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30. Dezember 07
Das Ende von Hollywood
Hierzulande wenig beachtet, stürzt in den USA gerade die Scheinwelt der Hollywood-Studios in sich zusammen. Nicht die mystische Raubkopiererbedrohung, sondern der Streik der Film- und Fernsehautoren führt derzeit zu einer Langeweile-Explosion auf US-Fernsehschirmen und gigantischen Umsatzausfällen in den Medien. Da keine Einigung in Sicht ist, nehmen die Kreativen das Heft selbst in die Hand, und machen Hollywood zur antiken Ruine eines Geschäftsmodells.
Beim "Writers Guild Strike" geht es im Wesentlichen um Tantiemen aus der Zweitverwertung von Film- und Fernsehproduktionen über Internet und DVD. Die Autoren möchten angemessen beteiligt werden, die Studiobosse sind ganz anderer Meinung: es sei noch zu früh, um sicher sagen zu können, ob per Internet echte Umsätze erwirtschaftet werden könnten. Gleichzeitig aber, das halten Vertreter der Autorengewerkschaft gegen, brüste sich die filmproduzierende Branche an der Wallstreet mit ihren digitalen Erfolgen.
Auch nach vielen Streik-Wochen sieht es nicht nach einer Einigung aus. Erste Opfer sind die TV-Zuschauer, die sich angesichts von wiederholt wiederholten Wiederholungen nicht mehr wachhalten können. Nun kündigen Drehbuchschreiber die Gründung von eigenen Firmen an, unterstützt vom Silicon Valley. Wenn Hollywood nicht für die Nutzung ihrer Kreativität durch die neuen Medien bezahlen will, wollen Autoren die neuen Märkte eben selbst beliefern.
Bereits heute werden Kurzfilme per Download vertrieben, an welchen namhafte Schauspieler und Branchengrössen wie Woody Allen oder Jay Leno mitgewirkt haben. Spielfilme werden produziert, in Episoden im Web angeboten und anschliessend auf DVD verkauft. Kein Kino. Keine Hollywoodstudios. Kein Bedarf an Vorfinanzierung durch Filmproduzenten – das Geld aus dem Silicon Valley ist genau so gut. Schon jetzt spricht die Stadtverwaltung von Los Angeles von einem lokalen Umsatzverlust zwischen einer viertel und zwei Milliarden Euro, hervorgerufen durch den Streik.
Wird dieser nicht bald beendet, was eben niemand erwartet, dann etabliert sich das neue, direkte Geschäftsmodell. Die Folge? Aktionäre, Investoren, Equity Holdings ziehen sich aus den alten Studios zurück. Filme werden vor allem via Internet vermarktet, Kinoketten schliessen. Eine Branche wird umgekrempelt. Wieder einmal (wie schon in der Musikbranche) nicht wegen massenhafter Privatkopien via Internet, sondern wegen starrem Festhalten an technisch überholten Geschäftsmodellen.
Wie soll man sich in einer solchen Situation verhalten? Was für Chancen haben junge Musiker, Filmemacher, Medienunternehmer? Jede Menge. Mehr als je zuvor. Eine Reihe von Antworten gaben David Byrne (ex- Talking Heads) und Thom Yorke (Radiohead) gegenüber dem Wired Magazin. Zwischen dem alten Vertriebsmodell ("ich verkaufe meine Seele an Universal") und dem Punkrock-Eigenvertrieb gibt es eine Menge Abstufungen. Und Downloads, bei welchen der Kunde den Preis selbst bestimmt, bringen mehr Geld als andere Vermarktungsformen. Machen wir uns nichts vor: als der Buchdruck erfunden wurde, stürzten für manche Leute Welten zusammen. Ebenso mit der Einführung des Grammophons, der Vinylschallplatte, der Videokassette, des MP3players. Das ist ein ganz normaler Vorgang, der sich in unserer Kulturgeschichte wieder und wieder wiederholt (ganz ähnlich wie im US-TV...). Vielleicht schaffen wir's ja diesmal, die kulturellen Auswirkungen der digitalen Revolution so zu dokumentieren, dass zukünftige Generationen davon profitieren. Das wär' mal ne Leistung. [fe]
Dezember 30, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack
28. Dezember 07
Weihnachtsprügelei im Weltraum
Zum alljährlichen Fest des Unfriedens kann man ja schon froh sein, wenn Besuche von Verwandten und Ausbruch von Emotionen ohne Blutvergiessen enden. Das klappt aber nicht immer, wie die folgenden Beispiele aus dem Geschehen der letzten Tage und Wochen anschaulich machen. Dazu zeigen wir zur Abrundung Unterhaltungsfilme.
Zuallererst: ich habe ein ganz klein wenig übertrieben. Bei der Überschrift. Die Weihnachtsprügelei war überall, nur nicht im Weltraum. Nicht auszudenken, wenn hochbezahlte Astronauten einander an die Kehle gehen, etwa weil die in Glitzerpapier gehüllten Socken die komplett falsche Farbe hatten. Aber beinahe vergleichbar ist es schon, was sich da auf der US-amerikanischen Amundsen-Scott Südpolstation ereignete. Alkohol in Verbindung mit viel zu viel Eis (soweit das Auge reicht) führte dazu, dass zwei ordentlich verletzte Südpolforscher ausgeflogen werden mussten. Einer davon, mit gebrochenem Kiefer, gleich ins nächste richtige Krankenhaus, in Christchurch, Neuseeland.
Ebenfalls eins auf die Nase bekamen die deutschen Bundesbürger, und zwar vom Bundesminister für Wirtschaft und Kieferbruch, Michael Glos. Der lobte die aktuelle ökonomische Entwicklung, trotz zurückgenommener nationaler Wachstumserwartungen, und kritisierte im selben Atemzug die Einstellung der dummen Deutschen zum Thema: "Den Wirtschaftsaufschwung und seine Wirkung auf den Arbeitsmarkt und die soziale Sicherheit nehmen viele als selbstverständlich hin", so Glos wörtlich gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit", und weiter "Es gibt keine Dankbarkeit für die erreichten Erfolge." Das wollen wir nicht auf uns sitzen lassen: Danke Michael! Danke! Echter Unterhaltungswert! Ganz grosses Kino!
Falls es jemanden interessiert, wo das ganze Geld denn hin verschwindet: die USA geben jährlich mehr Geld für Militär aus als die ganze restliche Welt zusammen. Oder etwa 20mal mehr als der Laden, bei dem Michael angestellt ist. Fehlt dann alles ind er Sozialkasse.
Knapp vor dem Fest hat (war nicht das erste Mal) die Firma Microsoft Prügel bezogen. Als nämlich Kaspersky Labs Antivirus Software auf die (nicht völlig abwegige) Idee kam, den Windows Explorer als Virus zu klassifizieren. Und unter Quarantäne zu stellen. Aber es gibt ja noch andere Dateimanager. Und die Einstufung wurde schnell zurückgezogen. Schade irgendwie.
Wer noch eins in die Schnauze bekommen hat: der gemeine DVD-Film-Käufer und Kinobesucher, auch bekannt als Raubkopierer und Verbrecher. Konnte man daran sehn, dass in den P2P-Plattformen unveröffentlichte Kinofilme auftauchten. Ja, genau die Filme, die man den Oscar-Juroren zugeschickt hatte. Und zwar ohne DRM. Weil das ja eh immer nur Ärger macht. Ihr anderen passt eben besser auf euren Kiefer auf, ihr undankbaren Konsumverweigerungs-Verbrecher. Was weiter passiert, wenn sich Kreative ("Gedankenverbrecher") ungerührt an anständigen alten Filmen vergreifen, seht ihr im Anschluss. Und was passiert, wenn Schotten zuviel Star Wars kucken. Das auch. Dann noch viel Spass beim Weiterfeiern. Und immer schön friedlich trinken, ja? [fe]
Dezember 28, 2007 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (0) | TrackBack
20. Dezember 07
Jugendschutz: Islam erst ab 18
Jetzt haben wir den Salat: Kaum wird das Gesetz zum virtuellen Gewaltmonopol vorgelegt, durchkreuzen erschreckende Studien über gewaltbereite-Inlands-Moslems jeden Ansatz von Feiertagsstimmung. Wie gut, dass die Europäische Union mehr auf Konzerne als Kirchen hört. Und entsprechende Steuerschlupflöcher schafft. Bootsektor nutzt die Gunst der virtuellen Stunde.
Wie erwartet hat der Gesetzesvorschlag zur Strafverschärfung im Reich der Phantasie die Unterstützung nicht nur der Bundesoberschichtsministerin, sondern des gesamten Bundeskabinetts gefunden. Nun muss die Strafbarkeit folgenloser Gewaltausübung in literarischen Räumen mit Hilfe virtueller Waffen nur noch den Bundestag, den Bundesrat, den Vermittlungsausschuss, den Bundespräsidenten und das Bundesverfassungsgericht passieren, dann kann die Angelegenheit vor europäischen Gremien behandelt werden. Ein einziges grosses Killerspiel also. Auf der Opferbank sitzt hier vor allem der Steuerzahler, gleich neben dem Globalisierungsverlierer aus Castrop-Rauxel oder Hoyerswerda. Die Europäische Kommission folgte nämlich wieder einmal einem Vorschlag der Regierung Frankreichs. Statt Agrarsubventionen geht es diesmal aber direkt um eine Subvention des ruhmreichen Staatskonzerns (nicht direkt staatlich, sondern nur korruptionsverschwägert) Vivendi Universal und seiner stetig wachsenden Computerspieleabteilung. Etwa die Hälfte aller in Europa gerade entwickelten Games erfüllen jetzt die Kriterien für eine steuerliche Absetzbarkeit von 50 % 20 % der Entwicklungskosten. Pew Pew, oder?
Weit benachteiligt sind EU-weit gesehen dagegen Migranten islamischen Hintergrundes. Diese müssen sich Fangfragen stellen lassen und damit zum plakativen On- und Offline-Rechtfertiger für Bürgerrechtsabbau mutieren. Die Armen. Vierzig Prozent unserer jungen nationalen Moslems dürfen nämlich als fundamentalistisch gelten und glauben nach Eigenauskunft, dass sie ins Paradies kommen, wenn sie im bewaffneten Kampf für ihren Glauben sterben. Immerhin 14 Prozent dieser Problemgruppe zeigt eine Distanz zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Das sollte uns zu denken geben. Die Zahlen stammen übrigens vom Bundesinnenministerium. War klar, oder?
Bootsektor, das anerkannte Online-Fachmagazin für virtuelle Gesellschaftsentwicklungen, ging daher der Sache auf den Grund. Wir befragten, auch ohne Auftrag irgendwelcher Bundes-Zusatzeinkommensempfänger, die Problemgruppe der nicht-moslemischen Bürger. Etwa 80 Prozent davon äusserten religiöse Vorstellungen und moralische Überzeugungen. Distanz zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit trat vor allem unter den Splittergruppen Feiertags-Christen, Regierungsmitarbeiter und früh-verrenteten Metallarbeitern auf. Positionen wie "Beim Adolf hätt's das nicht gegeben" oder "Alle ins Arbeitslager" fanden hier erschreckend breite Zustimmung. Selbst die Vorstellung, nach dem Tode ins Paradies einzugehen, auch bei billigender Inkaufnahme von Gewaltanwendung, liess sich bei massgeblichen Teilen der Gesamtbevölkerung nachweisen. Die Radikalisierungs- und Fundamentalisierungsgefahr steht hier, laut aktueller Studie des Bootsektorministeriums, mahnend im Raum.
Letzte Mahnung für heute: Haut euch zum anstehenden Konsumrauschfest die Plautze nicht jeden Tag so voll, sonst müsst ihr den mittig abstehenden Meatspace anschliessend mit Nintendo Wii Super Mario Galaxy Gummtwist wieder abtrainieren. Und das wird kein Spass, das garantiere ich euch. [fe]
Dezember 20, 2007 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack
17. Dezember 07
Stoppt von der Leyen
Die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat angekündigt, ein "Sofortprogramm" für den Jugendschutz starten zu wollen. Natürlich ohne die Bevölkerung vorher zu fragen. Jugendliche und Kinder sollen vor allem geschützt werden, was die blonde Bürgerstochter als unappetitlich einstuft. Auf Kosten der Bürgerrechte und der neuen Industrien.
Deutschland auf dem Weg in die innere Dritte Welt. Völlig richtig wurde erkannt, dass es nicht genügt, die Produktion ins Ausland zu verlagern, um Profite weiter zu maximieren, es ist auch nötig, einen neuen nationalen Billiglohnsektor zu schaffen, um auch im Dienstleistungssektor die nötige Abschöpfungshöhe zu erzielen. Mit gezielten Massnahmen wie der Einführung des Hartz-4-Verarmungssystems und der gleichzeitigen Schwächung von Gewerkschaften entwickelt sich das auch ganz prächtig.
Nun muss die neue Kastenordnung auch gefestigt werden, und hier kommt auch schon die andernorts als Super-Nanny gerühmte Ursula von der Leyen ins Bild. Die Frau, die bewiesen hat, dass man erfolgreich Beruf und siebenfache Mutterschaft verbinden kann, wenn man nur Tochter eines Ex-Ministerpräsidenten ist und einen Chefarzt und Unternehmer heiratet. Mit anderen Worten: ein leuchtendes Beispiel und Vorbild für die pflichtvergessenen Prekariats-Mütter, die ihren Kindern einfach keine jährlich neuen Schuluniformen kaufen wollen. Diese Schlampen. Deshalb werden sie auch durch das neue einkommensabhängige Elterngeld bestraft, das diejenigen mit prima extra Unterstützung belohnt, die schon vorher gut verdient haben.
Ganz anders Mutti von der Leyen, die jetzt zusammen mit ihrem Hausfreund Armin Laschet, Familienminister in Nordrhein-Westfalen, "gemeinsam ein Sofortprogramm zum wirksamen Schutz von Kindern und Jugendlichen vor extrem gewalthaltigen Computerspielen" anleiert. Tritt dieses in Kraft, dann heisst das: "Extrem gewaltbeherrschte Trägermedien (z. B. Computerspiele, Videos, DVD) sind in Zukunft per Gesetz automatisch für Kinder und Jugendliche verboten." Und: "Sie müssen nicht erst Prüfverfahren durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien durchlaufen."
Mit anderen Worten: es wird eine Bundesprüfamt für gewalthaltige Medien geschaffen, das die derzeit (zu Recht) beliebteste Form von Teenagerunterhaltung nach politischen Kriterien einstuft. "Fohlenzucht mit Barbie" = gut. "Blutspritzer 2007" = böse. Um eine Bevölkerung wirksam regieren zu können, ist es notwendig, Auseinandersetzung und Diskussion um Gewalt zu monopolisieren. Das ist ja schon länger bekannt und wurde auch und gerade in unserer glorreichen nationalen Vergangenheit erfolgreich exerziert. (Für Insider: noch so ein Satz und Godwins Gesetz trifft zu).
Ich fordere daher eine Politik, die auf wissenschaftlich belegbare Fakten gegründet ist, anstatt auf ideologische Vorgaben. Ich fordere meine Mitbürger auf, die Gewaltdiskussion wieder als Bürgerrecht zurück zu verlangen. Kein Teenager wird nachhaltig geschädigt, wenn sie oder er mit Ballerspielen oder Pornografie konfrontiert wird. Keine Studie hat bisher über den Rahmen von Behauptungen hinaus einen entsprechenden Zusammenhang beweisen können. Ich fordere den Rücktritt der Bundeseliteministerin Ursula von der Leyen. [fe]
Dezember 17, 2007 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (8) | TrackBack
10. Dezember 07
Weihnachtslied-Piraten sind Verbrecher
Und wir dachten, die Adventszeit wäre von Frieden und Plätzchenduft erfüllt. Nun erreichen uns Berichte von den nahen britischen Inseln, die den Vorweihnachtsfrieden empfindlich stören. Demnach identifizierte die britische Performing Rights Society bislang im jahreszeitlichen Dunkel verborgene Weihnachtspiraten, die urheberrechtlich geschütztes Liedgut ohne gesetzlich vorgeschriebene Lizenz-Zahlungen darbieten. Abscheulich! Aber eine Lösung ist in Sicht...
Die britische PRS (Performing Rights Society) erfüllt im Königreich Ihrer Majestät Elisabeth der Zweiten eine ähnliche Funktion wie die GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) im hiesigen Sauerkrautland. Aus diesem Grund zogen die Offiziere der PRS aus und besuchten die historische und soziale Einrichtung Dam House in Astley bei Manchester. Dort fanden sie klare Fälle von Weihnachtspiraterie vor: Nicht genug damit, dass ein Radiogerät Stimmungsmusik zum Besten gab, es fanden darüber hinaus auch noch Aufführungen von Weihnachtsliedern durch Amateur-Kinderchöre statt, ohne dass die Urheber der betreffenden, aufgeführten Werke ihre gesetzlich zugesicherten Tantiemen erhielten. Ohne zu zögern bestraften die braven Offiziere die Weihnachtspiraten mit einer jährlichen Lizenzgebühr von 470.06 GBP (Grossen Britischen Pfund), entsprechend 652 Euro. Die Piraten versuchen nun, durch einen Spendenaufruf die betreffende Summe aufzubringen. Einsprüche gegen die Höhe des Lizenzbetrags wurden mit dem Hinweis abgeschmettert, man könne ja in Zukunft auf Weihnachtslieder ausweichen, deren Urheber schon mehr als 70 Jahre nicht mehr unter uns weilen, so dass deren Rechte erloschen seien.
Das ist natürlich ein ganz besonders deutliches Beispiel für den Copyrightwahnsinn unserer Tage. So etwas passiert nur, wenn man die Hunde von der Leine lässt. Tatsächlich ist die Abrechnung der Tantiemen, die dem Urheber zustehen, im elektronischen Zeitalter ein Riesenproblem. Wühlt man sich zum Beispiel durch die Online-FAQs und PDF-Faltblätter der hiesigen GEMA, dann entdeckt man zwischen stimmungsvoll blumigen Formulierungen über den kulturellen Auftrag der Organisation Abrechnungsdetails, die, man kann es nicht anders sagen, irrtümlicherweise nicht blumig genug formuliert worden sind. Die auf komplexem Weg durch Aufzeichnung und Auswertung von jeweils 60minütigen DJ-Mitschnitten ermittelten Musikprogramme (He, GEMA, ich glaube euch kein Wort, ihr peilt das in Wirklichkeit über den Daumen!) führen zu entsprechenden Gebühren, die nach einem noch kompliziertere Schlüssel an den Urheber ausgeschüttet werden. Das Wort "ausgeschüttet" erweckt hier womöglich übertriebene Vorstellungen, denn das Abrechnungs-FAQ der GEMA verplappert sich dahingehend, dass ein Urheber dann echtes Geld aus den "Aufführungen von Tonträgern mittels mechanischer und elektronischer Vorrichtungen" erhält, wenn er in den letzten drei Jahren auch Tantiemen für verkaufte Platten bekommen hat.
Bands oder Einzelmusiker, die ihre Songs oder Stücke selbst vertreiben, keine GEMA-Abgaben für ihre selbst gebrannten CDs bezahlen (was sie nicht müssen) oder die Musik via Internet kostenlos verbreiten und nur durch Konzerte und Merchandise Geld einnehmen, werden also nie einen Cent von der GEMA sehen, selbst wenn ihre Stücke von DJs gespielt werden. Und das wird so bleiben, solange die GEMA (und ihre Schwestergesellschaften in anderen Ländern) von den Rechteinhabern und -Verwertern des 20sten Jahrhunderts gelenkt werden. Aber auch das ist nur eine Frage der Zeit, weil mit dem zügig nahenden Ende der grossen Musikkonzerne auch der ganze Wirtschaftszyklus einbricht, der die GEMA und die PRS am Leben hält. Es ist also noch Hoffnung für die Kinderchöre von Astley in der Region Greater Manchester. Halleluja, oder so. [fe]
Dezember 10, 2007 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack
09. Dezember 07
Wir müssen Filesharing akzeptieren
Curtis Jackson, bekannter unter seinem Künstlernamen 50cent, sorgt wieder für Schlagzeilen. Die Musikindustrie, erklärte der Rap-Artist mit der einprägsamen Nuschelstimme, müsse akzeptieren, dass Filesharing den Künstlern nicht schadet. Punkt. Stammt aus einem Interview mit einer Tageszeitung in Norwegen. Dort haben zwei Teenager auch bewiesen, dass Killerspiele Leben retten.
Mr. Jackson hatte schon früher Ehre und Feinde um sich gesammelt, mit der Bemerkung, er hätte nichts gegen Filesharing, weil die Fans seine Platten trotzdem kaufen würden. Qualität setze sich eben durch, so der erfolgreiche Reim-Verbreiter. Nun hakte ein norwegischer Reporter des Dagbladet direkt vor einem 50cent-Konzert in Oslo nach: Was war mit der angeblichen Nasenlinie während einer TV-Übertragung aus Zagreb und was soll die laxe Einstellung gegenüber P2P? Nein, beharrt Curtis, er hat kein Kokain in dieser Fernsehsendung genommen, und nein, Filesharing ist nicht schlecht für Musiker. Sein eigenes Label G-Unit, das bestätigt er auf Nachfrage, hat schon mal bessere Zeiten gesehen. Naja, 20 Millionen verkaufte Scheiben sind kein Grund zur Klage. Aber die rasend schnelle Weiterentwicklung der Technik beträfe jeden, und alle müssen sich anpassen. Sagt der Rap-Star. (Bild: CC, Flickr)
"Es ist für die Musikindustrie wichtig, zu verstehen, dass dadurch die Künstler keinen Schaden davontragen". Der Mann kann denken, wie's aussieht, und unter seiner lustigen Kopftuch-Mützen-Kombi tickt ein scharfer Verstand. Nur weil Tonträger als Medium veraltet sind, muss ja nicht alles andere schlecht sein. Im Gegenteil: "Ein junger Fan kann genauso begeistert und engagiert sein, egal, ob er (die Musik) gekauft oder 'gestohlen' hat". Statt dessen, da ist sich 50cent sicher, müssen neue Vermarktungswege gefunden werden. "Konzerte sind ausverkauft und die Industrie muss lernen, alle Aspekte eine Musikers zu managen, 360 Grad um ihn herum. Man muss die Einnahmen aus Konzerten und Merchandising ausbauen. Nur so kriegt man die Marketing-Budgets wieder rein". Allerdings gibt er zu bedenken: "Das grösste Problem ist, dass die Künstler nicht mehr so viel Unterstützung bekommen wie früher. Die müssen jetzt lernen, Klingeltöne zu verkaufen, statt Platten". Und er fasst es nochmal zusammen, und zielt dabei sowohl auf musikalische Eintagsfliegen wie auf Industriemanager, die nur noch im Quartalsergebnis-Rhythmus wippen: "Sie verstehen nicht den Wert eines perfekten Kunstwerks". Wow. Und das muss euch ein Junge aus dem Ghetto sagen, ihr Hampelmänner? Und dazu musste er nach Norwegen kommen, um dort frei sprechen zu können?
Norwegen, wo der 12jährige Hans sich und seine 10jährige Schwester vor einem angreifenden Elch rettete, in dem er das anwendete, was er im Fantasy-MMO World Of Warcraft gelernt hatte. Er lenkte den zornigen Riesenhirsch durch Beschimpfungen von einer Attacke gegen seine Schwester ab, rannte dann weg, um das Waldmonster weiter von ihr weg zu locken, und stellte sich dann tot, worauf der subpolare Schaufelträger spontan die Aggression verlor. Hätte Hans, wie alle braven Kinder, sein junges Leben mit Hausaufgaben, Halma und Kinder-TV verplempert, dann wären jetzt beide tot oder schwer verletzt. Meine Forderung nach diesem tragischen Vorfall mit glücklichem Ausgang: Lasst eure verständnisfreien Fettfinger von den Kindern! Lasst sie jeden Tag eine oder zwei Stunden (je nach Alter, später auch mehr) Computer spielen. Dort lernt man besonnenes, erfolgsorientiertes und gemeinschaftliches Handeln. Ist das jetzt klar? (Bild: Privat)
Und lasst (das wäre noch wichtiger) endlich die Hände vom Filesharing. P2P ist das neue Radio, verbreitet Musik (und Film) besser als irgendein anderes Medium und kann die Industrie in einer Zeit einbrechender Umsätze bei Ton- und Bildträgern retten. Retten? P2P? Richtig. Weder Verbieten noch reines Ausbeuten führen irgendwohin. Wer richtig Geld verdienen, oder richtig Kinder grossziehen will, muss eine Menge Überlegung, Arbeit und Leidenschaft einbringen.
Und, äh, könnte der echte Slim Shady jetzt bitte aufstehen? [fe]
Dezember 9, 2007 in PC vs. Copyright, Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (1) | TrackBack
05. Dezember 07
Der kalte Cyber-Krieg
Da draussen ist Krieg. Security-Firmen und Hersteller von Anti-Virensoftware weisen uns darauf hin, dass die Geheimdienste aller grösseren Nationen regelmässig Internet-Angriffe gegen jeweils alle anderen Nationen unternehmen. Wirtschaftsspionage. Lassen wir einmal die Experten zu Wort kommen...
Peter Sommer, an der London School of Economics zuständig für Informationssysteme und Innovation: "Wir sehen Anzeichen dafür, dass Regierungen auf der ganzen Erde unablässig die Computernetzwerke anderer Nationen auf deren Stärken und Schwächen untersuchen. Regierungsbehörden betreiben unbezweifelbar Forschung dazu, wie man Bot-Netze in Angriffswaffen verwandeln kann."
Johannes Ullrich, Chief Technology Officer For Research Organisation am Sans Internet Storm Center warnt, dass so gut wie alle Länder sich gegenseitig mit Cyberangriffen belegen. Im Internet gibt es keine Aliierten.
Alan Paller, Director Of Research der Security Training Organisation am Sans Institute, führt weiter aus: " Alle Nationen verhalten sich so. Mir ist kein Land bekannt, das anders handeln würde. Es geht nicht um normale Spionage, sondern um Wirtschaftsspionage".
Weiter sagt er: "Das US Wirtschaftsministerium hat zugegeben, dass in sein Computernetzwerk im Sommer 07 eingebrochen wurde. Chinesische Fachleute stahlen Informationen." Bei der US Air Force, so Paller, wurden Identitäten (Personalakten) und mehrere TeraByte an sensiblen Informationen gestohlen. Das Problem betrifft nicht nur die USA. Der 2007 Virtual Criminology Report von McAfee dazu: "Viele Behörden wissen nicht einmal, dass ihnen Informationen entwendet werden. Die Angreifer verwenden Trojaner, die speziell auf bestimmte Regierungsstellen abzielen. Weil sie nur für diesen Zweck hergestellt wurden, werden sie von üblicher AV-Software nicht erkannt."
Hier haben wir also bereits den legendären Bundestrojaner. Nur richtet er sich nicht gegen mutmassliche Kriminelle, sondern gegen ahnungslose Bundesbehörden. Der McAfee-Bericht beschreibt die moderne Technik der Spear-phishing Attacken, Angriffe gegen Einzelpersonen, mit dem Ziel, über deren Computer Zugang zu Regierungsinformationen zu erhalten.
Alan Paller fordert ernsthafteren Umgang mit Sicherheits-Updates: "Es geht um 100 Prozent Patches. Hoffnung ist hier keine Strategie". Gerade Software, die speziell für Unternehmens- und Verwaltungskunden geschrieben wurde, enthalten in einem Viertel aller Fälle kritische oder ernste Sicherheitslücken.
In anderen Nachrichten vom selben Tag erfahren wir, dass das US Department of Homeland Security (die US-Schäuble-Behörde) plant, bei allen Grenzübertritten in die USA oder aus ihr heraus vollständige Profile der betreffenden Personen anzulegen, mögliche Risiken mit einer speziellen Datamining-Software zu ermitteln und alle Daten für 40 Jahre zu speichern. Andere Nationen werden folgen.
Glücklicherweise hat der deutsche Bundestag im Mai dieses Jahres flankierend den § 202 c, "Hackerparagraph" beschlossen, der allen IT-Security-Experten in unserem Land eine strafrechtliche Verfolgung in Aussicht stellt, wenn sie ihren Job ernstnehmen. Das dürfte die nationale Widerstandskraft gegen Cyberattacken aus befreundeten oder neutralen Ländern erheblich verringern. Danke dafür nach Berlin.
Besonders inniger Dank für Inspiration geht heute an das Glasgower Dubstep-Duo Deeviem, deren EP "Rock Music" (playmade records 2004) und hier vor allem meinen Lieblingstrack "Stupid Motherfucker". [fe]
Dezember 5, 2007 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (4) | TrackBack

