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10. März 08
Patente, gezielte Wettbewerbsbehinderung
Nachdem Musik 1.0 tot ist und Musik 2.0 noch in den Kinderschuhen steckt, ruht die Hoffnung der Medienkonzerne nur noch ganz leicht auf Hollywood 1.0 (Holly 2.0 ist nicht in Sicht) und vor allem auf Computer- und Videospielen, dem grossen Wachstumsmotor der Entertainmentwelt. Und prompt machen wir hier die selben Fehler wie vorher. Oder schlimmere.
Games verhalten sich wie andere Kulturgüter auch: sie zitieren Bekanntes und vermitteln dazu neue Erlebnisse. Ein Buch, Film, Theaterstück oder Spiel, das keinerlei irgendwie bekannten Elemente enthält, wird als experimentell abgestempelt und gilt bereits kurz nach Erscheinen als langweilig. Also ist das Zitat wesentlicher Teil der Kunst, und die Qualität der Verarbeitung von bekanntem entscheidet über Erfolg oder Verdammnis.
So auch in der neuen, interaktiven Unterhaltungsbranche, die allerdings so techniklastig ist wie keine ihrer alternden Schwestern. Mit allen damit verbundenen Nachteilen. Und ausnahmsweise soll heute einmal nicht die Rede von der Entfremdung älterer Generationen sein, die angesichts der ungewohnten Benutzeroberfläche (Bücher und Kinos sind viel einfacher zu bedienen) in Ängste verfallen und gerne Mythen von Bildschirmgewalt und Jugendwahnsinn nachplappern.
In der für einige Jahre relativ frei gedeihenden Spieleindustrie breitet sich mittlerweile ein Karzinom aus, das schon andere Industrien nachhaltig geschädigt hat. Und stärker noch als in den erwähnten Teilen der Informationsbranche produziert die Entfremdung der Patentprüfer vom Zauberreich der Virtualität seltsame und mitunter giftige Blüten. Die japanische Firma Sega besitzt ein US-Patent 6,200,138 auf Spiele, bei welchen ein Fahrzeug mittels eines sichtbaren Pfeils gelenkt wird. So wie in Crazy Taxi. Als Radical Games das Spiel Simpson's Road Rage (Vertrieb EA) veröffentlichte, verklagte Sega die beiden Firmen, und dazu den Lizenzgeber der Simpsons-Serie, Fox Entertainment. Man einigte sich aussergerichtlich zu nicht näher bekannten finanziellen Konditionen.
Die Spielefirma Namco hat ein US Patent Number 5,718,632 für Mini-Spiele, die den Nutzer unterhalten, während das eigentliche Game lädt. So wie in Ridge Racer auf der PlayStation 1. Was wir hier sehen, ist ein weiterer Missbrauch der Idee vom geistigen Eigentum (eine der schlimmsten geistigen Sackgassen der letzten Jahrhunderte). Letztendlich werden damit Spielprinzipien, oder ganze Genres patentiert.
Warum das erwähnenswerter ist als der Patentwahnsinn in anderen Bereichen, zum Beispiel im Softwaresektor? Weil Games, wie oben erwähnt, der Wachstumssektor schlechthin sind. Für Software und Hardware. Und weil in dieser neuen und von aussen besonders unverständlich wirkenden Unterhaltungsindustrie Patente dazu verwendet werden können, Prinzipien zu privatisieren. Das geht über alles hinaus, was wir aus Office, Internetclients oder anderen Click-and-Mortar Anwendungen kennen. Vor allem in Bezug auf die Gewinnerwartungen.
Das eigentliche Problem mit den Games ist also nicht, dass berufsgestrige Politiker ihre unterdrückten Gewaltfantasien auf unschuldige, bildschirmsport-treibende Jugendliche übertragen. Sondern dass die Novität dieser Unterhaltungsform ohne strenge Prüfung bei den Patentämtern zukünftige Goldgruben schafft, wie wir sie in der bisherigen Ära der industrialisierten Unterhaltung nicht erlebt haben. Oder gab es ein Patent auf "Musikgruppe mit zwei Elektrogitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang, mit auffälligen Frisuren"? Oder auf "Filmhandlung mit je einem Mörder, einem versoffenen Detektiv, einem unfähigen Bullen und einer unbekannten Schönen"? Nein? Dann wartet mal ein paar Jahre. Viel Spass noch. [fe]
März 10, 2008 in PC vs. Copyright, Weichware & Nichtwelt | Permalink
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Kommentare
Ein Patent auf "Musikgruppe mit zwei Elektrogitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang, mit auffälligen Frisuren" ist großartig! Wie wär's noch mit einem Patent auf "ein Ballspiel in dem 2 mal 11 Leute dem Ball hinterherrennen und in einen bestimmten Zeilbereich treten müssen"?
Kommentiert von: Musikdieb | 11.03.2008 13:47:55
Schon komisch, das solche Patente ausgestellt werden. Der Mensch ist halt zu gierig ;) Wie die Geier! Tze, und sowas nennt sich Krone der Schöpfung.
Kommentiert von: crosbow | 11.03.2008 14:27:25
ich muss unbedingt das patent einreichen über das sportereignis bei dem sich mindestens 2 teilnehmer bewegen. damit hab ich dann schonmal einiges abgedeckt.
Kommentiert von: veto | 12.03.2008 19:37:37
Es fehlt hier noch das Patent auf Internetseiten wo jemand etwas berichtet und dieses von anderen kommentiert werden darf. Die Abmahnwelle würde wohl einem Tsunami in nichts nachstehen.
Kommentiert von: DerPessimist | 13.03.2008 10:31:35
ou,.. das ist ein gutes patent, einen haufen asche würde das bringen das steht ausser frage...
aber auf lange sicht würde ich mit den übertragungsrechten und merchandise lizenzen die in direkten zusammenhang mit meinen sportpatent stehen mehr geld machen. hoffe ich :D
Kommentiert von: veto | 13.03.2008 18:12:31
ich lass mir luft und wasser und das prinzip des zusammenhalts der materie allgemein patentieren... dann muss die ganze welt furchtbar blechen harhar ;)
Kommentiert von: radi | 14.03.2008 15:22:17

