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31. März 08
Studien: Sex, TV, Terror überfordern Männer
Seit wenigen hundert Jahren müssen wir uns nicht mehr darauf beschränken, das zu glauben, was uns bärtige Männer in Sackgewändern erzählen. Statt dessen haben wir die Gewohnheit angenommen, Behauptungen nachzuprüfen und unser Weltbild mit Fakten zu unterfüttern. Jetzt zeigt uns die Wissenschaft die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit. Nein, der männlichen...
Zuerst zum Gegen- stand zentralsten Interesses: Männer und Sex, ein an- haltendes Drama, mit Elementen der klassischen Tragödie. Wie ein Forschungsteam um Coreen Farris an der Indiana University, Abteilung "Psychological and Brain Sciences" herausfand, ist die Kommunikation zwischen den Geschlechtern von ernsten Störungen gekennzeichnet. Das können Bootsektor-Leser überwiegend auch aus eigener, leidvoller Erfahrung bestätigen. Aber es ist noch schlimmer als befürchtet. Nicht genug damit, dass knapp 70 Prozent der befragten weiblichen Untersuchungsgruppe berichteten, freundliches Verhalten würde von den Jungs als sexuelles Angebot missverstanden. Das Kommunikationsproblem ist ein doppeltes: Männer missverstehen in der Regel auch sexuelle Offerten von weiblicher Seite als pure Freundlichkeit. Es sei also keineswegs so, berichten die WissenschaftlerInnen aus Indiana, dass Männer pauschal auf Sex getrimmt seien. Sondern eher so, dass Männer mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nichts kapieren. Weder. Noch. Und die Ausnahmen seien selten.
Diese spezielle Wahrnehmungsstörung wirkt sich auch in anderen Kernbereichen männlichen Selbstverständnisses aus. So erfahren wir zum Beispiel, dass der überwiegend von Männern geleitete US-Mediengigant Comcast das Mattscheiben-Viagra unserer Heimkonsumsphäre mit wirtschaftlicher Dominanz vermählen möchte: HDTV-Kanäle, mit ein Hauptauslöser für testosteron-gepeitschte Kaufsafaris im örtlichen Blödmarkt, werden zugunsten besserer Leitungsnutzung komprimiert. Jungs, ungeachtet eurer sonstigen Optimierbarkeit im Bereich der Nah-Kommunikation muss ich euch nicht erzählen, was mit Videosignalen passiert, wenn man sie komprimiert. Aber sollen sich Frauen jetzt auch noch um Fernsehtechnik kümmern, damit vorne und hinten zusammenpassen und der pokal-entscheidende Eckball nicht von einem fehlfarbenen Klötzchen-Kometenschweif vernebelt wird?
Der nicht zuletzt an seiner Krawatte deutlich als Mann identifizierbare US-amerikanische Bundes- General- Staatsanwalt Michael Mukasey warnte am Freitag in einer Rede vor Silicon Valley Grössen (vorwiegend Männer), Piraterie und Raubkopien würden die Finanzierungsgrundlage für den internationalen Terror stellen. Wie? Etwa so, dass saudi-arabische, religiös über-erregte Alles-Hasser mit ihren Öl-Millionen zuerst malaysische CD-Kopierwerke mieten, um dann mit Hilfe von fliegenden mexikanischen Strassenhändlern Microsoft Vista DVDs für umgerechnet drei Dollar an chinesische Kleinunternehmer zu verticken? Michael, mal so im Vertrauen und von Mann zu Mann: wenn dich ein kalashnikov-tragender Mullah mit Pixel-Halo vom HDTV-Schirm herab anlächelt, dann nicht, weil er etwa Sex mit dir haben will. Und selbst wenn du eine erotische Präferenz für bartige Sackgewandträger hättest, er würde es nicht merken. Das hat Coreen Farris doch gezeigt. Die sieht übrigens ganz süss aus auf dem Foto. Ich sollte sie mal auf‘n Kaffee einladen. Und anschliessend zu mir nach Hause. Ach so, nee, das hab ich jetzt missverstanden. [fe]
März 31, 2008 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack
27. März 08
Apple Transrapid Flatrate
Eben kam‘s im Radio (Analogtechnik FTW!): der Transrapid fährt ins Museum, gleich neben den Brontosaurus. Die gestiegenen Kosten für... Alles haben ihm den Garaus gemacht. Was das für die Zukunft der Utopie und des Futurismus, und vor allem, was das mit Apple und den verschiedenen, neuen, bahnbrechenden Konzepten zur Musikflatrate zu tun hat, wollen wir uns einmal genauer ansehen.
Nicht 1,85 Milliarden Euro, sondern über drei soll er in Wirklichkeit kosten. Nein, nicht der iPod. Der Transrapid. Das Kupfer ist teurer geworden, seit 2002, als man die letzte Kalkulation machte, und alles andere auch. Sogar die Mehrwertsteuer. Die Nachrichtenagentur Associated Press hat das Gerücht zuerst aufgeschnappt, die Süddeutsche Zeitung hat nachgefragt und die Information bestätigt: das wird nix. Und da sag noch einer, Old Media wären zu nichts nütze. Der Bayerische Ministerpräsident Günter Beckstein (der mit den abstehenden Ohren) wird den letzten Akt der Tragödie heute deklamieren. Ist euch eigentlich aufgefallen, wie still dieser Mann geworden ist, seit er das Amt des Ministerpräsidenten ergattert hat? Kein Wort mehr über kinderzerfleischende Killerspiele. Grade mal halbherzige Ausländer-Deportations-Rhetorik.
Für die Stadt München ist die Entwicklung ein Segen. Jetzt wird doch kein Geld für Technologien verpulvert, die auf dem Bildschirm verstandesvernebelnd sexy aussehen, aber im grauen Licht des Alltags völlig versagen. Keiner von uns wird jemals in einem Transrapid zur Arbeit fahren. Ausser er wohnt in Schanghai, und wer will das schon angesichts explodierender Umweltbelastung im chinesischen Industriegürtel. Keiner von uns wird einen Privathubschrauber in der Garage stehen haben, keiner von uns einen Wochenendurlaub auf dem Mond machen. Mit Low-Gravity-Swimming-Pool.
Machen wir uns nichts vor: Letztendlich entscheidet das Preis-Leistungs-Verhältnis. Wir müssten nur einen Teil der bayerischen Schulen schliessen und die Steuern kräftig anheben, dann liesse sich der Transrapid prima finanzieren. Aber wozu? Die S-Bahn braucht zehn Minuten länger und kostet im Verhältnis fast nichts. Den Privathubschrauber können wir uns sehr wohl leisten, aber dazu braucht jeder von uns erst einmal einen eigenen kleinen Konzern. Da wird das Gedränge gross. Und für ein Wochenende auf dem Mond (mit Pool) würde es genügen, den Irakkrieg zu beenden und sonst noch ein paar ökonomische Umverteilungsmaschinen abzustellen. Soweit super.
Und für die Sony BMG Geräteflatrate (bisher ohne Hardware-Partner) oder die Apple-iPod-Pauschal-Flat? Die Idee scheint visionär: man schlägt auf den Verkaufspreis eines Abspielgerätes etwas drauf und schon darf man soviel Musik hören, wie man will. Bei Nokia gibt‘s das schon zu kaufen. Apple, so hört man, steht in Verhandlungen mit den Musikabteilungen der Medienkonzerne: ein Aufschlag auf den iPod macht das Hören beliebiger Musikstücke aus dem Repertoire der erwähnten Firmen legal. Oder ein Monatsbeitrag, wie von SonyBMG Chef Rolf Schmidt-Holtz angeregt. Für sechs bis acht Euro monatlich könne man auf seinem MP3-Player oder Mobiltelefon alle SonyBMG-Songs anhören. Verkaufen will Rolf sie allerdings teurer als für die bekannten 99 Cent.
Gut, dann kaufe ich einen Apple iPod mit Aufpreis, ein Nokia Mobiltelefon mit Aufpreis, CD-Rohlinge und Brenner mit Aufpreis (GEMA-Pauschale), kaufe Chartshits mit Aufpreis und erlebe, wie mein Internetzugang gesperrt wird (wenn es nach Rolf geht), wenn ich mal einen Song gratis herunterlade. Oder sich mein Provider beim Ermitteln einer Filesharer-IP irrt. Was schon vorgekommen ist. Dann kann ich immer noch meine ganzen Aufpreis-Geräte nehmen und sie in den Pool werfen. In meinem Haus auf dem Mond, mit Helikoptergarage und Transrapidanschluss.
Jetzt mal im Ernst: Es geht darum, ein marktfähiges Produkt zu marktfähigen Preisen anzubieten. Wenn es nicht gekauft wird, ist es nicht marktfähig. Wenn der Umsatz einbricht, muss das Angebot verbessert werden. Wenn man gegen die eigenen Kunden juristisch vorgeht, sind sie sauer und kaufen etwas anderes. Wenn Kunden digitale Produkte gratis kopieren und weitergeben (weil es geht), muss man neue Produkt- und Serviceformen finden. Wenn man das alles nicht hinkriegt, muss man seinen Laden eben zumachen. Ok, Rolf? Oder in die Transrapidbranche einsteigen. Da werden noch Visionäre gebraucht. [fe]
März 27, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (8) | TrackBack
17. März 08
Wo Kunden geliebt werden
Lieber Kunde! Neulich erhielt ich einen Brief, welcher mir zu meinem Abonnement einer Fachzeitschrift gratulierte. Mir wurde erklärt, wie sehr man sich über meine Leserschaft freue, dass ich zum bevorzugten Kreise derer zähle, die eine Verlängerung um ein weiteres Jahr des Lesevergnügens ohne eigene Anstrengung erhielten, dass man demnächst etwas Geld von meinen Konten abbuchen würde und wen ich anrufen könne, falls ich die Geschäftspartnerschaft beenden wolle. Na also, geht doch.
Nicht, dass das malerische Bild von der "Servicewüste Deutschland" noch vollständig und detailgenau der Wirklichkeit entspräche. Es war war schon viel schlimmer hierzulande. Aber trotzdem war es für mich, subjektiv, doch ein bemerkenswertes Erlebnis, dieses Anschreiben aus Boone, Iowa in der Hand zu halten. Vom Wired Customer Service Center, wie die Digerati unter euch schon vermutet haben. Irgendwie schaffen‘s die schlauen Bewohner Iowas, aus der simplen, "Wir verlängern jetzt Ihr Abo, verstanden?" Mitteilung einen Akt moderner Kundenbetreuung zu formen. So als ob es ein Zeichen selbstaufopfernder Zuvorkommenheit wäre, schon wieder Geld von mir zu verlangen. Hauptsache, der Kunde fühlt sich gut.
Das ist es, worauf es ankommt. Auch wenn dieses grundlegende Geschäftsprinzip immer wieder gerne vernachlässigt wird. Gerade bei nachgebende Quartalsabschlüssen. Aber was tun, wenn man in einer Branche tätig ist, die dem Kunden aus technischen Gründen nur verschwindend geringen Mitgestaltungsspielraum einräumt? So, zum Beispiel, als Fernsehkanal? Dann müssen kreative Lösungen her, die ganz darauf abzielen, die Befindlichkeit und das Selbstverständnis der Kunden zu erfassen. Der Zielgruppe. Der Zuschauer. TMF, die niederländische Ausgabe des Musiksenders MTV und damit ebenfalls Teil des US-Medienkonzerns Viacom benutzt jetzt Daten des Marktforschungsinstituts GFK (Welches hierzulande auch die lustige jährliche Brennerstudie ausliefert), um zu erfahren, wo die Zuschauer gerne zuhören: TMF kauft Downloadcharts aus dem P2P Filesharing, um seine Playlists zu erstellen. Also die Songs, die gerne umsonst heruntergeladen werden, kommen dann im Musikfernsehen. Und alle sind zufrieden. Eigentlich wollte TMF die P2P-Charts auch gleich veröffentlichen. Allerdings kamen dazu heftige Proteste von Seiten der niederländischen IFPI, die das als "Senden der falschen Botschaft" ansah. Solange man aber nicht zugäbe, dass die Charts aus den P2P Netzen stammen, so der niederländische IFPI Sprecher Wouter Rutten, wäre deren Verwendung nicht problematisch.
Worum genau ging es nochmal? Ermitteln, was der Kunde gerne hören möchte, oder ermitteln, womit einzelne Firmen gerade am meisten Geld verdienen? Dem Kunden das verkaufen, was er gerne haben möchte, oder das, was noch in bedrückenden Mengen im Lager herumstapelt? Ich jedenfalls bin völlig zufrieden damit, für bunt bedrucktes Papier, das ich im Gegensatz zur Digitalversion prima mit auf‘s Klo, in die Badewanne oder auf den Fahrradausflug mitnehmen kann, einmal im Jahr 70 US-Dollar zu bezahlen. Was ich auch ohne Zögern für das ungestörte Hören, Downloaden, Speicher und versehentlich wieder Löschen von MP3-Musik täte. 44,68 Euro. Oder 3,72 im Monat. Das nehm‘ ich. Wo kann ich bitte unterschreiben? Hallo? [fe]
(Bild: Satirewire)
März 17, 2008 in Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack
13. März 08
Wähler fordern Strahlenkanonen
Während wir uns hierzulande noch über potentielle Regierungsbeteiligungen der Linkspartei zanken, sind unsere freundlichen Ex-Mitbürger bzw. deren Nachfahren in der Republik Israel schon einen Schritt weiter. Sie bringen derzeit ihre eigene Regierung vor Gericht. Wegen des nationalen Mangels an Strahlenkanonen. Das eröffnet Perspektiven.
Hatte ich nicht im letzten Bootsektor-Artikel scherzhaft über ein Patent für eine Musikgruppe, mit und ohne Frisuren-Applikation, geschrieben? Die Wirklichkeit spielt mit der Satire Hase und Igel. Wie immer. Die Firma Gibson, Hersteller von Elektrogitarren und angrenzenden Haushaltsgeräten, steht kurz davor, die Firma Activision zu verklagen. Letztere hat sich nicht nur hierzulande einen guten Ruf als Vertrieb von Killerspielen gemacht. Die, wie wir wissen, gut für Kinder und Erwachsene sind. Deswegen ereifert sich der Gitarrenladen aber nicht etwa, sondern, weit naheliegender, wegen des Vertriebs von Spielen wie "Guitar Hero". Wo es, wie wir uns erinnern, um die Playstation-Version eines Rockstarlebens einschliesslich der typischen Handbewegungen auf einem entfernt gitarrenähnlichen Playstationcontroller geht. Gibson habe schon 1999 ein Patent auf musikalische Simulation erworben. Sagte Gibson aktuell. Und Activision solle nun Lizenzgebühren bezahlen. Interessanter Ansatz, gerade im Hinblick auf die zahlreichen, von Bootsektor-Lesern demnächst registrierten Patente.
Ganz ohne Patentklagen funktioniert dagegen der Vorschlag der Pirate Bay Besatzung, wie Hollywood ganz schnell unlizensierte Up- und Downloads und damit auch die Pirate Bay selbst vom Antlitz der Erde tilgen könnten. Sie solle einfach selbst eine Torrent-Seite einrichten, und mit Banner-Werbung etc. kräftig Geld verdienen. Aber ähnliches hatte die Firma Napster schon vor über zehn Jahren vorgeschlagen.
Einen sehr effektiven Weg zum Schutz vor "Diebstahl geistigen Eigentums" (also Informationen) beschritten dagegen Unbekannte, die den britischen Chefermittler gegen die illegalen Gefangenentransporte der CIA, Chief Constable Michael Todd, als inzwischen aufgefundene Leiche zurückliessen. Der plaudert nichts mehr aus, Patent- oder Filesharingklagen sind überflüssig.
Mitten drin im juristischen Abwehrkampf sind dagegen die erwähnten israelischen Bürger. Diese verklagen tatsächlich ihre eigene Regierung wegen des Fehlens von Strahlenkanonen. Die von der US-Rüstungsfirma Northrop Grumman entwickelte Laser-Installation THEL (Tactical High Energy Laser), auch bekannt als "Nautilus" oder "SkyGuard", sei nämlich in der Lage, einfliegende Palästinenser-Raketen abzuschiessen. Sagt Northrop Grumman. Andere sagen durchaus auch das Gegenteil.
Hierzulande wird es nicht nötig sein, die nationale Regierung zu verklagen, um sie wegen des Fehlens von Bürgernähe abzuschiessen. Wahrscheinlich – zumindest legt die Entwicklung der letzten Tage und Wochen diesen Verdacht nahe – löst sich die regierungsnahe SPD sowieso bald selber auf und formiert sich (vom rechtsnationalen Flügel der ehemaligen sozialistischen Partei um Wolfgang Clement abgesehen) unter dem Banner der Linkspartei neu, was dann auch Koalitionsmehrheiten links von Monsanto, RWE, der Deutschen Bank AG und der Allianz zulässt. Ausser, jemand patentiert rechtzeitig "Koalitionen unter Beteiligung von nicht elektronisch modifizierten Wählerstimmen", mit "anschliessbarem Playstation-Wahlcontroller" und "Laser-Show zur Darstellung von fiktiven Bedrohungen wie Terrorismus, Privatkopie oder Gewerkschaften". Das allerdings muss abgewartet werden.
Ich nehme an, wir lesen spätestens nächste Woche in den Online-Ausgaben der grossen Nachrichtenmagazine kostengünstig recherchierte Hintergrundberichte (vom Niveau dieses Videobeitrags) zu den oben angeführten Themen. Schlagzeilen wie "Schäuble fordert Anti-Islamisten-Strahlenkanonen für Bundeswehr" würden mich besonders interessieren.[fe]
März 13, 2008 in PC vs. Copyright, Scheinbare Sicherheit, Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack
10. März 08
Patente, gezielte Wettbewerbsbehinderung
Nachdem Musik 1.0 tot ist und Musik 2.0 noch in den Kinderschuhen steckt, ruht die Hoffnung der Medienkonzerne nur noch ganz leicht auf Hollywood 1.0 (Holly 2.0 ist nicht in Sicht) und vor allem auf Computer- und Videospielen, dem grossen Wachstumsmotor der Entertainmentwelt. Und prompt machen wir hier die selben Fehler wie vorher. Oder schlimmere.
Games verhalten sich wie andere Kulturgüter auch: sie zitieren Bekanntes und vermitteln dazu neue Erlebnisse. Ein Buch, Film, Theaterstück oder Spiel, das keinerlei irgendwie bekannten Elemente enthält, wird als experimentell abgestempelt und gilt bereits kurz nach Erscheinen als langweilig. Also ist das Zitat wesentlicher Teil der Kunst, und die Qualität der Verarbeitung von bekanntem entscheidet über Erfolg oder Verdammnis.
So auch in der neuen, interaktiven Unterhaltungsbranche, die allerdings so techniklastig ist wie keine ihrer alternden Schwestern. Mit allen damit verbundenen Nachteilen. Und ausnahmsweise soll heute einmal nicht die Rede von der Entfremdung älterer Generationen sein, die angesichts der ungewohnten Benutzeroberfläche (Bücher und Kinos sind viel einfacher zu bedienen) in Ängste verfallen und gerne Mythen von Bildschirmgewalt und Jugendwahnsinn nachplappern.
In der für einige Jahre relativ frei gedeihenden Spieleindustrie breitet sich mittlerweile ein Karzinom aus, das schon andere Industrien nachhaltig geschädigt hat. Und stärker noch als in den erwähnten Teilen der Informationsbranche produziert die Entfremdung der Patentprüfer vom Zauberreich der Virtualität seltsame und mitunter giftige Blüten. Die japanische Firma Sega besitzt ein US-Patent 6,200,138 auf Spiele, bei welchen ein Fahrzeug mittels eines sichtbaren Pfeils gelenkt wird. So wie in Crazy Taxi. Als Radical Games das Spiel Simpson's Road Rage (Vertrieb EA) veröffentlichte, verklagte Sega die beiden Firmen, und dazu den Lizenzgeber der Simpsons-Serie, Fox Entertainment. Man einigte sich aussergerichtlich zu nicht näher bekannten finanziellen Konditionen.
Die Spielefirma Namco hat ein US Patent Number 5,718,632 für Mini-Spiele, die den Nutzer unterhalten, während das eigentliche Game lädt. So wie in Ridge Racer auf der PlayStation 1. Was wir hier sehen, ist ein weiterer Missbrauch der Idee vom geistigen Eigentum (eine der schlimmsten geistigen Sackgassen der letzten Jahrhunderte). Letztendlich werden damit Spielprinzipien, oder ganze Genres patentiert.
Warum das erwähnenswerter ist als der Patentwahnsinn in anderen Bereichen, zum Beispiel im Softwaresektor? Weil Games, wie oben erwähnt, der Wachstumssektor schlechthin sind. Für Software und Hardware. Und weil in dieser neuen und von aussen besonders unverständlich wirkenden Unterhaltungsindustrie Patente dazu verwendet werden können, Prinzipien zu privatisieren. Das geht über alles hinaus, was wir aus Office, Internetclients oder anderen Click-and-Mortar Anwendungen kennen. Vor allem in Bezug auf die Gewinnerwartungen.
Das eigentliche Problem mit den Games ist also nicht, dass berufsgestrige Politiker ihre unterdrückten Gewaltfantasien auf unschuldige, bildschirmsport-treibende Jugendliche übertragen. Sondern dass die Novität dieser Unterhaltungsform ohne strenge Prüfung bei den Patentämtern zukünftige Goldgruben schafft, wie wir sie in der bisherigen Ära der industrialisierten Unterhaltung nicht erlebt haben. Oder gab es ein Patent auf "Musikgruppe mit zwei Elektrogitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang, mit auffälligen Frisuren"? Oder auf "Filmhandlung mit je einem Mörder, einem versoffenen Detektiv, einem unfähigen Bullen und einer unbekannten Schönen"? Nein? Dann wartet mal ein paar Jahre. Viel Spass noch. [fe]
März 10, 2008 in PC vs. Copyright, Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (6) | TrackBack
06. März 08
Music 2.0: So funktioniert es
Mittlerweile haben alle verstanden, dass die bisherigen Vertriebsmodelle von Kulturprodukten durch die technische Entwicklung obsolet geworden sind. Auch wenn noch nicht alle zu dieser Erkenntnis stehen. Jetzt suchen Topmanager nach Lösungen, um die Kulturverwertungsindustrie vor dem herangaloppierenden Tod zu bewahren. Glücklicherweise gibt es diese Lösungen.
Bei der Transition von physischen Kulturprodukten zur nachfragebedingt digitalen Distribution entstehen vielfältige Reibungsverluste. Da zum Beispiel, wo Geschäftsmodelle aus der physischen in die digitale Welt kopiert werden. Die digitale Kopie eines physischen Ton-, Film- Datenträgers zum selben Preis und zu schlechteren Nutzungsbedingungen anzubieten als das Original, führt zu: Gar nichts. Wie man vielfach sehen konnte. Statt dessen muss man, um im Geschäft zu bleiben, die Dinge so sehen, wie sie sind. Realismus ist gefragt. Hier sind zwei Geschäftsmodelle, die im digitalen Raum glänzend funktionieren. Auf die gesamte Kulturwirtschaft angewendet, bieten sie den Lösungsweg aus der aktuellen Misere.
Der US-Online-Musik-Vertrieb eMusic hat sich inzwischen nach dem Apple iTunes Music Store zum zweitgrössten Anbieter von kommerziellen Musikdownloads gemausert. Und das völlig ohne Unterstützung durch eine schwer reiche Computerfirma, ohne Pressedonner und vor allem ohne Distributionsverträge mit den vier grossen Konzernen in dieser Branche. eMusic verkauft ausschliesslich Indie-Produktionen. Das ändert sich vielleicht irgendwann in der Zukunft. Nächster Bruch mit den Scheinweisheiten der Industrie: eMusic verkauft Downloads zu Schleuderpreisen. 25 Cent für manche Songs. Und: Das Angebot umfasst nicht etwa nur die letzten zwei US-Single-Top-100, sondern 3,2 Millionen Titel. Wovon zwei Drittel, also 2,1 Millionen, nach Auskunft des eMusic-Chefs David Pakman (toller Nachname! Wär‘ mit "c" noch besser) mindestens einmal pro Quartal verkauft werden. Da müssen extrem obskure Heuler dabei sein, nicht wahr, David? Das Prinzip hier ist also: Du bietest es an, und sie kaufen es. Ist der "Kaufpreis" für die frei kopierbare Kopie (MP3 ohne DRM) niedrig genug, dann wird er von jedem Nutzer als akzeptable Servicegebühr für Katalogisierung, Qualitätssicherung und Bereitstellung des Downloads akzeptiert. Und sogar die obskuren Künstler bekommen noch etwas Geld.
Zweites Geschäftsmodell: Nine Inch Nails und ihr notorisch schlechtgelaunter Frontmann Trent Reznor haben ihren Vertrag mit dem Major Label abgedient und kräftig die Schnauze voll von Mitverdienern. Sie haben ein neues Album ("Ghosts") aufgenommen und gleich mal in die einschlägigen Tauschbörsen hochgeladen. Gratis, ohne DRM, viel Spass damit, liebe Fans. Zusätzlich können letztere CD, Vinyl und ganze Fanpakete von der Band-Webseite bestellen. Das maximale Fanpaket enthält handsigniertes, gerilltes und einen HD-Film, ist auf 2500 Stück limitiert und kostet stolze 300 US-Dollar. Das stolze Fanpaket war wenige Tage nach Veröffentlichung ausverkauft. 750.000 US-Dollar Umsatz mit kostenloser Musik. Das Prinzip in unserem zweiten Beispiel: Fans bezahlen gerne, wenn ein emotionaler Gegenwert erkennbar ist. Die nackte Musik dagegen, und daran müssen wir uns eben gewöhnen. Ist nichts wert. Keinen Cent.
Jetzt kombinieren wir die beiden erfolgreichen Geschäftsmodelle 2.0, und erhalten folgendes: Die Musik wird kostenlos als MP3 zur unlimitierten nicht-kommerziellen Nutzung freigegeben. Musik-Suchmaschinen können eine gewisse Gebühr für ihre Dienste verlangen, oder finanzieren sich über Anzeigen, und bezahlen einen Teil ihrer Einnahmen an die Künstler. Fan-Editionen (Handsigniertes Vinyl, durchgeschwitzte Band-T-Shirts, bierfleckige Fotos von den Konzerten, was ihr wollt) bilden ein kreatives und finanziell lukratives Merchandising, das zusammen mit einer niedrigen Pauschalabgabe auf Internetzugänge (analog zur Pauschalabgabe auf CD-Rohlinge) dafür sorgt, dass Künstler nicht hungern müssen. Jede Form von Privatkopie ist dann legal, auch und gerade P2P. Problem gelöst. Music 2.0 kann losgehen.
Das ganz hat nur einen winzigen Haken: es funktioniert ganz anders als das bisherige Geschäftsmodell. Aber das macht nichts. Wir wir alle wissen, ist Music 1.0 sowieso schon tot. [fe]
März 6, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (9) | TrackBack
02. März 08
Musik 1.0 ist tot
Die Musikfirmen (und ihre Lobbyvertreter) gehören zu den schlimmsten Störenfrieden im ansonsten eher friedlichen Internet. Mit Behauptungen wie "Kopieren ist Diebstahl" und den entsprechenden Spendensummen verunsichern sie Politiker und Richter. Nun fand sich die Branche in New York zum "Digital Music Forum East" zusammen, um gemeinsam nicht zu wissen, wie es weiter gehen soll. Aber die Zwischenergebnisse waren interessant.
Nachdem sich der Markt nicht von Klage-Kreuzzügen beeindrucken lässt und mittlerweile sogar die Musiker nach dem Verbleib der geschätzen 400 Millionen US-Dollar fragen, die durch P2P-Prozesse aus den Taschen der Fans gepresst wurden, müssen dringend positive Lösungen her.
Am besten lädt man dazu 500 Mitarbeiter und Spitzenmanager der Musikbranche nach New York, um das geballte Wissen nutzen zu können. Den Auftakt machte der frühere EMI-Chef Ted Cohen: "Musik 1.0 ist tot". Klingt griffig, aber wovon spricht der Mann da? Sind wirklich alle bereit, zu akzeptieren, was im Indie-Sektor schon lange klar ist? Dass die Ära des Tonträgers zu Ende geht?
Redner und Panelisten trugen auf dem Kongress Ideen vor, für die man noch vor wenigen Jahren von führenden Wirtschaftslenkern und Mainstreampressevertretern auf den Scheiterhaufen gewünscht wurde. Dazu gehörten:
Kaufmusik mit DRM ist tot. Eine Pauschalabgabe könnte der Ausweg sein. Anzeigenfinanzierte Internetradios sind keine Feinde, sondern Partner. Der Umsatz mit Indie-Musik wuchs um 30 Prozent.
Erschreckend! Was aber ist passiert? Warum greifen Medien-CEOs nicht spontan zur Waffe, wenn solche Thesen an die Kirchentür genagelt werden? Ganz einfach: weil die Umsätze nach den konventionellen Geschäftsmodellen stetig sinken. In absehbarer Zeit wäre das Geschäft also vorbei. Also müssen neue Lösungen her. Egal welche. Hauptsache Umsatz.
Aber warum hat man sich nicht schon früher um eine Anpassung an die technische Gegenwart gekümmert? Ganz einfach: weil es in der Geschichte der Musikindustrie noch nie nötig war, sich um irgendetwas zu kümmern. Das ist ja gerade der Vorteil eines Monopols, oder besser gesagt, Kartells: man hält die Kontrolle über Distribution und Marketing, und alle technischen Veränderungen führen zu immer noch grösseren Profitmargen.
Damit scheint es jetzt vorbei zu sein, das sehen auch eingefleischte Disco-Nostalgiker ein. Um die eigene Haut zu retten, paktiert man auch mit den Gegnern von gestern. Es würde mich nicht wundern, sässen auf dem nächsten "Digital Music Forum" auch Vertreter der Pirate Bay mit auf dem Podium. Warum auch nicht, haben die hemdsärmeligen Schweden doch gezeigt, wie man Bands aus dem Nichts an die Spitze des Erfolgs führt: indem man ihre Songs kostenlos verteilt, so dass die tatsächlichen, materiellen Produkte (Konzertkarten, T-Shirts, signierte CDs) noch mehr Geld bringen.
Ich bin also gespannt, wie die Dinge sich entwickeln werden. Die Situation ist nicht überschaubar, und zwar deswegen, weil die Global Player widersprüchliche Ziele verfolgen. Steigende Umsätze, Marktkontrolle und konsequente Abwesenheit von Fachkompetenz werden sich in der digitalen Realität nicht mehr vereinbaren lassen. Für irgendetwas müssen sich die aus dem Paradies Vertriebenen entscheiden müssen. Egal, wofür. Nur wird es nie wieder so sein wie damals. Musik 1.0 ist schon länger tot. Seht‘s endlich ein. [fe]
März 2, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack

