Sony-BMG-Rootkit 2005: als der Kopierschutz das Betriebssystem angriff

Betriebssysteme2. Nov. 2005·8 Min. Lesezeit

Ende Oktober 2005 wurde öffentlich, dass Musik-CDs eines der größten Labels der Welt beim Abspielen am PC Software installierten, die sich vor dem Betriebssystem versteckte. Der Fall veränderte die Debatte über Kopierschutz dauerhaft.

Am 31. Oktober 2005 beschrieb der Systemprogrammierer Mark Russinovich in seinem Blog, was er beim Test eines eigenen Diagnosewerkzeugs auf seinem Windows-Rechner gefunden hatte: Dateien und Registry-Einträge, die sich für das Betriebssystem unsichtbar machten. Ursache war kein Schadprogramm aus dem Netz, sondern der Kopierschutz einer regulär gekauften Musik-CD aus dem Hause Sony BMG.

Was technisch passierte

Betroffen war das System Extended Copy Protection (XCP) der britischen Firma First 4 Internet. Legte man eine so geschützte CD in ein Windows-Laufwerk, startete die Autorun-Funktion einen Installer. Wer zustimmte, bekam einen proprietären Abspieler und zusätzlich eine Treiberkomponente, die Dateien, Ordner, Prozesse und Registry-Schlüssel mit einem bestimmten Namenspräfix systemweit ausblendete.

Genau diese Technik trägt in der IT-Sicherheit den Namen Rootkit. Sie stammt aus dem Werkzeugkasten von Angreifern, die ihre Spuren auf einem fremden Rechner verwischen wollen. Dass ein Musikkonzern sie einsetzte, um das Umgehen eines Kopierschutzes zu erschweren, war der eigentliche Bruch: Der Schutzmechanismus verhielt sich gegenüber dem Betriebssystem wie Schadsoftware.

Ein zweites, technisch anders gebautes System, MediaMax von SunnComm, war auf weiteren Titeln im Einsatz und installierte Komponenten teilweise auch dann, wenn Nutzerinnen und Nutzer die Lizenzbedingungen ablehnten.

Der Schaden entstand durch die Tarnung, nicht durch den Kopierschutz

Das Verstecken war unspezifisch: Es blendete alles aus, was das vereinbarte Namensmuster trug. Innerhalb weniger Tage tauchten Schadprogramme auf, die genau das ausnutzten und sich hinter dem Präfix des Kopierschutzes vor Virenscannern verbargen. Aus einem Kopierschutz wurde damit eine Angriffsfläche für Dritte.

Verschärfend kam hinzu, dass die zunächst angebotene Deinstallationsroutine über eine Browser-Komponente lief, die selbst eine Sicherheitslücke öffnete. Wer den Kopierschutz loswerden wollte, riskierte auf dem Weg dorthin ein neues Problem. Und wer die versteckten Dateien mit einem Sicherheitswerkzeug einfach löschte, konnte das Laufwerk unbrauchbar machen.

Die Folgen

Sony BMG stoppte die Produktion der betroffenen Titel, rief CDs zurück und stellte ein bereinigtes Entfernungswerkzeug bereit. Es folgten Sammelklagen in den USA, Verfahren mehrerer US-Bundesstaaten und ein Vergleich mit der Federal Trade Commission, der unter anderem Entschädigungen und Auflagen für künftige Kopierschutzsysteme vorsah. Die Zahl der ausgelieferten Datenträger ging in die Millionen.

Der Fall beendete in der Praxis die Idee, Kopierschutz für Audio-CDs über tief ins System eingreifende Software durchzusetzen. Was blieb, war eine Debatte darüber, wie weit Rechteinhaber auf fremden Rechnern gehen dürfen.

Was daraus bis heute folgt

Einordnung

Der Rootkit-Skandal war kein Einzelfehler eines Zulieferers, sondern das Ergebnis einer Zielsetzung: Kopieren sollte technisch unmöglich gemacht werden, koste es was es wolle. Sobald ein Schutzsystem den Rechner gegen seinen Besitzer verteidigt, verliert es die Legitimation. Diese Grenze zieht sich durch die gesamte Urheberrechtsdebatte der 2000er Jahre und ist der Grund, warum der Fall bis heute in Lehrbüchern steht.