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« Mai 2008 | Start | Juli 2008 »

30. Juni 08

Online-Hausfrauenstrich jetzt legal

Tor! Tooor! Verdienter Sieg in der Fussball-Europameisterschaft für das Team aus Spanien! Ich muss zugeben, ich bin sehr froh darüber, dass Deutschland nicht gewonnen hat. Das hätte sonst einen künstlichen nationalen Siegesrausch erzeugt und von den wirklichen Problemen unseres Landes, und den völlig abwesenden Lösungsansätzen abgelenkt. So wie das mit dem Ebay für junge Hartz-4-Empfängerinnen-Körper.

080630m1Als ich gestern Abend ungefähr zum Anpfiff des Finalspiels vom Baggersee in Richtung Abendessen radelte (auf dem mattschwarzen Townie, richtig), passierte ich das weit geöffnete Feuerwehrhaus einer Stadtrandgemeinde. Mit zahlreichen Bürgern davor, die aus vollem Hals die deutsche Nationalhymne mitsangen. Da krieg ich natürlich spontan schlechte Laune. Ich bin ja selber gerne Deutscher, und auch stolz auf mein Land (schliesslich ist man kollektiv, wenn auch mürrisch, aus der braunen Scheisse rausgekrabbelt und hat eines der freiesten Länder dieses Planeten aufgezogen), aber strammstehend das Deutschlandlied in sein weit geöffnetes Feuerwehrhaus zu schmettern, das geht zu weit.

080630m2So weit, dass ich angesichts der spitzen Entsetzensschreie der Fussballnation, zu hören durch die allseits sommerlich weit geöffneten Fenster in einer plötzlichen Eingebung beschloss, eine Kerze für die Jungfrau Maria (a.k.a. Mutter unseres Erlösers) zu stiften, wenn sie uns armen Sündern (a.k.a den Deutschen) beisteht und die Spanier gewinnen lässt. Prompt hats funktioniert (wie ich nachträglich erfuhr, gesehen hab ich kein einziges Spiel), und ich muss jetzt rauskriegen, wie man das eigentlich macht. Da ich ja auch kein Christ bin und mit den Gebräuchen dieser pittoresken alten Religion relativ unvertraut. Ich werd also mal die Wikipedia konsultieren, da steht ja sonst auch alles wissenswerte.

080630m3Einige Tage zuvor hatte mich eine Pressemeldung erreicht, die in beschwingten Worten davon kündete, bestimmte Online-Auktionen seien nun laut Gerichtsurteil (vom 11.01.2008) legal. In welchen (fast ausschliesslich) weibliche Globalisierungsopfer (a.k.a. Hartz 4) Sex mit (vorwiegend männlichen) unbekannten Globalisierungsgewinnern (a.k.a. Arbeitsplatzbesitzern) anbieten. Gerade vom Fussball, und sonst auch von der Welt Enttäuschte können sich hier für mehr oder minder kleines Geld eine Mieze ersteigern, die dann für ne Stunde oder auch eine ganze Nacht alles (nach Absprache) mit sich machen lässt. Nun bin ich natürlich zunächst erfreut über die von der blinden Justizia und ihren zuweilen berufsblinden Dienern festgeschriebene Liberalität. Schliesslich ist dies ein freies Land, und jede/r soll mit ihrem/seinem Körper machen dürfen, was sie/er will. Auch begrüsse ich die Vereinfachung von gewerblicher Tätigkeit in diesem Bereich, und die Nutzung der bekannten Vorteile des Web 2.0 auch in der Dienstleistungsbranche Prostitution.

080630m4Andererseits macht mich ein Zitat wie dieses nachdenklich. Marion, 34 Hausfrau aus Bamberg: „ Ich beziehe Hartz 4 und mir bleiben im Monat nur 180€ zum Leben. Das ist einfach zu wenig. Einmal bis zweimal in der Woche versteigere ich mich für jeweils 2 Stunden bei (Webadresse ist der Redaktion bekannt). Das bringt mir im Durchschnitt 200€ und ich kann mir die Männer aussuchen. Ohne die Auktionen wüsste ich nicht weiter und ich habe auch noch Spaß dabei“.

080630m5Im Ernst? Sind wir schon so weit, dass Hausfrauen, alleinerziehende Mütter, Studentinnen ohne anderen lukrativen Nebenjob zum Mittel der Online-Prostitution greifen müssen, um die eigene Existenz zu sichern? Ist das der Wirtschaftsaufschwung in Tateinheit mit Wachstum des Arbeitsplatzangebots, von dem alle reden? Oder doch eher einer der vielen Gründe für den real existierenden Linksrutsch unserer Republik in Zeiten einer künstlich geschaffenen ökonomischen Unterschicht (a.k.a. Prekariat)? Danke also an dieser Stelle an die Erfinder des Internet (Vince und die andern Jungs und Mädels), ich mach mich dann schon mal auf den Weg. Zum Dom Unserer Lieben Frau, wobei mir relativ schnuppe ist, wie die jeweilige Muttergottheitsdarstellerin (a.k.a. mythische Überhöhung von Mutter, Gattin und Prostituierter, hier im Süden der Republik schon in keltischer Zeit als Cisa verehrt) gerade heisst. Meinetwegen Maria. Danke also auch an Maria, vor dem Spiel ist nach dem Spiel und die hier abgebildeten Marienerscheinungen stammen von der beschriebenen Auktionsplattform Romeomust. [fe]

Juni 30, 2008 in WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (16) | TrackBack

19. Juni 08

Achtung! Meta-Virtualität!

Es gibt, in diesem unserem Lande und mitten unter uns, immer noch zahlreiche Mitbürgerinnen und Mitbürger, welchen das Konzept des Internet... nicht eigentlich verständlich geworden ist. Grösser noch die Zahl derer, die bei der Konfrontation mit Virtuellen Welten und MMOs eine schmerzliche Leere dort empfinden, wo eben zuvor noch ursprünglichste Gedanken (Fressen, Sex, Töten, etc.) gediehen. Vorsicht: Trevor Powell geht noch einen Schritt weiter, und mit ihm das anerkannte Fachmagazin für die Realität hinter der Realität, der Bootsektor.

Die Situation wird schnell klar: du bist neuer Chef von ShadiSoft und musst die von Pleite bedrohte Company auf sichere Füsse stellen. Ein Blick auf die Karte: Kein Wunder, wenn das Geld nicht tsunamigleich in die Firmenkasse strömt, ist doch das erste Dorf mit den allseits beliebten NPC-Quests mehrere Zonen weit vom Startpunkt entfernt. Und die Respawn-Zone fehlt völlig, daher fliegen die unglücklichen Opfer kleiner, dummer Mobs der Starter-Zone erstmal vom Server und müssen sich neu einloggen. Also fix Siedlungen gründen, Respawn-Plätze definieren, mit Strassen und damit Reise-Linien geringerer Aggro verbinden. Und immer den Forumsbuzz beachten und die altbekannte Weisheit, dass ein Game nicht gut sein, sondern nur süchtig machen muss. Egal, wie sehr die Zocker whin0rn, ihre Char-Klasse sei benachteiligt, und alle anderen echt imba.

080620mm1_2Trevor Powell hat "MMORPG Tycoon" geschaffen, ein kostenloses WiSim-Game in hübscher Vektorgrafik, und damit einen grossen Schritt in die Virtualität hinter der Virtualität. Er macht also ein Spiel aus der Erschaffung künstlicher Spielwelten. Sehr gut, und sehr zeitgeistgemäss.

080620mm2Christa Møllgaard-Hanse betreibt die Boutique Christabella's im Örtchen Maribo auf der südlichen dänischen Insel Lolland und verkauft dort Damen-Kleidung und -Schuhe aus aller Welt. Sie orderte in diesem Sinn sechs Kleider aus Pakistan und bezahlte 132 Euro via Banktransfer. Die aber nie ankamen. Weil die US Regierung die Weiterleitung verhinderte. Der Empfänger könnte eine terroristische Organisation unterstützen, so die Begründung. Presseberichten zufolge wurde in ähnlichen Fällen verschwundenes Geld nach drei Jahren wieder zurückerstattet. Achtung! Meta-Warnung: Trevor Powell hat mit dieser Sache nichts zu tun. Das hier geschilderte Drama stammt nicht etwa aus "Terrorfighter Tycoon", sondern aus den Abendnachrichten.

080620mm3Auch nicht mit dem neuen GTA IV Skandal. Leute mit zuviel freier Zeit fanden nämlich heraus, das im (virtuellen) Internet der (virtuellen) Stadt Liberty City eine vom (virtuellen) Liberty City Police Department (LCPD) gesperrte Webseite existiert: "littlelacysurprisepageant.com". Ein (verbotener) Klick auf die Page bringt zwar nicht den angedeuteten Zugang zu (virtueller) Kinderpornografie, dafür aber den Status eines Staatsfeindes Nummer Eins ("Fünf Sterne"). Abscheulich, nicht wahr, womit unschuldige Jugendliche heute konfrontiert werden? Nur: was genau soll man jetzt verbieten? Und welche Marktchance hätte eigentlich der "Smutfighter Tycoon"?

Der bereits von der (realen) Realität überholt wurde, in einem irgendwie spektakulären Möbius-Looping. "Sporn" heisst das neue Hobby freizügig denkender Gamer, die mit Hilfe der Game-Engine des kommenden Evolutionsspiels "Spore" nicht etwa allesfressende Amöben und dusslige Dinos erschaffen, sondern unterhaltsame Pixelpornos mit frei wählbaren Organkombinationen, und diese auf YouTube hochladen ("on the internet nobody knows you're a dog"). Porno-Tycoon-Games gab's ja schon ein paar, aber die Social-Networking-Komponente mit YouTube-Upload ist neu.

Auch neu, zumindest in diesem Ausmass, ist der für unsereinen viel greifbarere Skandal um das britische RPG "Limbo of the Lost". Entsetzte Gamer mussten feststellen, dass praktisch die gesamte Grafik des Spiels detailgenau aus Klassikern wie Oblivion, Morrowind, UT 2003 & 2004, Diablo II, Thief, Silent Hill 4, Painkiller, WoW und anderen kopiert wurde. Mit Vasen auf dem Tisch und allem weiteren 3D-Firlefanz. Hier wäre der Pirates-Of-The-Virtual-Seas-Tycoon gefragt.

Oder doch gleich der Semiotik-Tycoon, mit der Aufgabe, möglichst nur für ausgewählte Bevölkerungsgruppen verstehbare Bootsektor-Artikel zu verfassen? Stop, ich hab doch INT schon ausgelevelt, und DEX auch fast, aber bei CON und STR kann ich noch was nachlegen, da wäre eine Runde EXP nicht schlecht, also werd ich den Townie satteln und den Solarquest am nahen Bagger-Sea einschieben. Mit oder ohne PvP-Action, das seh ich ja dann.. [fe]

Juni 19, 2008 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (4) | TrackBack

15. Juni 08

Terror wieder mal ohne Chance

Und da wundert sich noch einer, dass so wenige Terrorakte passieren? Tatsächlich zeigen unsere Ordnungsbehörden einen Überfleiss, wie wir ihn in Jahren nicht erlebten. Mag sein, dass die ungeheuren Möglichkeiten der Datenverarbeitung hier stimulierend wirken, aber aktuelle Beispiele zeigen, dass echter, physisch erlebbarer Terror mittlerweile in die mythische, virtuelle Sphäre ausserhalb unserer gemeinsam erfahrbaren Alltagsrealität verdrängt wird.

Das grundsätzliche Problem: trotz modernster Methoden der Aufklärung hat Kriminalität eindeutig ihren Charakter einer Wachstumsbranche verloren, man muss hier von einer ernsten Rezession ausgehen. Nicht anders die schlagzeilenträchtige High-Tech-Abteilung dieses Industriesektors, der Terrorismus. Hier lassen sich ungeachtet engagierter Polizei- und Geheimdienstarbeit und unter dem strengen Auge der Mainstreampresse kaum Erfolge bei der Bekämpfung vorweisen – es gibt einfach zu wenige Terroristen. Und selbst diese wenigen scheinen derzeit und womöglich jahreszeitlich bedingt andere Interessen zu verfolgen (aber dazu später).

Fcuk_transformerDaher werfen sich die Anti-Terror-Divisionen der westlichen Industrienationen um so ungehemmter auf alles, was zumindest mit etwas gutem Willen wie Gewalt und so aussieht. Das erlebte Brad Jayakody aus dem Londoner Stadtteil Bayswater neulich buchstäblich am eigenen Leib. An seiner Absicht nämlich, vom britischen Grossflughafen Heathrow aus einen Flug nach Düsseldorf anzutreten, wurde er von den hervorragend ausgebildeten und top-motivierten Airport-Security-Spezialisten rigoros abgehalten. Der Grund? Er trug ein T-Shirt. Das wäre nun eigentlich kein Problem, im Gegenteil, bekleidetes Fliegen wird im Allgemeinen als Zeichen guter Manieren eingestuft. Kritisch dagegen war die Abbildung auf dem Leibchen: nicht etwa Osama Bin Laden in Siegerpose beim Beschmutzen der US-amerikanischen Flagge, sondern der Ober-Transformer-Bot Optimus Prime zierte die Brustpartie von Brads grauem Kurzarmhemd. Mit, ja mit gezogener Transformers-Robot-Gun. Eine Waffe! Eine Waffe! Klar, dass das Sicherheitspersonal einschreiten musste. Der Flughafenbetreiber ermittelt nun, ob das wirklich nötig war.

In anderen Fällen reagieren die britischen Sicherheitskräfte weit weniger empfindlich, wie das nachstehende Foto zeigt.Orderoftheempire

Damit hier nie, nie wieder Zweifel aufkommen, an etwaigen terroristischen Absichten von Fluggästen, werden im Rahmen des Security of Aircraft in the Future European Environment (SAFEE) Projekts der EU in die Rückseiten sämtlicher Flugzeugsitze Kameras eingebaut. Um die Gesichter der Fluggäste zu scannen. Und etwaige Terrorvorhaben abzulesen. Wie das funktionieren soll, dürfen die Projektmitarbeiter nicht weitergeben. Ist geheim, Sie verstehen?

Videoaufzeichnungen aller Art scheinen mittlerweile den Status natürlichen polizeilichen Eigentums errungen zu haben. Jedenfalls nahm die New Yorker Polizei im Rahmen einer Hausdurchsuchung ein selbstgedrehtes Videotape einer minderjährigen Bürgerin mit, welches die junge Dame bei oralem und vaginalem Geschlechtsverkehr mit ihrem Freund zeigte. Der Heimfilm wurde anschliessend auf der betreffenden Polizeiwache zum beliebtesten und meist nachgefragten Movie, lief während der Vernehmung der Dame sowie ihres Boyfriends, bei Gelächter und anzüglichen Bemerkungen der Beamten. Ich dachte, sowas käme nur in Filmen wie "Brazil" vor, aber die Massenvernichtung unserer Privatsphäre durch terror- und verbrechensdeprivierte Sicherheitskräfte macht es anscheinend möglich. Die Dame klagt übrigens gegen die ihr widerfahrene Behandlung vor dem örtlichen Bezirksgericht.

Ohne Videobeweis dagegen bleibt der Grund dafür, dass die letzten zwei Wochen ohne Bootsektorbeiträge blieben. Zur Erklärung: Nachdem beim uralten Univega Islander Cruiser des sehr bescheidenen Verfassers dieser Zeilen der Rahmen durchgebrochen war (nein, ich bin nicht zu dick!), führte der Erwerb eines Elektra Townie 21 zu massiv erhöhtem Fahrspass mit nachfolgend einbrechender Blog-Posting-Frequenz.

Aber passt auf mit euren T-Shirts, ja? [fe]

Juni 15, 2008 in Scheinbare Sicherheit | Permalink | Kommentare (9) | TrackBack