08. Oktober 08
Piraterie kostet 750.000 Arbeitsplätze und 250 Milliarden US-Dollar
Und das allein in den USA. Kein Wunder, dass die Industrie sich verzweifelt wehrt. Aber halt! Nicht so schnell! Was sind das für Zahlen, wo kommen sie her und wie wurden sie ermittelt? Glücklicherweise nahmen sich die Kollegen von Ars Technica, unterstützt von den Kollegen von der Wired, die Zeit, um alles nachzuprüfen. Einschliesslich von Regierungsarchiven, nach dem Informationsfreiheitsgesetz auf Antrag geöffnet.
In einem Satz: Es sind alles Lügen. Die Zahlen sind Schätzungen, wurden aus dem Zusammenhang gerissen, weiter und weiter kopiert, und dienen heute als Grundlage für Reale Politik. Und bevor sich einer meiner geschätzten Leser jetzt zurücklehnt und mit wohligem Gruseln seufzt: "Ach, diese Amis...", möchte ich in Erinnerung rufen, dass Politiker und Industrielle der führenden westlichen Länder hinter verschlossenen Türen am ACTA-Abkommen feilen, das die Kontrolle über Kulturgüter in einem nie gekannten Mass an die bekannten Konzerne übergibt. Plus der Daten aller Bürger, als potentielle IP-Kriminelle.
Zurück zu den Zahlen. Wie Ars Technica nachprüfte, ist die Behauptung, Piraterie, also eigentlich kommerzielle Produktfälschung, würde den Verlust einer Dreiviertelmmillion US-Arbeitsplätzen nach sich ziehen, nie wirklich sachlich untermauert worden. Was vom U.S. Department of Commerce, der Customs and Border Patrol, dem U.S. Chamber of Commerce und anderen Behörden in Hochglanz und Fettdruck verbreitet wird, stammt ursprünglich aus dem Christian Science Monitor von 1986, wo der damalige US-Handelsminister Malcom Baldridge erklärte, er schätze den Verlust von Arbeitsplätzen in den USA durch Produktfälschungen auf "irgendwas zwischen 130.000 und 750.000". Aha.
Ja, aber: 250 Milliarden US-Dollar, das ist doch eine Stange Geld? Wer hat das ermittelt, und wie? Ars Technica prüfte auch hier solange, bis die erste Erwähnung dieser Zahl feststand: In der Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes vom 25. Oktober 1993 stand, wenn auch ohne Angabe von Quellen, dass die weltweite Produktfälschung einen Umfang von 200 Milliarden US-Dollar hätte. Weltweit. Plus Inflationsrate: 250 Milliarden. Letztere Zahl übersteigt übrigens den gesamten Jahresumsatz aller US-Musik-, Film-, und Spiele- und Softwarefirmen. Nur mal so zum Vergleich.
Ok. Und auf der Basis dieser nie nachgeprüften Zahlen werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit Gesetze gemacht. Wem nützen diese? Und was denkt die Öffentlichkeit darüber? Was ich denke, wisst ihr, und was ihr denkt, weiss ich auch. Ach, und bald sind wieder Wahlen. Bei den letzten, im deutschen Texas, war schon zu sehen, dass konsequentes Lügen nicht garantiert zum Erfolg führt. Na dann. [fritz]
Oktober 8, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (7) | TrackBack
23. September 08
Bootsektor 2.0
Wie, 2.0? Naja, jede grössere Veränderung wird im Newspeak ja mit Versionsnummern ausgedrückt. Im vorliegenden Fall bedeutet sie, dass der Bootsektor seinen Charakter grundlegend verändert. Er ist ab nächsten Monat nicht mehr...
..."IT-Nachrichten, neu formatiert" und die "Kommentarfunktion von PCpro/Testticker", sondern mein privates Blog. Also genauso wie 11k2, aber mit leicht anderen Themen, die ich aber erst noch definieren will. Den Bootsektor wird es also weiter geben, nur der NME-Verlag zieht sich daraus zurück. Für den schreibe ich aber weiter, bei TheInquirer und Gizmodo. Dann mal weiter viel Spass. [Fritz]
September 23, 2008 in Betriebssystem-Wahnsinn, Hart & Halbleitend, PC vs. Copyright, Weichware & Nichtwelt, WeltWeitesWirrWarr | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack
30. Juli 08
Ipod-Besitzer ins Gefängnis
Zollbeamte durchsuchen beim Grenzübertritt Notebooks und MP3-Player auf raubkopierte Musik und verhaften eventuelle Piraten, mit nachfolgendem Gefängnisaufenthalt. In Deutschland? Nein, in Australien. Und bald auch in allen anderen Ländern, wenn es nach der Rechteverwertungsindustrie geht. Die, unsichtbar für die Öffentlichkeit, mit den nationalen Regierungen an internationalen Verpflichtungen arbeitet. Was passiert hier?
In einem zufällig veröffentlichten Arbeitspapier der australischen Bundesregierung wurde deutlich, dass man auch dort an neuen Regeln für den Grenzübertritt mit Musik im Gepäck arbeitet. Zollbeamte, so das Papier, sollten autorisiert werden, Mobilcomputer und tragbare MP3-Spieler zu durchsuchen, um den Schmuggel von urheberrechtlich geschütztem Material zu unterbinden. Im schlimmsten Fall drohen den identifizierten iPod-Piraten mehrjährige Gefängnisstrafen. Das alles klingt bizarr, wird aber derzeit weltweit hinter geschlossenen Türen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit zwischen den Führern der G8 Industriestaaten und den Vertretern der Entertainment-Industrien verhandelt. Das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) soll Regierungen weltweit verpflichten, Gesetze zu schaffen, die den Interessen der Entertainment-Konzerne entgegenkommen. In Kanada, das berichtet Rechtsprofessor Michael Geist in der Tageszeitung Toronto Star, wird das Gesetz von 12 Regierungsstellen und 14 kommerziellen Lobbyvertretungen formuliert. In Deutschland ist die Transparenz noch geringer. In allen Fällen ist eine demokratische Kontrolle ausgeschlossen.
Der rechts-konservative TV-Moderator Bill O’Reilly erklärte gestern in einem Beitrag in der Washington Times, er sei Teil des einen Prozents der US-Bevölkerung, das 40 Prozent der Steuerlast trüge und damit die schweigende Mehrheit (99 % ?) der Arbeitslosen und Schulversager finanziert, die tagaus tagein nichts besseres zu tun hätten als Marijuana zu rauchen. Wir wissen natürlich, dass dieses eine Prozent der US-Bevölkerung auch mehr als die Hälfte des nationalen Einkommens bezieht und die Steuerlast für eben diese Gruppe gerade einen 18-jährigen Tiefstand erreicht hat. Trotzdem warnt O'Reilly vor einem demokratischen Präsidenten Obama.
Senator Ted Stevens (84, Republikaner, Alaska), der uns unvergessliche Formulierungen wie "the internet is a series of tubes" geschenkt hat, ist übrigens gerade von einem US-Bundesgericht wegen nachgewiesener Korruption verurteilt worden.
Die deutsche Bundesregierung teilte auf eine kleine parlamentarische Anfrage der Grünen mit, auf der neu eingerichteten Anti-Terror-Datei seien bereits 17.745 Personen aufgelistet. Wer das ist und wie man auf diese Liste oder wieder herunter kommt, ist unbekannt.
Der Soziologe Michael Hartmann beziffert die Anzahl der Entscheidungsträger in Deutschland auf 4000, überwiegend Männer. Diese Elite lenkt das Schicksal dieses Landes, fühlt sich aber nicht mehr als Teil der Gesamtgesellschaft, sondern empfindet ein natürliches Recht auf ungehinderten Zugang zu noch mehr Reichtum und Macht. Gesetze gelten nur für die anderen, die nicht zur Elite zählen. Das sage nicht ich, sondern Herr Hartmann. Nachzulesen in einem Interview mit dem Tagesspiegel von 23. Februar dieses Jahres.
Ich sehe, dass sich durch unsere Gesellschaft ein Riss zieht. Ja, natürlich war das schon immer so, natürlich hat unsere nationale Elite sowohl an der Ausplünderung und Ermordung unseres jüdischen Bevölkerungsteils wie auch an der Ausplünderung der ostdeutschen Bundesländer anlässlich der Wiedervereinigung kräftig verdient. Natürlich passiert das auch in der selben Weise in allen anderen Ländern. Nur: Genau das ist die Grundlage für den aktuellen Kampf um das Urheberrecht, um das Recht, Gedanken zu besitzen und exklusiv zu vermarkten. Zugunsten Einzelner und auf Kosten der Allgemeinheit.
Der Handlungsspielraum der erwähnten 99 % (zu welchen ich natürlich auch zähle) ist denkbar gering. Ich kann bei den nächsten Wahlen statt der Grünen die Linkspartei wählen, um noch mehr Druck zugunsten der Demokratie zu erzeugen. Oder keine T-Shirts mehr beim betriebsratsfeindlichen H+M kaufen. Oder die Songs meiner früheren Indie-Gitarrenband bei Jamendo hochladen, um die musikalische Allmende zu vergrössern. Oder eben noch mehr Bootsektor-Kommentare schreiben. Die blinde Hoffnung auf eine reinigende Katastrophe jedenfalls, sei es ein Krieg, eine Weltwirtschaftskrise oder eine Revolution, ist dumm und kurzsichtig: Unkontrollierte Gewalt trifft immer die Unschuldigen und Schwachen. Es wird auf keinen Fall leicht, mit der ACTA fertig zu werden. Und den anderen Versuchen, eine New World Order zu etablieren. Sorry. [fe]
Juli 30, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (14) | TrackBack
18. Juli 08
Copyright ersetzt Urheberrecht
Der Titel mag verwirrend klingen, aber genau das passiert gerade. Wie die Massenmedien und einige Blogs berichten, bringt die EU-Kommission gerade neue Gesetzesvorschläge zur Copyrightreform ein. Rente für Musiker, und ein Aufheben des Gema-Monopols verspricht der zuständige Kommissar. Die Realität sieht leider anders aus.
Allein in Grossbritannien würden 7000 Musiker (solche, die von anderen komponierte Songs spielen oder singen) in den nächsten zehn Jahren ihre Tantiemenquelle verlieren. Dagegen, so EU-Kommissar Charlie McCreevy, soll ein Gesetz helfen. Nach dem Vorschlag des Herrn über den EU-Binnenmarkt soll also die Dauer des Copyright von 50 um 45 auf 95 Jahre verlängert werden. Wie das in den USA schon der Fall ist.
Moment mal? In so ziemlich allen zivilisierten Staaten gilt das Urheberrecht bis zu 70 oder 75 Jahre nach dem Hinscheiden des geschätzten Urhebers. Was also soll dann verlängert werden? Wir hatten das Thema schon in früheren Bootsektor-Beiträgen, aber ich muss es nochmal deutlich sagen: Die Begriffe Copyright und Urheberrecht werden gerne durcheinandergewürfelt oder gehen in handlichen Synonymgebrauch über. Tatsächlich aber ist das Urheberrecht ein Recht des Urhebers, und das Copyright ein Verlagsrecht. Das Recht des Urhebers heisst im anglophonen Sprach- und Rechtsraum Authors Right und spielt nur eine Nebenrolle. Was Herr McCreecy also verlängern will, ist das bisher nach 50 Jahren automatisch endende Recht des Verlags, ein urheberrechtlich geschütztes Werk exklusiv kommerziell zu nutzen. Natürlich gehen bisher den Musikern, die damals bei den Plattenaufnahmen dabei waren, aber nicht mitkomponiert haben, nach 50 Jahren die Radio-Tantiemen verloren (und die aus den Leerkassetten-, CD-Rohlingen-, MP3-Player-Pauschalabgaben).
Nur: Seit wann plant die EU ein eigenes Gesetz, um einer kleinen Gruppe von Kreativdienstleistern ein zusätzliches Alterseinkommen zu bescheren? Wieso leben dann im reichsten Land Europas (a.k.a. Deutschland) ein Sechstel der Kinder und ein Viertel der Rentner laut UN-Report unter der nationalen Armutsgrenze? Nein. Augenwischerei. Es geht um die Ausweitung von Vertriebsmonopolen europäischer und amerikanischer Medienkonzerne. Ebenso die angeblich Eindämmung der nationalen Monopole der Verwertungsgesellschaften (a.k.a. Gema). Hier soll nach dem Entwurf der Kommission alles beim Alten bleiben, ausser für TV-, Rundfunk- und Internet. Hier sollen (nach dem Entwurf...) Medienkonzerne mit nur einer Verwertungsgesellschaft verhandeln können (statt allen 27 der EU) und den Abschluss auf die jeweils anderen 26 Länder übertragen. Folge: Apple sucht sich für seinen iTunes-Musicshop das billigste Verwertungsangebot raus (Estland? Zypern?) und muss dann auch weniger Tantiemen an die Musiker abführen. Komponierende und aufführende. Und die Gema bleibt weiter eine Plage lokaler Veranstalter und kleiner, geringverdienender Bands. Ausgeschüttet werden Pauschaltantiemen nur an Komponisten, die in den letzten zwei Jahren Tonträger veröffentlicht haben. Und nicht Creative Commons benutzen. Willkommen in der Europäischen Handelskonzernunion.
Naja. Noch hat das EU-Parlament nicht darüber abgestimmt. Und dort sitzen zum Leidwesen der globalen Marketingstrategen noch genügend aufrechte Demokraten, die neulich auch dieses andere Gesetz abschmetterten. Nach dem du, dreimal des Downloads beschuldigt, deinen Internetanschluss verlieren solltest. Aber auch das wird wieder und wieder zur Abstimmung kommen, so ist das üblich in der EU. [fe]
Juli 18, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (2) | TrackBack
28. Mai 08
Microsoft und der Babymord
"Ihr wollt also, dass wir das Baby abstechen?" "Ja, genau, wir wollen, dass ihr das Baby abstecht!" Das stammt nicht aus einem B-klassigen Hollywoodstreifen mit mehr Explosionen als Dialogzeilen, sondern aus einem Meeting zwischen Microsoft- und Apple-Managern im Jahr 1997. Als die Redmonder den Cupertinern vorschlugen, doch zukünftig auf eigene Mediaplayersoftware zu verzichten. Aber das war nicht alles.
Was Gerichtsverfahren so alles ans Tageslicht bringen können. Im Jahr 1997 versuchten (Zeuge ist der damalige Apple Vice President Avie Tevanian ) Microsoft-Mitarbeiter, ihre Kollegen bei Apple davon zu überzeugen, doch die Entwicklung von Multimedia-Abspielsoftware zu beenden. Für Apple war Multimedia aber damals schon Kernstrategie und der Quicktime-Player das "Baby" der Company. So erklärt sich die farbige Formulierung "knifing the baby". Microsoft versuchte also auf dem Verhandlungsweg (man wollte Apple im Gegenzug Entwicklerwerkzeuge öffnen) einen Markt zu übernehmen. Nicht durch bessere Produkte, sondern durch illegale Absprachen. Egal, was euch Guido Westerwelle bei seinem nächsten Besuch in Anne Wills Fernsehwohnzimmer erzählt: es geht nie um freie Marktwirtschaft, sondern immer um Vorteile für das eigene Unternehmen, egal, wie diese erzielt werden. Apple hat übrigens abgelehnt.
Für die Akten: das ist heute (zur Abwechslung) mal kein Anti-Microsoft-Rant, sondern ein kommentierter Nachrichtenüberblick, wie er im Bootsektor schon öfter zu lesen war.
VueStar, eine Firma aus Singapur, behauptet ein Patent zur Herstellung von Hyperlinks durch Bilder zu besitzen. So dass so ziemlich jede einzelne Seite im Web (einschliesslich des Bootsektors) eine Patentverletzung darstellt. Ihr glaubt nicht, dass sie damit durchkommen? Ich auch nicht. Aber sie versuchen es. Das gesamte Internet auf einmal zu kapern.
Während sich die Mainland-Chinesen rund um Bejing mit ihrem eigenen nationalen Internet zufrieden geben. Dieses wird gerade zur vollautomatischen Zensur- und Menschrechtsverletzungsmaschine umgerüstet. Mit Technik, die US-Firmen liefern. Damit rechtzeitig zur Olympiade alles sicher ist. Und die Welt schaut zu.
Wobei es die US-Behörden nicht so genau nehmen mit den Menschenrechten. Ausser, wenn sie als Ausrede für den Einmarsch in Dritt(Öl-)staaten herhalten sollen. Seit 2007 verhandeln jedenfalls die US of A mit Europa, Japan und anderen unbedeutenden Ländern über das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA). Mit dem Zweck, das US-Copyright-System weltweit verbindlich zu machen. Bezahlt wird die Initiative von den grossen Medienkonzernen wie Time Warner, News Corp, Sony Corp of America, Walt Disney Co. sowie grossen, international tätigen Anwaltskanzleien. Mit auf der Liste gewünschten "Freihandelsvereinbarungen" ist der "Pirate Bay Killer" Paragraph. Das nicht lizensierte Weitergeben von Informationen soll weltweit unter Strafe gestellt werden. Schluss mit der Transparenz, meine Damen und Herren, sowie der freien Meinungsäusserung, Presse und Wissenschaft, da man dann nur noch veröffentlichen darf, was bezahlt wurde. Gegen ein solches Vorhaben ist die Monopolstrategie Microsofts eigentlich Peanut-Niveau.
Ach ja, wie das dann aussehen soll, führt uns Warner derzeit auf der Musikseite Lala.com vor. Wo man Songs für 10 Cents das Stück kaufen kann. Um sie dann nur auf der Webseite hören zu können. Kein Download. Eher so was wie Radio mit Münzeinwurf. Wollt ihr das wirklich? [fe]
Mai 28, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (6) | TrackBack
20. April 08
Musik in Flaschen
Was eigentlich, im Eigentlichen, in Wirklichkeit, gerade mit der Musikindustrie (und verwandten Branchen in Folge) passiert, wird unaufhörlich heftig diskutiert und in Metaphern gepresst. Die natürlich in der Regel den Kern des Problems nicht annähernd beschreiben. Zufällig kam mir heute beim wiederholten Durchblättern eine solche unter, von der ich glaube, dass sie extrem gut passt.
Und bevor einer fragt: ja, in einem englischsprachigen Magazin. Für mich ist das, wie langjährige Leser in Kommentaren richtig vermuten, die Verkehrssprache des Web, und meine Aufgabe eher darin begründet, Informationen aus dem gesamten Netz zu fischen, nicht nur aus dem Teilnetz meiner Muttersprache.
Neal Masri aus Richmond, Virginia schrieb in einem Leserbief an das Wired Magazine, (Ausgabe März 08, Seite 30) seinen Kommentar zum mittlerweile legendären Interview mit Doug Morris. Darin hatte der CEO des führenden Musikkonzerns Universal Music Group (UMG) paraphrasiert: "Wenn Coca Cola einfach so aus deinem Wasserhahn sprudeln würde, wieviel würdest du dann noch für Coca Cola bezahlen wollen?" - eine tückische Metapher. Tückisch deswegen, weil sie völlig am Problem vorbei führt. Wie Neal sehr präzise erkannt hat. Er sagt: "Tja, Mr. Morris, was meinen Sie, was aus meinem Wasserhahn kommt? Wasser. Aber warum melden dann Hersteller von Flaschenwasser stetige Rekordumsätze? Weil sie dem allgemein verfügbaren Produkt einen Mehrwert hinzufügen und so dem Konsumenten etwas anbieten, das dieser kaufen möchte".
Besser hätte ich es selbst nicht sagen können, Neal. Musik ist, ebenso wie Wasser, frei verfügbar. Frei, wenn man von den vergleichsweise geringen Pauschalkosten absieht, die man dem lokalen Leitungswasser-Provider bezahlt. Und selbst dieser bietet selten eine Flatrate an, sondern in aller Regel einen, wenn auch günstigen, Volumentarif. Möglich wurde dieser paradiesische Überfluss aber erst dadurch, dass in jedes Haus Wasser-Anschlüsse gelegt wurden. Eine Infrastruktur in industrieller Grössenordnung stellt sicher, dass auch immer genug Wasser zur Verfügung steht.
Das selbe ist jetzt mit Musik passiert. Durch das Internet. Nur, dass die Flaschenmusik-Anbieter Angst bekamen, auf einen Teil ihrer Einnahmen verzichten zu müssen. Sie beharren darauf, dass sie allein durch ihre Verträge mit den Musikern (Urhebern) berechtigt seien, Musik zu verkaufen. Naja: eigentlich nur, Musik in Flaschen (Tonträgern) zu vertreiben. Die private Weitergabe von Musik ist in allen zivilisierten Ländern (ausser Grossbritannien) legal.
Ein Verbot von Musik aus der Leitung ist also nichts anderes als künstliche Verknappung eines frei verfügbaren Gutes zugunsten der Profitinteressen einiger weniger Unternehmen. Vier sind es eigentlich nur. Das hatten wir schon gehört, im Bootsektor und anderswo, aber nicht so schön klar formuliert. Leitungswasser vs. Flaschenwasser. Und alles, was die Flaschenanbieter tun müssen, um mehr Geld zu verdienen, ist: schöneres Glas, buntere Etiketten, feinere Kohlensäure, bessere Werbung. Das Leitungswasser dagegen, meine habgierigen Freunde mit dem verschleierten Blick auf die Realität, geht euch gar nichts an.
Kleine Anekdote zum Thema: der grösste und unsympathischste der vier Musikkonzernbesitzer, das französische Medienkonglomerat Vivandi Universal, wurde am 14. Dezember 1853 in öffentlichem Auftrag als Compagnie Générale des Eaux (CGE) gegründet. Richtig, als Wasserversorger. Ab 1976 diversifizierte sich das Wasserwerk mit der staatlichen Konzession und im Jahr 1998 benannte sich der Konzern um in Vivendi. Inzwischen sind die Wassergeschäfte verkauft und die Musikabteilung mit der General Electric Tochter NBC verflochten.
Eigentlich, im Eigentlichen, und in Wirklichkeit müssten die Konzernlenker von Vivendi wissen, was sie da tun. Ich sage: sie wissen es wirklich. Profite auf Kosten der Allgemeinheit, mit staatlichen Garantien und elegant eingefädelten Acquisitionen in wachsenden Branchen (Blizzard Activison, anyone?). Trotzdem, trotz all dieser in all ihrer unmoralischen Grösse fast bewundernswerten Management-Kunst, wird der Verkauf von Vivendi-Universal-Sprudel weiter zurückgehen (wie auch der von EMI-Limonade, Warner-Cola und Sony-Soda). Zwischen dem praktischen BitTorrent-Wasserhahn mit Krypto-Düse und den kleinen Creative-Commons-Fläschchen zum Selbstabfüllen wird der Markt immer enger, bis der Unternehmensteil eben abgestossen und abgewickelt wird, wieder mit staatlicher Unterstützung. Aber auch das sagte ich schon an anderer Stelle. Nur mit weniger Kohlensäure. Cheers, Neal. [fe]
April 20, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (5) | TrackBack
27. März 08
Apple Transrapid Flatrate
Eben kam‘s im Radio (Analogtechnik FTW!): der Transrapid fährt ins Museum, gleich neben den Brontosaurus. Die gestiegenen Kosten für... Alles haben ihm den Garaus gemacht. Was das für die Zukunft der Utopie und des Futurismus, und vor allem, was das mit Apple und den verschiedenen, neuen, bahnbrechenden Konzepten zur Musikflatrate zu tun hat, wollen wir uns einmal genauer ansehen.
Nicht 1,85 Milliarden Euro, sondern über drei soll er in Wirklichkeit kosten. Nein, nicht der iPod. Der Transrapid. Das Kupfer ist teurer geworden, seit 2002, als man die letzte Kalkulation machte, und alles andere auch. Sogar die Mehrwertsteuer. Die Nachrichtenagentur Associated Press hat das Gerücht zuerst aufgeschnappt, die Süddeutsche Zeitung hat nachgefragt und die Information bestätigt: das wird nix. Und da sag noch einer, Old Media wären zu nichts nütze. Der Bayerische Ministerpräsident Günter Beckstein (der mit den abstehenden Ohren) wird den letzten Akt der Tragödie heute deklamieren. Ist euch eigentlich aufgefallen, wie still dieser Mann geworden ist, seit er das Amt des Ministerpräsidenten ergattert hat? Kein Wort mehr über kinderzerfleischende Killerspiele. Grade mal halbherzige Ausländer-Deportations-Rhetorik.
Für die Stadt München ist die Entwicklung ein Segen. Jetzt wird doch kein Geld für Technologien verpulvert, die auf dem Bildschirm verstandesvernebelnd sexy aussehen, aber im grauen Licht des Alltags völlig versagen. Keiner von uns wird jemals in einem Transrapid zur Arbeit fahren. Ausser er wohnt in Schanghai, und wer will das schon angesichts explodierender Umweltbelastung im chinesischen Industriegürtel. Keiner von uns wird einen Privathubschrauber in der Garage stehen haben, keiner von uns einen Wochenendurlaub auf dem Mond machen. Mit Low-Gravity-Swimming-Pool.
Machen wir uns nichts vor: Letztendlich entscheidet das Preis-Leistungs-Verhältnis. Wir müssten nur einen Teil der bayerischen Schulen schliessen und die Steuern kräftig anheben, dann liesse sich der Transrapid prima finanzieren. Aber wozu? Die S-Bahn braucht zehn Minuten länger und kostet im Verhältnis fast nichts. Den Privathubschrauber können wir uns sehr wohl leisten, aber dazu braucht jeder von uns erst einmal einen eigenen kleinen Konzern. Da wird das Gedränge gross. Und für ein Wochenende auf dem Mond (mit Pool) würde es genügen, den Irakkrieg zu beenden und sonst noch ein paar ökonomische Umverteilungsmaschinen abzustellen. Soweit super.
Und für die Sony BMG Geräteflatrate (bisher ohne Hardware-Partner) oder die Apple-iPod-Pauschal-Flat? Die Idee scheint visionär: man schlägt auf den Verkaufspreis eines Abspielgerätes etwas drauf und schon darf man soviel Musik hören, wie man will. Bei Nokia gibt‘s das schon zu kaufen. Apple, so hört man, steht in Verhandlungen mit den Musikabteilungen der Medienkonzerne: ein Aufschlag auf den iPod macht das Hören beliebiger Musikstücke aus dem Repertoire der erwähnten Firmen legal. Oder ein Monatsbeitrag, wie von SonyBMG Chef Rolf Schmidt-Holtz angeregt. Für sechs bis acht Euro monatlich könne man auf seinem MP3-Player oder Mobiltelefon alle SonyBMG-Songs anhören. Verkaufen will Rolf sie allerdings teurer als für die bekannten 99 Cent.
Gut, dann kaufe ich einen Apple iPod mit Aufpreis, ein Nokia Mobiltelefon mit Aufpreis, CD-Rohlinge und Brenner mit Aufpreis (GEMA-Pauschale), kaufe Chartshits mit Aufpreis und erlebe, wie mein Internetzugang gesperrt wird (wenn es nach Rolf geht), wenn ich mal einen Song gratis herunterlade. Oder sich mein Provider beim Ermitteln einer Filesharer-IP irrt. Was schon vorgekommen ist. Dann kann ich immer noch meine ganzen Aufpreis-Geräte nehmen und sie in den Pool werfen. In meinem Haus auf dem Mond, mit Helikoptergarage und Transrapidanschluss.
Jetzt mal im Ernst: Es geht darum, ein marktfähiges Produkt zu marktfähigen Preisen anzubieten. Wenn es nicht gekauft wird, ist es nicht marktfähig. Wenn der Umsatz einbricht, muss das Angebot verbessert werden. Wenn man gegen die eigenen Kunden juristisch vorgeht, sind sie sauer und kaufen etwas anderes. Wenn Kunden digitale Produkte gratis kopieren und weitergeben (weil es geht), muss man neue Produkt- und Serviceformen finden. Wenn man das alles nicht hinkriegt, muss man seinen Laden eben zumachen. Ok, Rolf? Oder in die Transrapidbranche einsteigen. Da werden noch Visionäre gebraucht. [fe]
März 27, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (8) | TrackBack
13. März 08
Wähler fordern Strahlenkanonen
Während wir uns hierzulande noch über potentielle Regierungsbeteiligungen der Linkspartei zanken, sind unsere freundlichen Ex-Mitbürger bzw. deren Nachfahren in der Republik Israel schon einen Schritt weiter. Sie bringen derzeit ihre eigene Regierung vor Gericht. Wegen des nationalen Mangels an Strahlenkanonen. Das eröffnet Perspektiven.
Hatte ich nicht im letzten Bootsektor-Artikel scherzhaft über ein Patent für eine Musikgruppe, mit und ohne Frisuren-Applikation, geschrieben? Die Wirklichkeit spielt mit der Satire Hase und Igel. Wie immer. Die Firma Gibson, Hersteller von Elektrogitarren und angrenzenden Haushaltsgeräten, steht kurz davor, die Firma Activision zu verklagen. Letztere hat sich nicht nur hierzulande einen guten Ruf als Vertrieb von Killerspielen gemacht. Die, wie wir wissen, gut für Kinder und Erwachsene sind. Deswegen ereifert sich der Gitarrenladen aber nicht etwa, sondern, weit naheliegender, wegen des Vertriebs von Spielen wie "Guitar Hero". Wo es, wie wir uns erinnern, um die Playstation-Version eines Rockstarlebens einschliesslich der typischen Handbewegungen auf einem entfernt gitarrenähnlichen Playstationcontroller geht. Gibson habe schon 1999 ein Patent auf musikalische Simulation erworben. Sagte Gibson aktuell. Und Activision solle nun Lizenzgebühren bezahlen. Interessanter Ansatz, gerade im Hinblick auf die zahlreichen, von Bootsektor-Lesern demnächst registrierten Patente.
Ganz ohne Patentklagen funktioniert dagegen der Vorschlag der Pirate Bay Besatzung, wie Hollywood ganz schnell unlizensierte Up- und Downloads und damit auch die Pirate Bay selbst vom Antlitz der Erde tilgen könnten. Sie solle einfach selbst eine Torrent-Seite einrichten, und mit Banner-Werbung etc. kräftig Geld verdienen. Aber ähnliches hatte die Firma Napster schon vor über zehn Jahren vorgeschlagen.
Einen sehr effektiven Weg zum Schutz vor "Diebstahl geistigen Eigentums" (also Informationen) beschritten dagegen Unbekannte, die den britischen Chefermittler gegen die illegalen Gefangenentransporte der CIA, Chief Constable Michael Todd, als inzwischen aufgefundene Leiche zurückliessen. Der plaudert nichts mehr aus, Patent- oder Filesharingklagen sind überflüssig.
Mitten drin im juristischen Abwehrkampf sind dagegen die erwähnten israelischen Bürger. Diese verklagen tatsächlich ihre eigene Regierung wegen des Fehlens von Strahlenkanonen. Die von der US-Rüstungsfirma Northrop Grumman entwickelte Laser-Installation THEL (Tactical High Energy Laser), auch bekannt als "Nautilus" oder "SkyGuard", sei nämlich in der Lage, einfliegende Palästinenser-Raketen abzuschiessen. Sagt Northrop Grumman. Andere sagen durchaus auch das Gegenteil.
Hierzulande wird es nicht nötig sein, die nationale Regierung zu verklagen, um sie wegen des Fehlens von Bürgernähe abzuschiessen. Wahrscheinlich – zumindest legt die Entwicklung der letzten Tage und Wochen diesen Verdacht nahe – löst sich die regierungsnahe SPD sowieso bald selber auf und formiert sich (vom rechtsnationalen Flügel der ehemaligen sozialistischen Partei um Wolfgang Clement abgesehen) unter dem Banner der Linkspartei neu, was dann auch Koalitionsmehrheiten links von Monsanto, RWE, der Deutschen Bank AG und der Allianz zulässt. Ausser, jemand patentiert rechtzeitig "Koalitionen unter Beteiligung von nicht elektronisch modifizierten Wählerstimmen", mit "anschliessbarem Playstation-Wahlcontroller" und "Laser-Show zur Darstellung von fiktiven Bedrohungen wie Terrorismus, Privatkopie oder Gewerkschaften". Das allerdings muss abgewartet werden.
Ich nehme an, wir lesen spätestens nächste Woche in den Online-Ausgaben der grossen Nachrichtenmagazine kostengünstig recherchierte Hintergrundberichte (vom Niveau dieses Videobeitrags) zu den oben angeführten Themen. Schlagzeilen wie "Schäuble fordert Anti-Islamisten-Strahlenkanonen für Bundeswehr" würden mich besonders interessieren.[fe]
März 13, 2008 in PC vs. Copyright, Scheinbare Sicherheit, Servicefreie Zone | Permalink | Kommentare (3) | TrackBack
10. März 08
Patente, gezielte Wettbewerbsbehinderung
Nachdem Musik 1.0 tot ist und Musik 2.0 noch in den Kinderschuhen steckt, ruht die Hoffnung der Medienkonzerne nur noch ganz leicht auf Hollywood 1.0 (Holly 2.0 ist nicht in Sicht) und vor allem auf Computer- und Videospielen, dem grossen Wachstumsmotor der Entertainmentwelt. Und prompt machen wir hier die selben Fehler wie vorher. Oder schlimmere.
Games verhalten sich wie andere Kulturgüter auch: sie zitieren Bekanntes und vermitteln dazu neue Erlebnisse. Ein Buch, Film, Theaterstück oder Spiel, das keinerlei irgendwie bekannten Elemente enthält, wird als experimentell abgestempelt und gilt bereits kurz nach Erscheinen als langweilig. Also ist das Zitat wesentlicher Teil der Kunst, und die Qualität der Verarbeitung von bekanntem entscheidet über Erfolg oder Verdammnis.
So auch in der neuen, interaktiven Unterhaltungsbranche, die allerdings so techniklastig ist wie keine ihrer alternden Schwestern. Mit allen damit verbundenen Nachteilen. Und ausnahmsweise soll heute einmal nicht die Rede von der Entfremdung älterer Generationen sein, die angesichts der ungewohnten Benutzeroberfläche (Bücher und Kinos sind viel einfacher zu bedienen) in Ängste verfallen und gerne Mythen von Bildschirmgewalt und Jugendwahnsinn nachplappern.
In der für einige Jahre relativ frei gedeihenden Spieleindustrie breitet sich mittlerweile ein Karzinom aus, das schon andere Industrien nachhaltig geschädigt hat. Und stärker noch als in den erwähnten Teilen der Informationsbranche produziert die Entfremdung der Patentprüfer vom Zauberreich der Virtualität seltsame und mitunter giftige Blüten. Die japanische Firma Sega besitzt ein US-Patent 6,200,138 auf Spiele, bei welchen ein Fahrzeug mittels eines sichtbaren Pfeils gelenkt wird. So wie in Crazy Taxi. Als Radical Games das Spiel Simpson's Road Rage (Vertrieb EA) veröffentlichte, verklagte Sega die beiden Firmen, und dazu den Lizenzgeber der Simpsons-Serie, Fox Entertainment. Man einigte sich aussergerichtlich zu nicht näher bekannten finanziellen Konditionen.
Die Spielefirma Namco hat ein US Patent Number 5,718,632 für Mini-Spiele, die den Nutzer unterhalten, während das eigentliche Game lädt. So wie in Ridge Racer auf der PlayStation 1. Was wir hier sehen, ist ein weiterer Missbrauch der Idee vom geistigen Eigentum (eine der schlimmsten geistigen Sackgassen der letzten Jahrhunderte). Letztendlich werden damit Spielprinzipien, oder ganze Genres patentiert.
Warum das erwähnenswerter ist als der Patentwahnsinn in anderen Bereichen, zum Beispiel im Softwaresektor? Weil Games, wie oben erwähnt, der Wachstumssektor schlechthin sind. Für Software und Hardware. Und weil in dieser neuen und von aussen besonders unverständlich wirkenden Unterhaltungsindustrie Patente dazu verwendet werden können, Prinzipien zu privatisieren. Das geht über alles hinaus, was wir aus Office, Internetclients oder anderen Click-and-Mortar Anwendungen kennen. Vor allem in Bezug auf die Gewinnerwartungen.
Das eigentliche Problem mit den Games ist also nicht, dass berufsgestrige Politiker ihre unterdrückten Gewaltfantasien auf unschuldige, bildschirmsport-treibende Jugendliche übertragen. Sondern dass die Novität dieser Unterhaltungsform ohne strenge Prüfung bei den Patentämtern zukünftige Goldgruben schafft, wie wir sie in der bisherigen Ära der industrialisierten Unterhaltung nicht erlebt haben. Oder gab es ein Patent auf "Musikgruppe mit zwei Elektrogitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang, mit auffälligen Frisuren"? Oder auf "Filmhandlung mit je einem Mörder, einem versoffenen Detektiv, einem unfähigen Bullen und einer unbekannten Schönen"? Nein? Dann wartet mal ein paar Jahre. Viel Spass noch. [fe]
März 10, 2008 in PC vs. Copyright, Weichware & Nichtwelt | Permalink | Kommentare (6) | TrackBack
06. März 08
Music 2.0: So funktioniert es
Mittlerweile haben alle verstanden, dass die bisherigen Vertriebsmodelle von Kulturprodukten durch die technische Entwicklung obsolet geworden sind. Auch wenn noch nicht alle zu dieser Erkenntnis stehen. Jetzt suchen Topmanager nach Lösungen, um die Kulturverwertungsindustrie vor dem herangaloppierenden Tod zu bewahren. Glücklicherweise gibt es diese Lösungen.
Bei der Transition von physischen Kulturprodukten zur nachfragebedingt digitalen Distribution entstehen vielfältige Reibungsverluste. Da zum Beispiel, wo Geschäftsmodelle aus der physischen in die digitale Welt kopiert werden. Die digitale Kopie eines physischen Ton-, Film- Datenträgers zum selben Preis und zu schlechteren Nutzungsbedingungen anzubieten als das Original, führt zu: Gar nichts. Wie man vielfach sehen konnte. Statt dessen muss man, um im Geschäft zu bleiben, die Dinge so sehen, wie sie sind. Realismus ist gefragt. Hier sind zwei Geschäftsmodelle, die im digitalen Raum glänzend funktionieren. Auf die gesamte Kulturwirtschaft angewendet, bieten sie den Lösungsweg aus der aktuellen Misere.
Der US-Online-Musik-Vertrieb eMusic hat sich inzwischen nach dem Apple iTunes Music Store zum zweitgrössten Anbieter von kommerziellen Musikdownloads gemausert. Und das völlig ohne Unterstützung durch eine schwer reiche Computerfirma, ohne Pressedonner und vor allem ohne Distributionsverträge mit den vier grossen Konzernen in dieser Branche. eMusic verkauft ausschliesslich Indie-Produktionen. Das ändert sich vielleicht irgendwann in der Zukunft. Nächster Bruch mit den Scheinweisheiten der Industrie: eMusic verkauft Downloads zu Schleuderpreisen. 25 Cent für manche Songs. Und: Das Angebot umfasst nicht etwa nur die letzten zwei US-Single-Top-100, sondern 3,2 Millionen Titel. Wovon zwei Drittel, also 2,1 Millionen, nach Auskunft des eMusic-Chefs David Pakman (toller Nachname! Wär‘ mit "c" noch besser) mindestens einmal pro Quartal verkauft werden. Da müssen extrem obskure Heuler dabei sein, nicht wahr, David? Das Prinzip hier ist also: Du bietest es an, und sie kaufen es. Ist der "Kaufpreis" für die frei kopierbare Kopie (MP3 ohne DRM) niedrig genug, dann wird er von jedem Nutzer als akzeptable Servicegebühr für Katalogisierung, Qualitätssicherung und Bereitstellung des Downloads akzeptiert. Und sogar die obskuren Künstler bekommen noch etwas Geld.
Zweites Geschäftsmodell: Nine Inch Nails und ihr notorisch schlechtgelaunter Frontmann Trent Reznor haben ihren Vertrag mit dem Major Label abgedient und kräftig die Schnauze voll von Mitverdienern. Sie haben ein neues Album ("Ghosts") aufgenommen und gleich mal in die einschlägigen Tauschbörsen hochgeladen. Gratis, ohne DRM, viel Spass damit, liebe Fans. Zusätzlich können letztere CD, Vinyl und ganze Fanpakete von der Band-Webseite bestellen. Das maximale Fanpaket enthält handsigniertes, gerilltes und einen HD-Film, ist auf 2500 Stück limitiert und kostet stolze 300 US-Dollar. Das stolze Fanpaket war wenige Tage nach Veröffentlichung ausverkauft. 750.000 US-Dollar Umsatz mit kostenloser Musik. Das Prinzip in unserem zweiten Beispiel: Fans bezahlen gerne, wenn ein emotionaler Gegenwert erkennbar ist. Die nackte Musik dagegen, und daran müssen wir uns eben gewöhnen. Ist nichts wert. Keinen Cent.
Jetzt kombinieren wir die beiden erfolgreichen Geschäftsmodelle 2.0, und erhalten folgendes: Die Musik wird kostenlos als MP3 zur unlimitierten nicht-kommerziellen Nutzung freigegeben. Musik-Suchmaschinen können eine gewisse Gebühr für ihre Dienste verlangen, oder finanzieren sich über Anzeigen, und bezahlen einen Teil ihrer Einnahmen an die Künstler. Fan-Editionen (Handsigniertes Vinyl, durchgeschwitzte Band-T-Shirts, bierfleckige Fotos von den Konzerten, was ihr wollt) bilden ein kreatives und finanziell lukratives Merchandising, das zusammen mit einer niedrigen Pauschalabgabe auf Internetzugänge (analog zur Pauschalabgabe auf CD-Rohlinge) dafür sorgt, dass Künstler nicht hungern müssen. Jede Form von Privatkopie ist dann legal, auch und gerade P2P. Problem gelöst. Music 2.0 kann losgehen.
Das ganz hat nur einen winzigen Haken: es funktioniert ganz anders als das bisherige Geschäftsmodell. Aber das macht nichts. Wir wir alle wissen, ist Music 1.0 sowieso schon tot. [fe]
März 6, 2008 in PC vs. Copyright | Permalink | Kommentare (9) | TrackBack

