praktisch beliebiger Menge speicherbar. Der Tonträger als Distributionsweg ist überflüssig geworden. Man kann keine Tonträger mehr zu gewohnten Preisen absetzen, wenn sie nur benötigt werden, um billige Massenspeicher zu befüllen. Die Ära der Tonträger ist ebenso Vergangenheit wie etwa die des Individualverkehrs mit Pferd und Kutsche. Die Pferde-und-Kutschen-Industrie lebt nur noch im Freizeitsektor weiter, wurde aber ansonsten vom motorisierten Verkehr vernichtet. Was kann die Musikindustrie daraus lernen? Sie kann sich an die Gegenwart anpassen, zur Service-Branche transformieren, aber die Zeit der märchenhaften Gewinne durch CD-Verkäufe ist vorbei, und wird nie wieder kommen. Farewell, Doug Morris. Ich bin sicher, irgendjemand wird Ihnen eine goldene Uhr zum Abschied schenken, nächstes oder übernächstes Jahr, wenn die Musikabteilungen der grossen Medienkonzerne nach wütenden Protesten der Aktionäre wegen anhaltender Verluste geschlossen werden. [fe]

November 28, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink

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Kommentare

Dann wollen wir mal hoffen, dass Du recht behältst!

Kommentiert von: Engelsstaub | 28.11.2007 15:12:18

auf alle fälle die goldene uhr (ich lach mich kaput) wiedermal total getroffen

und zu der nieren OP ich würde sagen wenn mich jemand auf dem freien markt dazu zwingt mein hund zu operieren weil ich sonst aus dem karussel des turbo globalismus & 2.0 falle

würde ich mich verdammt nochmal drüber schlau machen und wenn mein medizinstudium 2 jahre dauert
und nicht auf meiner yacht auf alte zeiten anstoßen

sorry da hat niemand mitleid wenn er sein hund nicht operieren kann
dann vereckt das scheiß viech eben wenn er boot fahren muss

hoffentlich ganz weit raus dann hört niemand das gejammer wenn er mit seinem kahn und der goldenen uhr untergeht

Kommentiert von: [pq] | 28.11.2007 16:28:17

Ist ja immerhin was, wenn jemand aus der Spitze sowas sagt, aber eigentlich ein Armutszeugnis wenn eine Konstrukt dieser Größe nicht dazu fähig ist auf dem neuesten Stand zu bleiben, in anderen Branchen ist es auch so, wer nicht mit der Zeit geht, geht irgendwann unter.

Kommentiert von: robo47 | 28.11.2007 21:11:33

Und wieder ein genialer Artikel vom Meister aller Blogs. Danke!

Kommentiert von: Matthias | 28.11.2007 23:18:05

Und was machen die wenn sie einen Profi zur Betreuung ihres Rechnernetzwerks brauchen? kann Ihnen der nicht auch irgendwelche Lügenmärchen erzählen. Oder dem verantwortlichen für die Telefonvernetzung?

OK, schlechtes Beispiel, die Computer und Telefonnetze werden ja outgesourced. Damit man die Leistung dann von einer anderen Firma zum doppelten Preis wieder einkaufen kann. Mangern kann man allgemein im Fachbereich IT so gut wie alles erzählen. Ist leider so. Aber dass die Herren Manager mal einen Techniker in den Vorstand lassen würden, das kann ja nicht angehen. Der wüsste ja vielleicht wovon er redet.

Kommentiert von: fangorn | 29.11.2007 08:49:09

"..die Herren Manager mal einen Techniker in den Vorstand lassen.."

stimmt das is mir auch noch nie vor die flinte gekommen das ehemalige ingenieure die ahnung haben von was sie reden mit im vorstand sitzen
ausser bei den großen IT firmen

da wird wohl auch langsam mal ein umdenken nötig

wie is das bei banken giebt es da welche wo mal jemand ohne MBA im vorstand sitzt
ein geek eventuel?
weis sowas jemand der fritz eventuel?

Kommentiert von: [pq] | 30.11.2007 09:14:44

So, so. Der gute Doug Morris ist also der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Musikkonzerns!? Dann darf man wohl davon ausgehen, dass er sich mit seinem Einkommen in den Regionen der Ackermänner, Löschers, Wiedekings, usw. bewegt! Oder?

Dieser Mensch hat also einen der am höchsten bezahlten Angestelltenarbeitsplätze auf diesem Planeten, und gibt frank und frei zu, dass er im Grunde genommen inkompetent ist?

Ist das jetzt dumm, oder einfach nur dreist? Egal, wir Normalsterblichen können ja weiterhin auf den Lottojackpot hoffen. Und uns als Konsumenten, die den Reichtum der feinen Herrschaften ermöglichen, als Kleinkriminelle abstempeln lassen.

Machts Spaß? Ja! Wie Sau.

Kommentiert von: Maik Huelsenbeck | 30.11.2007 14:30:30

ich bin mir ehrlich gesagt sicher, dass der gute man sehr kompetent ist, sonst würde er nicht auf diesem sessel hocken. oder nicht?

ich weiss nicht, aber ich rege mich ja auch nicht über golfer auf nur weil sie keine football- profis sind.

naja nur manchmal. wenn ihre defense schlecht spielt.

Kommentiert von: veto | 30.11.2007 21:52:39

Golfer müsste man sein! Tiger Woods verdient auch net schlecht =(

Kommentiert von: crosbow | 01.12.2007 00:32:32

[orig. v. veto: ich bin mir ehrlich gesagt sicher, dass der gute man sehr kompetent ist, sonst würde er nicht auf diesem sessel hocken. oder nicht?

ich weiss nicht, aber ich rege mich ja auch nicht über golfer auf nur weil sie keine football- profis sind.]


hat jemand von dem deppen verlangt er solle gleich einen "online-music-shop" programmieren? nein!!!

aber der MF wird mit abermillionen pro jahr zugeschüttet (sowie viele andere "spitzen-manager" in anderen firmen auch) damit er jemanden findet der es kann. oder zumindest jemanden findet der kompetent genug ist jemanden zu finden der es kann!

der artikel beweißt um ein weiteres mal (und ist ein pragmatisches bspl. dafür) das diejenigen die diese welt derzeit wirtschaftlich im würgegriff haben - kaum wissen was sie tun und eigentlich fast alle ausgemustert und als sondermüll entsorgt werden müssten.

aber nein - im schlimmsten aller fälle haben sie höchsten einen "vergoldeten handshake" zu befürchten.

Kommentiert von: rock on | 02.12.2007 11:45:07

hmn,.. nein.
eigentlich wird er nicht mit millionen zugeschüttet damit er jemanden findet der es kann. vielleicht damit er jemand findet der jemand findet der jemand findet der jemand findet der zufällig jemand einstellt, bei dem sich herausstellt, dass er sich genug auskennt um jemanden zu prüfen, der sich auf den job zum thema bewirbt.

was es nicht besser macht. schließlich hat er immer noch keine ahnung. und eigentlich geht es garnicht mehr darum. einen musikshop zu programmieren ist nicht mehr die wirkliche schwierigkeit.
die naivität richtig und geschäftsorientiert ausgebildet worden zu sein, wo in wirklichkeit doch die tatsächliche wirtschaftliche list bei den meisten, auch ob ihrer geschäftstüchtigkeit, nicht ausreichend ausgeprägt ist gekoppelt mit der späten erkenntnis der grossen CEOs, den zug vor 10 jahren verpasst zu haben, nicht rechtzeitig auf das neue distributionsmedium umgestiegen zu sein.

der springende punkt ist, dass die herren garnicht so dumm sind, sondern immernoch geblendet vom umsatz erfolg ihrer industrie in den letzten jahrzehnten. dass drm-infizierte musik vom markt nicht einfach so akzeptiert wird ist selbst für einen nicht IT-fachmann leicht zu begreifen und etwas was die hohen herren sehr wohl wissen, lediglich ihre ignoranz gebildet durch ihre wirtschaftliche vergangenheit und naivität hindert sie daran ein zukunftsorientierteres modell zu entwickeln.

mal sehen ob sie allesamt den bach runtergehen. achja apropo.
wieviel kostet eigentlich euer microsoft-abonement pro monat?

Kommentiert von: veto | 02.12.2007 14:02:28

Obwohl sie sich slbst gerne als Elite sehen, haben oft gerade Entscheider in Wirtschaft und Politik über Sachverhalte über die sieentscheiden weniger Ahnung als der Durchsschnittsbürger.

Kommentiert von: Peter Schwarz | 02.12.2007 21:53:16

Keine Ahnung von Technik? Wirkt ja beinahe sympathisch der Mensch. Leider nur beinahe, denn seine Industrie verklagt immer noch die Kunden die Ahnung von Technik haben.

Der grösste Feind des Music Biz ist die HD? Verblüffend, dass der Mensch gerade eben zugibt keine Ahnung von nichts zu haben, dann aber mit so dummdreisten Thesen daher kommt.

Wenn ich ausschliesslich auf Vinyl setzten würde, könnte ich ja auch behaupten die CD wäre der Feind des Music Biz. Tatsache aber ist, dass eine 100€ HD Platz bietet für 1000-5000 Alben in guter Qualität. Sich dem zu verschliessen wäre äquivalent das sparsame Auto als Feind der Ölindustrie darzustellen und Fahrer derselben wegen zu geringem Konsum zu verklagen.

Kommentiert von: proforma | 05.12.2007 11:19:50

Ich sag da nur eins... Narrenschiff. (Reinhard Mey)
Warum macht keiner aus der Fa. was gegen diesen arroganten Schnösel.
Lässt sehenden Auges die Fa. den Bach runtersausen, und die Mitarbeiter sind die dummen.
Irgendwo hab ich gelesen das eine bestimmte Altersgruppe vom Konsum gelenkt wird, sage ich nur... Richtig, deswegen gibts erst diesen ganzen Multimedia Wahn und immer noch neuere Standards noch schneller besser glänzender und irgendwann... ja irgendwann, werden alle merken, digitales Zeugs macht zwar dröge aber nicht satt.
Auf die Revoluzion bin ich gespannt.

Kommentiert von: ping | 09.12.2007 12:43:54

Ich finde CDs gut.

Kommentiert von: Torsten | 14.12.2007 21:29:29

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