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« September 2008 | Start

21. Oktober 08

Bootsektor sagt Tschüss

So. Das ist der letzte Post auf dem Bootsektorblog. Ich hab mich entschlossen, hier nicht weiterzumachen, mir fehlt auf Dauer die Perspektive. Meine Leser lass ich aber nicht im Stich, ich schreibe und poste weiter, und zwar hier im 11k2.

Kommentare sind jetzt übrigens aus. [Fritz]

Oktober 21, 2008 | Permalink

11. Oktober 08

Acht Videospielklischees

Henry Jenkins, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat sich die Mühe gemacht, acht Klischees zum Thema Video- und Computerspiele vorurteilslos zu untersuchen. Er stellt fest, dass zwischen der öffentlichen Meinung, und dem Stand der wissenschaftlichen Forschung ein bedeutender Unterschied besteht.

1. Videospiele habe zu einer Epidemie der Jugendgewalt geführt.
Jenkins: Das Gegenteil ist der Fall, sie geht seit 30 Jahren kontinuierlich zurück.

2. Wissenschaftliche Forschung beweist eine Verbindung von Videospielen und Jugendaggression.
Jenkins: Wenn diese Studien überhaupt methologisch sauber sind, zeigen sie, dass agressive Menschen aggressive Medien bevorzugen.

3. Computer- und Videospiele werden für Kinder gemacht.
Jenkins: Auch wenn mittlerweile so gut wie alle Kinder gerne videospielen, hat sich der Markt auf junge Erwachsene verlagert.

4. Mädchen spielen nicht am Computer (oder der Videokonsole).
Jenkins: Das war früher so. Heute gibt es eigene Genres für Mädchen, und starke weibliche Identifikationsfiguren in Spielen.

5. Weil Computerspiele zum Training von Soldaten genutzt werden, haben sie dieselbe Wirkung auf Jugendliche.
Jenkins: Dies wird ausschliesslich vom Ex-Militärausbilder und Moralreformer David Grossman behauptet. Alle Forschung zum Thema zeigt: Computerspiele lehren vor allem eines, nämlich Problemlösung.

6. Video- (und Computer-) Spiele sind keine ernsthafte Ausdrucksform.
Jenkins: Dies geht zurück auf eine Urteilsbegründung von 2002, wo ältere, eingleisige Actionspiele zur Begründung herangezogen wurden. Tatsächlich fordert die Mehrzahl heutiger Spiele zu ethischer und moralischer Auseinandersetzung auf.

7. Computer- (und Video-) Spiele führen zu sozialer Isolation.
Jenkins: Die meisten Spiele sind sozial. 60 Prozent aller Gamer spielen regelmässig mit Freunden, ein Drittel mit Verwandten, ein Viertel mit Eltern oder Partnern. Selbst Solo-Spiele sind Gegenstand von Hilfestellungen und Diskussionen. Das am stärksten wachsende Segment sind die Multiplayer (MMO)-Spiele.

8. Video- (und Computer-) Spiele stumpfen den Benutzer ab.
Jenkins: Schon bei Affen wurde eine Unterscheidung zwischen spielerischem und echtem Kampf festgestellt. Das selbe gilt für Menschen jeden Alters. Die Grundannahme mancher Studien der Verhaltensforschung, spielerische Aggression wäre mit realer gleichzusetzen, ist bestenfalls problematisch, wenn nicht durchwegs falsch.

Eine ausführlichere Version in englischer Sprache findet sich hier, dazu eine Liste mit weiterführenden Literaturangaben. Diesen Text hatte ich urspünglich fürs 11k2 verfasst (das übrigens jetzt schon einen Googlerank von 5 hat, obwohl es eigentlich mal ein Spassprojekt war), er passt aber besser hierher, finde ich [fritz]

Oktober 11, 2008 in Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack

08. Oktober 08

Piraterie kostet 750.000 Arbeitsplätze und 250 Milliarden US-Dollar

Und das allein in den USA. Kein Wunder, dass die Industrie sich verzweifelt wehrt. Aber halt! Nicht so schnell! Was sind das für Zahlen, wo kommen sie her und wie wurden sie ermittelt? Glücklicherweise nahmen sich die Kollegen von Ars Technica, unterstützt von den Kollegen von der Wired, die Zeit, um alles nachzuprüfen. Einschliesslich von Regierungsarchiven, nach dem Informationsfreiheitsgesetz auf Antrag geöffnet.

In einem Satz: Es sind alles Lügen. Die Zahlen sind Schätzungen, wurden aus dem Zusammenhang gerissen, weiter und weiter kopiert, und dienen heute als Grundlage für Reale Politik. Und bevor sich einer meiner geschätzten Leser jetzt zurücklehnt und mit wohligem Gruseln seufzt: "Ach, diese Amis...", möchte ich in Erinnerung rufen, dass Politiker und Industrielle der führenden westlichen Länder hinter verschlossenen Türen am ACTA-Abkommen feilen, das die Kontrolle über Kulturgüter in einem nie gekannten Mass an die bekannten Konzerne übergibt. Plus der Daten aller Bürger, als potentielle IP-Kriminelle.

Zurück zu den Zahlen. Wie Ars Technica nachprüfte, ist die Behauptung, Piraterie, also eigentlich kommerzielle Produktfälschung, würde den Verlust einer Dreiviertelmmillion US-Arbeitsplätzen nach sich ziehen, nie wirklich sachlich untermauert worden. Was vom U.S. Department of Commerce, der Customs and Border Patrol, dem U.S. Chamber of Commerce und anderen Behörden in Hochglanz und Fettdruck verbreitet wird, stammt ursprünglich aus dem Christian Science Monitor von 1986, wo der damalige US-Handelsminister Malcom Baldridge erklärte, er schätze den Verlust von Arbeitsplätzen in den USA durch Produktfälschungen auf "irgendwas zwischen 130.000 und 750.000". Aha.

Ja, aber: 250 Milliarden US-Dollar, das ist doch eine Stange Geld? Wer hat das ermittelt, und wie? Ars Technica prüfte auch hier solange, bis die erste Erwähnung dieser Zahl feststand: In der Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes vom 25. Oktober 1993 stand, wenn auch ohne Angabe von Quellen, dass die weltweite Produktfälschung einen Umfang von 200 Milliarden US-Dollar hätte. Weltweit. Plus Inflationsrate: 250 Milliarden. Letztere Zahl übersteigt übrigens den gesamten Jahresumsatz aller US-Musik-, Film-, und Spiele- und Softwarefirmen. Nur mal so zum Vergleich.

Ok. Und auf der Basis dieser nie nachgeprüften Zahlen werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit Gesetze gemacht. Wem nützen diese? Und was denkt die Öffentlichkeit darüber? Was ich denke, wisst ihr, und was ihr denkt, weiss ich auch. Ach, und bald sind wieder Wahlen. Bei den letzten, im deutschen Texas, war schon zu sehen, dass konsequentes Lügen nicht garantiert zum Erfolg führt. Na dann. [fritz]

Oktober 8, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack

05. Oktober 08

Microsoft vs. OpenSource

Zwei aktuelle Posts auf dem Linux-Zentralorgan Slashdot zeigen unser aller "Lieblingsfirma" Microsoft in einem sehr schlechten Licht: Versucht das "Borg-Imperium" gerade wieder einmal, mit fiesen Tricks die OpenSource-Bewegung zu unterwandern, und, was schlimmer ist, das Entscheidungskomitee für das OpenDocument Format mit eigenen Leuten zu besetzen, um so die einzige ernst zu nehmende Bedrohung für die eigene Office-Vorherrschaft zu beseitigen?

Hey. Das ist der erste Post im Bootsektor nach dessen Ent-Kommerzialisierung. So langsam gewinne ich eine Vorstellung dafür, wie ich meine Fischzüge durch die Interwebitubes auf Bootsektor und 11k2 verteile. Die "harten" IT-Themen werde ich, mehr oder weniger neu formatiert, weiter hier posten. 11k2 ist für mich einfach ein Riesenspass, und ich hoffe, für euch auch.

Weniger spassig ist die Slashdot-Headline "Microsoft Bids To Take Over Open Document Format" und der nachfolgene Text. Hier geht es darum, dass (so warnt uns Groklaw) Microsoft das entscheidende SC34 Komitee, verantwortlich für den OpenDocument-Standard, mit seinen eigenen Angestellten besetzen will. Bisher unveröffentlichte Teilnehmerliste zeigen, dass 10 von 19 Komiteemitgliedern unter der Kontrolle Redmonds stehen. Gelingt der (teuflische Welteroberungs-) Plan, dann sind die selben Leute von ODF und den Möchtegern-Standard OOXML zuständig. Das klingt nicht gut für mich.

Dazu passt eine andere OpenSource-feindliche Aktion der Borg. Wie ursprünglich der britische The Register herausgefunden hat, listet Microsoft auf der Website seines "OpenSource"-Projekts auch proprietäre Windows-Software, veröffentlicht unter der Linux-feindlichen Microsoft Limited Permissive License (Ms-LPL): "Microsoft Treating "Windows-Only" As Open Source". Man gibt sich also alle Mühe, die Grenzen zu verwischen. Explore, Expand, Exploit, Exterminate, nur ist das hier kein Spiel, sondern knallharte Wirtschaftspolitik, die den Quasi-Monopolstatus von Microsoft sicherstellen soll. Um langfristige finanzielle Schäden für Firmen und Konsumenten zu verhüten, müssen Wettbewerbsbehörden in Brüssel und Washington eingreifen. [Fritz]

Oktober 5, 2008 in Betriebssystem-Wahnsinn | Permalink | Kommentare (6) | TrackBack